Die virale Kränkung: Oder wie uns ein Virus zeigt, was wir brauchen (Elisabeth Zissler)

Eine brillante Zeitdiagnose aus sozialethischer Sicht legt hier unsere Kollegin Elisabeth Zissler vor. Die Corona-Pandemie enthüllt die Verletzbarkeit der conditio humana.

Die gesellschaftlichen Einschränkungen, die durch das COVID-19 Virus notwendig wurden, nehmen Schritt für Schritt wieder ab. Kindergärten und Schulen, Geschäfte und Gastronomie, Betriebe und Kultureinrichtungen suchen ihren Weg zurück in die „Normalität“. Rückblickend ist kaum realisierbar, was in den vergangenen Wochen tatsächlich geschehen ist. Einprägsam wurde uns die Fragilität unserer menschlichen Existenz vor Augen geführt. Nachhaltig wurde spürbar, wie sehr wir existenziell auf soziale Interaktion angewiesen sind. Durch die Corona-Pandemie und den damit verstärkt sichtbar gewordenen Herausforderungen für die conditio humana wurde unser Selbstverständnis erneut infrage gestellt. Wir sind verletzlicher und voneinander abhängiger als wir uns eingestehen wollen. Diese Einsicht gibt Anlass dazu, die weltweiten Ereignisse rund um das COVID-19 Virus als virale „Kränkung der Menschheit“ – in Anlehnung an Sigmund Freuds gleichnamige These[1] – in den Blick zu nehmen.

»Wir sind verletzlich(er)«

Die kollektive Auszeit war für viele Menschen physisch und psychisch zum Teil äußerst belastend. Vereinsamung durch Isolation, häusliche Gewalt und wirtschaftlicher Ruin sind für viele die Folge. Manche Auswirkungen werden erst nach und nach sichtbar werden. In vielerlei Hinsicht hat uns die Krise plötzlich auf uns selbst zurückgeworfen. Die eigene Verletzlichkeit wurde der breiten Masse bewusst. Die Kränkung betrifft dabei nicht nur unsere biologische Konstitution, sondern für viele auch ihre wirtschaftliche Existenz: Das Virus führt uns vor Augen, wie schnell uns beides geraubt werden kann. Durch Ausgangsbeschränkungen und gelebte soziale Isolation wurde uns auch unser kollektiver »modus vivendi« genommen. Das heißt ein Teil dessen, was unser Menschsein ausmacht: unser soziales Miteinander. Menschen sind die „radikalsten aller sozialen Wesen“[2]. Diesen Wesen den gegenseitigen Kontakt zu untersagen ist ein „Sonderfall von Brutalität“. Nur in Isolation zu existieren verfehlt das menschliche Grundbedürfnis nach sozialer Resonanz, sagt der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal.[3] Diese Tatsache muss auch während der COVID-19-Krise seitens der Politik ernstgenommen werden. Bereits verursachten Missständen durch deren Nicht-Beachtung muss entschieden entgegengewirkt werden.

»Wir sind abhängig(er)«

Die virale Kränkung äußert sich im Bewusstsein, wie sehr wir relationale – auf einander bezogene und voneinander abhängige – Wesen sind. Damit ist nicht nur jene Form der Abhängigkeit gemeint, in die wir uns selbst begeben und die prinzipiell auch wieder verändert werden kann. Es geht hier insbesondere um die bewusste Wahrnehmung jener unvermeidlichen und unüberwindlichen Abhängigkeiten seit wir in diese Welt getreten sind.[4] Nicht nur bestimmte Personengruppen (Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Beeinträchtigung) sind von anderen abhängig, sondern letztlich jedes Individuum. Die Krise macht uns verstärkt bewusst, dass das eigene Leben nicht von dem der anderen getrennt werden kann. Wir sind aufeinander angewiesen. Davon wird unser Leben in seinen verschiedenen Phasen auf unterschiedliche Weise geprägt. Sowohl unsere Vulnerabilität als auch unsere Abhängigkeit von (fürsorglichen) Beziehungen gilt es als Teil der conditio humana anzuerkennen.[5] Die Krise bietet die Chance unser Bewusstsein für diese Grundverfassung unseres menschlichen Daseins wieder zu schärfen und diese Form der Abhängigkeit nicht von vornherein als menschenunwürdigen Zustand aufzufassen. Darauf in entsprechender Weise zu reagieren heißt zu realisieren, was für unser Menschensein tatsächlich wichtig ist.

»Was wirklich wichtig ist«

Der vielfach beschworene und uns angeblich glücklich machende Konsum scheint nicht existenziell bedeutsam zu sein. Unser Bedürfnis nach sozialer Resonanz ist es hingegen schon. Wir lernen nachhaltig etwas aus der Krise, wenn das Bewusstsein dafür unser zukünftiges Denken und Handeln prägt. Während in der Krise schon neue Formen der Solidarität erprobt wurden, gilt es diese auch danach weiter fortzuführen. In diesem Sinne geht es darum, einen kollektiven »modus vivendi« zu etablieren, der auch nach der Krise die unabwendbare Abhängigkeit und Verletzbarkeit jedes Individuums anerkennt und der ein Zusammenleben in gegenseitiger Verantwortung realisiert.

Dr. Elisabeth Zissler ist Sozialethikerin. Sie forscht und lehrt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien-Krems.


[1] Freud erwähnt die kosmologische nach Kopernikus, die biologische nach Darwin sowie die psychologische Kränkung. Zudem findet sich in der Forschungsliteratur eine weitere – neurobiologische – Kränkung, die bisher vorherrschende Wesensbestimmungen des Menschen und darauf aufbauende Menschenbilder infrage gestellt hat.

[2] Kotrschal, Kurt: Mensch. Woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen, Wien 2019, 8.

[3] Vgl. Servus TV: Talk im Hangar-7 mit Kurt Kotrschal u.a. zum Thema: Österreichs Gesellschaft während und nach der Krise (19.03.2020).

[4] Vgl. Schnabl, Christa: Das Moralische im Politischen. Hannah Arendts Theorie des Handelns im Horizont der theologischen Ethik, Frankfurt 1999, 80 f.

[5] Vgl. Schnabl, Christa: Gerecht sorgen. Grundlagen einer sozialethischen Theorie der Fürsorge, Freiburg 2005.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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