Die Kraft des Gespräches: Gegen die Bedrohung der Sprachlosigkeit (David Novakovits)

Gegenwärtig sind Kinder und Jugendlichen mit Fragen konfrontiert, die ihre gesamte Selbst- und Weltwahrnehmung betreffen können. In dieser ‚dichten Zeit‘ besteht für den Religionsunterricht eine Verantwortung: Dabei zu helfen, diese Erfahrungen mit anderen zu teilen – damit nicht über einem das Chaos zusammenschlägt, sondern damit Welt neu empfunden werden kann.

Verschiebungen in unseren Weltbildern

Unsere Wahrnehmungen von uns selbst und von Welt erfahren derzeit massive Verschiebungen. Man kann dies an einem banalen Beispiel verdeutlichen: Für viele von uns war die Wohnzimmercouch (so man denn eine besitzt) bislang wohl nicht zuletzt auch ein Sehnsuchtsort. Ein Rückzugsort, den man immer wieder auch gerne aufgesucht hat, um sich zu entspannen oder auch eine Ruhe zu genießen. Gegenwärtig müssen wir jedoch ernüchtert feststellen: So großartig ist unsere Couch dann auch wieder nicht. Stattdessen erfahren wir eine Sehnsucht nach der Welt da draußen (die nicht einfach digital gestillt werden kann), ein Wunsch, andere zu treffen, ein Begehren für die anderen. Vielleicht entwickeln wir auch ein neues Gespür für die vielfältigen Nuancen der Blicke der anderen – schließlich sind die Augen das einzige im Gesicht der Mitmenschen, das wir in nächster Zukunft wohl im öffentlichen Raum zu sehen bekommen.

Neben diesen ungefährlichen Verschiebungen (die uns dennoch etwas sagen können und die deutlich zeigen, wie unsere alltägliche Wahrnehmung eine Um-Codierung erfährt) finden weitaus gravierendere Veränderungen in unseren Selbst- und Weltwahrnehmungen statt. Gerade auch für Kinder und Jugendliche können diese Verrückungen in ihren Selbst- und Weltbildern verunsichernd sein. Welche Möglichkeiten und welche Verantwortung kommen dem Religionsunterricht in dieser Zeit zu? Und auf welche Ressourcen kann er dabei zurückgreifen?

Eine un-chronologische Zeiterfahrung

Angeknüpft werden kann hier bei einer weiteren Verschiebung in unserer alltäglichen Wahrnehmung: Dem veränderten Empfinden von Zeit. Viele Kinder und Jugendlichen haben vermutlich noch nie so eine massive und gravierende Unterbrechung der chronologischen Dominanz der Zeitwahrnehmung erfahren. Sicher, auch bei bisherigen Erfahrungen gab es ‚Störungen‘ des rein chronologischen Zeitempfindens. Eine Sensibilität für verdichtete Zeit ist Kindern und Jugendlichen nicht fremd: Das Spielen und das Verliebtsein etwa sind wohl für jeden für uns biografische Splitter, die uns diese anderen Zeiterfahrungen vergegenwärtigen lassen. Im Moment wird dieses andere Zeitempfinden jedoch zu einer kollektiven Erfahrung, die wir teilen können.

Walter Benjamin spricht in seinem bekannten Text Über den Begriff der Geschichte von den Möglichkeiten, die solch eine Unterbrechung mit sich bringen kann. Diese Störung des chronologischen Fortlaufens bzw. diese Unterbrechung einer „homogenen und leeren Zeit“ (XIV. geschichtsphilosophische These) erfordert ein Eingedenken. Das Denken darf nicht einfach darüber hinweggehen, als ob gerade nichts geschehen würde.

Fragen unterbrechen die ‚Normalität‘

Vielmehr stehen gerade das monotone Dahingehen und Fortschreiten der Zeit still. Wie in einem „Schock“, wie in einer „Kristallisation“ erstarrt uns gerade die Gegenwart und wird zur Zeit, die wir befragen können (XVII. These): Wo finden wir einen „Funken der Hoffnung“ in den Geschehnissen, die wir erleiden? Welchen Erinnerungen wollen wir uns jetzt bemächtigen, wo sie „im Augenblick einer Gefahr aufblitzen“ (VI. These)? Welche Empfindungen tun sich in uns auf, die wir bis jetzt noch nicht vernommen haben? Wie können wir das verstehen, was um uns herum passiert? Was bewegt uns eigentlich in dieser ver-rückten Zeit? Man kann annehmen, dass für viele Jugendlichen diese Zeit tatsächlich auch eine „von Spannungen gesättigte Konstellation“ (XVII. These) darstellt. Andrea Lehner-Hartmann (https://theocare.wordpress.com/2020/04/02/reiligionsunterricht-aktuell-gefordert-uberfordert-relevant/) und Karin Peter (https://theocare.wordpress.com/2020/04/06/digitalisierungsschub-ja-sicher-solidarisierungsschub-bitte-mehr/) haben in ihren Blogbeiträgen darauf hingewiesen, dass diese Erfahrungen nicht uniform sein werden. Wir wissen noch wenig von den Erfahrungen, die Jugendliche in ihren je einzelnen Lebensumständen machen. Sie werden vermutlich mit einem breiten affektiven Register verbunden sein: Stress, Langeweile, Verlangsamung, Gereiztheit, Anspannung, Leblosigkeit, Freude, Entspannung, Nervosität, Verzweiflung und Unsicherheit.

Religionslehrer*innen steht hier eine große, aber auch wichtige Aufgabe bevor: Nach einer ihnen möglichen Weise diese Fragen jetzt aufzugreifen. Einen (Klassen-)Raum zu eröffnen, in welchem diese Empfindungen zu Wort kommen, besprochen und gehört werden können.

Eine Aufgabe des Religionsunterrichtes: Das Versprachlichen der Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen

Der über die Medien gespielte gesellschaftliche Diskurs stand – zumindest in den ersten Wochen der Krise – massiv unter dem Vorzeichen zweier Impressionen: Zum einen gab es den täglichen (oder nahezu stündlichen) Blick auf die Zahlen der Statistik: Die Zahlen der mit dem Virus infizierten Menschen und – einige Tage danach – die Zahl der am Virus Verstorbenen. Die zeitliche Entwicklung dieser Zahlen wurde zum symbolischen Ausdruck und zum Ankerpunkt, um die vor sich gehende Entwicklung greifbar und fassbar zu machen. Wenn auch von Seite der Expert*innen und von Politiker*innen immer wieder auf die Unzuverlässigkeit und Ungenauigkeit dieser Zahlen verwiesen wurde, so verfolgten wir ihr Ansteigen doch wie unter einem Bannstrahl. Vielleicht war dies ein Ausdruck des Versuches, das unfassbare Geschehen zu bewältigen oder in vorhandene Wahrnehmungskategorien einzuordnen.

Zum anderen waren es vor allem Bilder, die in der allgemeinen Wahrnehmung hängen geblieben sind und auch so etwas wie einen „Schock“ verursacht haben: Der Militärkonvoi als Toten-Transport, der in gespenstischer Stille der Nacht die Stadt Bergamo verlässt, die in den Intensivstationen der italienischen Krankenhäuser an die Beatmungsgeräte angeschlossenen Menschen, die vermummten Mediziner*innen in ihren Schutzanzügen und die leeren Straßen der Städte.

Die Eindrücke von Zahlen und von Bildern haben uns zunächst sprachlos gemacht. Diese kraftvollen und schockierenden Eindrücke müssen wir jedoch erst verarbeiten. Wenn diese Impressionen nicht versprachlicht werden, können wir sie auch schwerer sublimieren, weil sie uns unzugänglich bleiben. Was ist mit „Versprachlichung gemeint? Damit ist nicht der Weg einer billigen Vertröstung intendiert (‚es wird schon wieder alles gut‘ oder – noch schlimmer! – religiöse Vertröstungen, die sofort auch zynisch werden). Die Kraft der Sprache muss immer auch als eine gewisse Form von Ermächtigung gesehen werden: Sprechen ermöglicht es, sich mitzuteilen und wieder eine Art von Ordnung in dem Chaos zu stiften.

Die Kraft der Sprache: An-sprechen gegen das Chaos

Zu einem Chaos kann die Welt gegenwärtig für jene Kinder und Jugendliche werden, die mit drastischen und dramatischen Veränderungen zu kämpfen haben. In den biblischen Texten können wir die mythologische Metapher des Chaoswassers finden. Immer werden biblische Figuren von der Angst umgetrieben, dass die Welt über ihnen zusammenbricht, dass dieses Chaoswasser über sie hineinstürzt (Eindrucksvoll geschildert etwa im Psalm 69,3: „Ich bin in tiefem Schlamm versunken / und habe keinen Halt mehr; ich geriet in tiefes Wasser, / die Strömung reißt mich fort.“).

Gegen die Macht des Chaos stemmt sich der biblische Gott von Anfang an. Sein Versuch, das Chaos zurückzudrängen, ist dadurch gekennzeichnet, dass er spricht. An dem theologischen Ausdruck Schöpfung im und durch das Wort möchte nur zwei Facetten hervorheben: Die (innere und äußere) Welt ist uns immer nur durch Sprache eröffnet; Sprache macht sie uns zugänglich und kann (fragile) Wege in dem Chaos aufbrechen. Gleichzeitig haben wir auch die Kraft, durch unsere Wörter die anderen zu erreichen. Dies ist das zweite Merkmal: Wir sprechen eine Sprache nie allein. Oder wie Wittgenstein anmerken würde: Es gibt keine Privatsprachen. Das Sprechen kann uns davon befreien, dass wir nur in unserer Welt gefangen sind. Das Miteinander-ins-Gespräch-kommen kann uns (auf sensible oder auch grobe Art und Weise) vermitteln, wie vielfältig Welt ist. Und sie kann uns letzten Endes auch helfen, unsere Erfahrungen zu bewältigen, indem wir sie mit anderen teilen und darauf hoffen können, eine Resonanz auf diesen Sprechakt zu erfahren.

Es ist zu hoffen, dass religiöse Bildung und der Religionsunterricht an den Schulen einen Beitrag dazu leisten kann, solche Gespräche zu eröffnen und ihnen einen Raum anzubieten.

Bildquelle: Pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: