Ästhetik und öffentlicher Raum in Zeiten der Krise (Jakob H. Deibl)

In der aktuellen Krise muss rasch gehandelt werden und muss dieses entschlossene Handeln von einem kritischen Denken begleitet werden. Die aktuelle Situation bedarf jedoch auch dessen, was unser Gastautor Jakob Helmut Deibl eine ästhetische Begleitung nennen möchte.

Innehalten mit den Strottern

Das Wienerlied-Duo „Die Strottern“ (Klemens Lendl und David Müller), das Elemente von klassischer Musik, Pop und Jazz in seine neuen Wienerlieder aufnimmt, veröffentlicht seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen im März 2020 täglich ein Lied, das die beiden Musiker sozusagen im Home-Office neu aufnehmen. In den im positiven Sinne unspektakulären Liedern, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden, geht es nicht um eine Analyse oder Kommentierung der gegenwärtigen Zeit, sondern um etwas, was man vielleicht eine unaufdringliche künstlerische Begleitung nennen könnte.

Mir ist in diesem Zusammenhang das Lied „Elegant“ (Musik: Clemens Wenger, Text: Peter Ahorner) wieder eingefallen, das ich in einer Version der Strottern gemeinsam mit dem Kollektiv „Jazzwerkstatt“ gehört habe – im dichten Gedränge eines Jazzclubs, das mir im Rückblick völlig undenkbar erscheint … Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit und hören sich, bevor Sie weiterlesen, das Lied an. Wenn youtube Sie dann zu anderen Liedern des Duos weiterleitet und Ihnen diese gefallen, umso besser. (Der vorliegende Beitrag würde Ihnen dann nicht mehr viel Neues sagen.) Immer wieder kommen mir die folgenden Verse der zweiten Strophe von „Elegant“ in den Sinn (links Originalsprache, rechts Übertragung in Schriftsprache):

Ka Zeit ham manche Leute,

a Jetlag folgt dem andern nach,

sie sand voraus dem Heute,

da stärkste Trend is earna z‘schwach.

Manche Leute haben keine Zeit,

ein Jetlag folgt dem anderen,

sie sind dem Heute voraus,

der stärkste Trend ist ihnen noch zu schwach.

Der stampfend-treibende Rhythmus, der den Inhalt der Strophe musikalisch unterstützt, wird im Refrain von einem Innehalten im Dreiviertel-Takt unterbrochen, begleitet nur von einer akustischen Gitarre statt von großer Band wie zuvor. Der Text spricht im Refrain von einer Eleganz, die zwar etwas vergröbert ist, aber in den Strophen, die vom glatten Business handeln, nicht aufkommen kann.

Virale Logik: Immer dem Heute voraus

Dass die in der zitierten Passage charakterisierte Lebensweise zu vielen der aktuell erlebbaren Krisenphänomene, von der raschen weltweiten Verbreitung des Virus bis zur Klimakatastrophe, beigetragen hat, ist kein Geheimnis. Momentan dürfte freilich eine Situation herrschen, wo zum ersten Mal seit der Möglichkeit von Langstreckenflügen kaum mehr jemand an einem Jetlag leidet. Die anderen Punkte der Strophe haben sich jedoch, wie mir scheint, auch gegenwärtig kaum verändert: Die unzähligen aktuellen Analysen der Krise versuchen stets, dem Heute voraus zu sein. Die aktuellen Zahlen der Neuinfizierten und Verstorbenen, die wir täglich gebannt verfolgen, können niemals aktuell genug sein. Die neuesten Trends, die wir in den Blogs der anderen lesen, sind uns meist schon zu alt, zu schwach.

Die Rastlosigkeit unserer Tätigkeit hat nicht aufgehört, sie hat nur andere Kanäle gefunden; je mehr die Mobilität und die Wirtschaft „heruntergefahren“ wurden, umso mehr haben wir andere Aktivitäten „hochgefahren“. Je weniger wir jedoch die Situation begreifen, desto leichter werden wir zu „ExpertInnen für eh alles“: In den sozialen Medien und in den sich rasant vermehrenden Blogs hat jede und jeder etwas zur Krise zu sagen. WissenschaftlerInnen äußern sich in Interviews zwanglos weit über das Gebiet ihrer Expertise hinaus. Die Maxime lautet: Was man an Beiträgen von Freunden und Bekannten geschickt erhält, sollte man möglichst schnell mit möglichst vielen teilen, um eine weite Verbreitung zu sichern. Vielleicht ist das zu weit hergeholt, aber ich frage mich, ob nicht diese Logik auf erschreckende Weise der des Virus ähnelt. Von einem Innehalten ist bei all dem wenig zu merken. Vielleicht wäre in manchen Bereichen zu empfehlen, was die Strottern am Tag 1 im Home-Office singen: „Langsam“:

Lachen, lachen, wann’s net geht mit‘n fliang,    

Schaun, schaun, was ois da is fia di,

Verschnaufn, verschnaufn, wann’s is, a bissal liagn,

Woaten, woaten, setz di hin.

       Lachen, lachen, wenn es mit dem Fliegen nichts wird,

Schauen, schauen, was alles für dich da ist,

Verschnaufen und, wenn nötig, ein klein wenig lügen.

Warten, warten, setz‘ dich hin.

(vor der Krise aufgenommen / im Home-Office aufgenommen)

Ästhetischer Aufenthalt in der Welt

Die letzten zweihundert Jahre haben gezeigt, dass die Philosophie Kants nicht bloß einen Trend darstellt, der schnell vom nächsten überflügelt und verdrängt wird. Sie ist keine Modeerscheinung. Ein Aspekt von bleibendem Wert liegt in Kants Theorie des öffentlichen Raumes (auch wenn er diesen Ausdruck nicht verwendet, sondern von öffentlichem Vernunftgebrauch spricht). Kant trifft eine grundlegende Unterscheidung zwischen theoretischen, praktischen und ästhetischen Urteilen. Sehr vereinfacht gesagt, beziehen sich die ersten auf die Frage nach den Bedingungen der Erkenntnis, d.h. auf das Wissen, wohingegen sich die zweiten auf die Frage des moralischen, d.h. verallgemeinerbaren Handelns richten.

Die ästhetischen Urteile, auf die Kant erst lange nach der Ausarbeitung der beiden anderen Urteilsformen eingeht, betreffen weder die Frage des Wissens noch die des Handelns, nicht die Welt, wie sie ist, noch, wie sie sein soll. Sie verweisen auf einen dritten Bereich, von dem Kant schließlich einsieht, dass er ihn nicht ignorieren kann. In ihnen geht es um „das Subjekt, wie es durch die Vorstellung affiziert wird, sich selbst fühlt“ (Kritik der Urteilskraft, § 1). Das Subjekt fühlt sich, d.h., es tritt in ein affektives Verhältnis zu sich selbst. Es fühlt sich, indem es in einer bestimmten Weise von der Frage nach der ästhetischen Dimension der Welt angegangen wird. Man könnte dies eine ästhetische Empfänglichkeit nennen, welche besonders in Formen der Kunst und Religion einen Ausdruck erhalten kann. Mit Klaus Heinrich könnte man auch von einem ästhetischen Subjekt sprechen, das für eine bestimmte Welterfahrung offen ist.

Erhaltung des öffentlichen Raumes

Als eine der vordringlichen Aufgaben in der aktuellen Krise sehe ich die Erhaltung des öffentlichen Raumes an, der als physisch erlebbarer gegenwärtig fast nur mehr über Restriktionen erfahrbar ist. Der Gedanke, dass öffentlicher Raum für einen Reichtum an Verwendungen steht, die direkt in ihrer Vielfalt gar nicht angegeben werden können, und dass Regelungen nur dazu dienen dürfen, den öffentlichen Raum und jene Vielfalt nicht zu zerstören, musste der Logik weichen, dass per Verordnung bestimmt wird, welche Verwendungen erlaubt sind. Damit ist öffentlicher Raum massiv eingeschränkt. Mit der Frage danach steht nicht wenig auf dem Spiel: Wir haben keinen Begriff von Demokratie und Aufklärung ohne eine Form funktionierenden öffentlichen Raumes.

Von Kant kann man lernen, dass der Mensch nicht nur als erkennendes und handelndes Subjekt im öffentlichen Raum repräsentiert sein muss, sondern auch als ästhetisches. Gerade diese Dimension scheint mir aber gegenwärtig am gefährdetsten. Es wird weiterhin viel gehandelt, getan, entschieden und in all den Analysen, Studien und Kommentaren, wie zu hoffen ist, auch einiges an Erkenntnis generiert, der Bereich ästhetischen (und religiösen) Erlebens ist jedoch höchst limitiert.

Die öffentlichen Stätten des kulturellen, künstlerischen und religiösen Ausdrucks (Tempel, Kirche, Konzerthaus, Museum, Festival …) sind seit jeher mit Formen der Reise (von der Pilgerschaft bis zum Ausflug bis zum Besuch), physischer Präsenz (Ankunft, Verweilen, Flanieren) und realem, materiellem Erleben verbunden. Damit sind aber genau jene Dimensionen angesprochen, die momentan fast gänzlich zum Erliegen gekommen sind.

Kulturelle und religiöse Zentren sind Teil des öffentlichen Raumes und stehen dafür, dass der Mensch nicht allein als handelnder und erkennender die Welt bewohnt, sondern auch als ästhetisch offenes und religiös empfängliches Subjekt. Diese Dimension unseres Menschseins darf im aktuellen Diskurs um Formen des Schutzes der Menschen vor viraler Ansteckung nicht verloren gehen. Allerdings werden all jene Orte in nächster Zeit (auch unter höchsten Auflagen) nur minimale Formen der Öffnung finden können. Umso wichtiger sind alle Bemühungen einer ästhetischen Begleitung in der Zeit der Krise, seien es Initiativen von Künstlerinnen und Künstlern, die ohnehin mit hohem Verdienstentgang konfrontiert sind, seien es Initiativen von den Religionsgemeinschaften. Sie halten die Erinnerung wach, dass es jenseits des Privaten und des bloß Virtuellen auch einen offenen Raum gibt, der gemeinsam geteilt wird.

Vielleicht können Initiativen wie die der Strottern wenigstens beim Warten helfen. Ich zitiere abschließend aus ihrem Lied „Waunsd woadst“ (Home-Office, Tag 7):

Waunsd woadst, hast Zeit zum Denken,                      

Waunsd woadst, hast Zeit zum Schauen,

Waunsd woadst, kannst da’s Wollen schenken,

Waunsd woadst, brauchst a Vertrauen.

Wenn du wartest, hast du Zeit zu denken.

Wenn du wartest, hast du Zeit zu schauen,

Wenn du wartest, bedarfst du des Wollens nicht,

Wenn du wartest, brauchst du Vertrauen.

Bildquelle: Peter H. auf pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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