Religionsunterricht in Zeiten von Corona: Virtuelle Gesprächsräume eröffnen (Maria Juen)

Unsere Gastautorin Maria Juen, Religionspädagogin an der Universität Innsbruck, gibt Einblicke, was religiöses Lernen in Zeiten von Corona bedeuten kann.

16. März 2020 – von einem Tag auf den anderen wurden Schüler*innen und Lehrer*innen hinauskatapultiert aus gewohnten schulischen Routinen und coronabedingt in einen Ausnahmezustand versetzt. Distance Learning ist das Gebot der Stunde. Digitale Kompetenzen sind gefragt, auch im Religionsunterricht. Doch: „Wie geht und worin besteht Reli remote?“ Was bedeutet religiöses Lernen in Zeiten von Corona? Was ist (lebens)förderlich und was überfordert Eltern, Schüler*innen und Lehrpersonen angesichts der vielfältigen Herausforderungen, die der Corona-Alltag mit sich bringt?

Weder Schüler*innen noch Lehrpersonen sind Maschinen, die man per Knopfdruck einfach auf virtuelles Lehren und Lernen umstellen kann. „Normalerweise habe ich kein Problem damit, mich zwei bis drei Stunden konzentriert ans Lernen zu setzen, jetzt schaffe ich nicht einmal eine Stunde“, erzählt eine sehr gute Schülerin. Nicht (nur) die fehlende technische Ausrüstung oder der Umgang mit verschiedenen Programmen und digitalen Tools stellt in diesen Tagen Lernende und Lehrende vor Probleme, auch und gerade die Anspannung und die emotionalen Belastungen, die mit der Ausnahmesituation des Lockdown verbunden sind, beeinflussen die Leistungsfähigkeit. Der Blick auf die steigenden Fallzahlen, die Sorge um erkrankte Familienmitglieder, die erzwungene Unterbrechung der alltäglichen Lebensgewohnheiten, die Angst um die krebskranke Mutter, all dies bindet Energien.

Lehren und Lernen in Zeiten von Corona ist anstrengend. Der kluge Satz von Ruth C. Cohn „Wer den Globe nicht achtet, den frisst er“ gilt auch in diesen Tagen. Angesichts dieses herausfordernden Kontextes stellt sich die Frage: Was bedeutet distance learning im Religionsunterricht? Einfach weitermachen im Unterrichtsstoff, nur eben in digitaler Form? Wohl kaum.

„Überfordern Sie sich nicht und auch nicht Ihre Studierenden mit neuen Programmen, greifen Sie auf Bekanntes zurück“, lerne ich in einem Webinar zu Online-Lehre. Ok, das gilt auch für die Schule, und so mache ich aus der Not eine Tugend und verlege mich kurzerhand darauf, meine Oberstufen-Schüler*innen zu einem Video-Meeting einzuladen. Die Idee stößt auf Resonanz: „Ja, das wäre sehr nett und würde mich freuen, einfach mal so abschalten und wieder so wie sonst auch, ein gemütliches Gespräch zu haben“, antwortet mir ein Schüler per Mail. Zusammenkommen und miteinander ins Gespräch kommen – eigentlich ist damit alles gesagt, was Religionsunterricht in diesen Tagen für mich ausmacht: einen virtuellen Raum eröffnen, der die Möglichkeit bietet, einander wiederzusehen, von sich zu erzählen, Anteil zu geben und Anteil zu nehmen an dem, was mich und andere bewegt.

Nach dieser ersten positiven Erfahrung werden Video-Meetings für mich zur wöchentlichen Routine. Nicht nur in den beiden kleineren Gruppen der Maturaklassen, sondern auch in der 4. Klasse Unterstufe. Selbst in der Karwoche stehen auf Wunsch der Schüler*innen drei Video-Meetings in meinem Terminkalender.

Die Struktur der virtuellen Treffen ist einfach: In einer Blitzlichtrunde am Beginn erzählt jede und jeder, was sie/ihn bewegt und worüber sie/er sich in der Gruppe austauschen möchte. In der Oberstunde sind die aufgeworfenen Fragen so vielfältig und die Gespräche so dicht, dass ich kaum auf meine vorbereiteten Themen und Materialien zurückgreifen muss. In der 4. Klasse erfordert das Meeting mehr an methodisch-didaktischer Gestaltung und an inhaltlichem Input. Dennoch nehmen die Schüler*innen gerne und erstaunlich diszipliniert daran teil. Sie finden Video-Meetings cool, denn das „machen wir in anderen Fächern nicht“, so der Tenor.

Die Bandbreite an Themen, die wir in den wöchentlichen Video-Meetings ansprechen ist groß. Die Gespräche berühren alltägliche Fragen: Wie geht es mir mit der Ausgangssperre? Was halte ich von den Maßnahmen der Regierung? Wie verwende ich den Mund-Nasen-Schutz richtig? Wie geht es mir, wenn ich mit Maske einkaufen gehe? Wie komme ich mit dem digitalen Unterricht zurecht? Wie schaffe ich es, meinen Tag sinnvoll zu strukturieren? Wie feiere ich Ostern, wenn ich meine geschiedenen Eltern nicht sehen kann, weil ich bei den Großeltern lebe? Wie komme ich zurecht mit der Unverfügbarkeit und Ungewissheit des Lebens, die in diesen Tagen besonders spürbar wird?

Das Bedürfnis nach Austausch ist groß. Es gilt, sich in der Ausnahmesituation zurecht zu finden und die medial vermittelten Informationen einzuordnen und zu bewerten.

Die virtuellen Meetings bieten Raum für das gemeinsame Fragen und Suchen, das An- und Aussprechen von Schwierigkeiten, Ängsten und Sorgen. Sie geben den Schüler*innen aber auch die Möglichkeit, ihre Mitschüler*innen wiederzusehen und unterbrechen die Eintönigkeit des Tages. Sie laden ein, in den Blick zu nehmen, was in diesen Tagen Kraft und Energie gibt, was trägt, was plötzlich in neuer Weise wichtig wird und wofür ich dankbar bin. Es sind die grundlegenden Fragen des Lebens, denen wir gemeinsam auf der Spur sind.

Und jetzt, nach der offiziellen Wiederaufnahme des Schulbetriebs? Ich bin überrascht, als viele Schüler*innen der 4. Klasse den Wunsch äußern, die wöchentlichen Video-Meetings beizubehalten. Die Maturant*innen haben das letzte virtuelle Treffen für die Woche nach der schriftlichen Matura vorgeschlagen. Wir bleiben also im Gespräch…

Maria Juen ist Senior Lecturer am Institut für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck und Religionslehrerin am Realgymnasium Schwaz.


Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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