Corona als Karfreitagsmoment (Maria Katharina Moser)

Die Corona-Krise hat nicht nur soziale Folgen, sie ist eine soziale Krise. Das macht unsere Gastautorin Maria Katharina Moser, die Direktorin der Diakonie Österreich in ihrem Blog-Beitrag mit einem Einblick in ihre Arbeit deutlich. Sie stellt wichtige Fragen, mit denen sich die Kirchen jetzt schon beschäftigen sollten, falls neue Cluster oder eine zweite Welle kommen.

Worum sollen sich Kirchen und Theologie sorgen?

We care for the future! lautet das Motto dieses Blogs. Er trägt den schönen Namen theocare, die Sorge ist ihm eingeschrieben. Da drängt sich die Frage auf: Worum sorgen sich Kirchen und Theologie in der Corona Krise? Die Frage hat in den vergangenen Wochen innerkirchliche und feuilletonistische Debatten beschäftigt, in Deutschland dezidierter als hierzulande. Haben sich die Kirchen weggeduckt in der Corona-Krise? Waren die Kirchenleitungen zu leise? Hätten sie Gottesdienstverbote und -einschränkungen nicht einfach so hinnehmen dürfen, insbesondere ab dem Zeitpunkt, ab dem Baumärkte wieder öffnen durften? Hätten sie nicht aufschreien und antreten müssen zur Verteidigung der Religionsfreiheit? Wie steht es um die Systemrelevanz von Pfarrer/innen und Seelsorger/innen? Waren digitale Angebote ein adäquater Ersatz, in dem Potenzial steckt, soll künftig mehr in digitale Kirche investiert werden?

Worum sollen sich Kirchen und Theologie sorgen in der Corona-Krise? Pointiert gesagt: Nicht um sich selbst. Um andere. Eingedenk des Bonhoefferschen Diktums, dass „Kirche nur Kirche [ist], wenn sie für andere da ist. … Sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend.“ (Widerstand und Ergebung)

Corona als soziale Krise

Die Pandemie hat in Österreich und halb Europa ihren Ausgang in Schiorten wie Ischgl oder St. Anton genommen. Menschen, die mobil sind und sich einen Urlaub dort leisten können, waren betroffen. Das hat mit beigetragen zur Vorstellung, das Virus mache keinen Unterschied zwischen arm und reich, einheimisch und fremd, einflussreich und einflusslos. Schließlich betrafen auch die Maßnahmen zu Eindämmung der Infektion alle, niemand konnte sich freikaufen. Doch vor dem Virus sind nicht alle gleich. Corona ist eine Lupe, unter der wir Fragen, die sich in unserer Gesellschaft grundsätzlich stellen, deutlicher und klarer sehen. Die Corona Krise hat nicht einfach nur soziale Folgen, Corona ist eine soziale Krise.

Inzwischen ist evident, dass bestimmte soziale Gruppen ein höheres Risiko haben, an Covid19 zu erkranken und einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden: Menschen mit Armutserfahrung, Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Menschen in stationärer Langzeitpflege. Eine österreichweite Cluster-Analyse der AGES von Anfang Mai hat gezeigt, dass sich ein Drittel der untersuchten Fälle in Senioren- und Pflegeheimen infiziert haben (1.127 von 3.800 Personen und 60 von 169 Clustern). Die 460.000 Pflegegeldbezieher/innen haben Expert/innen zufolge im Vergleich zu den unter 50jährigen ein 50- bis 80-fach erhöhtes Risiko zu versterben, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Krankenhausbett oder intensivmedizinische Versorgung brauchen, ist 100 bis 1.000-fach höher. Menschen aus dem unteren Fünftel der Gesellschaft haben ein zwei- bis dreifach höheres Risiko für chronische Krankheiten als Menschen aus dem oberen Fünftel. Das gilt für Krebs, Diabetes, koronare Herzkrankheit oder schweres Asthma – Erkrankungen, die besonders anfällig für eine Covid19-Infektion machen. Wer in beengten, prekären Verhältnissen wohnt und arbeitet, kann kaum Abstand halten – und so erleben wir Superspreading-Events in Flüchtlingsheimen, Obdachlosenunterkünften, Erntehelferquartieren, Fleischfabriken und Postverteilerzentren.

Auch wenn die Maßnahmen alle betroffen haben, treffen deren Auswirkungen bestimmte soziale Gruppen härter. Menschen in der stationären Langzeitpflege leiden besonders unter den Folgen der Isolation. Angehörige nicht sehen zu können, schmerzt, die Einsamkeit verletzt die Seele. Vor allem Menschen mit Demenz können oft nicht verstehen, was vor sich geht, werden verwirrter, Aggressionen und herausforderndes Verhalten nehmen zu, was wiederum medikamentöse Interventionen nach sich ziehen kann – denn diesen Problemen mit verstärkter persönlicher Zuwendung zu begegnen, ist ja angesichts der Kontakteinschränkungen nur sehr begrenzt möglich. Psychotherapie und Seelsorge müssen aufgrund der Besuchsverbote massiv eingeschränkt werden, Physiotherapie und Ergotherapie entfallen. Der psychische und körperliche Gesundheitszustand von Bewohner/innen verschlechtert sich.

Bei Jugendlichen, die nicht bei ihren Eltern sein können und in Wohngruppen der Diakonie leben, sind alte Wunden wieder aufgebrochen. „Kann es sein, dass wir jetzt hungern müssen?“, hat ein Mädchen gefragt. Sie hat in ihrer Vergangenheit Hunger erlebt. Wenn sie sieht, wie Menschen Hamsterkäufe tätigen, kommt die Angst hoch: „Was, wenn für uns nix mehr überbleibt?“ Ein anderes Mädchen, das früher in der Familie nicht aus der elterlichen Wohnung hinaus durfte, sagt: „Ich hab mir gedacht, dass ich nie wieder eingesperrt sein würde.“

Menschen mit niedrigem Einkommen, die wegen Corona ihre Arbeit verlieren, rutschen unter die Armutsgrenze und in die Sozialhilfe (die Nettoersatzrate, auf deren Basis das Arbeitslosengeld berechnet wird, war von Schwarz-Blau in den 2000er Jahren auf 55% gesenkt worden). Homeschooling hat die Bildungsungleichheit verschärft. Die sozialen Kompositionseffekte sind aus der Zeit vor Corona bekannt: Schulen an so genannten Brennpunkten sind oft schlecht ausgestattet, was sich auswirkt auf die Bildungschancen der Kinder, die in überbelegten Wohnung leben und keinen ruhigen Platz zum Lernen haben, was wiederum zusammenfällt mit einer Halbtagsschulordnung und einem einkalkulierten Nachhilfesystem, das auf wenig Einkommen trifft. Unter Corona-Bedingungen wird das Ineinandergreifen von „Vererbung von Armut“ und Bildung neu formatiert.

Worum also sollen sich Kirchen und Theologie sorgen in der Corona-Krise?

Sorgende Kirche

Die Corona-Krise ist ein gesamtgesellschaftlicher Karfreitagsmoment. Karfreitag – von althochdeutsch „kara“ = Kummer, Sorge. Kummer und Sorgen sind groß in der Corona-Krise. Wir sind konfrontiert mit einem neuartigen Virus. Die Verantwortlichen müssen Lösungen finden für eine Situation, wie wir sie bis jetzt nicht gekannt haben. Auch wenn es gelungen ist, die Infektionsrate zu senken und die Kurve abzuflachen – niemand weiß, was die nächsten Wochen und Monate bringen. Es gibt (noch) keinen Impfstoff, kein Heilmittel. Corona legt unsere Endlichkeit offen. Unsere Hilflosigkeit angesichts der Endlichkeit. Die Begrenztheit menschlicher Machbarkeit. Die entscheidende Frage – theologisch wie praktisch – ist: Schauen wir als Kirchen hin auf den Karfreitagsmoment? Dieses Hinschauen ist alles andere als leicht. Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit sind bekanntlich angstbesetzt und gesellschaftlich verpönt. Schauen wir als Kirchen hin und weisen wir hin auf die prinzipielle Hilfs- und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen? Und sind wir als Kirchen da, wo diese prinzipielle Hilfs- und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen akut wird, wenn der fraglose und reibungslose Lebensvollzug nicht mehr gesichert und nicht mehr selbstverständlich ist?

Karfreitag. Kara – Kummer, Sorge. Im Wort und im Ereignis Karfreitag steckt bei aller Bedrückung eine Hoffnung: Jemand kümmert sich, wenn ich voll des Kummers bin. Jemand umsorgt mich, wenn die Sorgen mich plagen. „Und es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient.“ (Mt 27,55) Die Frauen stehen da. Sie schauen nicht weg. Sie schauen hin. Wenn auch aus der Ferne. Direkt unter dem Kreuz zu stehen, wäre gefährlich: Die Kreuzigung war eine Form der Hinrichtung für rebellische Untertanen im römischen Reich, und ihre Anhänger und Anhängerinnen waren ebenso der Verfolgung ausgesetzt. Die Frauen fliehen nicht. Sie schauen hin. Sie stehen Jesus bei in seiner letzten Stunde, gehen hin zum Grab, um den Toten zu salben.

Eine Kirche, die ihrem Beispiel folgt, wird sich in Auseinandersetzung mit Corona kümmern um Fragen wie: Wenn neue Cluster kommen oder eine zweite Welle – wie können wir den Sterbenden Beistand leisten? Wie können wir dafür Sorge tragen, dass das Sterben, das in der Corona-Krise einmal mehr fortgeschafft wurde hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens, wieder verstärkt in den Lebenszusammenhang integriert wird? Wie positionieren wir uns in heraufdräuenden Debatten zur Frage, ob man bei einer zweiten Welle nicht die Risikogruppen, die Alten und Kranken, besonders radikal isolieren sollte, damit die Jungen und Fitten ihren wirtschaftlichen Aktivitäten nachgehen können? Wie gestalten wir Prozesse der Abwägung zwischen Lebensschutz und Selbstbestimmung, Gesundheit und Bewegungsfreiheit, Infektionsschutz und ganzheitlichem Gesundheitsverständnis? Wissen wir, wer in unseren Gemeinden arbeitslos geworden und von Armut bedroht ist? Wie bauen wir solidarische Netzwerke, in denen sich niemand schämen muss, Hilfe zu brauchen? Was setzen wir der Rede von Hilfe für alle, die „unverschuldet“ arbeitslos geworden sind, und der Spaltung in gute und böse Arbeitslose entgegen? Und was hat all das mit unserer Art und Weise, Gottesdienst zu feiern, zu tun?

Pfarrerin Dr. Maria Katharina Moser, MTh ist Direktorin der Diakonie Österreich.

Bildquelle: Gerd Altmann auf pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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