Wozu sind wir da? Pfarren in der (Corona)Krise (Josef Grünwidl)

Wie stellt sich die Corona-Krise aus der Perspektive von Pfarren dar? Dazu hat sich unser Gastautor Josef Grünwidl, Dechant und Pfarrmoderator in Perchtoldsdorf und Gießhübl, Gedanken gemacht.

Notbremsung

Von heute auf morgen wurden Mitte März Gottesdienste und pfarrliche Veranstaltungen abgesagt und der fahrende Zug „Pfarrleben“ durch eine verordnete Notbremsung gestoppt. Auf einmal ging in den Wochen vor Ostern – mitten in der pastoralen Hochsaison! – buchstäblich nichts mehr. Die Pfarrkalender waren voll, aber nichts von dem, was darin stand, konnte stattfinden.

Erstaunlich, dass diese Notbremsung in den Pfarrgemeinden keine Welle der Entrüstung auslöste. Soweit ich es beurteilen kann, führte der pfarrliche Shutdown bei den Gläubigen auch nicht zu spirituellen Folgeschäden. Im Gegenteil: Unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gab es nicht wenige, die das Herunterfahren des Pfarrbetriebs wohltuend erlebten. Was die Menschen wirklich vermissten, waren nicht so sehr Pfarrveranstaltungen, sondern die gemeinsamen Gottesdienste und die Feier des Osterfestes.

Das Verschieben der Taufen, Hochzeiten, Erstkommunionen und Firmungen stellte die betroffenen Familien und vor allem größere Pfarren vor nicht geringe Schwierigkeiten. Die Pfarrgemeinden reagierten sehr unterschiedlich auf die neue Situation, wobei die Bandbreite vom Dornröschenschlaf bis zur hektischen Betriebsamkeit reichte. In vielen Pfarren entstanden neue Initiativen. Pfarrliche Hilfsdienste wurden auf die Beine gestellt, Liturgiekreise entwickelten kreative Angebote für die Feier der Kartage und des Osterfestes, die Nachbarschaftshilfe lebte auf und „Telefonseelsorge“ war angesagt, um in Zeiten der Quarantäne in Kontakt bleiben zu können. Spontan bildeten sich in vielen Pfarren Netzwerke des Gebets und der Hilfsbereitschaft. Das Pfarrleben war nicht zur Gänze abgeschaltet, sondern es verlagerte sich und fand nicht wie sonst in Kirchen und Pfarrräumlichkeiten statt, sondern zu Hause, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft. Bemerkenswert war, dass viele die Eigeninitiative ergriffen und einen Schritt von der versorgten zur mitsorgenden Gemeinde setzten.

Das galt auch für die Feier des Sonntags. Die ansprechenden, vom Pastoralamt zur Verfügung gestellten Gottesdienstmodelle für Hauskirche beinhalteten viele Impulse und Gestaltungsmöglichkeiten. Für viele war es eine ganz neue Erfahrung, für manche wohl auch eine Überforderung, Hauskirche zu leben, gemeinsam zu beten und Gottesdienste zu feiern. Fernsehmessen erreichten nie dagewesene Einschaltquoten und viele Pfarren gingen online. Die Flut der pfarrlichen Internet-Auftritte war beeindruckend und spiegelte das kirchliche Leben in seiner ganzen Buntheit. Dass vor allem viele ältere und allein lebende Pfarrmitglieder mit der Nutzung digitaler Medien überfordert waren, darf nicht übersehen werden. Gerade sie bilden ja die Mehrheit der Gottesdienstbesucher und hatten unter der Isolation besonders zu leiden. So hilfreich in dieser schwierigen Zeit gestreamte Gottesdienste und Fernsehmessen waren, sie sind und bleiben eine Notlösung und können die gemeinsam gefeierte Liturgie nicht ersetzen. Das gilt auch für die Hauskirche. Sie ist wichtig, braucht aber den Rückhalt und die Beheimatung in der großen Gemeinschaft der Kirche, um auf Dauer lebendig und gesund zu bleiben.

Hochfahren    

Ab Mitte Mai überschlugen sich die Ereignisse. Im Wochenrhythmus fielen Beschränkungen und Verbote, und die Umsetzung der Maßnahmen forderte von den Pfarrgemeinden einiges an Einsatz und Flexibilität. Kaum waren die Gemeinden mit Regeln vertraut gemacht, wurden wieder neue Bestimmungen erlassen. Das pfarrliche Leben hingegen nahm und nimmt nur langsam Fahrt auf, obwohl viele Pfarren kreative Angebote entwickelt haben.  Die Ungeduldigen tun so, als wäre nichts gewesen, die meisten jedoch bleiben vorsichtig und zurückhaltend. Zu den Kirchenbänken, die schon vor der Pandemie leerblieben, kommen jetzt noch einige dazu …

Eine herzliche Begrüßung beim Kirchentor, den Handschlag beim Friedensgruß, Kelchkommunion für die ganze Gemeinde, Festgottesdienste mit vollen Kirchen, Pfarrfeste, Chorproben und Gruppenstunden – wie lange wird es dauern, bis wir als Pfarrgemeinde wieder sorglos zusammenkommen und unbekümmert miteinander Feste feiern können?  Ein Weitermachen wie vor der Krise ist das Gegenteil ihrer Bewältigung, heißt es. Die „alte Normalität“ wird es nicht mehr geben, auch in unseren Pfarren nicht. Leider – oder Gott sei Dank?

Innehalten

Die im Pfingst-Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe vorgestellte Vision einer erneuerten geistvollen Normalität im Blick auf Politik, Wirtschaft und Gemeinwohl brauchen wir zuerst im eigenen Haus, in der Kirche. Kein Zurück in die alte pfarrliche Normalität!

Kein Neustart ohne Reflexion! Was lernen wir aus der Krise? Nach den Erfahrungen der letzten Monate frage ich mich: Kann zu viel Pfarre dazu führen, dass Gott zu kurz kommt? Anders gefragt: Brauchen wir in der Pastoral weniger Pfarrbetrieb und mehr Spiritualität? Behindern die eingefahrenen pfarrlichen Gleise Veränderungen? Wie viele Ressourcen binden Pfarrroutine und Angebote für eine überschaubar kleine Zielgruppe, und wie wenig Zeit und Energie bleiben für Seelsorge, geistliche Begleitung, Hausbesuche und Zugehen auf Neue und Neues?

„Christ sein und beten kann ich auch ohne Kirche und ohne gemeinsame Gottesdienste.“ Dieser Satz war in den vergangenen Monaten oft zu hören. Er stimmt nur zum Teil und macht mich nachdenklich. Sicher gab es viele, die unter dem Verzicht auf die Feier der Eucharistie gelitten haben. Anderen war vor allem um das Pfarrcafe und die Gemeinschaft in der Pfarre leid, und einigen ist vermutlich gar nichts abgegangen. Leben unsere Pfarren wirklich aus der Sehnsucht nach der Eucharistie und den Sakramenten oder sind sie Selbstversorger? Wo gibt es in unseren Gemeinden Lernorte des Gebets? Finden Suchende bei uns Aufnahme und Hilfe? Befähigen wir Menschen dazu, das gemeinsame Priestertum zu leben, zu segnen und zu feiern, oder fördern wir durch unseren Pfarrbetrieb bei den Gemeindemitgliedern Versorgungsdenken und Konsumentenhaltung?

Der verordnete Verzicht auf soziale Kontakte hat Spuren hinterlassen und wirkt auch in der Pfarre weiter. Wird die Krise einen kirchlichen Individualisierungsschub auslösen bzw. beschleunigen? Ich gehe davon aus, dass ein Teil der Kerngemeinde künftig seltener oder nicht mehr in der Pfarrgemeinde sichtbar sein wird.

„Wo waren unsere Bischöfe in der Zeit der Krise?“ Auch diese Frage wurde in manchen Pfarren laut. Es gab bischöfliche Wortmeldungen, doch über den Kathpress-Leserkreis hinaus fanden sie kaum Gehör. Nicht einmal das Hirtenwort der österreichischen Bischöfe zum Pfingstfest, das ausdrücklich an alle Menschen in Österreich gerichtet war, löste ein großes Echo aus. Ich frage mich: Wo und wie war ich als Pfarrer in dieser schwierigen Zeit für die Menschen relevant? Habe ich vielleicht zu schnell das Feld geräumt? Hätte ich kämpfen sollen, etwa um das Recht, alte, kranke und sterbende Menschen begleiten zu dürfen? Hat die Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung bei der Bewältigung der Krise eine Rolle gespielt?

Neustart

Auch wenn ich weiß, dass der Wert von Religion und Kirche nicht mit dem Begriff „systemrelevant“ gemessen werden darf, bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Offensichtlich sind Baumärkte wichtiger als Kirchen. Wir haben uns nicht zu sehr herausgehalten, vielmehr hat diese Krise schonungslos gezeigt, was auch vorher schon war: Es mangelt der Kirche an Präsenz in der Gesellschaft und an Lebensrelevanz in der Verkündigung.

Das jedoch ist kein unveränderliches Naturgesetz! So muss es nicht bleiben. Jede und jeder Getaufte kann einen Beitrag zur Veränderung leisten. In den vergangenen Wochen der Covid-19-Krise haben Pfarren erstaunliche Initiativen entwickelt, Neues ausprobiert und Eigenverantwortung übernommen. Es ist Zeit, in eine geistvoll erneuerte Normalität aufzubrechen. Der Beginn des neuen Arbeitsjahres im Herbst bietet eine gute Gelegenheit, das Hamsterrad des Pfarrbetriebs kritisch zu durchleuchten, neue Prioritäten zu setzen und zu fragen: Wozu sind wir da?

Josef Grünwidl ist Dechant und Pfarrmoderator in Perchtoldsdorf und Gießhübl.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

Ein Kommentar zu “Wozu sind wir da? Pfarren in der (Corona)Krise (Josef Grünwidl)

  1. „Es mangelt der Kirche an Präsenz in der Gesellschaft und an Lebensrelevanz in der Verkündigung“. Kann das nicht auch daher kommen, dass unsere Kirchen eine sehr distanzierte Einstellung zur Kommunikation im digitalen Raum haben? Ich sehe die Bürger mit dem Handy am Ohr durch die Strassen gehen, laufend Kontakt mit anderen per Chat-Programmen haben, statt im Kino in „Gemeinschaft“ Filme anzusehen Netflix zu Hause schauen, auch private Diskussionen über die aus dem Boden schießenden Videokonferenzsysteme machen, usw. Das alles ist für die Menschen keine Notlösung, die sie, sobald es geht, wieder auf direkten und gemeinschaftrlichen Kontakt umstellen werden. Wieviele Jahrhunderte ist es schon her, dass Kirchen Vorreiter in der Verwendung neuer Technologien waren?

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