Seelsorge in der Coronakrise – Solidarität und Hoffnung (Johann Pock)

„Inmitten des Sturms sollen wir Solidarität üben und Hoffnung wecken“ – so Papst Franziskus in seiner Ansprache am 27. März. Johann Pock (Pastoraltheologie in Wien) geht in seinem Beitrag der Frage nach, warum aktuell so wenig von der Seelsorge geredet wird – und welche Herausforderung für das „Kerngeschäft“ der Kirchen die Coronakrise darstellt.

Seelsorge gehört zu den Kernaufgaben christlicher Kirchen: die Sorge darum, dass es Menschen gut geht; die Sorge um Heilung. Selten wurde medial so viel über Krankheit und Heilung berichtet und diskutiert – fokussiert auf die Coronaerkrankungen und die Heilungsmöglichkeiten.

Viel Diskussion über Gottesdienste – und wenig über Seelsorge

Doch der mögliche Beitrag der klassischen seelsorglichen Tätigkeiten kommt darin kaum vor. Im Zentrum stehen ÄrztInnen und PflegerInnen, VirologInnen und DigitalisierungsexpertInnen. Medial geht es um die „Auferstehung der Wirtschaft“ und um den „Wiederaufbau“ unseres kulturellen und gesellschaftlichen Lebens.

Die Stimme der Kirche(n) ist dabei eine eher leise – und dafür gab es in Österreich sogar ein öffentliches Lob durch Bundeskanzler Kurz für das aktive Mittragen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Und es gab das Zugeständnis, dass Gottesdienste unter strengen Hygienemaßnahmen ab Mitte Mai wieder möglich sind – jedoch mit vielen Einschränkungen, sodass der Feiercharakter der Gottesdienste noch sehr zu wünschen übrig lässt.

Neben der Frage der Gottesdienste wurde auch die Stimme der Caritas immer lauter (zuletzt z.B. durch Landau oder Beiglböck), die christliche Solidarität mit den Ärmsten nicht zu vergessen. Und in vielen Stellungnahmen von Bischöfen und diözesanen Verantwortlichen wurde und wird darauf hingewiesen, dass der Blick auf die aktuell Ärmsten nicht vergessen werden darf. Was aber kaum öffentlich diskutiert wird, ist das eigentliche Kerngeschäft der Kirchen, nämlich die Seelsorge. Doch gerade sie sollte doch als „systemrelevant“ eingestuft werden – geht es doch um nicht weniger als darum, dass es Menschen „gut geht“ – und zwar ganzheitlich, an Leib und Seele.

Es braucht Seelsorge angesichts der vielen Ängste und Nöte – aber die klassischen Formen passen aktuell meist nicht

Die öffentliche Berichterstattung der vergangenen zwei Monate hat sich hauptsächlich auf einen Faktor konzentriert: „Fallzahlen“ von getesteten Personen, Verstorbene aufgrund von Corona, Krankheitsfälle, Gesundungen – aber alles unter dem Blickwinkel der Viruserkrankung. Dass es gleichzeitig eine Fülle von psychischen und seelischen Problemen gibt aufgrund von Vereinsamung, Existenzängsten, Arbeitslosigkeit, Platzmangel etc. kommt darin sehr wenig vor.

Einen Akzent in dieser Richtung setzt z.B. die Diözese Linz, indem sie aufruft, „neue, kreative Formen der Seelsorge“ zu finden, „um trotz der räumlichen Distanz nah bei den Menschen zu sein.“ Ein Schwerpunkt, der darin sichtbar wird, ist die Bedeutung des Kontaktes: über Telefon oder Onlineangebote. Die Telefonseelsorge bekommt hier eine wichtige Bedeutung.

Zugleich sind aber die klassischen Formen nicht möglich: Seelsorge in Form der Sakramentenspendungen (und den vielen Gesprächen in der Vor- und Nachbereitung). Die Seelsorge bei Trauerfällen – mit den Besuchen bei Angehörigen; den Gesprächen im Umfeld des Begräbnisses, den Trauergruppen und Trauergesprächen. Ja sogar das über Jahrhunderte wichtigste Instrument der Seelsorge, die Beichte, hat es aktuell schwer: Nicht nur, weil immer weniger Menschen das Bußsakrament in Anspruch nehmen, sondern auch, weil persönliche Begegnungen monatelang nicht möglich waren – und eine Beichte über Telefon nicht erlaubt ist, trotz mancher Bemühungen darum (so die Diskussion von Thomas Ruster). Gerade für SeelsorgerInnen und Seelsorger ist dies eine schwierige Situation, da die gewohnten Formen nicht möglich sind.

Nachgehende Seelsorge als Ergänzung zur Präsenz

Vor allem darf die aktuelle Situation nicht schöngeredet werden: Als „Chance“; als Möglichkeit, sich auf „das Wesentliche“ zu konzentrieren; als die Gelegenheit, mehr Zeit in der Partnerschaft zu verbringen etc. Das mag für einzelne durchaus auch stimmen. Was aber ist mit jenen, denen es effektiv dreckig geht? Denen daheim die Decke auf den Kopf fällt? Die nicht die Kraft und Lust haben, zum Hörer zu greifen und sich ihr Leid „von der Seele“ zu reden?

Seelsorge hat hier vor allem mit dem Aufmerksamwerden zu tun, wo jene Menschen sind, die Hilfe brauchen – und eben nicht nur mit dem Warten, dass sich jemand von sich aus rührt und kommt (so wichtig es ist, dass Menschen auch wissen, wohin und an wen sie sich wenden können!). Das Nachfragen ist dabei möglicherweise verbunden mit der Erfahrung der Abweisung; aber dennoch: SeelsorgerIn sein heißt hier, sich auszusetzen und auch mit Ablehnung der angebotenen Hilfe zu rechnen.

Wer ist Seelsorgerin / Seelsorger?

Dass dies nicht allein und vornehmlich durch Hauptamtliche geschehen kann, ist klar. Trotzdem würde ich mir hier nicht nur viel Engagement für das Gestalten der Videogottesdienste wünschen (bei aller Wertschätzung für viele gut gemachte und hilfreiche Angebote in diesem Bereich); sondern vor allem Ideen und Initiativen im seelsorglichen Bereich. Und das Bekanntmachen solcher Ideen – denn gerade in dem Punkt sind wohl auch SeelsorgerInnen ein wenig alleingelassen.

Und was es nun auch braucht, ist die Förderung der Kompetenz aller Christinnen und Christen, selbst Seelsorgerinnen und Seelsorger zu sein. Denn der eigentliche Seelsorger ist Gott selbst – doch die Sorge um das Heil des Nächsten ist nichts, was nur Hauptamtlichen zukommt oder nur von ihnen zu erwarten ist. In Ergänzung zur liturgischen Hauskirche ist auch Seelsorge einer der Aufträge an ChristInnen für ihren Lebensbereich. So sagt es Stefan Knobloch: Es ist notwendig, dass man „in der Zeit der Fragmentierung und Pluralisierung des Lebens die Menschen in ihren Lebenserfahrungen ernst nimmt und sie selbst die Trägerinnen und Träger der Seelsorge sein läßt.“

Deutlich ist dies im Bereich der Seelsorge für Kranke, die zu einem Gutteil von Ehrenamtlichen erfolgt – die aber (vor allem aufgrund der Zugehörigkeit zur „Risikogruppe“) gerade diesen Dienst derzeit nicht in der gewohnten Form durchführen können. Oder die Seelsorge für jene, die um ihre Existenz bangen. Hier sehe ich den großen Auftrag an die Kirchen, zusätzlich zu den vielen Materialien, die es mittlerweile für die „Hauskirche“ und den Bereich des gottesdienstlichen Feiern gibt, diesen seelsorglichen Bereich zu stärken.

Ein wesentlicher Punkt ist dabei, dass das Bilden und Fördern von Netzwerken auch für die Seelsorge noch bedeutsamer wird: Die Kooperation mit Personen im Krankenhaus für die Krankenseelsorge; mit Personen des AMS oder anderen Einrichtungen für die Hilfestellungen für Arbeitslose; die Kooperation mit psychosozialen Diensten etc.

Solidarität braucht das Hinschauen auf die konkreten Probleme – und vor allem das entsprechende Handeln

Aus der Papstansprache vom 27. März ist mir ein Satz zentral: „Der Herr fordert uns heraus, und inmitten des Sturms lädt er uns ein, Solidarität und Hoffnung zu wecken und zu aktivieren, die diesen Stunden, in denen alles unterzugehen scheint, Festigkeit, Halt und Sinn geben.“ Solidarität und Hoffnung – das ist etwas Aktives, ein bewusster Einsatz für andere. Solidarität zeigt sich in allen Diensten der Kirche – zentral aber im konkreten  Hinschauen auf jene, die selbst nicht mehr die Kraft und die Möglichkeiten haben, ein „gutes Leben“ zu führen.

Die Kriterien für das Reich Gottes werden im Matthäusevangelium deutlich benannt: da ist nicht vom Glauben die Rede, nicht von Gottesdienst und Gebet – sondern vom einfachen Hinschauen auf die Not des Menschen neben uns, ohne Ansehen der Person. Mt 25: Ich war krank, und du hast mich besucht. Ich war nackt, und du hast mich bekleidet. Ich war durstig, und du hast mir zu trinken gegeben …

Der einzige Fehler: Nichts tun und abwarten

Der ökumenische Rat der Kirchen hat Ende März 2020 festgehalten: „Inmitten dieser gravierenden Krise erheben wir unsere Stimmen im Gebete für all jene, die für Führung sorgen und für die Regierungen in aller Welt und ermahnen sie, dass ihre dringlichste Sorge jenen gelten muss, die in Armut und an den Rändern leben, sowie den Flüchtlingen in unserer Mitte.“

Seelsorge vor diesem Hintergrund ist ganzheitlich – und hat sich an den jeweiligen Sorgen der Menschen auszurichten. Daher stellt gerade die aktuelle Situation die gängigen Modelle seelsorglichen Handelns auf den Prüfstand. So manches entwickelt sich neu; manches ist nicht möglich – und manches ist vielleicht auch überholt. Und keiner hat das Allheilmittel – auch nicht für die Seelsorge; oder das beste Rezept.

Gutes tun – und darüber reden

Das Wichtigste aber ist aus meiner Sicht: Es braucht das Handeln jetzt, nicht morgen oder übermorgen. Und vieles wird probiert und entwickelt – nur wird davon öffentlich wenig geredet. Ich würde mir daher wünschen, dass auch über Seelsorge, über die kreativen Ideen der Hilfestellungen, über heilsames Handeln genausoviel berichtet wird, wie über diverse Covid-19 Statistiken und über Gottesdienst-Übertragungen.

Denn es gibt viele Ansätze: Internetforen mit Ideen und Berichten, wie z.B. covid-spiritualcare.com; oder die „Ermutigung to Go“ in Linz; oder diverse Projekte der Erzdiözese Wien mit Kontakthalten, Fürbitt-Box etc. Der Psychoanalytiker und Seelsorger Wolfgang Reuter hat die Herausforderung so zusammengefasst: „In der Dynamik von Bindung und Trennung, Nähe und Distanz situationsangemessen zu handeln – Optimale Nähe gestalten bei gleichzeitig maximaler Abgrenzung.“

Und ich würde ergänzen: Und letztlich darauf vertrauen dürfen, dass der eigentliche Seelsorger, Gott, auch auf den krummen Zeilen unserer Versuche gerade Sätze der Hoffnung für die Menschen schreiben kann.

Autor: Johann Pock ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Wien

Beitragsbild: von Wokandapix auf Pixabay

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