Lehrt Not beten? Glaube und Aberglaube in der Corona-Krise 2 (Gunter Prüller-Jagenteufel)

In seinem Nachdenken über die Frage, ob Not beten lehrt, erinnert unser Gastautor Gunter Prüller-Jagenteufel im zweiten Teil seines Blogs an den protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Gott ist kein Lückenbüßer, auch nicht in Corona-Zeiten. Glauben bedeutet, am Leiden Gottes im weltlichen Leben teilnehmen.

Teil 2

Die lautstarke Forderung, die Kirche dürfe sich nicht vom Staat ihr Recht, Gottesdienst zu halten, einschränken lassen und solle im Namen der Religionsfreiheit die staatlichen Regelungen bekämpfen, sind nicht nur aus theologischen Gründen fragwürdig (vgl. Teil 1).

Nachdenklich stimmt mich auch, dass der Ruf nach dem „Recht auf die Eucharistie“ gerade in jenen Kreisen laut wird, die noch vor kurzem ein solches Recht vehement geleugnet haben. So geschehen z.B. in der Debatte, ob man nicht die priesterliche Zölibatsverpflichtung lockern könnte, um die sakramentale Versorgung der Gläubigen zu gewährleisten. Der plötzliche Meinungsumschwung scheint mir nur durch zwei Tatsachen erklärbar: Erstens geht es jetzt um die eigene Messe, die man sich nicht nehmen lassen will, während man durchaus bereit ist, sie anderen vorzuenthalten, um die traditionellen (und ideologisch aufgeladenen) Rahmenbedingungen – priesterlicher Zölibat, ausschließlich männlicher Klerus – festzuhalten; zweitens möchte man sich wohl die Gelegenheit zu einer Schlacht – oder wenigstens einem Scharmützel – in einem weltweit vorgestellten Kulturkampf nicht nehmen lassen.

Im theologischen Nachdenken über diese Entwicklungen scheint mir eine Unterscheidung hilfreich, die Dietrich Bonhoeffer (unter Rückgriff auf Karl Barth) trifft: Die zwischen „religiösen“ Menschen und solchen, die „glauben“.

Der Gott Jesu Christi und der „Lückenbüßer-Gott“ – die Provokation Dietrich Bonhoeffers

Bonhoeffer weist darauf hin, dass der „religiöse“ Mensch Gott meist dort sucht (und auch zu finden meint), wo „menschliche Erkenntnis (manchmal schon aus Denkfaulheit) zu Ende ist oder wenn menschliche Kräfte versagen“. Gott wird auf diese Weise auf einen „deus ex machina“ reduziert, einen „Lückenbüßer“ der überall dort einspringt, wo die intellektuellen oder praktischen Kräfte des Menschen an ihre Grenzen kommen. Aber „das hält zwangsläufig immer nur solange vor, bis die Menschen aus eigener Kraft die Grenzen etwas weiter hinausschieben und Gott als deus ex machina überflüssig wird.“ (aus „Widerstand und Ergebung“)

Im konkreten Fall der Corona-Pandemie hieße das: Not lehrt zwar beten; aber nur so lange, bis es wirksame Medikamente gibt. Wäre das wirklich das Fundament unseres Glaubens, dann hätten wir es bloß mit einem Götzen zu tun, einem Koloss auf tönernen Füßen. Ein Christentum im Widerspruch zu Aufklärung und Wissenschaft wäre zwangsläufig in endlose Rückzugsgefechte verstrickt, in denen es immer mehr Terrain an die Vernunft und die Freiheit verlieren würde. Aber christlicher Glaube hofft eben nicht auf den „deus ex machina“ der Barockoper, der am Höhepunkt der Not mit Blitz und Donner erscheint und die dramatische Situation mit einem Paukenschlag zum Guten wendet. Einen solchen Gott gibt es nicht, er ist nichts als religiöse Projektion.

„Wo behält nun Gott noch Raum? fragen ängstliche Gemüter, und weil sie darauf keine Antwort wissen, verdammen sie die ganze Entwicklung, die sie in solche Notlage gebracht hat“ (WuE) diagnostiziert Bonhoeffer die antimoderne Grundstimmung, die in allen Kirchen und Religionen zu beobachten ist. Nicht wenige – und die Szene des katholischen Fundamentalismus gehört hier zweifelsohne dazu – sehen die Lösung in einem „salto mortale zurück ins Mittelalter“:

„Das Prinzip des Mittelalters aber ist die Heteronomie in der Form des Klerikalismus. Die Rückkehr dazu aber kann nur ein Verzweiflungsschritt sein, der nur mit dem Opfer der intellektuellen Redlichkeit erkauft werden kann. Er ist ein Traum nach der Melodie: ‚O wüßt‘ ich doch den Weg zurück, den weiten Weg ins Kinderland.'“ (WuE)

Damit wäre der Bogen zurück zu Marian Elegantis „Kinderglauben“ (vgl. Teil 1) geschlagen, oder – in Bonhoeffers Diktion – zur „Religion“. Sie ist in der Moderne nur unter dem Opfer der intellektuellen Redlichkeit möglich, ein Opfer, das für ein Christentum unter den Vorzeichen von fides et ratio schlicht undenkbar ist. Das heißt aber keineswegs, dass der „Glaube“ abzudanken hat – geschweige denn Gott selbst. Nur wird man sie anderswo suchen müssen, nicht an den Grenzen der eigenen Möglichkeiten, sondern mitten im Leben:

„Der Christ hat nicht wie die Gläubigen der Erlösungsmythen aus den irdischen Aufgaben und Schwierigkeiten immer noch eine letzte Ausflucht ins Ewige, sondern er muß das irdische Leben wie Christus […] ganz auskosten und nur indem er das tut, ist der Gekreuzigte und Auferstandene bei ihm und ist er mit Christus gekreuzigt und auferstanden.“ (WuE)

Es geht also nicht an, die Hände in den Schoß zu legen und sich „religiös“ auf Gott zu verlassen, sondern als „Glaubende“ müssen wir um Gottes Willen selbst verantwortlich handeln – Bonhoeffer nennt das „religionsloses Christentum“. Damit machen wir Ernst mit der Einsicht, dass es den „deus ex machina“ nicht gibt. Der Gott der Bibel, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Jesu Christi ist „weder kosmischer Terminator noch glorreicher happy-end-Gott“. Statt dessen verweist Gott selbst uns auf die Welt und die Menschen; und gerade in ihnen werden wir Gott begegnen.

„Der Mensch wird aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mitzuleiden. Er muß […] ‚weltlich‘ leben und nimmt eben darin an den Leiden Gottes teil; er darf ‚weltlich‘ leben, d.h. er ist befreit von den falschen religiösen Bindungen und Hemmungen. Christsein heißt nicht in einer bestimmten Weise religiös sein […]. Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben.“ (WuE)

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

2 Kommentare zu „Lehrt Not beten? Glaube und Aberglaube in der Corona-Krise 2 (Gunter Prüller-Jagenteufel)

  1. LIeber Gunter Prüller – Jagenteufel, diesmal bin ich mit ein paar Argumenten nicht ganz einverstanden, obwohl ich die eigentliche Aussage und Zielrichtung natürlich teile. Ich gebe Bonnhöfer sehr recht, der vor allem die verbürgerlichte Religiosität seiner Zeit – und das trifft auf heute genauso zu – kritisiert. Gott als Lückenbüser oder „deus ex machina“ gilt es in der eigenen Reflexion des Gottesbildes immer wieder zu entlarven als Projektion und nicht als den wahren, lebendigen Gott Jesu Christi. Wo ich stutzig werde ist – vielleicht nicht so gemeint – die im Artikel durchscheinende „radikale Vertröstung auf die Diesseitigkeit“. Das Leiden Gottes an der Welt mitzuleiden ist Karfreitag – den dürfen wir nicht überspringen. Aber die österliche Dimension unseres Glaubens kommt mir hier zu kurz: Die Auferstehung Christi und das „neue Leben, das noch verborgen ist in Gott“ – Auferstehung nicht irgendwohin, sondern in die größere Welt Gottes hinein, die uns umgibt und für die wir dennoch kein Sensorium haben außer den Glauben, dass der Tod nicht die Endstation unseres Leben ist, weil Er lebt. Keine Vertröstung, sonst wird der Glaube „Opium für die Völker“, wie Marx zu Recht kritisiert hat, sondern daraus neue Verantwortung für und in der Welt im Wissen, dass Gott letztlich nur selber seinen Willen geschehen lassen kann (aus der sehr lesenswerten Meditation Romano Guardinis über das Vater Unser: „Dein Wille geschehe“ – ich muss das menschenmögliche tun, und gleichzeitig wissen, dass nur Gott letztlich dafür sorgen kann). Herzliche Grüße und Danke für die Artikel hier auf Theocare!

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    1. Lieber Marcus,
      ich gebe Dir ganz Recht: Ostern ist nicht zu überspringen. Da bin ich übrigens auch ganz einig mit Bonhoeffer, dem die Hoffnung auf die Auferstehung ganz wichtig war. So fühle ich mich auch eher missverstanden, wenn Du eine „radikale Vertröstung auf’s Diesseits“ ortest. Darum geht es mir sicher nicht.
      Wichtig ist mir aber: Verantwortlich leben müssen wir „heute und hier“; und in der Corona-Krise gilt die Hoffnung auf Auferstehung zuerst den Toten, die Hoffnung auf Heilung den Kranken. Beides dispensiert mich nicht von der Verantwortung.
      Die Auferstehung aber darf ich getrost Gott überlassen; ich hoffe auf sie und das gibt mir lettzlich die Freiheit zum Handeln mitten in der Welt. Oder, um es wieder mit Bonhoeffer zu sagen: „Mag sein, daß der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

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