„Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (Regina Polak)

Die Corona-Pandemie wird das Zeiterleben unserer Gesellschaften verändern. Regina Polak überlegt, was eine christliche Zeitwahrnehmung beitragen kann, um nicht düsteren Prognosen fatalistisch erliegen zu müssen. In den vor uns liegenden Feierlichkeiten der Heiligen Woche wird das christliche Zeiterleben konkret eingeübt. Auch die Kantate 106 von Johann Sebastian Bach „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (Actus tragicus) bringt diese Erfahrung in wunderbare Musik und wird als Vorbereitung zur Kontemplation empfohlen. (Den Text finden Sie hier.)   

Die befürchtete Zukunft ist da

„Wir leben in Gesellschaften, in denen die Zukunft keine Verheißung mehr ist, sondern eine Bedrohung“, schrieb der Journalist und Historiker Philipp Blom 2017 in seinem Buch „Was auf dem Spiel steht“.

Er skizzierte ein Stimmungsbild: „Die reichen, demokratischen Länder, die großen Wirtschaftsmächte, die G7 oder G8, die ehemaligen Kolonialherren und ehemaligen Industriestandorte sind in ein reaktionäres Zeitalter abgerutscht. Ihr schönstes Gefühl ist Nostalgie. Sie wollen keine Zukunft. Zukunft ist Veränderung, und Veränderung ist Verschlechterung, bedeutet millionenfache Migration, Klimawandel, kollabierende Sozialsysteme, explodierende Kosten, Bomben in Nachtklubs, Umweltgifte, ausbleichende Korallenriffe, massenhaftes Artensterben, versagende Antibiotika, Überbevölkerung, Islamisierung, Bürgerkrieg. Zukunft sollte vermieden werden. Die Menschen in der reichen Welt wollen nur, dass die Gegenwart nie endet“.

Eine Pandemie hatte der Zeitdiagnostiker nicht im Blick. Und der Wunsch nach einer in die Ewigkeit ausgedehnten Gegenwart ist durch Corona zwar nicht unerwartbar, aber abrupt beendet worden. Die befürchtete Zukunft ist Gegenwart, unsicher und offen.

Wie sich das Zeiterleben durch die globale Pandemie verändert

Der polnische Migrationsforscher Jan Grzymski beschreibt in einem hervorragenden Beitrag auf „Discover Society“ die Neuen Zeiten, die nun anbrechen: Er geht der Frage nach, wie sich das Zeiterleben verändert, und welche politischen Folgen dies mit sich bringt.

So werde die aktuelle Situation als außergewöhnlich und vorübergehend, als Übergangszeit erlebt. Dies manifestiere sich darin, dass viele Gesellschaften derzeit in der Zeit festgefroren sind. Im Raum stehe die Frage nach dem Ende dieser Phase. Die Schwierigkeit aber bestehe darin, dass wir nicht exakt bestimmen können, wie denn dieses Ende definiert werden könne: Ist Corona zu Ende, wenn der Virus verschwunden oder besiegt ist? Wenn die politischen Alltagsrestriktionen beendet werden? Wenn die globale Wirtschaftskrise, die vor uns liegt, bestanden sein wird?

Aus theologischer Sicht interessant sind die Qualitäten der Zeitwahrnehmung, die Grzymski beschreibt. Er skizziert ein Erwarten des Endes, den Beginn von etwas Neuem, was uns in einen permanenten Zustand der Notlage versetze, zu ausgedehntem Warten ebenso zwinge wie zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Unser Sinn von Zeitlichkeit werde ebenso verändert wie die Notwendigkeit zur Vorsicht und Vorsorge in den Blick komme. All dies werde eine Gesellschaft, die es nicht gewohnt ist, dass „irgendetwas länger als 15 Minuten dauert“ (Andy Warhol), vor große Herausforderungen stellen. Denn wir würden nun gezwungen, uns auf schlechte Zeiten vorzubereiten, ehe diese kommen.

Der Migrationsforscher entwirft dabei eher düstere Prognosen. Der Kampf gegen den Tod und einen Kollaps der Gesundheitssysteme erschreckt Millionen Menschen, die nun um ihr ökonomisches Überlegen fürchten. Massives soziales Misstrauen und Unsicherheit würden die Folge sein und das Sozialkapital der Gesellschaften unterminieren. Hilflosigkeit und Verzweiflung stünden vor der Tür.

Christliches Zeiterleben

Selbstverständlich sind auch Christinnen und Christen von diesen Formen des Zeiterlebens betroffen und teilen sie mit ihren Zeitgenossinnen und -genossen. Zugleich kann eine christliche Zeitwahrnehmung einen Beitrag leisten, wie man diese Zeit, die vor uns liegt, auch anders erleben kann. Denn Zeiterleben ist nicht die fotographische Abbildung eines objektiv vorliegenden Faktors Zeit, die wie eine meß-, kontrollier- und verfügbare Größe nun gemanagt werden muss. Das Erleben der Zeit ist eine Folge der Deutung jener Wirklichkeit, die wir Zeit nennen. Wie sehr das Zeiterleben eine Konsequenz von Weltanschauungen und zudem auch psychologisch, soziologisch und politisch geprägt ist, kann man jetzt genau beobachten.

Auch die christliche Tradition bietet spezifische Deutungen von Zeit.

Zeit ist aus christlicher Sicht nicht bloß eine Aneinanderreihung von Zeit-Punkten, die man nun planen und organisieren kann. Sie ist kein objektiv vorliegendes Faktum, über das man verfügt. Sie ist eine Wirklichkeit, die den Menschen geschenkt ist und einen Raum des Handelns eröffnet. Menschen können und müssen sich zu ihr in Beziehung setzen. Diese Beziehung kann – geprägt von den gesellschaftlichen Wahrnehmungsmustern, die zur Verfügung stehen – in Freiheit gewählt werden. Das Verhältnis zur Zeit wird daher aus christlicher Sicht von der Beziehung zu Gott her formatiert. Unsere Zeit ist gleichsam in Gottes Zeit geborgen. Wie in der Bach-Kantate zu hören: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit. In ihm leben, weben und sind wir, solange er will. In ihm sterben wir zur rechten Zeit, wenn er will.“ (Apg 17,28).

Zeit ist eine relationale Wirklichkeit, eine Beziehungswirklichkeit, eine personale Art und Weise, sich auf die Dimensionen von Zeit zu beziehen – auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Erst dadurch erhält sie humane Qualität und muss nicht schicksalsergeben als über uns naturhaft einbrechendes Fatum oder gar Faktum erlitten werden. Sie kann gestaltet werden.

So ist denn auch der Modus, in dem sich ein Christ, eine Christin auf die Vergangenheit bezieht, nicht nur (nostalgische) Rückschau, sondern Erinnerung: die Vergegenwärtigung dessen, was war. Was unsere Vorfahren im Glauben erfahren haben, erleben wir immer wieder, hier und heute. Die Beziehung zur Zukunft wiederum besteht in der gegenwärtigen Hoffnung auf das, was kommen wird, weil es von Gott verheißen wurde. Der Kirchenvater Augustinus hat zur Frage der Zeit im 11. Buch der Confessiones brillante Analysen verfasst.

Die Frage nach dem Ende ist dann nicht die Frage nach einem von uns definierbaren Zustand, sondern bezieht sich auf das Eintreffen jener Verheißungen, von denen der biblisch bezeugte Glaube erzählt. Verheißungen aber sind Beziehungswirklichkeiten, sie sind Versprechen, also eine Zusage über die Zukunft zwischen Personen, keine Prognosen. Diese Versprechen haben ihren Grund im Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen und für Christinnen und Christen in Jesus Christus erneuert und besiegelt hat: Verheißungen auf eine neue Zeit (Jes 43,19; Offb 21,5), auf die Auferstehung der Toten, auf ewiges Leben und die Verwandlung der gesamten Schöpfung (Röm 8,18-30) – schon hier und heute, und end-gültig dann in einem eschatologischen Horizont.

Getragen ist diese Hoffnung von der Erinnerung an jene bereits erfüllten Verheißungen, von denen die Schrift erzählt: der Befreiung des Volkes Gottes aus dem Sklavenhaus Ägypten, der Heimholung Israels aus dem Babylonischen Exil, der Errettung aus dem ewigen Tod jedes und jeder Einzelnen sowie der ganzen Menschheit und ihrer Geschichte durch die Auferstehung Jesu Christi.

Deshalb gehören im christlichen Glauben Erinnerung und Hoffnung untrennbar zusammen. Ohne Erinnerung gibt es keine gute Zukunft. Das christliche Zeiterleben hat daher eine komplexe Struktur. Christinnen und Christen können im Vertrauen auf die vergangene, aber ihnen im Glauben präsente Geschichte mit Gott in eine Zukunft gehen, die mir von Gott her eröffnet wird. Sie gehen in eine Zukunft, die nicht nur die Verlängerung der Vergangenheit und Gegenwart ist (futurus), sondern die ihnen entgegenkommt (adventus). Sie können sie dabei mitgestalten. Dabei haben Sie ihren Blick immer der Vergangenheit zugewendet, etwa wie in den Rückspiegel eines Fahrzeugs, mit dem sie sich dem Ziel nähern. Gemeinschaften können solche Fahrzeuge sein.

Reich Gottes als angebrochene Wirklichkeit und Horizont

Erinnerung und Hoffnung sind dabei aus christlicher Sicht nicht nur psychologische Phänomene, sie haben einen Inhalt. Sie sind eingebettet in jene Wirklichkeit, aus und in der Christinnen und Christen leben dürfen: aus der bereits angebrochenen Wirklichkeit des Reiches Gottes. Jesus von Nazareth hat diese Wirklichkeit an den Beginn und das Zentrum seiner Verkündigung gestellt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,14; Lk 10,7; Mt 10,9).

Christinnen und Christen können in und aus dieser Wirklichkeit leben, die jetzt schon angebrochen ist. Das Bild vom Reich Gottes beschreibt dabei keine territorial begrenzte Realität, sondern verweist auf die Begründung und den Beginn einer neuen Form guten, gerechten und friedlichen Zusammenlebens zwischen den Menschen und Gott sowie untereinander. Das Bild vom Reich Gottes beschreibt eine veränderte Weise der Beziehungen zwischen Menschen und mit Gott.

Diese können und sollen modellhaft in gläubigen Gemeinschaften und Gemeinden erprobt und gelebt werden und auf die Umgebung ausstrahlen. Wahrnehmbar wird diese neue Wirklichkeit nach biblischen Zeugnis dort, wo Krankheiten und Dämonen weichen, wo Menschen geheilt werden, wo mit Gott gefeiert wird und ein neues Leben in gerechter Gemeinschaft möglich wird, wo die üblichen Ordnungen der Macht auch gesellschaftlich neu geordnet werden – im Dienste der Schwächsten.

Dieses Reich Gottes ist überall dort, wo dies geschieht schon wirklich, so der Glaube: in der Liturgie, in der Caritasarbeit, überall dort, wo innerhalb und außerhalb der Kirche um Heilung und eine gute und gerechte Ordnung von Beziehungen und Gesellschaften gerungen wird. Zugleich ist es eine ausständige Verheißung, die von Gott her auf uns zukommen möchte. Corona enthüllt, wie unfertig dieses Reich Gottes noch ist: wenn Menschen in Armut und Krankheit verzweifeln, wenn die soziale Ungleichheit sichtbar wird, die uns voneinander distanziert. Aber Menschen können und sollen dieses Reich Gottes mitgestalten, innerhalb und außerhalb der Kirche.

Die Neue Zeit, auf die wir als Corona-Gesellschaften also warten, ist daher zwar auch christlich betrachtet offen und ungewiss und vom Scheitern bedroht. Aber die Gefahren können im Horizont der Wirklichkeit und Verheißung des Reiches Gottes wahrgenommen werden.

Der permanente Zustand der Notlage kann transformiert werden zur beständigen Wachsamkeit (Mt 24,42; Mk 13,24-32), die Zeichen des anbrechenden Gottesreiches ebenso wahrzunehmen wie dessen Bedrohungen: z.B. die wachsende Solidarität innerhalb und außerhalb Österreichs ebenso wie die autoritären und nationalistischen Bestrebungen.

Das Warten und der Wettlauf gegen die Zeit müssen nicht in Angst, Verzweiflung und Lähmung enden, sondern die Übergangszeit kann im Vertrauen auf Gottes Wirken mitgestaltet werden. Denn Christinnen und Christen befinden sich seit jeher in einer solchen Übergangszeit. Daran werden wir derzeit erinnert, besonders in den kommenden Heiligen Tagen, dem Triduum sacrum, in denen wir diese Dynamik des Überganges vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag gleichsam für das Leben einüben. Wir lernen den Übergang durch Erinnerung an die verheißene Zukunft in der Gegenwart der Auferstehung.

„Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“

In seiner Kantate 106, dem „Actus tragicus“, hat Johann Sebastian Bach diese Zusammenhänge in ein musikalisches Meisterwerk gegossen. Inhaltlich beschreibt diese Kantate die Unausweichlichkeit menschlichen Sterbens, die Glaubensgewissheit der Auferstehung und umfängt all dies mit dem Lobpreis des dreifaltigen Gottes. Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit. Die Theologie dieser Kantate erschließt sich durch eine Musik, die den kontemplativen Text in einen hörbaren Trost, manchmal sogar Heiterkeit und Leichtigkeit einbettet. Die Gewissheit des Sterbens klingt hier nicht mehr bedrohlich, weil sie eine Tonwolke des Vertrauens eingehüllt ist. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie die kommende Woche in diesem Geist erleben und erfahren können.

Bildquelle: Shutterstock

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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