Das Ende der Globalisierung? Die pfingstliche Erinnerung an die Einheit der Menschheit (Regina Polak)

Der Pfingstgeist befreit, ermutigt und beauftragt zum Handeln im Horizont einer globalisierten Welt. Daran erinnert sich Regina Polak im Kontext gesellschaftlich problematischer Entwicklungen nach dem Höhepunkt der Corona-Krise.

Die liberal-humanistischen Menschheitsvorstellungen haben niemals den Schrecken erfasst, die der Idee der Menschheit und dem jüdisch-christlichen Glauben an einen einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechts zukommen, sobald nun wirklich alle Völker auf engstem Raum mit allen anderen konfrontiert sind, schrieb Hannah Arendt im zweiten Teil ihrer Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.

Wie herausfordernd und zugleich gefährdet die Glaubenserfahrung von der Einheit des Menschengeschlechts ist (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 360) wird in der Zeit nach dem Höhepunkt der Corona-Krise in besonderer Weise sichtbar werden.

Weltweit erwachen nationalistische Strömungen und Rufe nach einem starken Staat. Der US-amerikanische Präsident lenkt mit einer Law-and-Order-Politik von seinem Versagen in der Pandemie ab. Zwischen den Staaten beginnt der Konkurrenzkampf darum, wer als erster den ersehnten Impfstoff bekommen wird (so Sebastian Kurz in der Sendung „Frühstück bei mir“ von Claudia Stöckl am Pfingstsonntag). Globalisierungskritiker aller politischen Couleur bekommen Aufwind.

Die Globalisierung gerät unter Beschuss – nicht ohne Grund, werden doch die Schieflagen einer globalisierten Ökonomie deutlich wie nie sichtbar.

Den Preis für diese Entwicklungen bezahlen vulnerable Minderheiten bzw. sozial, kulturell, ethnisch und religiös marginalisierte Gruppen. Diskriminierung, Intoleranz und Rassismus nehmen laut Befund einer OSZE-Konferenz am 25. und 26. Mai 2020 beängstigend zu.

Die berechtigte Sorge um das Wohlergehen der jeweiligen nationalen Bevölkerungen hat einen gewaltigen Schatten: Sie lässt Menschen aus dem Blickfeld der Verantwortung und Solidarität geraten. So hat z.B. Paul Zulehner in einer Andacht zum Pfingstfest darauf aufmerksam gemacht, dass wir in der Gefahr stehen, die Not der Migranten zu vergessen. In seiner eindringlichen Pfingstpredigt ruft er zu einer Pandemie der Solidarität auf.

Erosion des öffentlichen, demokratischen und politischen Raumes

Die Sehschwäche gegenüber der Zusammengehörigkeit der einen Menschheit, die wir derzeit in den politischen und medialen Diskursen beobachten können, hat mit einer Entwicklung zu tun, die nicht neu ist: der Erosion und dem Verlust öffentlicher Räume, auf die demokratische und politische Prozesse angewiesen sind. Die Beschleunigung dieser Entwicklung könnte zu den bedrohlichsten Folgen der Maßnahmen gegen die Pandemie gehören.

Das gebotene und medizinisch sinnvolle Social Distancing forciert ebenso wie eine unkritische Euphorie über die Möglichkeiten der Digitalisierung den Rückzug in die privaten Räume und die je eigenen sozialen Blasen. In diesen wird man von niemandem mehr gestört, der nicht zur eigenen Gruppe gehört. Unvorhergesehene Ereignisse werden nahezu verunmöglicht. Man kann erschwert wahrnehmen, wie es Menschen außerhalb des eigenen Einzugsbereiches tatsächlich geht. Vulnerable Menschen und Gruppen geraten aus dem Blickfeld.

Die damit verbundene Entpolitisierung macht mir große Sorgen. Denn öffentliche Räume, in denen man auch anderen, fremden Menschen begegnen und sich mit ihnen auseinandersetzen muss, sind unverzichtbar für jegliche Art von demokratischen und politischen Prozessen. Durch digitale Räume können sie nicht einmal annähernd ersetzt werden. Es ist der leibhaftig geteilte öffentliche Raum, der mich zwingt, mich mit den jeweils Anderen in ihrer Andersheit zu konfrontieren. So verführerisch angenehm es ist – auch für mich – im Home-Office nicht abgelenkt zu werden, von mir weniger sympathischen Menschen nicht gestört zu werden, konzentriert meinen eigenen Projekten nachgehen zu können und selbst zu bestimmen, wie viele schlechte Nachrichten ich auf meinem PC zu erscheinen gestatte, so politisch gefährlich ist dieser Zustand. Denn „da draußen“ geht das Leben weiter. Und für viele Menschen geht es nicht gut weiter. Es sind gerade die privilegierteren Schichten der Gesellschaft, die mit der Möglichkeit des Rückzugs in das Homeoffice vor der Gefahr stehen, soziopolitisch gefährliche Entwicklungen zu übersehen. Medialer Konsum allein genügt da nicht zur Abhilfe.

Die Realität einer globalen Welt

Selbstverständlich muss die Globalisierung hinkünftig kritisch und differenziert betrachtet und nachjustiert werden. Zu deutlich ist geworden, dass bestimmte Dimensionen ökonomischer Globalisierung das Überleben der Menschheit bedrohen. Aber die Globalisierung ist mehrdeutig.

So macht die Corona-Krise die Volatilität globalisierter Märkte und die internationalen Abhängigkeiten bei der Güterproduktion und den Lieferketten ebenso spürbar wie die Möglichkeiten zu rascher Informationsweitergabe und zu wissenschaftlichem Austausch. Der globale Klimawandel wird als Ursache für die Zoonose neuartiger Viren erkennbar, die sich dann durch internationale Mobilität rasant weltweit verbreiten und die Pandemie zur Folge hatten. Aber auch eine beeindruckende Explosion kreativer und innovativer Ideen zur Krisenbekämpfung in der globalen Zivilgesellschaft wird sichtbar.

Die globale Realität sozialer Ungleichheit, prekärer Arbeitsverhältnisse sowie Armut zeigt sich ebenso wie die ökonomische Dynamik, dass Krisengewinne von großen Unternehmen privatisiert und die Kosten der Krise vergesellschaftet werden. Arme und Marginalisierte sind von der Krankheit wie auch von den Folgen der Krise weltweit mehr betroffen als die global privilegierte Elite, die im Home-Office geschützt war und ist.

Zugleich erweisen sich die Möglichkeiten zur Digitalisierung zentraler Lebensabläufe – von der sozialen Kommunikation bis zu digitalem Home-Learning – als Mittel der Resilienz in Zeiten des Social Distancing. Auf der Ebene des soziokulturellen Alltags lässt sich eine unglaubliche plurale Kreativität im Umgang mit der Krise ebenso wahrnehmen wie der grassierende Rassismus und Hass gegen Minderheiten und vulnerable Gruppen. Damit zeigt sich erneut die Unfähigkeit im Umgang mit der kulturellen Pluralität einer globalen Gesellschaft.

Wir leben in einer irreversibel globalen Welt.

Darauf hat Ulrich Beck in seinem Buch „Was ist Globalisierung?“ bereits vor fast 25 Jahren aufmerksam gemacht. Die geographische Ausdehnung und zunehmende Interaktionsdichte des internationalen Handels; die globale Vernetzung der Finanzmärkte und der Machtzuwachs transnationaler Konzerne; die informations- und kommunikationstechnologische Dauerrevolution; der – zumindest theoretische – Anspruch auf Menschenrechte und Demokratie; die Bilderströme der globalen Kulturindustrien; die postinternationalen und polyzentrischen Weltpolitiken sowie die an Macht und Zahl wachsenden transnationalen Akteure und die Frage der globalen Armut; die globale Umweltzerstörungen und die transkulturellen Konflikte am Ort bleiben und sind auch nach Corona eine Realität.

Darüber dürfen wir uns auch trotz binnennationaler Solidaritätsbekundungen, der in Österreich guten Meisterung der Krise und dem Gefühl, dass das Schlimmste vorbei zu sein scheint, nicht hinwegtäuschen (lassen). Die österreichische Neigung zum Provinzialismus ist keine Zukunftsoption.

Der universalisierende Pfingstgeist

Was die Soziologie als empirisch irreduzible Globalität beschreibt, erinnert an die christlich normativ zu verwirklichende Einheit der Menschheit: eine eschatologische Verheißung, die zwar immer nur annähernd verwirklicht werden kann, aber um deren ethische und politische Gestaltung in jeder Generation neu zu ringen ist: im Zeichen der Würde der Person, der Gerechtigkeit und des Friedens. Die Einheit der Menschheit wird konkret an jedem Ort, wo jeder und jede Einzelne lebt und wirkt. Dies geschieht heute im Zeichen der Corona-Pandemie.

Deshalb ist der Rückzug in private, regionale und nationale Räume keine christliche Option. Lokale Probleme sind auch aus christlicher Sicht im Horizont einer globalen Welt zu lösen. Dazu brauchen wir öffentliche Räume der Kommunikation, des Austausches und des zivilisierten Konflikts. Wir stehen in der Zeit nach Corona vor der Frage: Wie können wir solche Räume auch inmitten der Corona-Beschränkungen eröffnen? Wie fördern wir inmitten lokaler und nationaler Probleme das Bewusstsein einer globalen Welt?

Aus christlicher Sicht ist es der Pfingstgeist, der zur nötigen Weite des Denkens, Lebens und Handelns ermutigen kann. Pfingsten als Geburtstag einer transnationalen, transkonfessionell katholischen Kirche bestätigt und erweitert, was beim Sinai-Bund dem Volk Gottes zugesagt und aufgetragen wurde. Alle sind mit dem Geist Gottes begabt. Alle sind deshalb beauftragt, Licht der Völker zu sein und den Geist Gottes in dieser irdischen Welt wahrnehmbar zu machen und dem Gesetz Gottes entsprechend zu handeln: konkret vor Ort, aber im universalen Horizont.

So unverzichtbar also die Besinnung auf die Innerlichkeit des Glaubens ist, so unverzichtbar ist deshalb gerade jetzt das Hinausgehen zu den Menschen: das bewusste Aufsuchen von Menschen und Situationen, die mir fremd sind, die ich nicht kenne, und deren Freude und Hoffnungen, Sorgen und Ängste (Gaudium et Spes 1) ich als Christin zu teilen verpflichtet bin. Der Limburger Bischof Georg Bätzing hat in seiner Pfingstpredigt aufgerufen, dass die Kirche die geschlossenen Räume und Systeme verlassen und sich öffnen muss: „Draußen vor den Kirchtürmen, mitten in der Stadt und in der Welt ist der eigentlich spannende Ort, um von Gott zu reden und zu Erfahrungen mit Gott einzuladen“. Dazu gehört auch die Verantwortung für die eine, gemeinsame Welt. Der Pfingstgeist kann dazu befreien und ermutigen, die Welt „da draußen“ wahrzunehmen und zu ihrer zukünftigen Gestaltung beizutragen.

Bild: Pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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