Der Blick und die Maske (Pierangelo Sequeri)

Ein menschlicher Blick kann das Leben ändern – und selbst noch den Tod. In einer Zeit, in der wir auf Distanz gehalten werden, können wir uns neue Gedanken darüber machen, wie wir unsere Freiheit endlich leben können. Der italienische Theologe Pierangelo Sequeri versucht in seinem Gastkommentar die Würde dieser neuen Augen-Blicke aus der Perspektive des Evangeliums zu entfalten.

Eine neue Erfahrung: Die Augen oberhalb der Maske

Der Ausdruck unseres Gesichtes mag durch den Schutz der Masken unscharf werden, kompensiert wird er jedoch durch eine intensivierte Sprachfähigkeit der Augen. Diese Erfahrung ist eindrücklich den Worten einer Frau eingeschrieben, welche sie an die Mediziner*innen und Pfleger*innen eines Krankenhauses im Moment ihrer Entlassung richtet: “Sollte ich euch einmal wiedertreffen, werde ich mich nicht exakt an eure Gesichter erinnern können, aber ich werde euch ganz eindeutig an euren Augen wiedererkennen.” Auch auf Seiten der Mediziner*innen ist die Erfahrung einer neuen Innigkeit des Blickes belegt: Die Erfahrung eines Blickes, der die Seele zu berühren vermag, können wir auch aus den wiederholten Äußerungen des Sanitätspersonals herauslesen, das in der schwierigen Behandlung der Intensivpatienten herausgefordert ist: “Die ganze Person des in schwerer Atemnot Erkrankten versammelt sich regelrecht in seinen Augen: Er drückt damit – mehr noch als ein enormes physisches Leiden – das Unbehagen der Einsamkeit und Verlassenheit aus, das Erflehen einer Nähe. Alles, was dieser Mensch ist, kommt in diesem Moment in seinen Augen zum Ausdruck.” Gegenwärtig erfahren viele von uns den stechenden Schmerz, geliebte Menschen in ihrem Sterben nicht einmal mit einem letzten zärtlichen Blick begleiten zu können. Selbst dafür sind wir auf die (maskierten) Augen anderer angewiesen, die diese letzten Blicke für uns stellvertretend an ihre Bestimmung bringen.

Ein menschlicher Blick verwandelt das Leben – und selbst den Tod

Die moderne Stadt nährt teilnahmlose, unbekümmerte Blicke. Blicke jenseits jeder Empathie, die zynisch über die Menschen hinweggehen. Das Virus, das uns gerade bedroht, versucht davon zu profitieren: Es lässt uns Angst vor den anderen bekommen, es lehrt uns, den Blick der anderen auszuweichen. In einer exhibitonistischen und geschwätzigen Gesellschaft des Infotainments, in der alle jede beliebige Obszönität sehen können, aber niemand die Seele in den Augen sieht, sind wir in einer unsichtbaren Einsamkeit begraben.

Die Lehre des Evangeliums

Jesus lehrt uns im Evangelium, dem Blick eine radikale Tiefe zuzugestehen. Der Blick drückt uns nicht nur aus, sondern kann uns auch transformieren. Ein Blick verändert ein Leben. “Wenn dein Auge klar ist, dann wird dein ganzer Körper im Licht sein.” (Mt 6,22) Und wenn dein Körper von Licht erfüllt ist, “wird alles erleuchtet sein” (Lk 11,36) Die gegenwärtigen Einschränkungen zwingen uns in eine Isolierung und zu einer Distanzierung. Gerade jetzt haben wir aber die Gelegenheit, uns darin zu üben, die Lichtquellen der Menschen und der Dinge des Lebens zu erforschen. Lernen wir, diejenigen mit unseren guten Blicken zu umfangen, die aufgrund absurder Situationen hilflos und überfordert sind.

Lernen wir, jede dieser menschlichen Arbeiten wertzuschätzen, die normalerweise durch stumpfsinnige Formen des Marktes und des Profits verdeckt sind: Wir haben Lebensmittel, Medikamente und andere nützliche Sachen, weil bestimmte Menschen – oft unter schwierigsten Umständen – dafür arbeiten und sich dafür hergeben, uns diese bereitzustellen. Lernen wir, unser Menschsein – fragile und sensibel wie es ist – mit einem liebevollen Blick anzusehen und uns berühren zu lassen von denjenigen, die Verwundungen mit sich tragen. Der Herr, der auch das Verborgene sieht, wird jede Träne trocknen und die Hoffnungen unserer guten Blicke in Erfüllung gehen lassen. Nicht einer wird verloren gehen.

Was wir mit unserer Freiheit anfangen können

Lernen wir, jeden Tag uns in den guten Blicken zu üben, und mögen wir jeden Tag besser darin werden. Werden wir stolz, Menschen zu sein, und nicht hysterisch und verbittert, weil wir keine Übermenschen sind. Wenn dann einmal die Zwänge der Isolation enden werden, werden wir schließlich wissen, was wir mit unserer Freiheit anfangen sollen: Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir ihren Gebrauch zunehmend verlernen. Dies wäre der erste Schritt, um eine – glücklich wiedergefundene – geteilte, gemeinsame Menschlichkeit aufzurichten: Üben wir uns, einander von Neuem mit Blicken anzusehen, die eine geteilte verletzliche Menschlichkeit und eine offene Nähe ausstrahlen – jenseits unserer Masken. Auch wenn wir uns noch nie gesehen haben, auch wenn wir uns nur über die geforderte Distanz hin anblicken können. Es ist schon lange her, seit wir das zuletzt gemacht haben.

(Im italienischen Original veröffentlicht: Lo sguardo oltre la mascherina. Alleniamoci tutti a dare più umanità, in: „Avvenire“, 4.4.2020; Übersetzung: David Novakovits)

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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