Perspektivwechsel (Sigrid Müller)

Wir leben derzeit in einem Kontrast zwischen dem Frühlingserwachen der Natur und düsteren Bedrohungsszenarien. Sigrid Müller berichtet, wie ein Spray-Bild am Donaukanal sie an das Ostergeschehen erinnert.

Frühlingserwachen am Donaukanal

Ein Frühlingstag. Die Bäume blühen entlang der Promenade des Donaukanals. Kinder verstecken sich in den Büschen eines kleinen Spielplatzes. Zwei ältere Damen, vermutlich Nachbarinnen, sitzen auf einer Bank, den pelzigen Hund als Abstandshalter zwischen sich. Jogger sind unterwegs, und Spaziergänger bewegen sich in Kurven, um den entgegenkommenden Fußgängern nicht zu nahe zu kommen. Die Lokale der Uferpromenade sind geschlossen. Manche haben sich deshalb selbst etwas zu trinken mitgebracht. Einige Sprayer sind unterwegs – und dann sehe ich das erste Bild, das die unausgesprochene, hintergründige Realität zum Ausdruck bringt, eine Wirklichkeit, die uns derzeit daran hindert, in zwangloser Nähe Spazierwege, Sitzbänke, Spielplätze, Uferlokale zu bevölkern. Da ist es, was das helle Frühlingserwachen plötzlich in ein düsteres Licht taucht, in Sprayfarbe an eine Mauer gebannt: das sonst nicht sichtbare, winzige Virus, überdimensional groß, an seinen typischen „Andockstellen“ erkennbar, in explosivem Grün, als Kern eines Wortes, das die derzeitige Situation beschreibt: LOAD.

Die Last der unsichtbaren Bedrohung

Was haben die Sprayer damit gemeint? Load heißt Last, Ladung, Sprengladung. Eine Drohung, Bedrohung – und trotz der Größe und Monumentalität der Ausführung erscheint das Virus wie etwas Fliegendes – kaum eingrenzbar, bezähmbar, in Schranken zu halten. So zeigen es uns auch die Bilder der Reportagen in den Medien – wie von unsichtbarer Hand werden Menschen getroffen, in manchen Ländern zahlreich dahingerafft. Wo vorher noch frohes Feiern und Tanzen war, herrscht Friedhofsruhe. Eine Last für diejenigen, die dem nahenden Tod ins Auge sehen. Eine Bürde für die, die den sterbenden Menschen lieben, aber ihn nicht retten, vielleicht nicht einmal begleiten können. Eine Ladung, von der man nicht weiß, wann sie sich genau entzünden wird – mit Folgen, die zwar man zwar hypothetisch berechnet, die aber menschlich, existentiell in ihrer Tragweite schlichtweg nicht auslotbar sind.

Vom anderen Ausgang der Todeserfahrung

Welch ein Kontrast – die Idylle des Frühlingsspaziergangs und die Todesszenarien! Ähnlich wie vor rund 1990 Jahren, um die gleiche Zeit, in Jerusalem. Die Gruppe der Freunde um Jesus in der Vorfreude auf das jüdische Pascha-Fest – und dann der Schock der Todesankündigung Jesu. Kurz danach gewaltsam dahingerafft. Verheerend für die Freunde. Erschütternd für diejenigen, die ihn zur Todesstätte begleiteten. Die Zukunft schwarz. Doch das Ende war zugleich ein Anfang, der Anfang der Verbreitung einer Botschaft, dass Hoffnung berechtigt ist, dass Liebe den Tod überwindet, dass das Dunkel nicht das letzte Wort hat, sondern das Leben, das Leben aller Menschen auf dieser Erde, das Leben der ganzen Welt, das Leben über den Tod hinaus. Äußerlich hatte sich nichts geändert, und doch war alles anders. Wie wenn man einen Buchstaben auswechselt und es wird aus LOAD plötzlich LORD, ein staunendes Anerkennen der göttlichen Macht, die nicht auf Gewalt, sondern auf Liebe beruht. Ein Perspektivenwechsel vom Düsteren ins Helle, den ich all denen wünsche, die jetzt um Verstorbene trauern: hin zur Gewissheit, dass Gott die Sterbenden trägt, dass die Toten bei Gott gut geborgen sind, dass auch wir in unserer Trauer von Gott gehalten sind.

Auf die Gefahr hin, dass ich etwas in das Bild hineininterpretiere ….

Haben die Sprayer das auch so oder zumindest so ähnlich empfunden, dass es ein Licht gibt inmitten der Bedrohung? Da ist ein Zusatz auf dem Bild, der mich auf diesen Gedanken gebracht hat. Klein, weiß vor dem schwarzen Hintergrund, unscheinbar, aber doch klar zu lesen, steht unter dem Virusbild: Share your toilet paper. Ist das ironisch gemeint? Oder schwarzer Humor angesichts der raschen Verbreitung des Virus? In meinen eigenen Überlegungen deute ich es anders, im ernsten Sinn. Es macht auf eine Dimension aufmerksam, die sich inmitten des Bedrohungsszenarios Platz schafft, unbemerkt, aber standfest, gelebt durch zahlreiche Menschen, spontan und unaufgeregt. Ein Antivirus angesichts des Leids. Eine Medizin gegen die Verletzlichkeit. Eine Impfung gegen die Angst. Ein schlichter Hinweis: Teilt das Lebensnotwendige! – es ist genug für alle da. Seid solidarisch und engagiert Euch! – wir können gemeinsam überleben. Achtet aufeinander, nehmt Rücksicht! – jeder zählt.

Die Welt mit den Augen von Ostern

Der Perspektivenwechsel hat schon begonnen, im Kleinen, Unscheinbaren. Als große Herausforderung steht uns noch bevor, wie wir so teilen können, dass alle das Lebensnotwendige haben. Aber inmitten des Schreckens hat das Gute begonnen. Es gibt zu erkennen, was am Ende wirklich zählt: was wir geglaubt, was wir gehofft und wie wir geliebt haben.

Danke für die Denkanstöße an die mir unbekannten Sprayer.

Autorin: Sigrid Müller Foto: M.W.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: