Universität remote? – Überlebenstipps für ein Semester Online-Lehre (Viera Pirker)

In Österreich und in der Schweiz findet bereits seit Mitte März der gesamte Hochschulbetrieb im „remote learning“ statt. Deutschland hat den Semesterstart nach hinten geschoben – am ersten Tag sind auch dort, wie man hört, alle möglichen Plattformen unter der Überlastung zusammengebrochen. Viera Pirker hat einige Grundsätze und konkrete Tipps zum Leben und Überleben in der Hochschullehre zusammengestellt.

Es gibt fast nichts, was es nicht gibt im Bereich der Digitalen Lehre. Bevor man sich jedoch in den Untiefen der Möglichen verliert (weitreichende Hinweise sind unten verlinkt), empfehle ich:

1. Die Technik nicht unterschätzen

Ein Online Tool anzuwenden, geht in der Regel sehr einfach, erklärt sich aber dennoch nicht von selbst. Es lohnt sich, ein wenig Zeit zu investieren, die Funktionen kennenzulernen und auch im Kurs erklären zu können. Nur weil Studierende jünger sind, heißt das nicht, dass sie die Technik automatisch besser beherrschen.

Zum Beispiel: Die Erfahrung mit Videokonferenzen ernüchtert und begeistert. Weniger Reisen, Austausch informell, rascher und fröhlicher Kontakt. Doch alleine in den vergangenen Wochen war ich mit zig verschiedenen Tools unterwegs, Zoom, Jitsi, Skype, Blizz, MS Teams, WebEx und andere: Das eine geht in einem bestimmten Browser nicht, das andere gibt es nur als App; App und Browser haben unterschiedliche Funktionen. Mal spricht das Mikro am Laptop schlecht an, dann geht das Headset nicht, oder die Kamera greift nicht richtig zu. Die Verbindungsqualität ist immer wieder ‚poor‘ und wackelig. Probleme, die wir als Lehrende haben, werden auch die Studierenden haben. Eine Studienassistentin brachte die Herausforderung auf den Punkt: „Ich dachte, ich studiere Deutsch und Religion, aber in diesem Semester studiere ich wohl auch Informatik“. Hinzu kommt, dass weder Lehrende noch Studierende technisch wirklich auf die neuen Bedingungen vorbereitet sind. Wer nicht schon aufgerüstet hat, kommt in Schwierigkeiten: Webcams, Headsets, Laptops haben lange Lieferzeiten. Daher empfiehlt es sich, immer auch im Sinn zu haben, wie eine basale Version gestaltet werden kann, die sich auch an einfachen Geräten (am Smartphone; im Idealfall datensparsam) verwenden lässt.

Insbesondere bei Videokonferenzen und Webinar-Tools ist es sinnvoll, Meetings eine Viertelstunde früher zu öffnen, so dass alle ein bisschen Zeit haben, sich technisch vorzubereiten und Probleme aus dem Weg zu räumen. Auch informelle Situationen am Rechner sind für alle nützlich – genau wie der Kaffee am Gang. Und so kann man auch hier Probeaufgaben stellen, den eigenen Vor-/Nachnamen eintragen, alle reden lassen, alle können Stummstellen und Melden ausprobieren, Bildschirm teilen – dafür brauchen alle Übung. Nehmen Sie an Webinaren teil, die gerade an vielen Universitäten und Standorten angeboten werden, erproben Sie Tools bei Teambesprechungen. Suchen und empfehlen Sie Lernvideos mit guten Informationen. All dies kommt auch bei den Studierenden zum Workload hinzu; deshalb nicht mehr Inhalte einbringen, sondern eher weniger, aber konkreter fördern und fordern.

2. Präsenz oder Absenz, synchron oder asynchron bedenken

Eine Maßgabe des Online-Unterrichts lautet, den Studierenden Zugriff auf Lerninhalte asynchron zu ermöglichen, so dass sie ihre eigene Zeit einteilen können und ggf. die Tage anders strukturieren können, als es der Uni-Stundenplan bislang vorgibt. Vielleicht müssen sie ihre Geräte mit anderen Familienmitgliedern teilen, oder sie sind durch Pflege, Jobs und Sorge zu einer anderen Zeitplanung herausgefordert. Natürlich wäre es ein Leichtes, jetzt komplett in die textbasierte Lehre abzuwandern: Präsentationen und Skripte rundschicken, Texte zur Verfügung stellen, die Vorlesung als Audio oder Video einsprechen. Doch Social Distancing muss sich nicht auf den virtuellen Raum ausweiten; Lehrveranstaltungen sollten nicht vollständig auf Live-Situationen verzichten. Denn wer studiert, studiert nicht immer nur ein Fach und Inhalte, sondern durchaus auch bei einer bestimmten Professorin, einem bestimmten Professor.

Linksammlung "Hchschullehre Online"

Synchron sollte keine Stoffvermittlung, aber durchaus gemeinsame Verarbeitung stattfinden. Für Studierende kann es motivierend wirken, wenn sie gelegentlich und über das Semester verteilt eine Möglichkeit zum Live-Kontakt haben. Eine Videokonferenz zu vorab vorbereiteten Fragen unterstützt asynchrone Lernprozesse, das gute alte Telefonat (oder mal zu zweit eine Videokonferenz abhalten) ersetzt die Sprechstunde, eine online organisierte Gruppenarbeit unter Studierenden ermöglicht auch informellen Kontakt untereinander. Lernpartnerschaften können Lernprozesse, die sonst ganz allein strukturiert werden müssen, gut begleiten. Setzen Sie als Lehrende nicht darauf, dass alle schon eine beste Freundin im Kurs haben, mit der es sich schön arbeiten lässt, sondern tragen Sie Sorge, dass alle versorgt sind, mischen Sie Gruppen und Teams aktiv.

Online-Meetings sind in der Regel zudem viel anstrengender, als wenn Menschen gemeinsam in einem Raum sitzen. Die Aufmerksamkeit wird anders fokussiert. Daher ist es hilfreich, Präsenztermine eher kürzer zu konzipieren; offline-Zeit in einer Sitzung mit zu planen, und kürzere Meeting-Points zu ermöglichen.

Viele Lehrende machen derzeit die Erfahrung, dass sie weniger hinkriegen, dass ein Tag doppelt so schnell vorbei ist, dass die Erfolge sich höchst kleinschrittig einstellen. So geht es auch den Studierenden. Das derzeit zu bewältigende Pensum an Lern- und Entwicklungsaufgaben ist gesamtgesellschaftlich hoch. Lassen Sie Zeit, lassen Sie Raum, setzen Sie langfristige Termine. Kommunizieren und informieren Sie dennoch viel!

3. Datenschutz und Digitalität langfristig in den Blick nehmen

Ein aktuell nicht ganz unleidiges Thema ist natürlich die Datenschutzgrundverordnung. Nutzen Sie für die Lehre zur eigenen Sicherheit und Absicherung vorrangig die Plattformen, die Ihre Universität / Hochschule anbietet; die Nutzung von anderen Plattformen und Angeboten sollten Sie sorgsam abwägen und entsprechend Auskunft geben können über Datensicherheit und Speicher-/Beobachtungspraktiken. Besonders herausfordernd gestaltet sich das Semester für Lehrende, die an verschiedenen Standorten mit unterschiedlichen Systemen arbeiten müssen. Wenn Sie an unterschiedlichen Standorten themengleich arbeiten, empfiehlt sich ggf. die Gründung eines eigenen Blogs oder das zentrale Hosting von Dateien, die dann nur per Link verteilt werden.

Die gute Nachricht: Was Sie jetzt gut digitalisieren, ist auch im kommenden Jahr einsetzbar. Denn angesichts der epidemiologischen Perspektiven werden wir uns auch an den Hochschulen darauf einstellen müssen, dass Studierende auf längere Sicht hin nicht immer im gleichen Raum anwesend sein werden, sondern dass Lehrende es weiterhin ermöglichen müssen, mit verschiedenen Kombinationen von An- und Abwesenheit zu arbeiten.

4. Vernetzung

Schließlich: Bilden Sie ein aktives Persönliches Lernnetzwerk – team-intern, mit Kolleg*innen, über das Lehr-Lernzentrum der eigenen Hochschule. Mein eigenes findet sich im Team und ganz besonders auf Twitter: Hier finden sich hervorragende Ideengeber*innen im #AcademicTwitter oder #TwitterCampus, #remotelearning und #distancelearning; für Religionspädagogik und Theologie empfiehlt sich die Verwendung von Hashtags wie #relichat #digitalekirche #digitaltheology #theodigital #religionspädagogik und natürlich #theologie.

Für Nachwuchsforschende kann sich die Situation aktuell besonders komplex darstellen, mit erschwerten Zugangsbedingungen zu Forschungsliteratur, wegbrechenden Konferenzen und Netzwerken, mit fehlenden Kontakten und oft auch familiären und finanziellen Herausforderungen. Sie brauchen auch in dieser Zeit Begleitung, Möglichkeiten zum Austausch, und Feedback.

5. Tipps und Tools

Auf „Hochschullehre Online“ ist meine digitale Pinnwand zugänglich, auf der ich Tipps und Tools sammle, die mir bei der Konzeption meiner Lehre helfen, und die die ich gerne und immer wieder einsetze. Es ist eine subjektive Auswahl: die Pinnwand lebt, wird erweitert, verändert und ergänzt. Sie mag für viele Lehrende im Sommersemester und darüber hinaus nützlich werden. Denn für das Überleben in digitalen Lernumgebungen gilt ganz besonders: #SharingIsCaring

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Bildnachweis /Titelbild: Photo by Kyle Glenn on Unsplash

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