Chance genutzt: Erfahrungen mit Zoom-Wortgottesfeiern in der PfarrCaritas (Ebru Noisternig)

In den letzten Monaten haben sich neue Formen von Online-Gottesdiensten entwickelt. Ebru Noisternig, Promovendin an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien und im Team der PfarrCaritas Wien für den Bereich Caritas-Ethik zuständig, reflektiert die Erfahrungen mit einer Zoom-Wortgottesfeier in der PfarrCaritas – und sieht sie als spirituelle Tankstellen und als Form „praktizierter Resilienz“.

Angesichts der zahlreichen Online-Gottesdienste und Streamings aus geschlossenen Kirchenräumen, geleitet von Klerikern und ein paar ausgewählten Laien, schrieb Johann Pock kurz vor der Kar- und Osterwoche in diesem Blog über eine „vertane Chance“. Es ging um den Kairos einer Möglichkeit, Schritte in Richtung der Anerkennung eines gemeinsamen Taufpriestertums zu machen.

Den theologischen Hintergrund dafür bildet nicht zuletzt die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes. Dieser abschließende Konzilstext „über die Kirche in der Welt von heute“ bestärkt gleich zu Beginn die Christ*innen darin, in der jeweiligen Zeit einen wachen Sinn für Freiheit zu haben. Das Konzil erinnert daran, uns unserer Berufung eingedenk zu sein, als Menschen gemeinsam an der Errichtung einer geschwisterlichen Gemeinschaft zu arbeiten. Als getaufte Christ*innen sind wir aufgerufen, Teilhabe am gemeinsamen Königtum, Prophetentum und Priestertum Christi zu nehmen.

Dieses Verständnis von Christsein ermutigte mich – und als Caritasmitarbeiterin wagte ich in den Tagen des „Lockdown and stay@home“ eine kleine neue Form, das gemeinsame Taufpriestertum via Zoom zu leben. Mithilfe einer Teamkollegin habe ich eine Wortgottesdienstfeier für das Team der PfarrCaritas und Nächstenhilfe angeboten. Das Unternehmen stellte anfangs eine ziemliche Challenge dar – mit vielen Fragezeichen vor allem technischer Natur. Die Nutzung des digitalen Raumes für diese Form des Gottesdienstes stellte uns u.a. folgende Fragen:

Welche Elemente sind wie und wo am besten einzusetzen? Wer von uns beiden gibt für die Feiernden die Bilder frei? Wer liest die Texte, in welcher Lautstärke ist es für die Übertragung am geeignetsten? Spielen wir die Musikstücke via Handy oder direkt vom Laptop? Wie gestalten wir unseren virtuellen Gebetsraum, mit welchen Bildern? Wie teilen wir die mehrfachen Funktionen auf: Moderieren, leiten, lektorieren, predigen?

Und die größte Herausforderung: Wie kann man die Atmosphäre eines sakralen Raumes in den virtuellen Raum übersetzen?

Die technischen Fragen konnten im Laufe einiger bilateraler Zoommeetings geklärt werden.

Jedoch: Was ist mit der spirituellen und theologischen Dimension einer Wortgottesfeier?

Können wir im virtuellen Raum die Atmosphäre so gestalten, dass die Herzen der Mitfeiernden geöffnet werden für die Botschaft Christi? Was passiert, wenn eine bekannte Liturgieform in den virtuellen Raum geht und nicht mehr auf das Gewohnte im liturgischen Raum einer Kirche mit Sitzbänken, Heiligenbildern, Weihrauch, liturgischen Gewändern und Gesten zurückgreifen kann?

Wir haben es trotzdem gewagt, die Chance ergriffen – und im Tun vieles gelernt. Aus unserer WoGo-Feier im Zoom haben wir Antworten auf diese anfänglich gestellten Fragen bekommen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass für die jetzige Lebenssituation der Mitfeiernden abgestimmte Lesungen und Lieder eine verbindende und besinnliche Stimmung schaffen können. Ebenso war es für die Predigt wichtig, die ausgewählte Perikope aus dem Evangelium aus dem geschichtlichen Kontext in die heutige Zeit zu übersetzen, um dem Team Stärke und Kraft für die nächsten Tage im Lock-down zu geben. Für meine Kollegin und mich war es wichtig, mit allen Elementen einer virtuellen spirituellen Andacht unser Team dort abzuholen, wo sie derzeit in ihren Lebensrealitäten sind: Gläubige Menschen @home und @homeoffice, die Gottesdienst feiern wollen, aber nicht in die Kirche gehen dürfen. Denn wie schon aus der Resilienz- und Glücksforschung bekannt ist, spielt die Spiritualität eine wichtige Rolle, wenn es um die Bewältigung von Krisensituationen im Leben geht (vgl. A. Maslow, Jeder Mensch ist ein Mystiker, 2014).

Das Internet ist ein Medium, welches (nicht nur, aber vor allem) einer jungen, technik- und digitalaffinen Generation wie der meinen, viele Möglichkeiten einer Partizipation im Sinne des gemeinsamen Taufpriestertums ermöglicht. Um uns gegenseitig in unserem Glauben zu stärken, um das Wort Gottes zu verkünden, brauchen wir dazu neben Glaubenssicherheit und einer guten Theologie auch Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien.

So konnte aus meiner Sicht diese krisenhafte Situation und der Wunsch, selbst gestalterisch tätig zu werden, zur Chance werden, etwas zu verwirklichen, was unter normalen Umständen nicht möglich gewesen wäre.

Eine Chance der Corona-Krise liegt im liturgischen Bereich darin, nicht mehr primär zentralistisch zu denken. Neben den vielen gestreamten Gottesdiensten, in denen vor allem Priester zu sehen waren, die stellvertretend die Eucharistie gefeiert haben, gab es eben auch so manche neue Feiern: Hausgottesdienste im Sinne einer Hauskirche, aber auch digitale Formen von gemeinschaftlich gestalteten und gemeinschaftlich gefeierten Gottesdiensten. In zahlreichen Diözesen im deutschsprachigen Raum gab es unterstützendes Material mit sehr gut gestalteten Webauftritten, wie beispielsweise in Rottenburg-Stuttgart.

Als Gläubige brauchen wir in unseren Lebenskontexten spirituelle Tankstellen. Meine Erfahrung (und die meiner Kolleg*innen) in den letzten Monaten war: Wir schaffen es gemeinsam als getaufte Christinnen und Christen, auch über Andachten, Wortgottesfeiern und geführte Meditationen, solche Tankstellen bereitzustellen. Aus den Rückmeldungen der Kolleg*innen, die an der Zoom-Wortgottesfeier teilgenommen haben, weiß ich: Sie sind in der Lockdown-Phase in mehrfacher Hinsicht sowohl beruflich als auch privat an ihre Grenzen gekommen. Und gerade diese Form der Gottesdienstfeier hat für sie zu einer Stille, Ruhe und einem „Herunterkommen“ geführt und sie für den Alltag gestärkt.

Aus Erfahrungen in der Caritas der Erzdiözese Wien wissen wir, dass das Christsein und die christliche Spiritualität keineswegs im Lockdown sind, wenn die gewohnte Form der sonntäglichen Eucharistiefeier in der Gemeinde fehlt. Vielmehr bekommt es seine Nahrung aus dem Kontakt mit den Nächsten, in denen Christusbegegnung geschieht. Und es braucht dazu auch spirituelle Begegnungen und Gottesdienste, wie unsere Zoom-Wortgottesdienste – denn sie bieten eine Möglichkeit, den glaubenden Menschen zu stärken und widerstandsfähig in der Krise zu machen. So sind Zoom-Gottesdienste letztlich auch eine Form praktizierter Resilienz.

Ebru Noisternig ist Promovendin an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien und im Team der PfarrCaritas Wien für den Bereich Caritas-Ethik zuständig.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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