Konkurrenz oder Kooperation in der Pandemie: Bitte mitmischen! (Regina Polak)

Regina Polak wünscht sich, dass sich Kirche und Theologie in den öffentlichen Diskursen zur Zeit nach Corona mutig einbringen und mitdenken.

„Thinking in a Pandemic“ nennt das politische und literarische Forum Boston Review seine Beiträge, in denen Ärzte und Epidemiologen, Philosophen und Ökonomen, Rechtswissenschaften und engagierte Bürgerinnen und Bürger über die Zeit nach Corona nachdenken.

Ähnliche interdisziplinäre Foren, Plattformen oder Blogs erscheinen derzeit auf internationaler und nationaler Ebene im Stundentakt. Syllabus, eine Plattform, auf der auf internationalem Level wissenschaftliche Artikel, Essays, Podcasts und Bücher angeboten werden, hat eigene Coronavirus Readings auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch usw.

In Frankreich unterzeichneten 60 Parlamentarier den Aufruf zu einer kollaborativen Bürgerplattform Le jour après, die von der französischen Abgeordneten für Lateinamerika und die Karibik, Paula Forteza, initiiert wurde, um einen Plan nach der Krise zu erstellen. Diese Online-Konsultation, die derzeit läuft, ermöglicht es Bürgerinnen und Bürgern, Ideen auszutauschen, zu debattieren und neue Maßnahmen zu entwickeln.

Die Universität Wien wie auch die Wiener Wirtschaftsuniversität bieten interdisziplinäre Dossiers über gesellschaftspolitische Herausforderungen und antworten auf Fragen, die sich nach Corona stellen werden.

Österreichische Künstlerinnen und Künstler, u.a. Michael Stavarić und Julya Rabinowich, veröffentlichen über das Literaturhaus Graz Corona-Tagebücher.

Auf UMBRUCH bietet eine interdisziplinäre Forschergruppe Beiträge von Intellektuellen, Künstlerinnen und Künstlern, Bürgerinnen und Bürgern aus der Zivilgesellschaft, die über Gestaltungsmöglichkeiten und Fragen der Zukunft nachdenken.

Eine Gesellschaft, die bis vor kurzem noch darauf hoffte, die Gegenwart in die Ewigkeit auszudehnen , weil die Zukunft nur Probleme mit sich bringt, scheint aufzuwachen. Natürlich gibt es auch Gegenstimmen, die diese Fragestellungen für irrelevant erklären, weil man nichts über die Zukunft sagen könne. Sie finden die Debatten „aktivistisch“ oder wollen oft auch gar nichts ändern, sondern wieder in den Status quo zurückkehren. Mir erscheinen solche Stimmen nicht nur – pardon – mieselsüchtig, sondern auch fahrlässig. Denn allein die wirtschaftlichen und sozialen Folgeschäden der Pandemiebekämpfung werden Österreich und die Welt nachhaltig verändern. Wer sich da nicht schicksalsergeben unterordnen will, kann und muss jetzt mithelfen, die geistigen Weichen zu stellen, wie es weitergehen soll. Weltanschauliche Fragen sind zentral und in diesem Sinn systemrelevant.

Wo sind die katholische Stimmen?

Und wo ist die Kirche, wo sind die katholischen Intellektuellen, die Theologinnen und Theologen in diesen Foren? Wo sind die katholischen Stimmen? Bis auf einzelne Personen, wie z.B. Tomaś Halik, der die prophetische Stimme der Theologie einmahnt (alle kann ich hier nicht aufzählen), ist es angesichts der nach wie vor vorhandenen Quantität und Qualität kirchlicher und theologischer Expertise ziemlich ruhig. Engagierte Gläubige klagen mir ihr Leid, dass sie von den Eliten ihrer Kirche so wenig hören. Tatsächlich fehlen in all den eingangs beschriebenen Diskursen nicht nur die katholischen Stimmen, sondern das Thema Religion spielt faktisch keine Rolle.

Stattdessen nehme ich wahr, dass im deutschsprachigen Raum Kollegen einander „Glasperlenspiele“ und, mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand, „Selbstinszenierung“ vorwerfen. Die Kirche ist mit ihren internen Konflikten beschäftigt. Das ist verständlich, denn es sind die Symptome einer einst mächtigen Kirche, die mit ihrem gesellschaftlichen Relevanzverlust nur sehr schwer zurechtkommt und sich bisher noch nicht ausreichend neu orientiert hat, welche Rolle sie in einer säkularisierten, religiös pluralen Gesellschaft spielen kann und soll. Dieses Versäumnis wird derzeit überdeutlich sichtbar: in Resignation, inneren Konflikten, Schweigen im öffentlichen Raum.

Kirche im Kampf der Ideen

Ich gestehe: Ich wünsche mir eine Kirche, in der sich deren Eliten, Intellektuelle, Gläubige auf den verschiedenen Ebenen der Gesellschaft offensiv und mutig in den Kampf um die Ideen und die Gestaltung der Zukunft einmischen.

Kampf: Das klingt sehr martialisch und gefällt Christinnen und Christen so gar nicht. Aber wir müssen uns bewusst sein: Die Gestaltung der Zukunft ist auch ein Kampf um Aufmerksamkeit und Durchsetzung von Ideen, ein Kampf um Hegemonie. Es ist auch ein Konkurrenzkampf. Ob einem das gefällt oder nicht. Sollte die Krise noch länger weitergehen – und das wird sie, weil früher oder später die politischen Konflikte losbrechen werden, wer die Schulden bezahlt, wie Ressourcen verteilt werden, welche und wessen politische Interessen sich durchsetzen, national, in Europa und global – werden die Kämpfe erst richtig ausbrechen. Die OSZE, in der ich derzeit ehrenamtlich mitwirke, bereitet sich bereits auf die Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen, steigende Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit infolge von Corona vor.

Konkurrenzkämpfe sind historisch nichts Neues, insbesondere in und nach Katastrophensituationen. Die Bekämpfung der Cholera in Hamburg wurde so z.B. durch den Konkurrenzkampf zweier Wissenschaftler blockiert und kostete tausende Menschenleben. Der Mangel an politischen Ideen und politische Machtkämpfe taten das Ihre und verschärften die Katastrophe.

Das Dümmste (erneut: pardon), was wir als Kirche derzeit daher machen können, ist, unsere Ideen wechselseitig klein zureden. Etwaige Konflikte können schöpferisch sein, wenn sie nicht gegen- sondern miteinander geführt werden. Wir brauchen Kooperationen, Strategien, Konzepte, um uns einzubringen in die aktuellen Diskurse. Die Zeiten, in denen Medien, Wissenschaften, Künstler bei uns um Audienzen ersuchen, sind vorbei. Die Kirche hat viel Kredit verspielt, so schmerzvoll das ist. Wir müssen selbst initiativ werden, auch und gerade im öffentlichen Raum, im Diskurs mit den gesellschaftlichen Meinungsträgerinnen und Multiplikatoren. Einzelkämpfertum wird nicht sehr hilfreich sein.

Kooperation statt Konkurrenz

Konkurrenz ist nun nicht das Geschäft der Kirche. Auch bemisst sich ihr Erfolg nicht daran, ob sie ihre Interessen durchsetzt. (Wiewohl sie dieses Geschäft in Europa eigentlich doch sehr lange gut beherrscht hat.) Gleichwohl ist sie verpflichtet, die Welt und die Gesellschaft mitzugestalten. Zu erinnern ist hier an die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, die sehr klar das gesellschaftliche und politische Mandat der Kirche formuliert (vor allem Kapitel IV).

In Österreich kommt man diesen Verpflichtungen meistens hinter den Kulissen nach – mit beachtlichen Erfolgen. Gleichwohl denke ich, dass die österreichische Kirche lernen muss, sich auch mutig in den öffentlichen Raum einzumischen und sich der Konkurrenz zu stellen. Nicht alle werden sich freuen, wenn die Kirche ihren privaten Raum, der ihr für Kultisches gestattet wird, verlässt.

Nun haben die Vorbehalte gegen Kampf und Konkurrenz gute theologische Gründe. Konkurrenzförderung gehört nicht zu den Handlungsmaximen des Jesus von Nazareth. Er hatte die Verliererinnen und Verlierer im Blick. Aber die Bibel widmet sich diesem Thema doch insgesamt sehr ausführlich. Man kann sie auch lesen als eine Erzählung, die zeigt, dass bestimmte Formen des Umgangs mit Macht scheitern werden. Dazu gehört auch die Konkurrenz (vgl. Kain und Abel). Zugleich entwirft sie Alternativen, wie man die menschliche Neigung zu Rivalität und Kampf gegeneinander zumindest zähmen kann: Entwicklung von Recht, Gerechtigkeitsnormen, Umgang mit Scheitern und Leid, Förderung von Teilhabe, Schutz der Marginalisierten uvm. Sie setzt auf Kooperation.

Vielleicht ist diese eine der wichtigen Aufgaben der Kirche: sich in den Konkurrenzkampf um die guten Ideen für die Zukunft kooperativ einbringen, Kooperationen fördern, alternative Lebensmodelle nicht nur predigen, sondern konkret leben (was übrigens alles bereits geschieht) und öffentlich machen. Das wird nicht ohne Konflikte möglich sein, untereinander, mit weltanschaulichen Gegnern. Der Glaube an den Erfolg der Konkurrenz als entscheidendem Erfolgsfaktor wird auch nach Corona ungebrochen sein. Aber vielleicht kann man lernen, diese Konflikte nicht als Störung, sondern als Lernort wahrzunehmen: im gemeinsamen Einsatz für eine hoffentlich nach Corona bessere Zukunft.

Erinnerung die junge Kirche

Mich persönlich prägt dabei die Erinnerung an die junge Kirche: eine verfolgte Minderheit in einem riesigen Imperium. Aber dieser Kirche gelang es, sich für jene einzusetzen, die in der Gesellschaft als unnütz galten (ausrangierte Soldaten, Kranke ohne Familie, weggelegte Kinder), den jüdischen Glauben für die intellektuellen Eliten in deren philosophischer Sprache attraktiv zu machen, und in den Gemeinden Menschen aus verschiedenen kulturellen und sozialen Milieus zusammenzubringen. Das machte sie für Konstantin einst interessant.

Nun geht es natürlich nicht darum, wieder Staatskirche zu werden. Aber das fruchtbare mehrdimensionale Engagement einer kleinen Minderheit gibt doch Grund zur Hoffnung. Dabei müssen nicht alle alles können oder gar machen. Aber mehr als derzeit ist möglich!  

Bildquelle: Pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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