„Reli goes digital“ – Einblicke in den neuen Unterrichtsalltag von Religionslehrer*innen (Florian Mayrhofer)

Woche drei des Remote-Unterrichts ist vorbei, die Osterferien stehen vor der Tür. Langsam scheint sich alles ein wenig einzuspielen, wir gewöhnen uns an Online-Kommunikation. Wie aber wirkt sich das konkret auf den Alltag von Religionslehrer*innen aus und wie verändert sich der Unterricht, wenn Reli ‚digital‘ wird? Florian Mayrhofer hat mit 15 Religionslehrer*innen in verschiedenen Schulformen über ihre Erfahrungen gesprochen.

Der Sprung ins kalte Wasser

Das Begleiten von selbstgesteuerten Lernprozessen ist für die meisten Lehrer*innen Neuland. Das Arbeiten mit Online-Tools braucht Zeit, Konzentration und Energie. „Ich wünschte mir mehr Zeit zum Ausprobieren und Testen von Online-Tools, damit ich einschätzen kann, was brauchbar ist und was nicht.“ Dabei ist es oft schwierig, aus der Menge an Apps, Links und Materialien das Richtige für den eigenen Unterricht zu finden. Der Wunsch bei einigen Lehrer*innen für eine „einheitliche E-Learning-Plattform“, auch für den Reli-Unterricht, ist daher nur allzu verständlich. Manch analoges Problem wird aber auch im digitalen Raum zur Herausforderung: Es fehlt an Kommunikation unter den Lehrer*innen der Klasse. Jede*r unterrichtet vor sich hin, gibt Arbeitsaufträge, ein einheitliches didaktisches Konzept fehlt. Wer darf wie viele und welche Aufgaben geben? Wo sind Probleme, die es im Team zu lösen gilt? Fehlende Zusammenarbeit im Team erschwert den Alltag im Remote-Modus.

Eine Frage der Ressourcen

„Bei uns haben 30 % der Schüler*innen keinen eigenen PC, müssen sich den Computer mit Geschwistern und Eltern teilen, die im Home-Office arbeiten.“

So beschreibt eine Lehrerin die Situation an ihrem Gymnasium, die sich auch mit den Eindrücken der anderen Lehrer*innen deckt. Lernen ist auch im jetzt erforderlichen Digitalmodus eine Ressourcenfrage, abhängig von der Verfügbarkeit von Hard- und Software oder Internetverbindung. „Probleme tun sich auf; ein Teil unserer Schüler*innen kommt aus einer sozialen Schicht, der es an technischer Ausrüstung fehlt.“, berichtet ein Religionslehrer an einer NMS. Es ist aber auch der Mangel an freier Zeit und freiem Raum. Vor allem im städtischen Bereich, wo wenig Möglichkeiten bestehen, die enge Wohnung zu verlassen, wird dies zu einer besonderen Herausforderung. Manche Schüler*innen sind schwer bis gar nicht erreichbar. Schüler*innen, die unter ‚normalen‘ Bedingungen Schwierigkeiten haben, den fachlichen Anschluss nicht zu verlieren, drohen jetzt noch mehr auf der Strecke zu bleiben. Das bewegt viele Religionslehrer*innen und treibt sie um.

Kein Platz für Beziehung?

„Was jetzt völlig fehlt ist der persönliche Kontakt, die persönliche Haltung und Ausstrahlung, das fällt alles weg!“

Viele Religionslehrer*innen haben in ihren Erfahrungsberichten explizit darauf hingewiesen: Religion ist ein Fach der Beziehung, der Haltung und der Begegnung! Manche Lehrer*innen stehen daher jetzt auch explizit offen zur „Ansprache für verunsicherte Schüler*innen“. Daran zeigt sich: Religionsunterricht ist mehr als reines Faktenwissen oder ‚learning about religion‘. Religion ist ein Fach gleich einem „Tapetenwechsel“: es bietet mehr Freiheit und Freiraum für das, was Schüler*innen beschäftigt fernab von System- und Leistungszwängen. Für viele Schüler*innen ist Religion ein „Wohlfühlfach“, wo gemeinsame Gespräche und Diskussionen breiten Raum einnehmen dürfen. Besonders in jenen Religionsklassen, die nur aus einer kleinen Gruppe an Schüler*innen bestehen, ist der Beziehungsfaktor besonders wichtig. Wie lässt er sich im Home Learning aufrecht erhalten?

Welche Form von Unterricht?

„Wovon ich in Reli grad lebe, ist die Jessas App.“

In diesem Zusammenhang blitzt auch die Frage auf: Wie online unterrichten? Erstelle ich als Religionslehrer*in Arbeitsaufträge und riskiere dabei doch nicht „in die Tiefe zu gehen“? Mache ich aus dem Religionsunterricht durch den starken Fokus auf reines „Faktenwissen“ nur ein „Fach wie jedes andere“? Lehrer*innen finden sich in einer Zwickmühle, die richtige Balance zwischen fachlichem Input, angemessenen Arbeitsaufgaben und Beziehungsarbeit zu finden. Es ist die sprichwörtliche Suche nach der „goldenen Mitte“, wie es eine Lehrerin auf den Punkt bringt.

Alles nur negativ?

„Ich habe eigentlich keine Schwierigkeiten – ich muss ja Gott sei Dank nichts ‚leisten‘ wie andere Fächer!“

Das Statement dieses Lehrers zeigt sicher eine Seite des Religionsunterrichts auf, die in Zeiten, wo Schüler*innen teilweise unter Bergen von Arbeitsblättern begraben werden, einen Ruhepol darstellt. Und trotzdem: damit verbunden sind auch Fragen nach der Legitimität des Religionsunterrichts. „‚Du musst ja nichts leisten!‘, hat mir eine Kollegin etwas abschätzig am letzten Schultag vor der Schließung im Lehrerzimmer gesagt.“, berichtet ein Kollege. Die Unsicherheit darüber einerseits „Stoff zu machen“ und die Schüler*innen „nicht noch zusätzlich zu überfordern“ ist bei vielen vorhanden. „Reli soll ja nicht noch zu einem zusätzlichen Aufwand werden!“ Bei einigen ist hierbei auch die Angst vorhanden, dass zu viel Aufwand auch im nächsten Schuljahr Abmeldungen vom Religionsunterricht nach sich ziehen.

„Ich habe ehrlich gesagt Sorge, dass dadurch die Abmeldungen an öffentlichen Schulen eventuell steigen könnten.“

Krise als Chance? Oder: Was können wir lernen?

Oft ist in den letzten Tagen auch von der ‚Krise als Chance‘ die Rede – oder pädagogisch formuliert: ‚Was können wir daraus lernen?‘ Viele Lehrer*innen sehen wenig Positives in den derzeitigen Umständen. Andere wiederum erkennen sehr wohl auch ‚gute‘ Seiten: „Die Disziplinierung von Schüler*innen im herkömmlichen Sinn fällt jetzt weg“, merkt eine andere Kollegin an. „Die stillen Schüler*innen können jetzt ungehindert ihre Beiträge leisten, ohne dass sie von den lauten ständig unterbrochen werden“; „manche Schüler*innen sind jetzt viel eifriger“ – „sie sind jetzt anders gefordert“. Für manche Schüler*innen erweist sich das eigenständige Lernen tatsächlich als Chance, sich mehr einzubringen, gerade weil sie nicht mehr in den Zwängen der Peer-Group stecken. Der Bildschirm gibt auch einen gehörigen Sicherheitsabstand. Ohne die Krise beschönigen zu wollen: Hier zeigt sich eine Anregung für den analogen Alltag.

Ein Dank gilt allen Religionslehrer*innen, die sich bereit erklärt haben, Einblick in ihren derzeitigen Unterrichtsalltag zu geben. Fortsetzung folgt!

Wenn Sie Interesse haben, eigene Erfahrungen einzubringen, schreiben Sie bitte eine kurze Mail an: florian.mayrhofer@univie.ac.at

Autor: Florian Mayrhofer

(Bildquelle: Bild von Free-Photos auf Pixabay)

Veröffentlicht von Florian Mayrhofer

ist Universitätsassistent (prae doc) am Institut für Praktische Theologie und promoviert im Fachbereich Religionspädagogik und Katechetik über den Zusammenhang von Digitalisierung und religiöser Bildung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: