Digitalisierungsschub, ja sicher – Solidarisierungsschub, bitte mehr! (Karin Peter)

Krisenzeiten lassen grundsätzliche Gegebenheiten präziser und schärfer ans Licht treten – in ihrem Potential und den Chancen, aber auch mit ihren Schwierigkeiten und Herausforderungen. Gerade im Bildungsbereich zeigt sich dies für Karin Peter in besonderer Deutlichkeit.

Die ad hoc notwendige Umstellung auf distance learning hat institutionalisiertes schulisches Lernen von heute auf morgen völlig verändert. Es spielt sich nun Zuhause und wesentlich in digitaler Form ab. Und lässt unter diesen neuen Bedingungen grundlegende Erkenntnisse deutlicher als im regulären Schulbetrieb zum Vorschein treten.

Digitalisierungsschub …

Tatsächlich haben Schulen mit der Einstellung des schulischen Präsenzbetriebs in Windeseile digital aufgerüstet und Lehrer*innen sich mit digitalen Unterrichtsmöglichkeiten vertraut gemacht: Lehrpersonen und Schüler*innen werken jetzt über Online-Plattformen, Videokonferenzen, Mails und Chats. Es ist so vieles in unfassbar kurzer Zeit möglich geworden, das unter regulären Bedingungen für eine Implementierung undenkbar gewesen wäre. Auch ansatzweise Verwirklichungen hätten sehr lange gedauert – mit all den unter herkömmlichen Voraussetzungen erforderlichen schrittweisen Entwicklungen, Genehmigungen, Testphasen. Jetzt ist alles notwendigerweise auf ‚Go!‘ gesetzt – wenn auch ein wenig in einem anhaltenden Testbetrieb. Aber das ist vielleicht ein Aspekt von Schule at it’s best: Eine gute Idee ausprobieren, Erfahrungen sammeln, von anderen lernen, die Idee adaptieren und neu probieren, evaluieren und weiter entwickeln …

Nicht umsonst werden Stimmen laut, die die Bedeutung des digitalen Innovationsschubs so sehr hervorkehren, dass vor einer bloßen Rückkehr zum regulären Schulalltag fast schon gewarnt wird.

… und die Unabdingbarkeit seiner didaktischen Einbettung

Beinahe zu selbstverständlich wird dann manchmal, so scheint es, davon ausgegangen, dass mit den digitalen Kommunikationswegen von Vornherein auch didaktische Innovationen verbunden sind. Dabei geht dies keineswegs automatisch damit einher. Auch digital lassen sich unausgegorene, wenig durchdachte und kaum kompetenzorientierte Aufgabenstellungen bestens übermitteln …

Die Wahl von neuen Methoden und Medien ermöglicht noch lange kein besseres, innovativeres und nachhaltigeres Lernen. Voraussetzungen dafür sind nach wie vor die denkerischen Überlegungen und Konzeptionen im Vorfeld sowie ein konstruktives Sich-Einlassen aller Beteiligten. Letzteres ist nie gänzlich machbar, sondern beinhaltet immer einen Moment der Geschenkhaftigkeit. Das macht die Gestaltung aller gezielt initiierter Lernprozesse so herausfordernd, aber auch so besonders und schön.

Bei allen Chancen, die sich im Bereich der Digitalität auftun: Die Frage, ob konkrete Lernangebote digital oder analog erfolgen, ist – wenn denn wieder ein schulischer Präsenzbetrieb möglich ist – nicht die grundlegende und erste.

Unterschiedliche sozioökonomische Voraussetzungen …

Drängender ist, was sich in dieser Umstellung in sozialer Hinsicht zeigt. Es sind Zusammenhänge, die auch unter regulären Bedingungen im österreichischen Bildungssystem – da ganz besonders – und anderswo gelten. Sie sind breit erhoben und belegt, gehören zu den zentralsten bildungspolitischen Herausforderungen und sind dennoch zu wenig konsequent bedacht: Bildungschanchen hängen wesentlich an den Voraussetzungen, die im Elternhaus gegeben sind. Entscheidend für den Schulerfolg sind weniger Talente und Fähigkeiten der Schüler*innen als vielmehr die Bildungsferne oder -nähe des Elternhauses.

Die Umstellung auf den digitalen Lernbetrieb zeigt und verschärft diesen Zusammenhang auf eine dramatische Weise. Die Verlagerung schulischer Lernprozesse ins häusliche Umfeld macht unmissverständlich deutlich, wie abhängig gelingendes schulisch organisiertes Lernen von den Gegebenheiten Zuhause ist. Und dabei stellt eine fehlende technische Grundausstattung aktuell ein sehr reales, aber vielleicht noch gar nicht das größte Problem dar. Wo es keinen Platz und keine Ruhe gibt, wo keine Struktur und keine Unterstützung gewährt werden können, wo andere Sorgen und Fragen alles dominieren und einnehmen: Da ist konzentriertes Lernen einfach nicht möglich.

Bereits nach 1 ½ Wochen der Umstellung auf homelearning haben Lehrpersonen an Brennpunktschulen in Wien 20% ihrer Schüler*innen nicht mehr erreicht. Es ist nicht so schwer sich auszumalen, wie sich dies unter den gegebenen Bedingungen weiter entwickeln wird.

Der sogenannte Matthäus-Effekt „Wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“ (Mt 25,29), wird schmerzlich spürbar. Die, die schon besonders unter Druck sind und am Rand stehen, trifft diese – wie jede – Krise am härtesten.

… und die Notwendigkeit eines anhaltenden Solidarisierungsschubs

Dabei gibt es in der aktuellen Situation durchaus ein Bewusstsein für diese Entwicklung und Bemühungen, dem etwas entgegenzusetzen: Lehrpersonen die sich nach Kräften bemühen, den Kontaktverlust zu ihren Schüler*innen zu verhindern und dafür z.T. auch auf Telefon und Post zurückgreifen, oder Ideen von – allerdings aktuell nur sehr eingeschränkt zu verwirklichenden – Buddysystemen.

Die Not steigt, die kreativen Bemühungen ihr zu begegnen aber auch. Tatsächlich geht es aktuell in erster Linie um Anstrengungen, mit den in bildungsfernen und prekären Verhältnissen lebenden jungen Menschen so gut es geht Kontakt zu halten und ihnen Unterstützung zukommen zu lassen. Aber je länger die homeschooling-Situation andauert, umso notwendiger ist auch die Entwicklung von institutionalisierten Unterstützungsmodellen. Die Aktivierung von Schulsozialarbeitern, die Kontakt zu nicht mehr erreichbaren Schüler*innen aufzunehmen versuchen, ist ein Anfang dafür.

Und langfristig?

Das Bewusstsein der so deutlichen Kluft, die im Bildungskontext ein generelles Problem darstellt, bleibt hoffentlich über die Krise hinaus bestehen. Die Religionspädagogik, die sich einem biblischen Ethos und damit einer eindeutigen Option für Benachteiligte verpflichtet weiß, hat hier gemeinsam mit vielen anderen im bildungswissenschaftlichen Kontext einen klaren Auftrag. Damit dem jetzt so explosionsartig erforderlichen Digitalisierungsschub ein ebenso notwendiger nachhaltiger Solidarisierungsschub folgt: indem Schule und deren institutionelle Gestaltung von denen her gedacht werden, die aufgrund mangelnder familiärer Unterstützungssysteme in besonderer Weise auf sie angewiesen sind. Vorschläge und Ideen dafür gibt es sowohl in struktureller Hinsicht für das ganze Schulsystem als auch für Aufmerksamkeiten in einzelnen Schulen. In der jetzigen Situation können sie nicht angegangen werden, in einem wieder einkehrenden Alltag schon. Sie sind dann nicht weniger nötig. Zu wünschen ist, dass sie mit ebensolcher Konsequenz umgesetzt werden, wie der Digitalisierungsschub aktuell – besonders angesichts der Dringlichkeit, die sich in der verschärften Situation jetzt überdeutlich zeigt.

Autorin: Karin Peter

Bild: Flickr

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

Ein Kommentar zu “Digitalisierungsschub, ja sicher – Solidarisierungsschub, bitte mehr! (Karin Peter)

  1. https://www.kathpress.at/goto/meldung/1875529/schule-digitalisierungsschub-verschaerft-bildungsarmut

    [https://www.kathpress.at/storage/img/98/11/asset-e69b1871f416a8f69b70.jpg]

    Schule: Digitalisierungsschub verschärft Bildungsarmut http://www.kathpress.at Religionspädagogin Peter: Während Coronakrise praktiziertes „Homelearning“ erreicht viele Schüler nicht – Bildungspolitik muss „vererbter Bildungsarmut“ entgegenwirken

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