Black lives matter! Umkämpfte Gleichheit in Zeiten von Corona (Elisabeth Zissler)

Obwohl die Covid-19-Pandemie noch nicht überwunden ist, kommen weltweit Hunderttausende Menschen zusammen, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Sie nehmen dabei ein zusätzliches Risiko in Kauf, um ihre Stimme gegen Rassismus zu erheben und sich für Gleichheit einzusetzen. Unsere Gastautorin, die Sozialethikerin Elisabeth Zissler, fragt: „Vergebens?

8 Minuten, 46 Sekunden.

Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai in Minneapolis lässt einen wütend und fassungslos zurück. Er rief noch nach seiner Mutter, bevor er 8 Minuten und 46 Sekunden später bewusstlos wurde und schließlich im Krankenhaus verstarb. Die Videos dazu – sofern man psychisch dazu in der Lage ist, sich diese anzusehen – zeigen erbarmungsloses Verhalten im Rahmen einer polizeilichen Amtshandlung. Was bleibt, ist ein sprachlos machendes Gefühl der Ohnmacht. Nach wie vor sind People of Color weltweit verschiedenen Formen von institutionellem und strukturellem Rassismus ausgesetzt – rassistisch motivierte Amtshandlungen sind nur eine davon. Alltagsrassismus ist ein Symptom eines systemimmanenten Problems.

Erkämpfte Gleichheit

Blicken wir in die Geschichte der Menschheit, zeigt sich, dass Gleichheitsbestrebungen parallel zu Unrechts- und Ausschlusserfahrungen verlaufen. Historisch gesehen gab es immer wieder – sozial mehr oder weniger dauerhaft wirksame – Protestbewegungen, die Gleichheit einforderten. Die auf der Gleichheitsidee basierenden Grundrechte, wonach alle Staatsbürger*innen die gleichen Rechte und Pflichten haben sollen – egal welcher Herkunft, Religion, Hautfarbe oder welchem Geschlecht sie angehören – mussten dabei in verschiedenen Epochen und Kontexten stets hart erkämpft werden.[1]

Die jüngsten Vorkommnisse in den USA zeigen erneut, dass das bisher Erreichte auf fragilem Boden steht. Die Forderung nach Gleichstellung bleibt umkämpft. Die Realisierung des Equality-Anspruchs (im Sinne einer Gleichberechtigung, Gleichbehandlung und Gleichstellung aller Menschen) stellt immer noch keine Selbstverständlichkeit dar.

Rassistisch motivierte Ungleichbehandlung zeigt sich insbesondere darin, dass Menschen schwarzer Hautfarbe im Bereich der Gesundheitsversorgung, im Bildungsbereich, im Justizsystem, am Arbeitsplatz, bei der Wohnungs- und Jobsuche benachteiligt werden. Darüber hinaus wird gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nach wie vor geschürt.

Unsichere Zeiten verstärken rassistische Hetze

Warum gibt es diese Formen des Rassismus immer noch? Warum ist er im Alltag nach wie vor so stark präsent? Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie und damit einhergehende Ängste und Sorgen (Verlust des Arbeitsplatzes, wirtschaftliche Einbußen, etc.) verstärken – bisher mehr oder weniger in Schach gehaltene – soziale Spannungen. Nicht nur in den USA, sondern auch in den Gesellschaften Europas. Mit großer Sorge ist zu beobachten, dass ein Ventil damit umzugehen, rassistische Hetze im Internet ist. Durchforstet man diverse Internetforen (bzw. die Kommentarfunktion diverser Zeitungen) bekommt man unmittelbar einen Eindruck davon, wie tief die Kluft zwischen dem „Wir“ (den Weißen) und „den Anderen“ (den Schwarzen) in den Köpfen vieler Menschen verankert ist. Rassistisches Gedankengut bedroht unsere Demokratie und ein friedliches, gesellschaftliches Zusammenleben.

Empört euch! Anti-Rassismus-Demonstrationen in Zeiten von Corona

Die Covid-19-Pandemie zeigt die vorhandenen gesellschaftlichen Ungleichheiten auf institutioneller Ebene in noch drastischer Weise auf. Dass Menschen trotz der nach wie vor anhaltenden Covid-19-Pandemie auf die Straße gehen, um ihrer Empörung darüber Ausdruck zu verleihen, ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie groß die Fassungslosigkeit ist. Hunderttausende Menschen erheben sich nicht nur, um gegen Polizeigewalt zu protestieren. Sie sagen entschieden NEIN! zu einer langen Geschichte des Rassismus gegenüber der schwarzen Minderheit innerhalb der Bevölkerung, die bis an den heutigen Tag noch ihre Spuren nach sich zieht. Die bisherigen Proteste gehen dabei weit über die USA hinaus, wie die globale Black-Lives-Matter-Bewegung verdeutlicht. Es wird sich zeigen, ob die Anliegen der Protestbewegung nachhaltig ins gesellschaftliche System implementiert werden. Das Aufstehen mit der schwarzen Bevölkerung ist jedenfalls ein sichtbares Zeichen im Einsatz für eine demokratische Grundordnung. Zudem gibt es Hoffnung.

I have a dream today!

Martin Luther King, Jr. formulierte in seiner bewegenden Rede „I have a dream“ am 28. August 1963 in Washington D.C. die wichtigsten damals aktuellen Forderungen der Bürgerrechtsbewegung. In Form einer Zukunftsvision forderte er eine soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gleichstellung der Afroamerikaner*innen in den USA ein.

Die damals erkämpften Rechte sollten den Fortschritt und keinen Jahrzehnte langen Kampf gegen eine unbewegliche Gesellschaftsordnung einläuten. Es braucht ein entschiedenes Ja! zu einer systemimmanenten Veränderung. Lippenbekenntnisse allein reichen nicht mehr. Zurecht wird auf den Demonstrationen der Slogan „White silence is violence“ mitgeführt. Dem „feinen Schweigen“ (Friedrich Nietzsche) und der bequemen Haltung des Wegschauens ist der Kampf anzusagen. Man kann nicht mehr nichts sagen. Sich in entsprechender Weise zu positionieren ist angesichts der gegenwärtigen Ereignisse ein Muss. Trotz Covid-19 können Demonstrationen mit den adäquaten gesundheitlichen Vorkehrungen ein wichtiges Zeichen setzen. Dort hinzusehen, wo Menschen rassistisch attackiert werden und mit seinem Denken, Reden und Handeln ein entschiedenes Ja! gegen Rassismus setzen, ist ein Muss.

Dr. Elisabeth Zissler ist Sozialethikerin. Sie forscht und lehrt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien-Krems.

Quelle Foto: unsplash.com (Obi Onyeador)

https://unsplash.com/photos/uijVyqj-oc8


[1] Vgl. Schnabl, Christa: Art. Gleichheit (II.Sozialethisch), in: Staatslexikon der Görresgesellschaft. Recht-Wirtschaft-Gesellschaft, 8.Auflage, Band 2, Freiburg i.Br.: Herder 2018, S. 1375-1379, S. 1375.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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