Verändert die Covid-19-Pandemie das Verhältnis der Religionen zueinander? Eine Spurensuche (Martin Jäggle)

Die Covid-19-Pandemie weckt auch die Hoffnung, dass ein neues Zeitalter des interreligiösen Dialogs anbrechen kann. Martin Jäggle, bis 2013 Professor für Religionspädagogik und Katechetik an unserem Institut, weitet den Blick über den österreichischen Tellerrand.

Die Einschränkungen des sozialen Lebens zur Eindämmung des Covid-19-Virus haben auch – teils noch nie dagewesene – Auswirkungen auf religiöse Gemeinschaften, ihre Zusammenkünfte, Gemeinschaftsgebete und Gottesdienste. Schon das jüdische fröhliche Purim-Fest lief auf Sparflamme, oder gar nicht. Einschränkungen gab es auch für das ebenso fröhliche Holi-Fest der Hindus in Indien. Besonders eingeschränkt wurden das jüdische Pessachfest und das christliche Osterfest gefeiert und ebenso der ganze islamische Fastenmonat Ramadan, abgesehen vom lange Zeit völligen Ausfall der physischen Präsenz Gläubiger am Schabbat in der Synagoge, am Sonntag in der Kirche und am Freitag in der Moschee. Dies führte in den jeweiligen Religionsgemeinschaften zu vielfältigen, teils sogar recht innovativen Praktiken. Es wäre lohnend, diese Praktiken zu beschreiben und zu analysieren. Und es wäre verständlich, wenn die jeweilige Religionsgemeinschaft ihre ganze Aufmerksamkeit angesichts der widrigen Umstände auf deren Bewältigung innerhalb der eigenen Gemeinschaft richten würde.

#Keepingittogether

Daher ist es bemerkenswert, wenn der Blick über die eigene Gemeinschaft hinaus auf die gegenwärtige Situation der Menschheit gerichtet wird, wie dies z.B. bei der Aktion #Keepingittogether der Fall war, bei der Oberrabbiner aus Israel, Frankreich, Russland, dem Vereinigten Königreich, Argentinien, Südafrika, Moskau, Rom und Brüssel sowie von der Konferenz der europäischen Rabbiner weltweit Juden aufgerufen haben, zu Schabbat für gesamte Menschheit zu beten. Vereint sollten Juden den wöchentlichen Ruhetag begehen, „um sich gegenseitig zu unterstützen und für das Wohlergehen der anderen zu beten“. Roms Oberrabbiner Riccardo Di-Segni betonte die Bedeutung gegenseitiger Unterstützung, um einen Weg durch die Krise zu finden: „Wir sind gesegnet mit dem Schabbat, und je spezieller wir ihn für uns und unsere Haushalte gestalten können, desto mehr Kraft werden wir daraus schöpfen, um dieses Virus zu bekämpfen.“

Ökumenische und religiöse Gastfreundschaft

Doch die Frage dieses Beitrages ist, wie weit die Pandemie Auswirkungen auf das Verhältnis der Religionsgemeinschaften zueinander hat. Dabei geht es um eine Spurensuche und zugleich um eine Spurensicherung, auf neue Initiativen aufmerksam zu werden: um diese auch nach der Pandemie weiterzuführen bzw. sich von diesen anregen zu lassen, und auch um darüber hinauszugehen.

Dort, wo bereits Beziehungen bestanden, wie etwa im Rahmen des christlich-jüdischen Gesprächs, wurde in der Phase des Lockdown aufeinander geschaut und so das Grußwort zu Ostern – Pessach 2020 erstmals gemeinsam geschrieben, wie dies im Falle des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit durch die beiden Vizepräsidenten, evangelisch und jüdisch, Margit Leuthold und Willy Weisz, erfolgte.

Vielerorts wird berichtet, wie sehr die Pandemie in unerwartetem Ausmaß solidarisches Verhalten bei vielen Menschen gefördert hat. Dies trifft in gewisser Weise auch auf Religionsgemeinschaften zu. Als die Bedingungen für die Wiederaufnahme der öffentlichen Gottesdienste einige Kirchen in Österreich, die nur über kleine Gotteshäuser verfügen, in Bedrängnis gebracht hatten, wurde ihnen die Möglichkeit geboten, „in großen Gottesdiensträumen anderer Mitgliedskirchen liturgische Feiern abzuhalten“. Der Vorstand des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich sah darin „ein erfreuliches ‚Zeichen der Ökumene‘“. Zugleich ermutigte er „alle Mitgliedskirchen, diese Möglichkeit konkreter ökumenischer Hilfe anzubieten und in Anspruch zu nehmen.“

War dies in Österreich auf eine „ökumenische Gastfreundschaft“ beschränkt, gingen die evangelische Kirche und die katholische Kirche in Berlin weiter. Erzbischof Heiner Koch und Landesbischof Christian Stäblein boten in religiöser Gastfreundschaft kleineren Kirchen oder Religionsgemeinschaften an, Kirchen oder Räume des Erzbistums Berlin und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit zu nutzen. Sie sahen dies „als gelebte Solidarität unter glaubenden Menschen“. Die Evangelische Martha-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg hat dabei den Anfang gemacht und Muslimen ermöglicht, am Freitag in der Kirche zu beten. Die Pfarrerin Monika Matthias berührt der muslimische Gebetsruf so sehr, dass er bei ihr „durch die Ohren ins Herz“ geht und bei ihr dazu führt, „mich mit der höchsten und tiefsten Wirklichkeit zu verbinden“. Ein Mann, der aus der Türkei kommt, sagte zu ihr am Telefon: „Ich bin Moslem. Ich lebe schon seit 30 Jahren hier und jetzt habe ich das mitbekommen. Jetzt fühle ich mich das erste Mal richtig zuhause hier in Kreuzberg.“  Für Pfarrerin Matthias brauchen globale Krisen solidarische Antworten, und „wir brauchen die Weisheit, die Friedenskraft und die Kraft zur Umkehr aller Religionen, damit wir eine zukunftsfähige und lebenswerte Welt weiterentwickeln.“

Übrigens öffneten auch Einrichtungen, die keinerlei Bezug zu Religionen haben, erstmals ihre „Tore“ für muslimische Gläubige. In Wetzlar stellte an einem Sonntag die Firma Ikea ihren Parkplatz zur Verfügung und ermöglichte so 700 Muslimen, unter Einhaltung der Pandemie-Verhaltensregeln das Ende des Fastenmonats Ramadan zu feiern und zu beten.

„Ob Juden, Christen, Muslime: Wir rufen Gott um Hilfe an!“

Auf Einladung des Bürgermeisters von Jerusalem, Masche Leon, kamen bereits Ende März 2020 erstmals Vertreter verschiedener Religionen im Jerusalemer Rathaus zu Gebeten um ein baldiges Ende der Corona-Pandemie zusammen, „weil wir ein gemeinsames Problem haben“. Denn „ob Juden, Christen, Muslime: Wir rufen Gott um Hilfe an“, sagte der Bürgermeister. „Die Gefahr schwebt über uns allen, und als solche liegt die Verantwortung bei uns allen, bei jedem einzelnen von uns.“ Leon rief die Versammelten dazu auf, Gebete in den Traditionen ihrer jeweiligen Religionen zu sprechen, in der Hoffnung, das Gebet möge „helfen, das Virus verschwinden zu lassen“. Auf einer Terrasse des Rathauses fanden sich neben Muslimen-, Drusen- und Bahaivertretern auch der sephardische und der aschkenasische Oberrabbiner Jerusalems ein, Schlomo Amar und Arieh Stern. Von christlicher Seite nahmen der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilos III., Patriarchatsleiter Erzbischof Pierbattista Pizzaballa und Franziskanerkustos Francesco Patton teil. Schlomo Amar betonte, dass „Jerusalem der rechte Ort“ für derartige Gebete sei. „König Salomon, der wenige Meter von hier den Tempel errichtet hat, hat Gott gebeten, alle zu erhören, die hierher zum Gebet kommen, ob Juden oder Nichtjuden“.

Schließlich hatte der „Hohe Ausschuss für die menschliche Geschwisterlichkeit“ auf Anregung von Papst Franziskus für den 14. Mai 2020 zu einem interreligiösen Gebetstag aufgerufen. Alle Menschen – gleich welcher Religion – waren angesprochen, für die Betroffenen der Pandemie zu beten. Der Gebetsappell ist Frucht der Zusammenarbeit zwischen dem Heiligen Stuhl und Vertretern der islamischen Welt. Der Ausschuss wurde 2019 vom Vatikan und Vertretern der höchsten sunnitischen Lehrautorität, der Al-Azhar-Universität zu Kairo, ins Leben gerufen. Die Grundlage dafür war das christlich-muslimische Dokument „Die Brüderlichkeit aller Menschen. Für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“, das Papst Franziskus und der Großimam von Al-Azhar, Ahmad Al-Tayyeb, 2019 in Abu Dhabi unterzeichnet hatten. Zum möglichen Vorwurf, der Gebetstag sei „religiöser Relativismus“, sagte der Papst: „Das ist es nicht. Jeder betet zu Gott, so gut er kann, nach der je eigenen Kultur und Religion.“

Dass es auch ganz gegenteilige Tendenzen in den Religionsgemeinschaften gibt, zeigt der Aufruf des Papstkritikers Erzbischof Carlo Maria Viganò gegen angeblich überzogene Maßnahmen in der Corona-Pandemie und eine mögliche Weltregierung. Für den orthodoxen deutschen Rabbiner Jehoschua Ahrens war dieser Aufruf ein „Schock“, bedient er sich doch Weltverschwörungstheorien, die stets antisemitisch unterfüttert sind. Gegen die Verbreitung solcher Theorien einzuschreiten, hatte schon der Präsident des Jüdischen Weltkongresses Ronald S. Lauder aufgerufen. Anstatt die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen, würden Frauen und Männer zu Sündenböcken gemacht. Dabei hätten wir in den vergangenen Wochen gelernt, „dass wir durch diese Krise nur gemeinsam hindurchkommen. Das Virus unterscheidet nicht zwischen Reich und Arm, Stadt oder Land, Asiaten, Europäern, Afrikanern oder Amerikanern“. Und wenn „wir diese schwierige Zeit mit Schuldzuweisungen vergeuden, wird es umso schwieriger, nicht nur die Menschheit von dieser Erkrankung selbst zu heilen, sondern auch unsere Gesellschaften angesichts unabsehbarer sozialer und wirtschaftlicher Auswirkungen.“

Solidarität und Verbundenheit der Menschheit in der Pandemie

Diese Solidarität und Verbundenheit der Menschheit in der Pandemie ist die Schlüsselbotschaft führender Bischöfe, Imame, Rabbiner oder Swamis, darunter auch Kardinal Schönborn. Deren  spirituellen Impulse, Einsichten in Glaube und Gesellschaft werden während der Pandemiezeit vom Onlineprojekt „Coronaspection“ des internationalen „Elijah Interfaith Institute“ verbreitet. In einem Grußwort dankt Franziskus für das Coronaspection-Projekt: „Mein Bestreben ist es, dass diese Worte Gutes bewirken und dass sie den Menschen helfen, das Gefühl der weltweiten Brüderlichkeit zu vertiefen, das die gegenwärtige Krise erfordert.“

Die Covid-19-Pandemie verstärkt soziale Disparitäten und trifft besonders Menschen in prekären Verhältnissen. Hinzu kommen jene, die nie daran gedacht hatten, jemals auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Die einen lebten schon bisher am Rande der Gesellschaft, die anderen sind, ohne es zuvor für möglich zu halten, an den Rand der Gesellschaft geraten. Zugleich macht gerade diese Pandemie durch die globale Betroffenheit aller die Einheit der Menschheit erfahrbar. So sind die Religionsgemeinschaften herausgefordert, sich miteinander in ihrer Vielfalt in den Dienst dieser Einheit der Menschheit zu stellen.

Optimistisch blickt der Generalsekretär der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER), Gady Gronich, in die Zukunft, in der er als Konsequenz aus der Pandemie mit Fortschritten im Gespräch der Weltreligionen rechnet. Gronich zeigte sich „sehr zuversichtlich, dass dank Corona ein neues Zeitalter im interreligiösen Dialog eintritt, eben weil wir erkennen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen“. Da die Probleme und Herausforderungen eigentlich überall die gleichen sind, habe das bereits jetzt auch im Dialog zwischen den Religionen eine neue Dynamik ausgelöst. Der CER-Generalsekretär nannte gemeinsame Gebete, Online-Botschaften oder Erfahrungsaustausch, alles „Aktivitäten, die es wohl vor Corona so nicht gegeben hätte“.

Martin Jäggle war Professor für Religionspädagogik und Katechetik am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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