Nachklang zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni 2020 (Regina Polak)

Warum verhallen die Aufrufe zur Solidarität mit geflüchteten Menschen in Österreich? Warum bleiben sie unerhört? Regina Polak macht sich auf Spurensuche.

Haben Sie es bemerkt? Am 20. Juni war der Weltflüchtlingstag.

Einmal im Jahr finden weltweit in etwa hundert Ländern Veranstaltungen statt, in denen Einzelpersonen und zivilgesellschaftliche Gruppierungen ihre Solidarität mit geflüchteten Menschen zum Ausdruck bringen und sich für bessere Lebensbedingungen für die Betroffenen und ein bestmögliches Zusammenleben von Vertriebenen und einheimischen Bevölkerungen einsetzen. Laut UNHCR waren Ende des Jahres 2019 mehr als 79,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. 40% der Vertriebenen weltweit sind Kinder unter 18 Jahren. 4,2 Millionen Menschen sind Asylsuchende.

Die Katholische Kirche hat dazu mehrfach Stellung bezogen. Papst Franziskus forderte das „gemeinsame Engagement aller für den wirksamen Schutz aller Menschen“, „insbesondere jener, die wegen ernster Gefahr für sie oder ihre Familien zur Flucht gezwungen wurden“. Die durch das Corona-Virus verursachte Krise habe deutlich gemacht, wie wichtig dieser Schutz sei, so der Papst.

In ihrer Erklärung zum Abschluss der Vollversammlung der österreichischen Bischofskonferenz von 15.-18. Juni 2020 in Mariazell appellierten die Bischöfe an die Bundesregierung, wieder Flüchtlinge aufzunehmen: „Als einen Ausdruck gelebter Solidarität im Sinne einer ‚erneuerten Normalität‘ erachten wir es als dringend notwendig, ein faires Kontingent an Asylsuchenden und Vertriebenen in absehbarer Zeit aufzunehmen und zu versorgen“, schreiben die Bischöfe.

Auch Kardinal Schönborn hat am Weltflüchtlingstag zu Mitgefühl mit Flüchtlingen aufgerufen – dieses mache uns menschlicher.

Gelesen habe ich über diese klaren und eindeutigen Stellungnahmen fast ausschließlich in kirchlichen Medien. Seit mehr als einer Woche warte ich auf Reaktionen oder ähnliche Stellungnahmen von Seiten maßgeblicher politischer Vertreter. Falls ich etwas Wichtiges übersehen haben sollte, lasse ich mich gerne korrigieren. Ein EU-Plan sieht vor, dass ca. 1600 jugendliche Migranten aus Griechenland in andere EU-Staaten gebracht werden, darunter die Schweiz, Portugal und Finnland. Österreich hat eine Beteiligung an einer Umsiedlung strikt ausgeschlossen. In der Bevölkerung scheint das nur eine Minderheit zu betreffen.

Im öffentlichen und politischen Raum ist es in der Corona-Krise um dieses Anliegen noch stiller geworden – das Leiden jener Männer, Frauen und Kinder, die an den Grenzen Europa feststecken, scheint nur eine Minderheit wirklich so zu bewegen, dass daraus ein Aufschrei oder Taten folgen. Wir sind mit uns selbst beschäftigt.

Worin gründet dieses Schweigen?

Ich kann und will nicht glauben, dass dieses Schweigen menschlicher Bösartigkeit und ignorantem Egoismus geschuldet ist. Moralische Apelle sind offensichtlich wenig folgenreich. Gleichwohl kann ich mich des Eindrucks von Papst Franziskus nicht erwehren, der mit Blick auf Migranten immer wieder von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ spricht. Woher kommt diese? Welches sind ihre Ursachen?

Aus der Fülle möglicher Antworten möchte ich einige skizzieren, die weniger die Moralität des Einzelnen als vielmehr historische und gesellschaftliche Ursachen in den Blick bringen. Eine solche Sichtweise soll nicht als Entschuldigung dienen, sondern vielmehr verstehen helfen. Die folgenden Theorien sollen verdeutlichen, dass diese Gleichgültigkeit ein Ausdruck von Problemen sein kann, die tiefere Ursachen haben als moralische Unzulänglichkeit. Probleme, die uns in Europa vielleicht auch selbst beschädigen und schaden.

Denn man kann die „Cardiosklerose“ – die Herzensverhärtung gegenüber dem Leid anderer, den Mangel an Mitgefühl – auch als Folge und Symptom lebensbeschädigender Verhältnisse lesen.

„Leben im Schatten der Bombe“ (Ian Kershaw)

So spricht der britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch „Achterbahn“, in dem er die Geschichte Europas von 1950 bis heute beschreibt, von einem „Leben im Schatten der Bombe“.

Viele Europäerinnen und Europäer hätten in der Epoche des „Kalten Krieges“ nach 1945 gelernt, ihre Ängste vor der beständig bedrohenden nuklearen Katastrophe klein zu halten und zu verdrängen. Dies habe ihre Sensibilität – z.B. in Bezug auf die Gefahren der nahenden ökologischen Katastrophe – massiv beeinträchtigt.

Da die menschliche Psyche nicht fähig ist, ein einziges Gefühl zu isolieren, ohne dass damit das menschliche Gefühlsleben insgesamt beeinträchtigt ist, kann es sein, dass so auch bei vielen Menschen die Fähigkeit zu menschlichem Mitgefühl beeinträchtigt wurde. Emotionale Abstumpfung ist die Folge. Wer ein Gefühl in sich abtötet, verliert die Fähigkeit zum intensiven Gefühl insgesamt.

Psychohistorische Ansätze

In eine ähnliche Richtung lassen sich auch sogenannte psychohistorische Ansätze weiterdenken. (z.B. Jörn Rüsen/Markus Straub: Die dunkle Spur der Vergangenheit, Frankfurt a. M. 1998)

Ihnen zufolge haben die Kinder der Nachkriegsgeneration ebenfalls in einem Schatten gelebt, der den emotionalen Reichtum vieler Menschen nachhaltig beeinträchtigt hat. Eltern, die emotional zutiefst erschüttert waren von der Gewalt, dem Sterben und Morden in zwei Weltkriegen, geschwächt von Armut und Not, aber auch belastet von diffuser, nicht bearbeiteter Schuld angesichts der Schoah verstummten, schwiegen und verarmten emotional. Viele waren mangels entsprechender psychologischer und spiritueller Methoden der Auseinandersetzung mit diesen Katastrophen nicht in der Lage, ihre Kinder und Enkel mit ausreichender emotionaler Wärme zu versorgen. Nicht verarbeitete Gefühle aus der Kriegszeit wurden demnach sodann intergenerational weitergegeben.

„Narzisstische Plombe“

Die „Mitte-Studien“ der Universität Leipzig wiederum dokumentieren, wie die Kriegs- und Nachkriegsgeneration ihre Kraft und Energie – und die ihrer Kinder – vor allem in den Aufbau des Wirtschaftswachstums investiert hat. Dieser aber übernimmt aus einer psychoanalytischen Perspektive die Funktion einer „narzisstischen Plombe“ und fördert sekundären Autoritarismus, der sich u.a. in der Ablehnung von Minderheiten und Migranten äußern kann.

Wohlstand und Konsum konnten also demnach dazu dienten, die Wunden, Enttäuschungen und Schuldgefühle des Krieges zu betäuben. Auch in diesem Kontext kann Mitgefühl nur sehr schwer wachsen. Im Gegenteil: Erscheinen sozialer Aufstieg und Wohlstand infolge der Finanzkrisen der vergangenen Jahre bedroht, steigen alte Ängste vor Armut wieder hoch. Angst aber fördert nicht das Mitgefühl, sondern stärkt die Sorge um sich selbst und schwächt Solidarität. Sie kann – gefördert durch öffentliche und politische Diskurse – auch zur Aggression mutieren und sich gegen andere richten, die als Sündenböcke fungieren.

Psychopolitik und soziale Erschöpfung

Wiederum eine andere Perspektive eröffnet der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch „Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken“ (Frankfurt am Maian 2014). In einer Theorie der Gefühle zeigt er, wie sich das seit den 1980er durchsetzende neoliberale Wirtschaftsregime auf die Psyche der Menschen auswirkt und durch die Internalisierung neoliberaler Werte und Normen zu Selbstentfremdung, Ich-Verlust, permanenter Erschöpfung und Burnout führt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung des Soziologen Hartmut Rosa, der als Folge der Corona-Krise den Verlust sozialer Energie und Antriebslosigkeit bei vielen Menschen wahrnimmt. Nach dem „Hochfahren“ komme es nicht wieder zu einem Energieschub, sondern eine Art von emotionalem Nebel hänge über der Gesellschaft. Er liest dieses Phänomen als Ausdruck dafür, dass der umtriebige Aktivismus vor Corona nicht selbst-, sondern fremdgesteuert gewesen wäre – angetrieben von den Vorgaben einer dynamisierten Wirtschaft und Gesellschaft.

Konsequenzen?

Diese Theorien legen nahe, dass der Mangel an Mitgefühl, das die Bedingung für die Solidarität mit Menschen ist, die man nicht persönlich kennt, auch geschichtliche und gesellschaftliche Ursachen haben kann. Bleiben diese unbewusst und unverarbeitet, steht zu befürchten, dass die kommenden Monate mit all den Ängsten und Sorgen, die die Corona-Krise mit sich bringt, nicht von selbst ein förderliches Klima schaffen werden, das Mitgefühl zu stärken.

Wenn die christliche Verantwortung für Flüchtlinge und der damit verbundene politische Einsatz also geweckt werden sollen, bedarf es dazu daher einer selbstkritischen und versöhnenden Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, Gesellschaft und Kultur sowie der Veränderung jener Verhältnisse, die sich auf die Psyche vieler Menschen belastend auswirken. Dies sind auch zentrale Aufgabe der Seelsorge.

Ein Baustein dabei kann die Erinnerung an die spirituellen Traditionen des christlichen Glaubens sein, in deren Zentrum das Wieder-Erlernen von Achtsamkeit, sensibler Wahrnehmung der Wirklichkeit und des Mitgefühls und der Liebe stehen. Es geht um die spirituelle Übung von Glaube, Hoffnung und Liebe.

Gebet, Kontemplation und Meditation sind nicht nur Wege zum Heil des Einzelnen und seiner persönlichen Beziehung zu Gott. Sie zeigen ihre Authentizität auch darin, dass Menschen hoffnungsvoller und liebesfähiger werden – nicht nur den eigenen Familien, Freunden und Landsleuten gegenüber, sondern auch zu jenen, die man nicht persönlich kennt. Sie sind Quellen zur Einübung in die menschliche Fähigkeit und Berufung zum Mitgefühl.

Wie alle spirituellen Traditionen kann man leider auch christliche Spiritualität dazu missbrauchen, nur um das eigene Glück und Wohlbefinden zu kreisen und dabei Ich-Zentrierung und Narzissmus verstärken. Aber eine authentische christliche Spiritualität erkennt man daran, dass der Weg zu Gott und das Streben nach seiner Nähe zugleich zu den Menschen führt. Spiritualität in diesem Sinn macht leidens- und liebesfähiger und sensibilisiert dann auch für das Leiden der anderen. Nach Dorothee Sölle ist solche Leidsensibilität die zentrale Quelle des politischen Engagement von Christinnen und Christen.

Man kann Mitgefühl, Solidarität und das Engagement für geflüchtete Menschen nicht verordnen. Es bedarf einer entsprechenden emotionale „Reinigung“, die die Herzen der Menschen erweichen lässt und das Mitgefühl weckt. Biblisch spricht man von Metanoia (Umkehr) und „Teschuwa“ (Reue). Beides sind erst sekundär moralische Praktiken. Sie bedürfen zuerst der Umkehr der Herzen und des Selbst-Ergriffen-Seins von der Liebe – nicht zuletzt von der Liebe Gottes, die die Kraft und den Mut zum Mitgefühl schenkt.

Bis dahin dürfen jene, die bereits sensibilisiert sind, nicht müde werden, immer wieder an die Situation der Flüchtlinge zu erinnern und sich für sie einsetzen. Auch wenn sie das Gefühl haben, nicht gehört zu werden, sollte man die Macht des ausgesprochenen Wortes – selbst, wenn es unerhört bleibt und keine Taten folgen – nicht unterschätzen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Laut biblischem Zeugnis steckt auch und gerade in der Ohnmacht viel Kraft.

Jede einzelne Stimme – und sei sie einem noch so großen Gefühl der Ohnmacht und Sinnlosigkeit entwachsen – zählt. Selbst wenn sie hierzulande nicht in notwendigem Ausmaß gehört werden, so sind sie doch ein Ausdruck der Solidarität für die Geflüchteten. Diese können dann zumindest erfahren, dass sie nicht von allen vergessen sind. Ihnen ist von Gott her zugesagt, dass dieser sie hört.

Ex 3, 7: „Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Jetzt ist die laute Klage der Israeliten zu mir gedrungen und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie unterdrücken.“

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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