Zwischen Hierarchie, Hauskirche und Zoom: Kirchliche Gemeinschaft in der Coronazeit (Johann Pock)

Was bedeutet die aktuelle Notwendigkeit, die gesellschaftlichen Kontakte zu minimieren, für eine Glaubensgemeinschaft, die gerade auf solchen Kontakten aufgebaut ist? Johann Pock analysiert den aktuellen Einfluss und mögliche Konsequenzen der Covid-19 Pandemie auf Sozialformen (nicht nur) der Kirchen. Und er hinterfrägt die möglichen Konsequenzen des Ausfalls der Mesoebene.

Unsere Gesellschaft basiert auf unterschiedlichen Formen von Gemeinschaften. In der Soziologie und Ethnologie werden mit „Gemeinschaft“ überschaubare soziale Gruppen bezeichnet: Familie, Gemeinde, Clan oder auch ein Freundeskreis. Ihre Mitglieder sind durch ein starkes „Wir-Gefühl“ eng miteinander verbunden. Daher gilt die Gemeinschaft als ursprünglichste Form des Zusammenlebens und als Grundelement der Gesellschaft.

Seit einem Monat ist jedoch vieles anders: Abstand halten, sich nur mit den Personen des eigenen Haushalts treffen und viele der gewohnten Sozial- und Kommunikationsformen aufzugeben verändert. Denn ein Großteil unseres Lebens spielt sich zumeist nicht in den eigenen vier Wänden und in der (Klein-)Familie ab, sondern in unterschiedlichsten Formen von Sozialkontakten und Gemeinschaften: im Beruf, in Freizeitaktivitäten, in Vereinen – und nicht zuletzt in religiösen Gemeinschaften. Das Aussetzen der Möglichkeit, sich in diesen Gruppen über Wochen und vielleicht Monate physisch zu treffen, hat eine spannende Dynamik in Gang gesetzt, in der wir gerade mittendrin sind.

Ich nehme dabei folgende, teilweise gegenläufige Dynamiken wahr: eine Stärkung von nationalen Identitäten und zentralen Institutionen – bei gleichzeitiger Aufwertung der kleinsten Zellen der Gesellschaft; eine Dynamisierung von Online-Netzwerken – und eine Zunahme von Eigeninitiativen. Und einen fast gänzlichen Ausfall der mittleren sozialen Ebenen.

Unterschiede zwischen Makro- und Mikroebene und Ausfall der Mesoebene

Die letzten Wochen haben auf nationaler, gesellschaftspolitischer Ebene dazu geführt, dass das Wir-Gefühl einer Nation durch starke Führungspersönlichkeiten gefördert wurde. In Österreich geschieht das nicht zuletzt durch einen Bundespräsidenten, der in ruhiger, besonnener und staatstragender Form von Anfang an betont: „Wir schaffen das!“ Und auch durch einen Bundeskanzler und seine Minister, die in großer Einmütigkeit und Bestimmtheit regelmäßig vor die Presse treten und die heftigsten Einschnitte in das gesellschaftliche, soziale Leben ankündigen – um eines höheren Gutes willen: die Entlastung von Intensivbett-Kapazitäten, um nicht in eine Situation zu kommen, in der nicht mehr allen Personen adäquat geholfen werden kann.

Auf kirchlicher (katholischer) Ebene sind medial vor allem der Papst und die Bischöfe präsent – nicht zuletzt aufgrund der Notwendigkeit, die zentralsten Feiern des Christentums, die Karwochen- und Osterliturgien, zu regeln, zu gestalten und zugleich auch stellvertretend zu feiern. Zusätzlich aber gibt es mit fast täglichen Übertragungen von Messen in den unterschiedlichsten Medien auch viel Präsenz von verschiedensten Priestern. Neben der liturgischen Präsenz sind die führenden Religionsvertreter zuletzt auch vermehrt in ihren caritativen und sozialen Stellungnahmen öffentlich wahrgenommen worden.

Für eine Gesellschaft ist der Ausfall der Mesoebene tendenziell fatal: Es steigert auf der einen Seite die absoluten Machtansprüche der Führungsebenen (wie es zuletzt Präsident Orban in Ungarn vorgeführt hat); und es überlastet die Möglichkeiten der Mikroebene, was z.B. zu gesteigerter Gewalt im häuslichen Bereich führen kann. Hier sind gerade auch die österreichischen PolitikerInnen gefordert, wachsam zu sein.

Aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Kirchen und Religionsgemeinschaften als Glaubens- und Solidargemeinschaften bleibt relativ wenig Platz für die Meso-Ebene, die ansonsten so zentral ist: Die Pfarrgemeinden, die Initiativgruppen, die Bibelrunden und Glaubenskurse. Gerade diese mittlere Ebene fällt aufgrund des Versammlungsverbotes aus. Sie aber stellte nicht erst seit dem II. Vatikanum jene Ebene dar, auf welche die meiste pastorale Mühe verwendet worden ist: in der rituellen Begleitung in unterschiedlichen Lebenslagen, in der Vorbereitung und Feier der Sakramente, aber auch in den verschiedensten caritativen Initiativen und Gruppen. Aktuell merken dies z.B. viele Hauptamtliche in den Diözesen, da nach den intensiven Vorbereitungen alternativer Osterliturgie-Modelle nun die Zeit der Erstkommunion- und Firmvorbereitung und Feier der Sakramente käme, die jedoch vorerst auf den Herbst verschoben worden sind.

Damit ist die Ausübung der jeweiligen Religion auf die elementarsten Vergemeinschaftungsformen zurückgeworfen: auf Haus- und Lebensgemeinschaften; oder überhaupt auf jene Form, die meines Erachtens am leichtesten übersehen wird: die einzelnen Personen als „Singles“. Gerade das Christentum ist aber vom Anspruch her nicht eine „Privatreligion“, sondern eine Religion, die gemeinschaftlich verfasst ist.

Einzelne dieser wahrgenommenen Veränderungen im gesellschaftlichen und religiösen Sozialgefüge sollen im Folgenden kritisch hinterfragt werden.

Die Zeit der Hauskirche?

Christliche Gemeinschaft hat zwar als „Hauskirche“ begonnen. Diese war jedoch nicht auf die Kleinstfamilie beschränkt, sondern hat von Anfang an die Familiengrenzen überschritten. Insofern ist die Rede von der Hauskirche im Blick auf die Kleinstfamilie nicht deckungsgleich mit dem biblischen Befund bzw. dem Verweis auf die junge Kirche. Interessanter Weise sprengt die jesuanische Botschaft gerade die familiäre Struktur: die neue Glaubensfamilie ist eben nicht nach Blutsbanden gegliedert, sondern als Gemeinschaft derer, die an diesen Jesus als Christus glauben. Und es ist vor allem eine Solidargemeinschaft, die jene vereint, die anderen helfen; die sich für die Nächsten einsetzen, unabhängig von ihrem Glauben. Mt 12,50: „Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“

Häufig sind die familiären Hausgemeinschaften religiös jedoch nicht ganz gleich ausgerichtet. Das Idealbild von Eltern mit zwei Kindern, die gemeinsam zum selben Gott beten, ist schon lange nicht mehr der Normalfall. Die Anfrage an Glaubensgemeinschaften ist daher, eigene Angebote daraufhin zu hinterfragen, wer konkret im Blick ist – und was im Sinne von Subsidiarität unterstützend angeboten werden kann. Umgekehrt entwickeln sich aktuell gerade an dieser sogenannten „Basis“ neue Formen der gelebten Alltagsreligiosität, kreative liturgische Formen, caritative Formen der Nachbarschaftshilfe – und diese Erfahrungen könnten auch bisherige Vorstellungen von Religionsausübung nachhaltig verändern.

Die Stärkung digitaler Netzwerke

Eine nicht ganz neue, aber mit immensem Innovationsschub versehene Form der Kommunikation und der Vergemeinschaftung stellen die diversen digitalen Netzwerke dar. Auch wenn nicht alle Personen in gleicher Weise die finanziellen oder technischen Möglichkeiten besitzen, werden hier Erfahrungen von Gemeinschaft gemacht, die zwar nicht physisch sind, dennoch aber als real, seelsorglich, unterstützend und auch unterhaltsam wahrgenommen werden.

Hier stellt sich die Frage, welchen Stellenwert digitale Netzwerke und digitale liturgische Formen in der Post-Corona-Zeit haben werden. Sind sie ein Teil der zukünftigen Vergemeinschaftungsformen? Wie kann verhindert werden, dass damit ein weiteres soziales Ausschlusskriterium ins Spiel kommt? Klar ist meines Erachtens, dass der „Pfarrkaffee“ und die gemütliche Gesprächsrunde nicht ersetzt werden können durch eine Zoom-Begegnung mit Tablet. Zugleich aber erleben jetzt Menschen, wie sehr über digitale Formen auch Dialog und Nähe möglich sind. Die „virtuelle Gemeinschaft“ wird so auf der Erfahrungsebene zu einer sehr realen.

Verstärkte Hierarchie bei gleichzeitig zunehmender Basisverantwortung

Das aktuelle Veranstaltungsverbot verhindert die Feier der meisten liturgischen Vollzüge. Was aber bedeutet es für eine Gemeinschaft, wenn ihr die essentiellsten Riten genommen sind? Keine oder teilweise extrem reduzierte Sterbebegleitung und Trauerliturgie; über Monate keine Sakramentenspendungen, medial vermittelte Eucharistiefeiern im kleinsten Kreis? Der vergangene Monat und vor allem die Karwoche haben meines Erachtens vor allem zwei Entwicklungen gefördert: Einerseits die Stärkung der „communio hierarchica“ – also die Wahrnehmung, dass die römisch-katholische Kirche hierarchisch verfasst ist, vom Papst, über die Bischöfe und Priester hin zu den Laien. Und zugleich eine Stärkung der Mikroebene, der „kleinen Zellen“: Personen oder auch kleine Gemeinschaften, die ihre Eigenverantwortung wahrnehmen und ihr Christsein (oder ihren Glauben) bewusster leben.

Zugleich fehlt ein essentieller Teil des christlichen Verständnisses von Gemeinschaft – nämlich das körperliche Element. Die Theologin und Philosophin Isabella Guanzini hat dies so ausgedrückt: Christentum ist weder leibfeindlich (gnostisch-doketisch), noch rein vergeistigt (platonisch), sondern leiblich und körperlich. Alle Sakramente haben diese physische, leiblich erfahrbare Komponente dabei. Wir sprechen von der Kirche als „Leib Christi“. Was bedeutet es für eine Glaubensgemeinschaft, wenn auf längere Zeit gerade diese physische Komponente nicht ausgelebt werden kann? Reicht es dabei, darauf zu verweisen, dass durch den Mangel der Hunger danach umso größer wird?

Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel empfiehlt jedenfalls, dass nicht nur virtuelle Angebote gemacht werden sollen, sondern dass nun wieder persönliche Seelsorge in den Fokus zu rücken sei. Insbesondere mit Älteren sollte wieder direkt Kontakt aufgenommen werden. Und er meint: „Ich glaube nicht, dass Gemeinden sich jetzt darauf konzentrieren sollten, vor allem weiter Gottesdienste anzubieten. Wichtiger sind Angebote, bei denen ich direkt mit jemandem reden kann.“

Gleichzeitig aber gibt es auch die Erfahrung, dass persönliche Seelsorgsformen an ihre Grenzen stoßen. Der Leiter einer Klinikseelsorge, Wolfgang Reuter, fragt: „Angesichts der Pluralität dessen, was in der Seelsorge alles möglich ist, stehen Seelsorger*innen vor der alles entscheidenden Frage: Wie geht Seelsorge in Zeiten von Corona für mich?“

Fazit

Eine spezielle Herausforderung im Blick auf die Entwicklung kirchlicher Gemeinschaftsformen liegt meines Erachtens darin, die Zentrifugalkräfte zwischen einerseits stark auf Hierarchie bezogenen Angeboten und andererseits ganz individuell entwickelten Glaubensformen zu ergänzen mit dem, was durch den Ausfall der Mesoebene fehlt: Seelsorgsgespräche, Begegnungsmöglichkeiten und rituelle Begleitung von Lebensereignissen. Und die Suche nach den aktuell möglichen und angemessenen Formen von seelsorglicher Begleitung, so sie gewünscht wird, wird nur individuell zu lösen sein. Zugleich braucht es eine große Wachsamkeit im (gesellschafts-)politischen Bereich im Blick auf die Entwicklung tendenziell totalitärer Herrschaftsformen.

Autor: Johann Pock ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Wien

Beitragsbild: Von Armin Schreijäg auf Pixabay

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