Schulpraxis im virtuellen Raum – wie soll das gehen? (Bettina Brandstetter)

Im universitären Lehrbetrieb brachte Covid-19 massive Veränderungen mit sich. Dies betraf auch die Praktika der Studierenden in der Schule. Kann ein Praktikum im virtuellen Raum überhaupt stattfinden und wenn ja, wie? Bettina Brandstetter fasst die Reflexionen von Studierenden über ihre ersten Erfahrungen zusammen.

Gleich nach Beginn des Semesters taucht dieses Virus auf – gerade früh genug, um einen gemeinsamen Beginn an der Universität und in den Schulen zu verhindern. Kann ein Schulpraktikum im Religionsunterricht stattfinden, wo es doch von realen Hospitationen, Unterrichtsstunden, Interaktionen mit Schüler*innen, Feedback und lebendigem Austausch im Begleitseminar lebt? Diese Frage hat nicht nur die Studierenden, sondern alle vom Praktikum betroffenen Personen beschäftigt. „Diese Schulsperren stellen alle vor merkbar neue Herausforderungen“, so fasst eine Studentin ihre Eindrücke zusammen. Manche konnten sich eine Schulpraxis in dieser Ausnahmesituation gar nicht vorstellen und fühlen sich um ihr Praktikum beraubt. Schließlich hat diese Situation ja auch nichts mit dem realen Schulgeschehen zu tun, auf das Studierende vorbereitet werden sollen. Oder doch?

Kein richtiger Start

„Es ist schwer in dieser Situation von einem Start zu sprechen, da durch fehlende Präsenz im Seminar oder in der Schulpraxis ein Beginn im klassischen Sinn vermisst wurde.“

Wo sonst ein Kennenlernen, eine Einführung in die Zielsetzungen des Praktikums sowie ein Abgleichen wechselseitiger Erwartungen passieren, mussten Informationen virtuell übermittelt werden. Dabei fehlt die Möglichkeit, spontane Rückfragen zu stellen und Anforderungen zu klären, wodurch sich Unsicherheiten einstellen: „Wie viel wird bei den Arbeitsaufträgen verlangt?“ „Was soll anstatt der Hospitationen geschehen?“ „Gilt das Praktikum als bestanden, auch wenn ich keinen realen Unterricht halte?“ Einige Wochen sind verstrichen, bis grundlegende Fragen geklärt und wechselseitiges Vertrauen aufgebaut werden konnte – Dinge, die in Lehrveranstaltungen mit Präsenz wie selbstverständlich passieren.

Mentoring ohne Beziehungsaufbau?

Ähnliche Erfahrungen beschreiben die Studierenden im anfänglichen Kontakt mit den Mentor*innen. Jene Studierenden, die keine Gelegenheit für ein persönliches Kennenlernen wahrnehmen konnten, schildern „die Kommunikation mit dem Mentor [als] nicht immer so einfach, weil per Mail einfach sehr leicht Missverständnisse entstehen.“ Eine gute Beziehung mit der Begleitperson des Praktikums scheint für die Studierenden von großer Bedeutung zu sein, geht es doch beim Feedback zumeist um Rückmeldungen auf persönlicher Ebene, die eine Vertrauensbasis erfordern. Manche Studierenden hatten noch die Gelegenheit, vor dem Lockdown die Schule und mitunter sogar erste Unterrichtsstunden zu besuchen. Sie erzählen von einem regen Austausch mit den Mentor*innen, von viel Freiraum bei der Auswahl der Arbeitsaufträge und einer hilfreichen Begleitung. Auch bei den anderen Studierenden scheint sich mittlerweile eine gute Kommunikation eingestellt zu haben. „Am Anfang standen die Mentor*innen selbst unter Druck mit den neuen Aufgaben. Es ist schwierig, zu allen Schüler*innen Kontakt zu halten.“

Arbeitsaufträge im virtuellen Raum

„Das Erstellen von Home-Learning-Materialien ist nicht so ereignisreich, wie wenn man vor einer Klasse steht.“

Großes Bedauern wird über den fehlenden direkten Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern geäußert. Zum einen vermissen die Studierenden das „Feeling“, das man beim Unterrichten erlebt, zum anderen finden sie schwierig, für eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen Materialien vorzubereiten, deren Vorwissen, Persönlichkeiten und gewohnte Lernformen sie nicht kennen. „Ich finde es wahnsinnig schwer, Arbeitsaufträge für eine Klasse zu erstellen, die ich gar nicht kenne! Manche Klassen haben mehr Initiative als andere, manche arbeiten mit kurzen intensiven Arbeitsaufträgen besser, andere wieder mit längeren, aber dafür inhaltlich nicht so dichten. Ich kann natürlich einfach die Mentorin fragen, aber das ersetzt nicht die Hospitationen, in denen ich die Klassen beobachten hätte können.“

Hospitieren von Unterricht

Vereinzelte Studierende konnten bereits Religionsunterricht über Interaktionsplattformen hospitieren, andere haben sich mittels Steckbrief bei den Schüler*innen vorgestellt. Erste virtuelle Arbeitsaufträge wurden erstellt und die Rückmeldungen seitens der Schüler*innen gespannt erwartet. Viele Studierende berichten, dass sie von der gebotenen Vielfalt an virtuellen Unterrichtsformen und –Materialien sehr profitieren und möchten diese künftig in ihren regulären Unterricht integrieren.

„Es ist eine Gelegenheit, sich mit den Unterrichtsthemen ausführlicher auseinanderzusetzen und eine Methodenvielfalt, gerade im E-Learning-Bereich, einzuüben.“

Eine Studentin erzählt davon, dass sie bei einem Videoprojekt die Begleitung einer Kleingruppe übernommen hat, eine andere erstellt virtuelle Wochenpläne für den Religionsunterricht. Manche erkennen in dieser Form des Unterrichts eine Chance, für andere Sondersituationen vorbereitet zu sein, etwa für krankheitsbedingte Abwesenheiten einzelner Schüler*innen. Die Form des Home-Learnings wird als eine gute Gelegenheit für ältere Schüler*innen angesehen, in selbstorganisiertes und selbstverantwortliches Lernen hinein zu wachsen, wie es etwa an der Universität erforderlich ist.

Peergroup-Treffen

Als besondere Bereicherung werden von den Studierenden die virtuellen Treffen in den selbst gewählten Peergroups zu je drei bis fünf Personen wahrgenommen. „Die Gruppendynamik in unserer Gruppe ist sehr persönlich und positiv. Eine WhatsApp-Gruppe funktioniert für die Kommunikation sehr gut und ist bei Fragen nützlich. Zusätzlich findet innerhalb unserer Gruppe wöchentlich ein Zoom-Meeting statt, bei dem wir uns über persönliche Dinge und anstehende Arbeitsaufträge sowohl aus der Schulpraxis als auch aus der Begleitlehrveranstaltung austauschen und Dokumente ausarbeiten.“ Gerade beim virtuellen Team-Teaching ist es leichter, „wenn man die Person, mit der man zusammenarbeitet, hört und man die eigenen Gedanken sofort teilen kann“.  Zudem wird diese Gruppe dafür genützt, Feedback für die eigenen Unterrichtsplanungen zu erhalten und Ideen auszutauschen.

„Wir spüren großen Zusammenhalt, großes Verständnis füreinander und das weniger auch mehr sein kann.“

Persönliche Erfahrungen

Schulpraxis in dieser Sondersituation stellt eine persönliche Herausforderung für die Studierenden dar. „Die Unsicherheit der ganzen Situation ist für mich persönlich auch emotional belastend, auch wenn ich rational weiß, dass es eh allen so geht und alle ihr Bestes geben.“ Nicht nur die Schulpraxis, auch der allgemeine Universitätsbetrieb bereitet den Studierenden Sorgen: „Es ist schwierig einzuschätzen, wann die Universitäten, Bibliotheken und Schulen öffnen. Für viele Aufgaben der Universität wäre eine Bibliothek sehr hilfreich, da man einige Sachen nicht im Internet findet.“ Gerade jene, die an einer Bachelorarbeit schreiben, hoffen auf eine baldige Öffnung. Abseits von diesen Unsicherheiten ist der Großteil der Studierenden insgesamt „zuversichtlich, dass wir dieses außergewöhnliche Semester gut meistern werden“. Man stärkt sich wechselseitig im Austausch und kommt zu dem Reflexionsergebnis: „Generell sind wir aber als Peergroup soweit sehr zufrieden mit den getroffenen Arrangements und stellen uns gerne gemeinsam den uns allen sehr neuen Herausforderungen!“ In einer Sache scheinen sich alle Studierenden einig zu sein:

„Eine online Stunde wird eine physisch präsente Unterrichtseinheit nie ersetzen können, weshalb wir alle hoffen, dass wir dieses Schuljahr noch die Gelegenheit bekommen, in der Klasse zu stehen.“




Vielen Dank allen Studierenden, die sich bereit erklärt haben, Einblick in ihre Reflexionen über den Start in die Schulpraxis zu geben.

Autorin: Bettina Brandstetter
Bild: khamkhor from Pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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