Hildegard Burjan: „… für das viele Traurige verantwortlich, das auf der Welt geschieht“? (Regina Polak)

Warum schweigt die Kirchenleitung, warum schweigt das offizielle Österreich zum Leid der Anderen jenseits der Grenzen?

Regina Polak zeigt, inspiriert von Hildegard Burjan, der Gründerin der Caritas Socialis, warum und wie es aus christlicher Sicht möglich und notwendig ist, auch dann nicht zu verstummen, wenn man sich ohnmächtig und hilflos fühlt oder der Ruf nach Solidarität erfolglos bleibt.

Vorige Woche hat in Deutschland Kardinal Rainer Maria Wölki vor einer Aushöhlung des Asylrechts durch die geplanten Änderungen am gemeinsamen europäischen Asylsystem gewarnt (https://religion.orf.at/stories/2873831/). In Österreich sistiert dieses in der Praxis bereits jetzt.

Papst Franziskus hat den gestrigen Sonntag als „Tag der Tränen“ bezeichnet und um sofortige Waffenruhe gebeten, damit die internationale Gemeinschaft geeint gegen das Virus vorgehen könne: „Möge das geeinte Engagement gegen die Pandemie alle die Notwendigkeit erkennen lassen, unsere brüderlichen Bande als Glieder einer einzigen Menschheitsfamilie zu stärken“, sagte der Papst beim Mittagsgebet (https://religion.orf.at/stories/3000730/).

Warum ist es in Österreich so still, wenn es um die Frage innereuropäischer oder internationaler Solidarität geht?

Immer wieder fällt mir dieser Tage ein Satz der seligen Hildegard Burjan ein, der Gründerin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, der mich nicht loslässt: „… weil ich mich jeden Augenblick irgendwie für das viele Traurige verantwortlich fühle, das auf der Welt geschieht.“ Sie fühlte sich als Christin verantwortlich für die gesellschaftlichen Verwerfungen und Nöte, die der erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit mit sich brachten.  

Dieser Satz bohrt und schmerzt. Er fällt mir ein, wenn ich in den Medien sehe und höre, was in diesen Tagen in Italien, in Spanien, im Iran, in den Flüchtlingslagern an den Grenzen Europas geschieht. Er macht mir Angst, wenn ich daran denke, was alles noch auf die Welt zukommen wird. Ich muss dazu noch nicht einmal über die nationalen Grenzen schauen: Auch in Österreich gibt es Menschen, die in dieser Situation an ihre psychischen, sozialen, finanziellen Grenzen kommen.

Ein zu hoher Anspruch?

Viele Menschen in Österreich fühlen sich mit der derzeitigen Situation in Österreich überfordert. Der Blick in die Welt kann da noch zusätzliche Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit auslösen. Gibt es Möglichkeiten, trotz dieser Überforderung Leid und Elend jenseits der Grenzen nicht ausblenden zu müssen?

Aber ist der Anspruch, sich jetzt neben den eigenen Problemen auch noch um die Anderen kümmern zu sollen, nicht zu groß, zu überfordernd und setzt immens unter Druck?

Auch die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat einst geschrieben, dass dem christlichen Glauben diese Tendenz zur Übertreibung innewohnt. Ist das nicht eine schier unmögliche Anmaßung? Niemand kann sich 24/7 mit dem Leid der gesamten Welt auseinandersetzen, weder psychisch noch physisch. Schon gar nicht kann irgendein Mensch alle Probleme dieser Welt lösen.

Das verlangt aber auch niemand, selbst Gott nicht.

Muss man diesen Anspruch aber deshalb aufgeben? Und ist es überhaupt in erster Linie ein moralischer Anspruch? Was kann jemand tun, der diesen Anspruch noch vor jeder Moral spürt – einfach, weil ihn die notleidenden Menschen selbst ansprechen, in deren verzweifelte Gesichter er in den Medien blickt? Wie kann jemand reagieren, der seelisch und geistig wahrnimmt, dass die (übrigens nicht nur) christliche Überzeugung von der Gleichheit und Einheit der Menschheit nicht nur eine Idee, sondern eine menschliche Grunderfahrung ist? Hildegard Burjan hat zutiefst aus dieser Erfahrung gelebt. Die Not der Menschen hat die Dame aus gutbürgerlichem Haus mitten ins Herz getroffen.

Wenn möglich: Nicht verstummen!

Der christliche Glaube eröffnet Möglichkeiten, die auch angesichts der Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht Hoffnung geben können. Denn die christliche Hoffnung muss nichts – auch nicht das Böse, Übel und Leid – ausblenden, wie dies das rein positive Denken oder ein naiver Optimismus oft tun – in der verständlichen, aber oft sehr kindlich anmutenden Sehnsucht nach einem Gott, der „alles wieder gut macht“.

Christinnen und Christen können erwachsen hoffen. Denn sie wissen sich und andere in Gottes großer Liebe geborgen und können es daher wagen, auch und gerade das Übel wahrzunehmen, zu benennen, zu tragen und zu ertragen – und ins Handeln zu kommen. Diese Art der Hoffnung ist der tragfähige Boden der universalen Solidarität. Ohne solche Hoffnung wäre eine so große Verantwortung buchstäblich unerträglich und zum Verzweifeln. Diese Art der Hoffnung ist vielleicht nicht jedem angeboren. Aber man kann sie lernen in der Beziehung zu Gott, im Gebet, in der Lektüre der Schrift, im helfenden Handeln: dort, wo man eben konkret kann, und sei das noch so (scheinbar) wenig.

Zuallererst wäre auf dem Boden einer solchen Hoffnung daran zu erinnern, dass die biblische Tradition die Kraft und Macht des laut geäußerten Wortes, auch des klagenden, des ohnmächtigen, des erfolglosen Wortes – ja, sogar des Schreis – bezeugt. So hat ja auch Jesus von Nazareth selbst am Kreuz laut zu Gott geschrien (Mk 15,34; zitiert Psalm 22).

Es ist das Wort, das hilft, die eigene Angst, die Sorgen um die Not der Anderen, die Klage und die Hilflosigkeit auszudrücken, zur Sprache zu bringen – auch und gerade dann, wenn man sich bewusst ist, dass das jetzt vielleicht gerade gar keine praktischen Folgen haben kann oder wird. Man muss nicht resigniert schweigen, nur weil man weiß, dass sich dadurch jetzt unmittelbar nichts ändern wird. Wem es persönlich möglich ist, der darf und kann sprechen, auch wenn es keinen Erfolg hat. In Österreich fällt das vielen nicht so leicht, weil wir in unserer Geschichte und Kultur gelernt haben, dass man nicht laut klagt. Wer Verantwortung für andere trägt, darf wiederum nicht schweigen, er muss sprechen.

Nicht zu verstummen, ist aus einer psychologischen Perspektive wichtig, denn das Schweigen und Beschweigen kosten Kraft und fördern das Gefühl der Bedrückung. Auch besteht die Gefahr, dass man taub, blind und gefühllos, gar hart wird, wenn man Angst, Leid und Ohnmacht hinunter schluckt.

Die ohnmächtige Macht des Wortes

Aber es geht nicht nur um die individuelle Psychologie, es geht auch um Spiritualität und Solidarität.  Indem ich zum Ausdruck bringe, wie sehr mich das Leid der Anderen bedrückt, trete ich zu ihnen in Beziehung. Wer die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht laut zum Ausdruck bringt, kann auch die Beziehung zu Gott sichtbar werden lassen, aus der ein solches Wort erwächst. Und nicht zuletzt kann er, kann sie dazu beitragen, dass die Anderen, für die man jetzt vielleicht so gar nichts tun kann, nicht vergessen werden. Mehr noch, es können sich – wenn das viele tun – Kräfte bündeln, die geistige Gemeinschaft entstehen lassen. Diese geistige Verbundenheit wiederum kann uns, wenn es wieder möglich ist, zum Handeln stimulieren. Ja, es können dabei sogar Ideen entstehen, was jetzt vielleicht doch schon alles getan werden kann. Denn das lebendige Wort lässt die Seele wieder in Bewegung geraten.

Ein solches Wort stärkt aber auch jene, die sich jetzt übersehen fühlen. Sie hören und sehen: Wir werden nicht vergessen. Andere sind mit uns. Auch durch das ohnmächtige, das klagende Wort stellen wir Verbindung her. Die geistige Kraft des verbindenden Wortes darf man nie unterschätzen! Es ist getragen vom Geist Gottes. Wenn wir schweigen und uns isolieren, kann selbst Gott nicht wirken. Wenn wir uns im Wort öffnen, kann Gott auch unser Herz, Hirn und unsere Hände beleben.

Ich habe ihr Elend gehört und gesehen – Ich kenne ihr Leid (Ex 3,7)

Nicht zuletzt dürfen sich Christinnen und Christen an das Zeugnis der Schrift erinnern. Im Buch Exodus wird erzählt, dass Gott auch und vor allem auf den Schrei der Ohnmächtigen hört. So spricht Gott zu Moses, als er sich diesem, dem isolierten Flüchtling im Land der Midianiter, im brennenden Dornbusch offenbart und seinen Namen kundtut: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber gehört. Ich kenne ihr Leid.“ (Ex 3,7). Und sein Name – JHWH: Gott, der immer da war, da ist und sein wird – wird Programm. Moses wird aktiv, weil er weiß: Gott ist da, präsent und wirkt. Einfach wird es trotzdem nicht, wie die Exoduserzählung bezeugt; aber es kommt etwas in Bewegung. Moses wird aufbrechen, um das Unmögliche zu wagen.

Christinnen und Christen ist zugesagt, dass sie kraft des Geistes an diesem Hören und Sehen Gottes teilhaben können, dürfen und auch sollen – gerade jenen, denen es besser geht. Und auch im Klageschrei Christi können wir einen Anker finden, im Vertrauen, dass Gott uns und alle herausreißen möchte aus dieser Situation. Jesu Klageschrei ist nicht das letzte Wort. Seine Auferweckung kann die Kraft schenken, selbst aufzustehen. Sie nimmt uns aber auch in die Verantwortung für andere.

Österreich wird diese Krise bestehen!

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich bin tief beeindruckt von der Solidarität und dem Zusammenhalt, den man dieser Tage in Österreich wahrnehmen kann, außerhalb wie innerhalb der Kirchen. Ich bin auch zutiefst überzeugt, dass Österreich international zu jenen Ländern gehören wird, die diese Krise bestehen und aus ihr lernen werden. Ich sehe so viele Menschen, die sich in diesen Tagen für andere anstrengen. Das kann gar nicht hoch genug gewürdigt werden. Wir werden es schwer haben, aber wir werden es schaffen. Das wird uns aber auch verpflichten. Wir können zu Vorreitern werden, wie denn die Zukunft aussehen kann.

 Aber das damit verbundene Zusammenstehen und Zusammenrücken darf bitte nicht um den Ausschluss, der Aufgabe oder gar der Resignation gegenüber der anteiligen Verantwortung für andere, denen es schlecht geht – innerhalb wie außerhalb Österreichs – passieren.

Auch das Leben der Hildegard Burjan war von einem starken Verantwortungsbewusstsein geprägt. Ihr tiefer Glaube an Gott war die Triebkraft ihres sozialen und politischen Engagements für die Randgruppen der Gesellschaft. Aus dieser Quelle heraus war sie fähig, „sich für all das Traurige verantwortlich zu fühlen, das in der Welt geschieht“. Mir persönlich hilft die Erinnerung an sie sehr, mit den Spannungen der aktuellen Situation so umzugehen, dass ich nicht verzweifle.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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