Lehrt Not beten? Glaube und Aberglaube in der Corona-Krise 1 (Gunter Prüller-Jagenteufel)

Birgt die Corona-Krise die Chance, dass Menschen wieder beten lernen und vielleicht sogar zur Kirche zurückkehren? Den Ambivalenzen, mit denen sich solche Hoffnungen verbinden, geht unser Gastautor Gunter Prüller-Jagenteufel in zwei Teilen nach.

Teil 1

„Not lehrt beten!“ Dieses Sprichwort ist mir in den Wochen der Corona-Krise öfter begegnet; und manche*r fromme Christ*in möchte darin die Chance erkennen, dass Menschen zur Kirche „zurückfinden“. Meist übersehen er*sie jedoch die Ambivalenz, auf die schon Paul Tillich in einer seiner frühen Predigten aufmerksam macht: „Not lehrt nicht nur beten, sondern auch fluchen.“ Vielleicht sollten wir es hier besser mit Theodor Fontane halten, der nüchtern feststellt: „Die Not lehrt beten, sagt das Sprichwort, aber sie lehrt auch denken, und wer immer satt ist, der betet nicht viel und denkt nicht viel.“ Dem Letzteren möchte ich zustimmen: In einer satten Gesellschaft wird relativ wenig gebetet und auch relativ wenig gedacht. Bei Ersterem bleibe ich jedoch kritisch: Ob in der Krisenzeit tatsächlich mehr oder besser gebetet und gedacht wird? Oder beten die einen, ohne zu denken, und denken die anderen, ohne zu beten?

Das ist eine Frage, der ich mich im Folgenden widmen möchte. Denn angesichts der lebhaften Auseinandersetzung um die Frage, ob und wie gottesdienstliche Versammlungen trotz der Covid-19-Pandemie stattfinden sollen, zeigt sich ein interessantes Spektrum religiöser Phänomene mit den dazu gehörigen theologischen (Un-)Tiefen.

Glaube und Aberglaube

Ein eklatantes Beispiel bot der Churer Weihbischof Marian Eleganti in einem Video-Blog, der auf den Websites des rechtskatholischen Spektrums verbreitet wurde. Eleganti kritisiert die Kirchenleitungen, die zur Zeit auf öffentliche Gottesdienste verzichten, und wirft ihnen implizit mangelnden Glauben vor. Dem wahrhaft Glaubenden könne durch das Sakrament kein Schaden geschehen: „Wie kann ich […] vom Kommunionempfang Unheil, Kontamination und Ansteckung erwarten? […] Ja, ich erwarte Wunder, ich rechne mit der Kraft und dem Schutz Gottes.“

Hier vertritt ein Bischof der Katholischen Kirche im Brustton der eigenen Rechtgläubigkeit einen theologischen Unsinn, der jede*n halbwegs gebildeten Theolog*en sprachlos zurücklässt. An dem Satz ist so viel falsch, dass man Mühe hat, es dingfest zu machen. Michael Maier im „Tagesanzeiger“ nennt es einen „Kinderglaube[n]“, jenseits aller Rationalität, nach dem Gott nach Belieben Naturgesetze ein- und aussetzt. Das ist sicher ein fundamentaler Kritikpunkt, den Eleganti aber bewusst bedient: Indem er Vernunft gegen Glauben ausspielt, kann er sich selbst als „großen Gläubigen“ gerieren, dessen Gottvertrauen weit über die Grenzen der Vernunft hinaus geht. Es bedarf schon einer tiefergehenden Analyse um zu durchschauen, dass der „Glaube“ Elegantis nichts mit dem Christentum zu tun hat, das vor der Aufgabe steht, fides und ratio zur Synthese zu bringen. „Der mirakulöse Glaube an die Natur ausser Kraft setzenden Wunder hat viel mit Magie und Esoterik zu tun, aber nichts mit rational verantworteter Religion“, stellt Michael Maier fest. Möglicherweise würde ihm darin sogar Eleganti selbst recht geben; allerdings sähe Eleganti darin keinen Mangel, sondern eine Auszeichnung, denn Rationalität steht für die sündhafte Eigenmächtigkeit der Menschen, während Glaube ein kindliches Vertrauen verlangt. Die biblische Mahnung, dass man Gott nicht auf die Probe stellen solle, die Jesus selbst dem Versucher entgegenhält, bleibt außen vor.

Theologisch scheitert Eleganti an der fundamentalen – und traditionellen – Unterscheidung von Natur und Übernatur, die er selbst in seinem Video bedient, wenn er von der „übernatürlichen Kraft der Gegenwart Gottes in der heiligen Hostie“ spricht. Denn Eleganti versteht „übernatürlich“ nicht im traditionellen Sinne als „zur Göttlichen Sphäre gehörig“ und „das Ewige betreffend“, sondern als „die Natur außer Kraft setzend“. Vom scholastischen Axiom, dass Gnade die Natur voraussetzt und vollendet, ist da ebenso wenig übrig, wie von der Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidens, auf der die katholische Tanssubstantiationslehre aufruht. Viren, die die Hostie kontaminieren, sind jedenfalls akzidentiell, sie werden durch die Transsubstantiation weder gewandelt noch beseitigt – so wie auch der zum Blut Christi gewandelte Wein weiterhin Alkohol enthält (und daher von alkoholkranken Priestern und Gläubigen gemieden werden sollte).

Was auf den ersten Blick als sakramententheologische Spitzfindigkeit erscheint, wiegt – ins Christologische gewendet – in der Tat schwer. Der sogenannte katholische Fundamentalismus erweist sich in Wahrheit als Zerstörer der christologischen Glaubensbasis, indem er das Bekenntnis, dass in Christus Gott ganz Mensch geworden ist, doketistisch auflöst: Die (menschliche) Natur ist nur Schein, der Leib nicht real; Gott hat die (menschliche) Natur nicht „angenommen“, sondern „überwunden“, im Sinne von „für nichtig erklärt“. Papst Franziskus nennt das zu recht einen modernen „Gnostizismus“, eine Häresie, welche die natürliche, leibliche Dimension ausblendet. In Zeiten einer Pandemie wird ein solcher Aberglaube, wenn er in seiner Propaganda auf naive Seelen (und das können durchaus auch Menschen von hohem intellektuellem Niveau sein) trifft, im wahrsten Sinn des Wortes gemeingefährlich.

Ängstlichkeit und Märtyrer-Mut

Aus demselben kirchenpolitischen Spektrum erhebt sich noch ein weiterer Vorwurf an die Kirchenleitungen: Als Kronzeuge dafür wird Giorgo Agamben bemüht, weil er der Kirche vorwirft, sie hätte „vergessen, […] dass Franziskus die Leprakranken umarmte. […] Sie hat vergessen, dass die Martyrien die Bereitschaft lehren, eher das Leben als den Glauben zu opfern, und dass auf den eigenen Nächsten zu verzichten bedeutet, auf den Glauben zu verzichten.“ Das ist zwar richtig, nur spricht Agamben hier nirgends von abgesagten Gottesdiensten, sondern von verabsäumter pastoraler Sorge für Sterbende; und das ist etwas ganz Anderes. Der Hinweis auf die Bereitschaft zum Martyrium ist berechtigt, wenn pastorale Pflicht bedeutet, sich selbst einem Risiko auszusetzen. Falsch wird das Argument aber dann, wenn es um gottesdienstliche Versammlungen geht, die ein hohes Maß an Gefährdung für andere bedeuten. In Zeiten der Kirchenverfolgung haben Menschen zwar unter großen Gefahren für sich selbst an geheimen Gottesdienste teilgenommen; aber sie haben wohlweislich nicht andere, ihre Geschwister im Glauben, der Gefahr der Entdeckung ausgesetzt. Die Verzerrung der Perspektiven ist schlicht atemberaubend.

Recht auf Gottesdienst und Verzicht aus Solidarität

So ist es durchaus erfrischend, dass sich auch aus dem streng konservativen Spektrum Widerspruch meldet. Benedikt Michal betont in seinem Blogbeitrag „Und wieviel Heilsegoismus steckt in dir?“, dass „ich nicht nur für mich und mein Seelenheil in die Messe gehe, sondern für das Heil der Welt“, und dass eben deshalb, weil es um andere geht, Verzicht gefordert ist. Die Selbstbeschränkung bei Gottesdiensten und Sakramenten aus Solidarität mit den Gefährdeten bezeugt den Glauben an den gnädigen Gott jedenfalls besser, als ein Beharren auf vermeintlichen kirchlichen Rechten im Namen einer zur Kulturkampfvokabel verkommenen „Religionsfreiheit“.

Der Schlüssel ist hier jedenfalls nicht „Gott und meine Seele“, sondern „Gott und meine Verantwortung für die anderen“. Diesem Dilemma wird in der Folge der zweite Teil dieses Beitrags gewidmet, der morgen auf diesem Blog erscheint.


Gunter Prüller-Jagenteufel ist Professor für Theologische Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Die Quellen für die Zitate können Sie über ein Mail an unseren Blog erhalten.

Bildquelle: StockSnap von pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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