Reaktanz: Wenn Freiheitsverlust Widerstände hervorruft (Patrick Rohs)

Die Covid-19-Maßnahmen bewirkten für alle einen massiven Einschnitt der persönlichen Freiheitsrechte. Der persönliche Umgang damit ist hingegen sehr unterschiedlich. Dies hat auch mit dem Phänomen der Reaktanz zu tun. Patrick Rohs beleuchtet dies aus psychologischer Perspektive und denkt auch praktische Konsequenzen dieses Konzepts an.

Einschränkungen werden unterschiedlich wahrgenommen

Im Zuge des Versuchs, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen bzw. zu verlangsamen, wurden seitens der meisten europäischen Regierungen drastische Maßnahmen gesetzt und viele Grund- und Freiheitsrechte in zuvor ungeahntem Ausmaß vorübergehend eingeschränkt, so beispielsweise die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Freizügigkeit, aber auch die freie Religionsausübung. Die Unterstützung der Maßnahmen fiel sehr unterschiedlich aus: Waren anfänglich die Zahlen derjenigen, die die Maßnahmen der Regierungen begrüßten und als angemessen empfanden, sehr hoch, so schwand nach einigen Wochen der Rückhalt für die strengen Maßnahmen – freilich in Österreich nicht so stark wie in manchen anderen europäischen Staaten, wie die Daten des Austrian Corona Panel Projects sowie des Eurobarometers zeigen. Dies dürfte wohl mit dem – bisher zumindest – relativ glimpflichen Verlauf hierzulande zusammenhängen.

Aber auch die konkreten Reaktionen innerhalb der Bevölkerung waren grundverschieden: Während einige Personen große Ängste und Sorgen äußerten und sich streng an die Maßnahmen halten und hielten, gab es andere, die diese ignorierten und einen deutlich lockereren Umgang pflegten, und eine weitere Gruppe, die mit massivem Unbehagen und mit (äußeren wie inneren) Widerständen reagierte. Ein Grund hierfür neben der persönlichen Risikoeinschätzung ist unter anderem die unterschiedliche Wahrnehmung der Einschränkungen, dem ein psychologischer Mechanismus zugrunde liegt, nämlich der der Reaktanz.

Verlusterleben von Freiheit provoziert Widerstand bzw. Kompensation

Das Phänomen der Reaktanz tritt dann auf, wenn Menschen subjektiv das Empfinden haben, in ihrer persönlichen äußeren oder inneren Freiheit eingeschränkt zu werden bzw. zu sein, und darauf mit Widerstand reagieren mit dem Ziel, den zuvor als verloren wahrgenommenen Freiheitsspielraum wiederherzustellen. Es handelt sich also streng genommen um eine Motivation (zum Widerstand), nicht um ein bestimmtes Verhalten an sich. Generell gilt dabei: Je stärker das Empfinden, eingeschränkt zu sein, desto stärker ist die Tendenz zum Widerstand. Wann allerdings dieses Empfinden auftritt, wie schnell und wie stark die Widerstandstendenz ist und worin sie sich zeigt, unterscheidet sich von Person zu Person und hängt von verschiedenen persönlichen, aber auch situativen Faktoren ab.

Reaktanz kann in vielen verschiedenen Lebensbereichen auftreten, u.a. in der Erziehung, im Wirtschaftsleben (z.B. indem jemand durch bestimmte Informationsreize zu einer Kaufentscheidung gedrängt wird) oder in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen. So ist beispielsweise die Aufforderung, eine Information nicht weiterzugeben („Sag das bloß niemandem weiter!“), häufig derart Reaktanz auslösend, dass es Personen besonders reizt, genau das Gegenteil dessen, zu dem man aufgefordert wurde, zu tun.

In der Forschung werden bezüglich möglicher Reaktionen im Sinne der Reaktanz subjektive, d.h. nicht im Verhalten beobachtbare, Effekte sowie Verhaltenseffekte unterschieden. Bei letzteren handelt es sich um solche, die zwar beobachtbar sind bzw. wären, aber teilweise nicht ausgelebt werden, weil sie vielfach gesellschaftlich verpönt sind. Dies trifft insbesondere auf den Versuch einer direkten Wiederherstellung der als verloren empfundenen Freiheit (sofern dies möglich ist) sowie die Möglichkeit einer aggressiven Reaktion zu, wobei dort noch einmal zwischen instrumenteller Aggression und unspezifischer Aggressivität differenziert wird. Allerdings sind auch sozial verträglichere Reaktionen denkbar, so unter anderem durch eine Neubewertung noch vorhandener Alternativen (z.B. die Vorfreude auf den Urlaub im eigenen Land anstatt der Fernreise) oder durch eine indirekte Wiederherstellung der verlorenen Freiheit (z.B. durch das Aufstellen eines Swimming-Pools im Garten anstelle des öffentlichen Schwimmbads). Allerdings sind in schweren Fällen auch Hilflosigkeitseffekte denkbar, wenn Personen die Situation als (langfristig) unkontrollierbar erfahren und lethargisch werden bzw. resignieren. Reaktanz kann sich also in sehr verschiedenen Dingen artikulieren.

Aufmerksamkeitsfokus ist entscheidend

Ob und wie Personen angesichts bestimmter Einschnitte reagieren, hängt mit verschiedenen Aspekten zusammen. Wenn beispielsweise die eigene Involvierung bzw. Betroffenheit, wie im Rahmen der Covid-19-Maßnahmen, sehr hoch ist oder die eigenen Kontroll- und Freiheitsüberzeugungen, d.h. wie sehr eine Person in der Lage ist, Alternativen zu finden, niedrig sind, steigt die Tendenz, Reaktanz zu zeigen. Auch wer dazu neigt, die Aufmerksamkeit auf das Verlorene zu richten und somit die eliminierten Wahlmöglichkeiten aufzuwerten (auch wenn diese vielleicht sonst nie in Frage gekommen wären, z.B.: „Ich bin nie ins Kino gegangen, aber ich hätte es tun können.“), reagiert eher mit Reaktanz. Daneben können auch Gerechtigkeitsaspekte entscheidenden Einfluss haben.

Erstmals wurde das Reaktanz-Phänomen in den 1960er-Jahren von Jack W. Brehm untersucht und theoretisch fundiert. Heute findet die Forschung hierzu vor allem in arbeits- und wirtschaftspsychologischen Kontexten sowie im Rahmen von gesundheitsbezogenen Maßnahmen (z.B. Anti-Drogen-Kampagnen) Anwendung. Dabei gilt Reaktanz vor allem als etwas Problematisches, was durch entsprechende Gegenmaßnahmen seitens einer psychologisch versierten Person oder Institution vermieden werden soll. So ist es hilfreich, das Gefühl der Selbstbestimmung bei Personen zu stärken, um Reaktanz zu reduzieren oder zu vermeiden. Auch die Art und Weise der Formulierung, also z.B. eine Begründung oder ein Vorschlag anstelle eines Verbots, kann einen entscheidenden Unterschied machen, wie Studien gezeigt haben.

Bedeutung für politische und mediale Kommunikation

Aber das psychologische Phänomen der Reaktanz vermag über die aktuelle Situation hinausgehend auch andere Prozesse zu erklären und hat so eine große Relevanz, beispielsweise für Politik und Medien, aber auch in sämtlichen Bildungskontexten. Hier wird nur selten reflektiert, inwiefern politische und mediale Diskurse zumindest mit Blick auf einen Teil der Bevölkerung Reaktanz auslösen können und somit in der Gefahr stehen, das Gegenteil des eigentlich Angezielten zu bewirken, insbesondere dann, wenn von außen eine Einflussnahme zur Veränderung oder Kontrolle von Einstellungen stattfindet. Ähnliches gilt auch für Bildungsprozesse: Personen sind immer frei, sich anders bzw. dagegen zu entscheiden. Druck – und sei er noch so subtil (wie beispielsweise auch eine emotionale Argumentation, die weit weniger offenkundig freiheitseinschränkend wirkt wie eine Nötigung, Drohung oder ein Verbot) – erzeugt nur selten das gewünschte Resultat, sondern provoziert über den Mechanismus der Reaktanz Widerstand.

Dadurch, dass Reaktanz nicht nur kognitive, sondern sehr oft auch emotionale Motive beinhaltet, funktioniert eine rein argumentative, auf Überzeugung abzielende Auseinandersetzung in solchen Fällen häufig nicht, sondern verschärft vielmehr den Widerstand. Es führt dazu, dass sich die Fronten verhärten und dass Personen dann gar nicht mehr zugänglich sind und bisweilen sogar die gegenteilige Position verstärkt übernehmen. Es lockt unbeabsichtigt sozusagen der Reiz des „Verbotenen“. Letzteres geschieht jedoch nicht aus Überzeugung, sondern aus dem Bestreben heraus, Selbstbestimmung und persönliche Freiheit aufrechtzuerhalten.

Wie lässt sich aber die Wahrscheinlichkeit von Reaktanz in einem solchen Kontext verringern? Mit Blick auf Reaktanzeffekte ist es psychologisch ratsam, die entsprechende Kommunikation so auszurichten, dass Personen das Gefühl haben, selbst bestimmen zu können und nicht durch Druck von außen zu etwas gezwungen zu werden. Außerdem sollte die Kommunikation generell transparent, offen und klar sein. Auch Partizipationsangebote und die Möglichkeit, das Gefühl der Kontrolle und des Vorhandenseins von Handlungsoptionen z.B. durch das Aufzeigen von alternativen Freiheiten zurückzugewinnen bzw. zu erhalten, erweisen sich als günstig. Kurz gesagt: Ein Ansprechen der motivationalen Schiene ist zielführender als der Fokus auf einer kognitiv-argumentativen oder gar einer emotionalen.

Ethische Fragen bleiben

Freilich taucht mit dem Fokus auf solche weichen Maßnahmen des Versuchs der psychologischen Beeinflussung des Verhaltens anderer – Ähnliches gilt z.B. für das sogenannte Nudging – am Horizont auch die ethische Frage nach der Rechtfertigung eines solchen Eingriffs in die Autonomie der Einzelperson auf, die gegenwärtig im psychologischen Kontext jedoch nur wenig diskutiert wird. Wie lässt sich ein solches Anliegen, ein solcher Anspruch ethisch begründen? Liegt darin nicht auch die Gefahr, das Wissen um solche Prozesse in bestimmten Situationen auch für problematische Ziele zu verzwecken, die wichtige Aspekte wie Gerechtigkeit und Gemeinwohl vernachlässigen?

Insofern stellt sich auch die Frage, wann Widerstände gegen gesetzte Maßnahmen angebracht sein können, d.h. wann sie moralisch verpflichtend bzw. geboten sind. Eine rein psychologische Betrachtungsweise dieses Themas greift hier zu kurz, sondern es bedarf einer vertieften interdisziplinären Diskussion mit klaren Grundsätzen, die auch die politischen und rechtlichen Implikationen berücksichtigt. Vom theologischen Standpunkt aus gestaltet sich die Sache eindeutig: In demokratisch verfassten Gesellschaften ist die Einschränkung von Freiheitsrechten prinzipiell begründungsbedürftig und nur dann legitim, wenn sie sowohl die von Gott gegebene Würde und Freiheit des Einzelnen im Blick hat als auch zentrale gesellschaftliche Stützpfeiler wie Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Andernfalls ergibt sich die Notwendigkeit zum Widerspruch und Widerstand.

Patrick Rohs ist Dissertant am Institut für Praktische Theologie zum Thema „Wertebildung und soziale Kohäsion – Chance und Herausforderung für Theologie und Kirche“.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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