Das Leerfach Religion (Ulrich Brandstetter)

Das Sommersemester 2020 verlief infolge der Covid19-Pandemie auch an unserem Institut für Praktische Theologie auf etwas andere Weise. Lehrende wie Studierende mussten auf Home-Learning umstellen; das Unterrichtspraktikum fand online statt. Bettina Brandstetter, Religionspädagogin am Institut für Praktische Theologie, stellte in einer ihrer Lehrveranstaltungen den Studierenden die Aufgabe, einen Blog-Beitrag zu verfassen – analog zum theocare-Blog. Diese wurden dann online von Kolleg*innen kommentiert und diskutiert. Wir veröffentlichen hier einen dieser Beiträge: Ulrich Brandstetter, auch Studienassistent am Institut, denkt über den Religionsunterricht nach. (Weitere Beiträge folgen in loser Folge).

Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen, in dessen Mitte sich die sogenannte Kirchenwiese befindet. Der Name kommt daher, da sie inzwischen seit über fünfzig Jahren im Besitz der Pfarrgemeinde ist. Rund um die Wiese gibt es: Die Pfarrkirche, den Kirchenwirt, das Haus der  Feuerwehr, das Haus der Musikkapelle, die Landesstraße, das Kaufhaus, die Volksschule, den Pfarrhof, das Pfarrheim, die Bibliothek und einige Wohnhäuser. Die Mitte des Dorfes ist leer. Da ist die Kirchenwiese, auf der bloß eine Menge Gras wächst.

Mein kleiner Heimatort mit der leeren Kirchenwiese in der Mitte fällt mir ein, wenn ich über die Bedeutung des Religionsunterrichts nachdenke.

In der Schule gibt es vielfältige Unterrichtsfächer, wie Mathematik, Geographie und Wirtschaftskunde, Geschichte und Politische Bildung, Englisch, Latein und Französisch, Bewegung und Sport, Ethik, Kunst und Deutsch und so weiter. Sie sind die Gebäude in meinem Heimatort, die sich um eine Mitte, um die Kirchenwiese, anordnen.

Als Mitglied des Finanzausschusses der Pfarre meines Heimatortes habe ich öfter den Wunsch mitbekommen, die leere Kirchenwiese zu befüllen. Parkplätze würden benötigt, eine breitere Zufahrt mit Umkehrschleife wäre wichtig, ein Wohnbau auf der Wiese sinnvoll. Und überhaupt: Sie könnte ruhig ein bisschen kleiner sein, die Wiese.

Gottseidank ist die Wiese bis heute leer, da sich viele Menschen bewusst war, wie wichtig ein leerer Platz in der Mitte ist. Davon profitieren alle Vereine, wenn sie Übungen oder Feste auf der Wiese austragen. Und manchmal brauchen wir eben auch Parkflächen für große Veranstaltungen in Kirche oder beim Wirt.

Eine Mitte, die leer bleibt und erst dadurch so viel Wichtiges ermöglicht.

Der Religionsunterricht ist diese Leerstelle im Kanon der Fächer in Österreichs Schulen.

Er ist diese Mitte, die auf den ersten Blick nichts Brauchbares oder nichts Funktionelles vermittelt. Religion ist das Leerfach.

Deswegen nimmt das Schulfach Religion wortwörtlich eine zentrale Rolle ein. Es steht kein*e Religionslehrer*in  unter Druck, dass am Ende des Tages spezialisiertes Wissen durch Multiple Choice Tests abgefragt werden muss. Und deswegen kann so viel Entscheidendes für die einzelnen Schüler*innen passieren. Nur in einem Leerfach ist Platz für die wirklich großen Fragen des Menschen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn?  Es ist auch Platz für die Frage nach Gott. Und Platz für die Schüler*innen selbst und ihre ganz persönliche, menschliche Entwicklung. Schüler*innen erzählen noch Jahre nach ihrem Schulabgang von ganz speziellen Erfahrungen, Erlebnissen und Prägungen durch Religionslehrer*innen und ihren Unterricht. Es bleibt Raum für den Menschen und sein Suchen nach einem Platz in der Welt.

So wie auf der Kirchenwiese meines Heimatortes viele Begegnungen stattfinden können, viel gelacht, aber auch getröstet und einfach über Gott und die Welt gesprochen wird bei diversen Festen.

Die leere Kirchenwiese immer umstritten bleiben,  der Religionsunterricht auch.

Leerstellen haben es eben nicht leicht.

Ulrich Brandstetter ist ausgebildeter Kindergartenpädagoge, Lehramtsstudent und Studienassistent am Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien.

Bildquelle: Privat

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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