Internationales Forschungsprojekt „CONTOC“ – Churches Online in Times of Corona (Johann Pock)

Welche Erfahrungen mit Digitalisierung gab es in den unterschiedlichen Bereichen der Seelsorge in der Zeit der Corona-Pandemie? Welche Grenzen haben sich gezeigt – aber auch welche neuen kreativen Ideen wurden entwickelt? Und wie sind die Seelsorgerinnen und Seelsorger unterschiedlicher christlicher Kirchen damit umgegangen? Johann Pock ist österreichisches Forschungsmitglied des internationalen und ökumenischen Projektteams „Contoc“. Im Beitrag erklärt er, was sein Forschungsinteresse bei dieser Studie ist.

Im Verlauf der letzten Monate waren alle gesellschaftlichen Bereiche gewissermaßen im Blindflug und im Modus des Experimentierens unterwegs. So auch die unterschiedlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften. Die jahrzehnte-, teilweise jahrhundertelang eingeübten Formen der Begleitung von Menschen, von Ritualen und Gemeinschaftsformen waren von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich.

Diese Herausforderungen aufgrund der Covid-19-Krise wurden auf vielen Ebenen sehr unterschiedlich aufgegriffen. Es gab plötzlich eine große mediale Präsenz einzelner Bischöfe und Priester, ja sogar des Papstes, bei der Feier von Gottesdiensten. Es entstanden neue online-Formate, in denen gebetet, gefeiert, gesungen oder auch theologisch diskutiert werden konnte.

Entstehung eines empirischen Forschungsprojekts

Krisensituationen stellen immer auch die Chance dar, dass Neues, Kreatives entsteht – und zugleich bedeutet es für manche auch die schmerzliche Einsicht, dass bisherige Mittel nichts nützen. Diese Situation wurde von einem Team um Ilona Nord (Frankfurt) und Thomas Schlag (Zürich) aufgegriffen, die sich hinsichtlich einer empirischen Studie an das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) wandten. Es entstand ein Projektleitungsteam, dem noch Wolfgang Beck (Frankfurt/St. Georgen) und Georg Lämmlin (Sozialwissenschaftl. Institut der EKD) angehören. Dieses Team erarbeitete ein empirisches Forschungsprojekt und lud auch noch internationale und interkonfessionelle Kooperationspartner*innen zur Mitarbeit ein. Das Projekt läuft unter dem Namen „Contoc“ – Churches online in times of corona. Die Durchführung in mehreren Ländern erlaubt in der Auswertung auch einen guten Vergleich, da es jeweils sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen gab – aber auch die Vorgehensweise hinsichtlich der Einschränkungen für die Kirchen nicht überall dieselbe war.

Das bedeutet auch, dass unter den vielen aktuell auftauchenden Fragen in einem ersten Schritt nur ein kleiner Teilbereich in den Blick genommen werden kann: Im Fokus stehen in der von Pfingsten bis 30. Juni laufenden Befragungsphase mittels eines Online-Fragebogens alle Seelsorgerinnen und Seelsorger christlicher Konfessionen in unterschiedlichen Ländern. Die Umfrage wird von den evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland, der Schweiz und Österreich durchgeführt. Eingebunden ist sie in einen Forschungsverbund mit Studien in Argentinien, Australien, Brasilien, Chile, Dänemark, Finnland, Ghana, Großbritannien, Hong Kong, Namibia, den Niederlanden, Paraguay, Schweden, Singapur, Südafrika, Südkorea, USA und Uruguay.

Was ist das Forschungsinteresse der Studie?

Das primäre Forschungsinteresse liegt darin, wahrzunehmen und besser verstehen zu lernen, welche Veränderungen auf den unterschiedlichen kirchlichen Handlungsebenen durch die verstärkte Notwendigkeit von Digitalisierung erfolgt sind. Arnd Bünker formuliert die Kernfragen in einem Beitrag auf feinschwarz.net so: „Welche Erfahrungen und Veränderungen zeigen sich durch die Digitalisierung in der Kirche? Was heißt Digitalisierung für die Praxis von Seelsorge? Welche Rahmenbedingungen müssen da im Blick sein? Wen grenzen wir von vorneherein aus? Welche Bedeutungsveränderungen zeigen sich? Welche Chancen gibt es?“

Keine Bewertung und Bewusstsein von Grenzen

Wichtig ist dabei, dass es nicht um eine Bewertung geht – wer hat es gut gemacht, wer nicht. Vielmehr geht es um Lernerfahrungen, die für andere fruchtbar gemacht werden können. Dabei wird auch deutlich festgestellt, dass Digitalisierung nicht nur Positives hervorbringt. Vielmehr soll ein kritischer Blick aus den Erfahrungsbereichen der SeelsorgerInnen auf das Feld der Digitalisierung geworfen werden.

Der Forschungsgruppe ist bewusst, dass dieser eingeschränkte Fokus verschiedene andere Bereiche nicht wahrnehmen kann: den Bereich der Katechese, des Religionsunterrichts, verschiedene kirchlich-caritative Orte; oder auch jene Bereiche, wo es keine hauptamtlichen SeelsorgerInnen gibt. Hier wäre es wichtig, vor Ort (in den Diözesen, in Seelsorgebereichen) zu schauen, wie solche Erfahrungen erhoben werden können.

Forschungshypothesen

Jede empirische Forschung hat auch vorausgehende Arbeitshypothesen. Aus meiner Sicht und im Blick auf Österreich lauten sie u.a.:

a) Jene, die auch vor der Krise bereits kreativ waren, konnten diese Kreativität auch in der Krise nutzen. Vgl. https://www.dioezese-linz.at/corona/news/seelsorge-in-zeiten-der-corona-pandemie  

b) Digitalisierung verstärkt soziale Unterschiede, auch im kirchlichen Bereich.

c) Es gab eine hohe Konzentration auf die Durchführung von Gottesdiensten, nicht zuletzt aufgrund der liturgischen Herausforderungen durch die Karwochenliturgie.

d) Seelsorge braucht Begegnung. Digitale Formen sind hier eine Notlösung, aber kein vollgültiger Ersatz.

Zeichen der Zeit – und Stimme Gottes

Natürlich freut sich wohl kaum jemand über die Krise; und daher ist auch die Rede von der „Krise als Chance“ nur ein Ausschnitt aus den vielfältigen Erfahrungen, die für einen großen Teil der Menschen negativ waren und sind: Mit dem Verlust von Arbeitsplatz, Gesundheit oder sogar dem Leben. Und es ist auch klar, dass ein Fokussieren auf einen Aspekt viele andere ausblendet: die weiterhin bestehenden Klimaprobleme; die immer größere werdende Schere zwischen wenigen Reichen und vielen Armen etc. Und dennoch ist auch hierin zu fragen: Was ist in diesem Geschehen ein Zeichen der Zeit – also etwas, dem man nicht ausweichen kann und das auf eine tiefere Wirklichkeit verweist? Gibt es auch die Stimme Gottes in dem ganzen Geschehen – und wie und durch wen wird sie hörbar? Wird durch die Konzentration auf die neuen technischen Möglichkeiten nicht sogar Gott ausgeblendet?

Ich persönlich bin jedenfalls gespannt, auf welche blinden Flecken des theoretischen Überlegens uns die vielen Personen in der Praxis hinweisen werden; welche Lernerfahrungen es in unterschiedlichen Seelsorgebereichen gibt – und was davon in die Zukunft mitgenommen werden kann.

Autor: Johann Pock ist Univ.-Prof. für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

Beitragsbild: Pock (Homepage des Forschungsprojekts https://www.contoc.org)

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