Religionsunterricht remote – eine Spurensuche (Viera Pirker)

Religionsunterricht setzt auf Kontakt, Austausch und Dialog. Er ist durch die aktuelle Situation im Bildungssystem besonders herausgefordert. Wie geht religiöse Bildung in Abgeschiedenheit – remote? Viera Pirker sucht nach einigen Fährten.

An den Schulen wird der Unterricht zu Hause höchst unterschiedlich organisiert. Standorte, die schon in digitale Kontexte investiert haben, können den Unterricht beinahe nahtlos fortsetzen – andere Standorte haben hingegen erhebliche Schwierigkeiten. Je nach Schulform, Schule, Schulkultur läuft die Kommunikation gebündelt über Klassenlehrer*innen, oder wird von allen Lehrkräften individuell gehandhabt. Einige Schulen beschränken sich auf die zentralen Fächer Mathematik, Deutsch, Englisch, während andernorts Lehrer*innen aller Gegenstände in der Pflicht und aufgefordert sind, direkten Kontakt mit den Schüler*innen zu halten. Und so manches Elternhaus gerät an den Rand des Möglichen, wenn sich im E-Mail-Eingang die Arbeitsblätter der Volksschülerin stauen, für die kein Drucker vorhanden ist, und an einem Gerät zugleich Videokonferenz im Home Office und verpflichtender Klassenchat stattfinden sollen. Familien sind auf diese Situation nicht vorbereitet.

Wie geht „Reli remote“?

Für den Religionsunterricht stellen sich spezifische Herausforderungen. Wie geht, worin besteht „Reli remote“? Wie stehen Lehrer*innen in Kontakt zu Schüler*innen? Wie gestalten Religionslehrer*innen diese Zeit; sind sie mit dabei oder außen vor? Wird Fachunterricht fortgesetzt, werden neue Inhalte erarbeitet, kleinschrittige Arbeitsaufträge verteilt? Oder wäre jetzt die Zeit, größere kreative Projekte anzugehen – oder umfangreichere Lektüren, für die sonst kein Raum ist? Kann der Religionsunterricht seinen Raum analog-digital kreativ weiten, auch auf Ostern hin?

Fünf Spuren für den Religionsunterricht:

  • Fragend, deutend: Lehrer*innen geben Impulse und Denkanstöße für den Alltag und begleiten Schüler*innen darin, ihre Wahrnehmung dieses herausfordernden Alltags zu vertiefen, zu differenzieren und zu erweitern. Die emotionale Dichte und Unsicherheit aufbrechen, die Emotionen wahrnehmen und sich dazu verhalten können: Dies kann beispielsweise in Form eines Briefs geschehen oder als Videotagebuch. Über Videokonferenzen können Lehrkräfte Räume anbieten, dass sich die Schüler*innen treffen und miteinander austauschen können.
  • Kreativ, solidarisch: Mit der Idee, den eigenen Sozialraum kreativ zu gestalten und zu verändern, können Schüler*innen künstlerische Interventionsprojekte umsetzen – entlang von konkreten Handlungsanweisungen, wie sie Miranda July in ihrem Entwicklungsprojekt „Learning to love you more“ gegeben hat. Hier geht es darum, nicht mehr Zeit am Bildschirm zu verbringen, sondern konkrete Handlungen in der „analogen Welt“ zu vollziehen und diese zu reflektieren. Beispielsweise eine Ausstellung über eine Künstlerin in der Öffentlichkeit machen (Assignment 8), ein ermutigendes Banner ins Fenster hängen (Assignment 63), eine selbst aufgenommene Meditationsbegleitung verteilen (Assignment 17), eine Zeichnung der aktuellen Nachrichten anfertigen (Assignment 55). Und darüber nachdenken, berichten, sich austauschen.
  • Diakonisch: Religionsunterricht kann Schritte anregen und begleiten, dass Schüler*innen aktiv über sich selbst hinaus auf andere hin denken – mit einer Aktion wie „Kinder malen für Senioren“ Grüße ins Altenheim senden, an Gefangene denken und Briefe schicken, konkrete Hilfestellungen in der Nachbarschaft anbieten. Viele Kinder und Jugendliche wollen helfen und sich für andere einsetzen; manche brauchen dafür ein konkretes Angebot.
  • Begleitend, seelsorglich: Lehrer*innen verstehen sich als Ansprechpersonen, hören auf die Schwierigkeiten ihrer Schüler*innen, sind zu festen Zeiten erreichbar (z.B. in einem Forum oder einer Videokonferenz) und geben ganz konkrete Hilfestellungen, bis hin zur der Strukturierung des Alltags. In der Grundschule kann es Familien beispielsweise entlasten, wenn Sie die Kinder zum Vorlesen in eine Videokonferenz einladen; ohne Anwesenheitspflicht natürlich! Manche Kinder und Jugendliche sind durch das #stayathome in zusätzlicher Gefahr: Sie müssen auch jetzt um ihre Rechte wissen, zumal der Kinderschutz erschwert ist. Ein besonderes Augenmerk gilt Schüler*innen, die von den schulischen Informationen nicht erreicht werden. Hier ist persönlicher, aufsuchender Telefonkontakt mit den Familien angeraten. Auch Schulpastoral und Schulsozialarbeit können hier beitragen, wenn entsprechende Netzwerke bestehen.
  • Spirituell: Lehrer*innen machen in der Zeit des distance learning aufmerksam für spirituelle Momente: Die Kerze am Fenster, eine Online-Fürbitte, ein gutes Wort, das in der Gruppe geteilt wird, eine persönliche kleine Nachricht, Psalmen schreiben. Auch ein Mandala ist erlaubt; Ideensammlungen liegen vor, die Schüler*innen und Familien gut tun können.

Für die Zeit danach wird der Religionsunterricht auch für die theologisch-anthropologisch höchst relevanten Erfahrungen Raum schaffen können, die Menschen weltweit gerade durchleben, und die die Gesellschaft prägen werden: Angst, Verantwortung, Krankheit, Gottesbild, Einsamkeit, Verlust, Hilflosigkeit, Privilegierung, Ethischer Umgang, Trauer, Trauma.

(Beitragsbild: Noah Busher, Unsplash)

2 Kommentare zu „Religionsunterricht remote – eine Spurensuche (Viera Pirker)

  1. Liebe Viera Pirker! Danke für das Teilen deiner Gedanken, denne ich viel angewinnen kann. Allerdings muss ich zwei kritische Einwände oder Ergänzungen machen: a) es fällt mir in den letzten Jahren auf, dass Religionsunterricht großteils von der AHS/BMHS gedacht wird, und kaum von der Volksschule… das heißt, dass all die angeführten Überlegungen gut in die AHS passen, kaum in die 1. Schulstufe der Volksschule, wo auch das Home-schooling wesentlich schwieriger ist, weil viele die technischen Möglichkeiten nicht haben und auch nicht das Können.
    b) die Vorschläge verlangen ein bestimmtes Bildungsniveau, die SuS der NMS werden nicht mitbedacht… nach selber über 30 Jahre unterrichten (VS und NMS) und 35 Jahre in der (Religions)LehrerInnen-Aus-und Fortbildung komme ich zum Schluss, dass die Bildungseliten besonders die Bildungseliten im Blick haben und unterrichten, die anderen (Grümme: Bildungsverlierer/Bildungsgerechtigkeit) aber aus dem Blickfeld verlieren. Dasslbe passiert auch mit dem Ethikunterricht: man denkt ihn von der AHS/BMHS her, die NMS, BS, … hat mir auch Minister Faßmann unlängst bei einer Tagung bestätigt, ist überhaupt nicht im Blick; dort sind aber die Brennpunktschulen mit den wirklichen ethischen Herausforderungen.
    Ich selber mit meiner Liebe für Sprache und Poetik habe natürlich auch immer mit meinen Zugängen, Inhalten und Methoden die Sprachbegabten bevorzugt und jene, die nur Ein- bis Drei-Wortsätze sprachen weniger gefördert… diese brauchen andere Ausdrucksmöglichkeiten… dazu auch noch aus meinem Zweitberuf als Psychotherapeut: vielfach sind die rsten Beratungsstunden mit KlientInnen zunächst nur eine „Sprachschule“ um überhaupt Möglichkeiten zu finden und zu entwickeln, wie ich ausdrücken kann, was in mir vorgeht bzw. was ich in mir wahrnehme.
    Hans Neuhold

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