Zurück in die neue Schule (Andrea Lehner-Hartmann)

In diesem Blogbeitrag setzt sich Andrea Lehner-Hartmann mit der Rückkehr in die Schule auseinander, die nicht nur äußerlich vor neue Herausforderungen stellt, sondern die Frage nach der Aufgabe von Schule generell aufwirft.

Von den einen herbeigesehnt, von den anderen befürchtet: Man darf/muss wieder zurück in die Schule. Aber es wird (noch) nicht sein wie vorher. Darauf verweisen allein die äußeren Bedingungen, die nur ein geordnetes Eintreten und kein Hineinstürmen in das Schulgebäude erlauben, die Abstand halten verlangen statt freundschaftlichem Schulterklopfen und Gerangel in den Pausen, die eine Maskenpflicht in bestimmten Räumen und bei bestimmten Tätigkeiten erfordern, etc.

Wer kommt wie zurück?

Wenn alle wieder gemeinsam – wenn auch zeitverschoben und in geteilten Gruppen – in der Schule sitzen, wird man nicht sofort zur normalen Tagesordnung übergehen können. Dies hat auch Stefan Hopmann im Furche-Kommentar vom 26.3.2020 eindrücklich eingemahnt. Die Erfahrungen, die die Schüler*innen in der Zeit des Home-Learning gemacht haben, tangieren auch schulisches Leben und brauchen Zeit, um bearbeitet zu werden. Wie mit diesen Erfahrungen umgegangen wird, gibt Zeugnis vom Selbstverständnis von Schule.

Der gewaltsame Schnitt, der allen abverlangt wurde, die Zeit der Trennung, die Sorgen und Ängste, die damit verbunden waren, die Herausforderungen durch die neuen Formen digitalen Lernens mit der selbst verantworteten Einteilung der Lernzeit, die Umstände unter denen gelernt werden musste oder auch nicht gelernt werden konnte, die erlebte Verzweiflung durch die Arbeitslosigkeit von Familienmitgliedern, die Konfrontation mit Krankheit, Gewalt oder sogar Tod in Einsamkeit  wollen reflektiert und auf ihre Auswirkungen für das weitere Zusammenleben in der Schule bedacht werden. Geschieht dies nicht, wird es zwar auch irgendwie weitergehen, für die einen besser, für die anderen schlechter. Es käme aber einem versäumten „fruchtbaren Moment im Bildungsprozess“ (Friedrich Copei) gleich. Schüler*innen würden dann lediglich lernen, dass es irrelevant ist, was sie und die anderen erlebt haben, wie sie mit herausfordernden Situationen in engen Räumen, mit nervigen Geschwistern, mahnenden Eltern, den Erfahrungen von Verzweiflung und Existenzängsten zurecht gekommen sind, welche Strategien des Lernens sie entwickelt haben, was ihnen gelungen ist und was nicht, wie sie mit den Erfahrungen der Krise kreativ umgegangen sind oder daran fast zerbrochen wären, worauf sie verzichtet oder was sie für andere geleistet haben. Die gesamtgesellschaftlich vieldiskutierte Frage, ob und was sich aus der Krise lernen lässt, könnte in der Schule Gestalt annehmen, wenn das Lernen des Humanum nicht aus den Augen verloren wird.

Den fruchtbaren Moment nutzen

Der „fruchtbare Moment im Bildungsprozess“ kann genutzt werden, wenn nicht gleich zur Tagesordnung übergegangen wird, sondern, wenn die durch Covid-19 erzwungene Unterbrechung auf eine Weise fortgeführt wird, die überlegen lässt, was es bedeutet, mit den Erfahrungen von CORONA und nicht gegen sie zu leben. Mit den unterschiedlichen Erfahrungen offensiv umzugehen, kann dem entgegenwirken, dass Menschen verstummen, sich mit ihren Erlebnissen nicht verstanden fühlen und nun in innere soziale Distanz gehen. Was besprechbar gemacht wird, verliert die Macht der Ohnmacht. Zu überlegen ist: Was gibt Hoffnung, wenn nichts mehr so ist wie vorher und Covid-19 Wertigkeiten verrückt hat, die die Pläne für die Zukunft (Studium, Beruf, …) in Frage stellen? Haben die einen einen neuen Zugang zum Lernen erhalten, konnten sie digitale Lernformen gewinnbringend für sich nutzen, stellen andere ihre Bildungslaufbahn in Frage, weil sie einen Druck verspüren, fürs Familieneinkommen schnellstmöglich etwas leisten zu sollen. Verdichtet sich bei ihnen das Gefühl, dass ihre zeitlichen und finanziellen Ressourcen immer enger werden, fühlen sie sich in der Schule nicht mehr wohl. Sie brauchen jemand, der ihnen Perspektiven eröffnet, ihr Leben längerfristig planen zu können und ihnen über ihre Zweifel hinweghilft. Und sie brauchen die Zuversicht, dass das, was hier gelernt wird, die Beschäftigung mit mathematischen, naturwissenschaftlichen, sprachlichen Herausforderungen sowie kulturellen und religiösen Wissensbeständen, Orientierung im Leben geben kann. Die Krise um Covid-19 verdeutlicht, dass Schule ihrer Aufgabe nur dann gerecht werden kann, wenn sie neben dem Vermitteln von Wissen zur Beurteilung von Sachverhalten auch die Menschen in ihrem Selbstwert stärkt. Und dies tut sie, wenn sie sie mit ihren Erfahrungen und Fragen nicht allein lässt.

Menschen kann man nicht hochfahren

Wenn nach den Maturant*innen sukzessive alle Schüler*innen an die Schule zurückkehren, dann werden hier konkrete Menschen nicht wie ein Computer hochgefahren, den es mit versäumten Wissen zu füllen gilt.  Vielmehr steht eine (Neu)Orientierung von Schule an, die menschlichen Wesen gerecht wird: was ist uns in unserer Schule wichtig (geworden)? Wie wollen wir unser Zusammenleben in Zukunft (neu) gestalten? Was gilt es zu bewahren und wo müssen neue Wege gefunden werden? Welche neuen Sichtweisen von Schule eröffnen sich angesichts der Krise?

Mit Blick auf die konkreten Menschen stellt sich auch die Frage, welche Rituale beim Zurückkommen in die Schule gelebt werden sollen: wie werden Kolleg*innen, Schüler*innen empfangen? Welche Formen der Begrüßung werden gewählt? Werden sie dafür bedankt, was sie bisher geleistet haben? Wie werden sie in die geänderten Verhältnisse eingeführt? Wovon und/oder von wem gilt es wie Abschied zu nehmen? Rituale sind auf Wiederholung angelegt und geben darin Stabilität und dem Leben Halt. Insbesondere für jene, die aus ihren bisherigen Sicherheiten gerissen wurden, ist es notwendig, einen Ort der Stabilität zu haben, den Schule abgeben kann.

Religionslehrer*innen in ihrem Element?

Viele Religionslehrer*innen haben bereits vom ersten Tag des Home-Learnings an ihre Schüler*innen intensiv und aufmerksam begleitet. Sie waren für sie per Mail, Telefon und Videokonferenzen ansprechbar, sie haben ihren Schüler*innen aus christlicher Perspektive Deutungsangebote gegeben und ihnen insbesondere in der Zeit vor und nach Ostern in der Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu vielfältige Reflexionsmöglichkeiten für ihre leid- wie hoffnungsvollen Erfahrungen geboten. Nach Auskunft von Lehrpersonen haben die Schüler*innen dies auch sehr kreativ mit tief gehenden Gedanken genutzt.

Ein wunderbares Beispiel, das Schüler*innen bereits während des home-learnings auf den Wiederbeginn vorbereitet, hat Anne-Kathrin Wenk mit Unterstützung von Julia Weidemann mit ihrem „Tagebuch für die Seele 2.0“ vorgelegt.

Ausgehend von der Vorarbeit, die viele Religionslehrer*innen bisher geleistet haben, können sie Leitung und Kollegium einer Schule anregen, wie eine Rückkehr in die Schule neben Desinfektionsmitteln, Mundschutz und Achten auf Social distancing so organisiert und begleitet werden kann, dass Schüler*innen trotz aller befremdlichen Maßnahmen das Gefühl haben, dass sie in ihre Schule zurückzukehren und diese (neu) mitgestalten können. Insbesondere in einer Zeit, die durch große Einschränkungen im sozialen Leben und dem Einhalten von vielen Regeln gekennzeichnet ist, ist es wichtig, neue Räume der Mitgestaltung zu eröffnen: einerseits um insbesondere jenen Schüler*innen, die von einem  Gefühl der Angst und Ohnmacht dominiert werden, Handlungsmächtigkeit zu geben und andererseits um der nächsten Generation auch in einer Ausnahmesituation ein Gefühl für Demokratie zu geben. Das Befolgen strikter, notwendiger Regeln setzt nicht die Freiheit des Denkens und Handelns außer Kraft!

Autorin: Andrea Lehner-Hartmann

Bildnachweis: pixabay

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