Covid-19 – die neue Religion (Kurt Appel)

Ein herausfordernder Titel – mit unangenehmen, aber wichtigen Fragen. Der Beitrag unseres Kollegen Kurt Appel ist am 28. Mai in der Wochenzeitschrift „DIE FURCHE“ erschienen – eine Qualitäts-Zeitschrift, die man abonniert haben sollte, wenn man Journalismus mit Tiefgang sucht (Hier geht es zum Abo ). Auch in Italien wurde der Beitrag in einer renommierten Tageszeitung veröffentlicht hat für große Furore gesorgt. Er wurde in einer der wichtigsten Nachrichtensendungen des Radios zehn Minuten lang an erster Stelle vorgestellt und diskutiert.

Unsere Gesellschaft ist religionskritisch. Aber in ihr verbergen sich neue Formen von Quasireligiosität, die oftmals Züge des Aberglaubens annehmen. Die aktuelle universale Religion könnte man Covid-19 nennen.

Die derzeitige Situation hat in ihrer religiösen Erwartungshaltung gegenüber der Virologie etwas Wahnhaftes. Wir finden darin einen säkularisierten Messianismus: An Stelle der Erwartung der Wiederkunft Jesu erwarten wir mit Inbrunst den Messias „Impfung gegen Covid“, von dem niemand weiß, wann und ob er jemals kommt. Der Virologe Drosten mahnt uns in der ZiB 2 entsprechend, doch Glauben an die Wissenschaft und ihren Heilsbringer, den Impfstoff zu haben. Die ganze Politik und alle Maßnahmen schärfen uns unentwegt ein, dass unser jetziges Leben ein uneigentliches ist, ein Leben im Ausnahmezustand zu sein hat, denn das wirkliche Leben wird dann beginnen, wenn uns die Pharmaindustrie mit einem Impfstoff beglückt haben wird.

Covid 19 hat auch einen Klerus: Es handelt sich dabei um die Virologen, die uns Tag für Tag verkünden, was wir nicht alles sein zu lassen haben, bis der Impfstoff kommt. Die Wirtschaft geht zu Grunde: Macht nichts, wir leben von der Erwartung. Keine Schule und kein soziales Leben mehr: aber es gibt doch E-Learning und die neue virtuelle Welt, die so viel besser ist als die Realität. Die Kultur geht zu Grunde: Auch das kein Problem, wir haben ja an deren Stelle einen neuen Kult. Dieser Kult heißt „Social Distancing“. Verbunden ist er mit dem Opfer der jungen Generation, denen jede Perspektive genommen wird, und den Masken als liturgischer Kleidung.

Natürlich erfolgen Sanktionierungen bei Nichteinhaltung des Kultes, der hervorragend abgesichert ist durch den dogmatischen Hintergrund der neuen Religion: Diese ist eine Religion der Angst und ihr Kern ist der Horror vor dem Anderen, der als gemeinsame Stimmung die Gesundheit des Volkskörpers garantieren soll. Wie dilettantisch waren die Rechten, die uns zwar die Angst vor dem Fremden eingebläut haben, aber doch noch gewisse Ausnahmen konzedierten. Jetzt dagegen wissen wir, dass vom Anderen Todesgefahr ausgeht, ausnahmslos; der Andere ist die zu vermeidende Hölle – diese Botschaft muss schon den Kindern, die anachronistischerweise in der Schule auch körperlichen Kontakt suchen, vermittelt werden. Denn merke: Selbst wenn der Andere den Virus hinter sich hat, kann er wieder gefährlich werden: Er ist eine Granate, die jederzeit losgehen kann. Und sollte es sich zeigen, dass man den Virus mit herkömmlichen Medikamenten zunehmend besser in den Griff bekommt, wie Erfahrungen in den Kliniken Bergamos zeigen, so darf man das nicht zu laut verkünden, denn das könnte den Glauben an den Messias abschwächen.

Und jetzt ganz aufklärerisch gesagt: Nein, es geht nicht um Verschwörungstheorien oder um irrationale Impfgegnerschaft, es geht nicht darum, in den Chor jener einzustimmen, die Covid-19 verharmlosen, etwa, indem sie diese Krankheit mit einer herkömmlichen Grippe vergleichen. Ich halte mich zur Zeit in der Provinz Bergamo auf, wo meine Frau in einer Klinik arbeitet. Wir leben – in meinem Falle teilweise – im am stärksten betroffenen Gebiet in der Val Seriana, wo tausende Menschen am Virus gestorben sind und wo im April auch in kleineren Ortschaften mehrmals am Tage die Todesglocken geläutet haben.

Wissenschaft und Medizin sollen nicht diskreditiert werden, vielmehr kann man nur voller Respekt die Leistung der Ärzte, des Pflegepersonals, der Psychologen, Priester und Einsatzkräfte bewundern, die oft unter Wagnis des eigenen Lebens einen beispiellosen Einsatz für die Erkrankten gezeigt haben.

Es geht aber sehr wohl darum, sich zu fragen, ob die Maßnahmen gegen Covid-19 wirklich die gesamten Fundamente unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft, unserer Politik und Kultur zerstören dürfen. Es zeigt sich, wie naiv die Linke war in ihrem Glauben, dass die Wirtschaft alles dominiert. Wenn eine neue Religion auftritt, dann ist sogar die Wirtschaft völlig machtlos. Hörig der neuen Priesterschaft und ihren politischen Ministranten und ihrem Verlangen, alles – und das heißt im konkreten Falle einen unberechenbaren Erreger – bis ins Letzte zu dominieren, steuern wir in den Untergang unseres sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und psychologischen Gefüges.

Auch da, wo sich die Situation spürbar bessert, wird einer ohnehin schon verängstigten Bevölkerung eingeschärft, dass der Virus jederzeit zuschlagen kann, dass das „Außen“ lebensbedrohlich ist und nur der Rückzug in die eigenen Wände und der Abstand zum Anderen Sicherheit bieten. Grundsätzliche Fragen und Diskussionen werden dagegen weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs verbannt: Ist das Überleben der höchste oder sogar einzige Wert in unserer Kultur oder gibt es ein kulturelles, wirtschaftliches und soziales Geschehen – angefangen bei den Gasthäusern bis hin zu den kulturellen und sportlichen Festivals –, die es wert sind, dafür Risiken einzugehen? Ist der Tod wirklich das Schlimmste, was dem Menschen zustoßen kann? Gibt es nicht die Möglichkeit, gelassener mit dieser Bedrohung umzugehen? Verlangen nicht Berufe wie der des Lehrers, des Sozialarbeiters, des Seelsorgers auch das Absehen von der eigenen Person und ihrer Unversehrtheit, wenn es darum geht, Andere in ihrem Lebensweg zu unterstützen? Müssen wir nicht angesichts von drohender Not in der gesamten Welt, aber auch drängender Probleme wie der Klimakrise und zu erwartender Massenarbeitslosigkeit insbesondere unter Jugendlichen, die unseren ganzen wirtschaftlichen Einsatz erfordern werden, alles daran setzen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Optimismus und Freude gerade auch am verletzbaren Leben bestimmend sind?

Kurt Appel ist Professor für  Theologische Grundlagenforschung und Sprecher des Forschungszentrums „Religion and Transformation in Contemporary Society“ an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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