Rassismus: Eine praktisch-theologische Herausforderung (Regina Polak)

Die Erschießung des Afroamerikaners Rayshard Brooks nach einem Polizeieinsatz in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia wird die antirassistischen Proteste und Demonstrationen in den USA und weltweit weiter befeuern. Doch Rassismus ist nicht nur ein Problem in den USA, sondern ein globales Problem, das auch die Kirchen und die Theologie betrifft. Ein Long-Read von Regina Polak.

„Lassen Sie uns gemeinsam gegen Rassismus und Diskriminierung auftreten sowie Grund- und Freiheitsrechte verteidigen, wo diese angegriffen werden,“ twitterte am 5. Juni 2020 der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen angesichts der globalen Massendemonstrationen gegen Rassismus.

Dem Bekenntnis zum Kampf gegen Rassismus haben sich auch die christlichen Kirchen angeschlossen: der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich und die christlichen Kirchen in Deutschland haben klar positionierte Stellungnahmen veröffentlicht. Die Katholische Kirche in den USA hat sogar ihre Mitschuld am Rassismus bekannt.

Angesichts der weltweit steigenden Übergriffe auf Minderheiten im Zuge der Corona-Krise und der Tatsache, dass nicht zuletzt People of Colour die weitaus häufigsten Opfer des Covid19-Virus sind, ist der Kampf gegen Rassismus eine dringende Notwendigkeit.

Rassismus: Eine theologische Herausforderung

Der Kampf gegen Rassismus ist kein Nebenschauplatz des christlichen Glauben. Es handelt sich auch nicht nur um eine politische Aufgabe. Rassismus ist ein genuin theologisches Problem. So sieht dies z. B. der (weiße) katholische US-Theologe Jon Nilson. Für ihn ist Rassismus mehr als eine Sünde und mehr als ein ethisches Problem, das zur Verhaltensveränderung auffordert. Rassismus ist vielmehr eine Ablehnung des christlichen Glaubens in seinem innersten Kern. Der Rassismus leugnet jenen Gott, den die Bibel bezeugt. Rassismus ist gemäß Nilsson eine Häresie, weil er den Ursprung jedes einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit in Gott negiert und damit die Gleichheit aller Menschen ebenso ablehnt wie den Einsatz für eine gerechte Gesellschaftsordnung.

Deshalb muss sich jeder Mensch, der sich als Christ, als Christin bezeichnet, dem Phänomen des Rassismus stellen – und zwar nicht nur als einem äußeren Problem der Gesellschaft, sondern als Versuchung und Realität, die die Kirche in ihrem Inneren betrifft. Denn der Rassismus macht nicht vor den Kirchentüren halt.

Diese Erkenntnis verbindet Nilson mit der Aufforderung, sich auch mit der Vorherrschaft der Weißen in Gesellschaft und Kirche auseinanderzusetzen. Dazu bedarf es des Dialogs mit der sogenannten „Black Theology“ (vgl. sein hervorragendes Buch: Jon Nilson: Hearing Past the Pain. Why White catholic Theologians need Black Theology, Mahwah: New Jersey 2007). Denn nur im Gespräch mit jenen Menschen, die von Rassismus betroffen sind, kann dieser nachhaltig beseitigt werden.

Rassismus: Eine politische Ordnung

Eine solche Sichtweise macht deutlich, dass politische Bekenntnisse und moralische Appelle allein nicht ausreichen werden, den Rassismus als eine Geißel der Menschheit zu besiegen. Es genügt nicht, Einstellungs- oder Verhaltensveränderungen gegenüber Menschen anderer Hautfarbe zu fordern. Damit mag man sein eigenes schlechtes Gewissen beruhigen, aber eine nachhaltige Abschaffung der Ursachen des Rassismus ist so nicht zu erwarten.

Zur Disposition stehen vielmehr eine ganze Weltsicht und ihre damit verbundenen politischen Ordnungsvorstellungen. Dies ist der harte Kern des Rassismus, wie uns die sozialwissenschaftliche und die historische Rassismusforschung zeigen.

So handelt es sich beim Rassismus nicht primär um ein psychologisches Phänomen, das sich in abwertenden Vorurteilen gegenüber Menschen anderer Hautfarbe artikuliert. Ebenso wenig dürfen wir uns unter Rassisten ausschließlich hasserfüllte und zorngeifernde Menschen vorstellen. Der Rassismus ist vielmehr strukturell tief verankert in unseren Gesellschaften: in unseren Arbeitswelten, im Bildungssystem, in unseren Wahrnehmungs- und Denkmustern. Niemand ist davon frei. Darauf macht Robin DiAngelo in ihrem Buch „White Fragility: Why it is so Hard for White People to talk about Racism”, Random House: US 2018, aufmerksam.

Rassismus betrifft nicht nur unsere Einstellungen, sondern unsere politische Ordnung. Diese spiegelt sich in rassistischen Einstellungen wider und wird durch letztere aufrecht erhalten. Das macht die Konfrontation mit ihm für Menschen wie mich so unangenehm, beschämend und schmerzvoll.

Rassismus: Eine Erfindung der weißen Eliten

Der moderne Rassismus ist laut Christian Geulen eine nach der Aufklärung entstandene Erfindung der Kollaboration zwischen weißen wissenschaftlichen und politischen Eliten. Weltanschaulich ist er dem Primat der Naturwissenschaft, insbesondere der Biologie, verpflichtet. Mittels einer Weltanschauung, die die Menschen in höhere und niedere Rassen einteilte, wurde die Vorherrschaft der Weißen „wissenschaftlich“ bewiesen.

Rassismus ist demzufolge kein Resultat der Tatsache, dass es Menschen verschiedener Hautfarbe gibt, auf die man dann mit einer angeblich „angeborenen“ Fremdenangst reagieren „müsse“. Es handelt sich um ein wissenschaftlich-politisches Ordnungskonstrukt, das dazu dient, Diskriminierung, Ausbeutung, Exklusion und sogar Vernichtung zu legitimieren und die Höherwertigkeit der weißen Rasse zu begründen. Die Folgen dieser Ordnung sind tief in unseren kollektiven Wahrnehmungs- und Handlungsmustern verankert – wenn z.B. andersfarbige Menschen als „Andere“ wahrgenommen werden, selbst wenn sie z.B. in Österreich geboren sind und hier studiert haben.

Man darf nicht vergessen, dass der Rassismus keine krude Erfindung der Nationalsozialisten, sondern im 19. Jahrhundert eine international hochrenommierte und -dotierte Wissenschaft war. Auch Thomas Jefferson, der in der „Declaration of Independence“ (1776) die Gleichheit aller Menschen postulierte, ließ unzählige schwarze Sklaven auf seinen Ländereien arbeiten. Die Legitimität seines Handelns ließ er sich dadurch wissenschaftlich absichern, dass die Schwarzen ohnedies keine vollwertigen Menschen seien.

Rassismus gibt es also, weil es Rassisten gibt: Menschen, die eine Gesellschaftsordnung für legitim halten, in der es Menschen gibt, die mehr, und solche, die weniger wert sind. Wenn dies für wahr gehalten wird, ist deren gesellschaftlicher Ausschluss gleichsam gerechtfertigt. Besonders „geeignet“ ist diese Weltsicht für Zeiten, in denen die soziale Kohäsion durch wachsende soziale Ungleichheit, Armut sowie Unrechts- und Ungerechtigkeitsstrukturen bedroht ist. Nicht nur Menschen mit dunkler Hautfarbe, sondern alle vulnerablen Minderheiten sind in solchen Zeiten besonders gefährdet, insbesondere die Armen. Rassistische Deutungsmuster können von den gesellschaftlichen Machthabenden dazu benützt werden, von den eigentlichen Problemen abzulenken. Schuld an sozialen Problemen sind dann nicht ungerechte Eigentumsverhältnisse, eine ungerechte Verteilung von Teilhabemöglichkeiten an den materiellen wie geistigen Ressourcen einer Gesellschaft, ungerechte Zugänge zu gesellschaftlichen Institutionen oder dem Arbeitsmarkt (was übrigens auch die unteren Schichten der Mehrheitsgesellschaft betrifft). Schuld an den sozialen Problemen sind dann jene, die zu den jeweils „Anderen“ ernannt werden: die „fremde“ Rasse, die „fremde“ Kultur oder die „fremde“ Religion. Rassismus rechtfertigt Ausschluss. Von solchen Ordnungssystemen profitieren am Ende auch Menschen, die keine ausdrücklich rassistischen Einstellungen haben. Sie haben qua Geburt in die Mehrheitsgesellschaft Vorteile und Privilegien.

Rassismus: Ein schweres Erbe

Nach den Zivilisationsbrüchen des 20. Jahrhunderts wurde die biologistische Weltsicht des Rassismus in Europa offiziell geächtet. Der Einsatz für die Menschenrechte begann. Die Europäische Union wurde gegründet. Der Artikel 2 der Europäischen Verfassung in der Fassung des Vertrags von Lissabon legt fest: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören.“ Unzählige internationale Institutionen setzen sich für diese Werte ein.

Doch weder das geistige noch das politische Erbe des Rassismus sind damit beseitigt. Politische Ordnungen, in denen die weißen Bevölkerungen ein Vielfaches an Macht, Ressourcen und Einfluss haben, existieren global und in Europa nach wie vor. Im deutschsprachigen Raum bezeichnet man dieses Problem ungerechter Gesellschaftsordnungen aus nachvollziehbaren Gründen nicht gerne als strukturellen Rassismus. Wer möchte schon gerne Rassist genannt werden?

Aber im Zuge der Folgen der Finanzkrise von 2008 haben rassistische Weltdeutungsmuster und der Kampf um den Erhalt einer hierarchisierten Ordnung wieder Oberwasser bekommen, vor allem bei den rechtspopulistischen Parteien. Doch rassistische Einstellungsmuster finden sich auch quer durch die Gesellschaften und auch bei den sogenannten Mainstream-Parteien.

Der deutsche Bildungswissenschaftler Wolfgang Heitmeyer hat in seinem zehnjährigen Projekt „Deutsche Zustände“ (2001-2011) gezeigt, wie weit Einstellungen, die Minderheiten abwerten, auch in den formal hoch gebildeten und wohlhabenden Schichten zu finden sind. Kern dieses Phänomens der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ ist die Überzeugung, dass es Menschen gibt, die ökonomisch wertvoll sind, und solche die wertlos sind. Letzteren könne man daher auch legitimer Weise die staatliche Unterstützung entziehen und sie ausschließen. Dies ist struktureller Rassismus, nicht mehr auf biologischer, sondern auf ökonomischer Grundlage. Das erklärt auch, warum die Gesellschaft mit sogenannten Expats, also wirtschaftlich erfolgreichen Migranten, in der Regel weniger Probleme hat, während geflüchtete Habenichtse abgewehrt werden. Es erklärt, warum gut angepasste Migranten weniger abgelehnt werden als Obdachlose, denen man das Betteln verbietet.

Eine rassistische Ordnungsvorstellung kehrt hier wieder im ökonomisch begründeten Gewand. Abgewertet wird im nächsten Schritt nicht mehr die Rasse, wohl aber pauschalierter die Kultur oder der soziale Status der Anderen.

Dabei zeigt dieses Projekt auf empirischer Basis, dass die kulturelle Vielfalt erst dann als Problem wahrgenommen wird, wenn ein großer Teil der Bevölkerung sich von sozialem Abstieg oder Wohlstandsverlust bedroht sieht, die soziale Kohäsion als gefährdet betrachtet, die eigene politische Selbstwirksamkeit als schwach erlebt und positive Zukunftsvisionen fehlen. Bieten dann auch noch fahrlässige Politikerinnen und Politiker ausschließlich kulturalistische „Begründungen“ zur Interpretation sozialer Probleme an, kann das rassistische Erbe leicht aktiviert werden. Nativistischer Nationalismus ist dann ein Identitäts-Angebot auch für jene „Weißen“, die in den reichen Wohlstandsgesellschaften Europas zwar selbst zu den Marginalisierten und Armen gehören, aber qua Geburt dann wenigstens noch „dazugehören“.

Was fehlt und wir daher dringend benötigen: Stärkung von sozialen Begegnungen quer durch die heterogenen soziokulturellen Milieus, Förderung gesellschaftlicher, rechtlicher, politischer und materieller Teilhabe und vor allem positive Zukunftsbilder für eine inklusive Gesellschaft. Kulturelle Konflikte sind in einer pluralen Gesellschaft normal und ein Zeichen der Inklusion. Sie müssen geführt werden. Sozioökonomische Ungleichheit aber ist rechenschaftspflichtig, wie der Wirtschaftshistoriker Thomas Piketty zeigt. Rassismus ist eine solche Rechtfertigung. Doch sie taugt nicht, denn sie richtet sich gegen Menschen.

(Selbst)Reflexion der politischen Ordnung

Wer also den Rassismus effektiv bekämpfen möchte, muss sich der Selbstkritik stellen und seinen Ort in der gesellschaftlichen Ordnung wahrnehmen und reflektieren. Wer Rassismus bekämpfen will, muss sich für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe aller Glieder einer Gesellschaft engagieren.

Im Rassismus wird nicht nur die Neigung zur Ablehnung von Fremden offenbar, sondern zeigen sich vor allem die Grundwerte unsere politischen und gesellschaftlichen Ordnungssysteme. Solange es Wohnviertel gibt, denen man entkommen muss, um sozial anerkannt zu werden; solange es Privatschulen gibt, in die jene flüchten, die aufsteigen oder den sozialen Status erhalten wollen; solange bei Bewerbungen Menschen mit anderer Hautfarbe oder fremd klingendem Namen bei gleicher Qualifikation benachteiligt werden; solange ein Drittel der Wiener Stadtbevölkerung keine politischen Mitbestimmungsrechte hat, leben wir in einer Gesellschaft, die von strukturellem Rassismus gekennzeichnet ist.

In einer solchen haben Menschen wie ich, schlicht aufgrund der Tatsache ihrer Herkunft, bessere Startbedingungen, die ihnen oft gar nicht bewusst sind. Auch ohne rassistische Einstellungen sind sie Teil des Problems. Die Politologin Nancy Fraser hat gezeigt, dass sich auch jene Liberalen und Linken, die sich gegen Rassismus einsetzen, sehr schwer tun, die ökonomischen Ordnungsstrukturen zu verändern, da sie von diesen profitieren. Die globalen Proteste und Demonstrationen in diesen Tagen lassen erkennen, dass sich die Betroffenen das Unrecht rassistischer Gesellschaftsordnungen nicht mehr gefallen lassen. Das rechtfertigt nicht die Gewalt, die dabei auftritt. Aber ebendiese zeigt, dass das Fass zum Überlaufen gekommen ist. Weltweit beginnen People of Colour für ihre Würde und Rechte zu kämpfen.

Die Katholische Kirche und der Rassismus

Die Katholische Kirche verurteilt den Rassismus in zahlreichen Papieren. Einen Überblick findet man in der Arbeitshilfe Nr. 67 der Päpstlichen Kommission Justitia et Pax: „Die Kirche und der Rassismus“ (1998). Beispiele daraus:

Papst Johannes Paul II. hat eindeutig festgehalten: „Alle rassistischen Theorien widersprechen dem christlichen Glauben und der christlichen Liebe.“ (JP 1988 Nr. 33).

An anderer Stelle schreibt er: „Wer rassistische Gedanken oder Haltungen hegt, versündigt sich an der konkreten Botschaft Christi, für den der ‚Nächste‘ nicht nur ein Angehöriger meines Stammes, meines Milieus, meiner Religion oder meines Volkes ist, sondern jegliche Person, der ich begegne.“ (JP 1988 Nr. 24).

Diese klaren und eindeutigen Positionen konfrontieren die Kirche mit zahlreichen Fragen.

Wo verletzen wir innerhalb der Kirche die gleiche Würde aller Menschen? Haben wir im Inneren Ordnungssysteme, in denen manche Menschen als wertvoller behandelt werden als andere? Welche Teilhabemöglichkeiten eröffnen wir zugewanderten, anderssprachigen Christen in unseren Gemeinden? Wo und wie setzen wir uns für eine Kirche ein, die in der Vielfalt ihrer kulturellen Traditionen als Bereicherung wahrgenommen wird? Wie können wir in Kirche und Gesellschaft eine Ordnung fördern, in der Rassismus so unattraktiv wird, dass man ihn beseitigen kann, weil man erfahren hat, dass es für alle besser ist, in Verschiedenheit und Gerechtigkeit zusammen zu leben? Sind wir ausreichend solidarisch mit jenen, die heute zu Opfern rassistischer Diskurse werden? Leben wir diese Solidarität mit ihnen gemeinsam, an ihrer Seite?

Jon Nilson, der Theologe, der sich selbst als Rassist bezeichnet , weil er ein Profiteur einer rassistischen Ordnung ist, lehrt uns auch in Europa, dass solche Selbstkritik schmerzhaft ist – auch wenn sich niemand den Ort und Status seiner Geburt ausgesucht hat. Auch die weiße katholische Theologin Christianna Flynn hat auf feinschwarz, dem theologischen online-Feuilleton, diesen Lernprozess eindrücklich beschrieben. Erfahrungen von Weißen, die sich dem Rassismus stellen, zeigen aber auch, wie man auf dem Weg dieser Auseinandersetzung den eigenen Glauben vertiefen und die Welt ein Stückweit hin zu mehr Gerechtigkeit verändern kann.

Regina Polak ist Institutsleiterin und Assoziierte Professorin am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und derzeit Personal Representative of the OSCE Chairperson-in-Office on Combating Racism, Xenophobia and Discrimination, also focusing on Intolerance and Discrimination against Christians and Members of Other Religions.

Bildquelle: pixabay

   

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

2 Kommentare zu „Rassismus: Eine praktisch-theologische Herausforderung (Regina Polak)

  1. Einerseits bin ich froh, dass sich ein theologischer Artikel auch einmal mit den Ursachen von rassistischer Diskriminierung beschäftigt, andererseits scheinen mir die vorgebrachten Lösungsvorschläge leider letztendlich nur vor allem an den Symptomen statt an den Ursachen anzusetzen.

    Ich stimme zu, dass Rassismus eben genau dazu verwendet wird, sozioökonomische Ungleichheit zu rechtfertigen. Zwar denke ich, dass dann ein Teufelskreis von Armut und rassistischer Benachteiligung entsteht, aber ich halte es für einen Fehler, vorrangig bei rassistischen Vorurteilen als bei der sozioökonomischen Ungleichheit anzusetzen. Da Rassismus ja meist nur effektiv ist, wenn er gegenüber von benachteiligten Personen ausgeübt wird, würde eine gerechtere Wirtschaftsordnung das Ausmaß an rassistischer Gewalt vermutlich in viel größerem Ausmaß verringern, als es eine individuelle Reflexion eventueller Privilegien jemals tun wird. Bei aller berechtigter Kritik an der übermäßigen Individualisierung von Rassismus halte ich es nicht für sinnvoll, stattdessen eine übermäßige Individualisierung von Antirassismus zu propagieren. Eben genau wenn man Rassismus als ein strukturelles Problem ansieht, sollte man auch strukturelle Lösungen auf dieses Problem erarbeiten.

    Eben genau jene antirassistischen Linksliberalen, die sich „sehr schwer tun, die ökonomischen Ordnungsstrukturen zu verändern, da sie von diesen profitieren“, wie Nancy Fraser schreibt, seien dazu aufgerufen, sich von der scheinbaren Alternativlosigkeit der herrschenden Wirtschaftsordnung zu lösen. Ich halte das noch immer für die praktikabelste Lösung, und es wird dann auch nicht notwendig sein, sich einer lebenslangen Selbstkritik im maoistischen Stil zu unterziehen.

    „Rassistische Deutungsmuster können von den gesellschaftlichen Machthabenden dazu benützt werden, von den eigentlichen Problemen abzulenken“, aber zu diesen gesellschaftlichen Machthabenden gehören meines Erachtens auch Menschen wie Robin DiAngelo, welche eben nicht nach den Ursachen von Rassismus fragt, sondern den Rassismus selbst als irreduzible Ursache ansieht, die nicht vollständig aufzuheben ist. Meines Erachtens ist so ein Ansatz keine sinnvolle politische Maßnahme, sondern eine Art Ersatzreligion, die aber im Gegensatz zum Christentum eine negative Religion ohne Hoffnung auf weltliche oder überweltliche Erlösung darstellt.

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    1. Lieber Her Hammer,

      danke für Ihre Einwände – und Sie haben vollkommen Recht, ich bin da selbst in die individualistische Falle getappt und habe zwar von gerechterer Gesellschaft, nicht aber Wirtschaftsordnung geschrieben. Deshalb werde ich Ihren Kommentar auch online stellen. Wichtige Ergänzungen. LG, Regina Polak

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