Moria (Regina Polak)

Fünf Jahre nach der sogenannten „Flüchtlingskrise“ und ein halbes Jahr nach dem Beginn der Corona-Pandemie brennt es – im Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos und in der ungelösten Frage der europäischen Migrationspolitik. Der erste Blog nach der Sommerpause widmet sich diesem Thema.

Biblische Erinnerung

Moria (hebr. מֹרִיָּה, andere Transkriptionen Morija, Moriah) heißt das Land, in dem der Patriarch Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!“, spricht Gott (Gen 22,2).

In der jüdischen, christlichen und islamischen Tradition gilt die Bereitschaft Abrahams, Gott zu gehorchen, als Ausdruck seines tiefen Glaubens. Laut Gen 22 unterbricht der „Engel des Herrn“ die geplante Opferung. Abraham lernt, dass Gott keine Menschenopfer will, und schon gar keine Kinderopfer – anders als in den Kulten der damaligen orientalischen Welt. Diese Interpretation von Genesis 22 findet sich in der jüdischen Tradition, wo diese Schriftstelle nicht „Opferung“, sondern „Bindung“ Isaaks heißt. Auch zeitgenössische christlich-theologische Auslegungen kennen diese Tradition.

Der Lernprozess, dass Gott keine Menschenopfer möchte und auf deren Seite steht, zieht sich wie ein roter Faden durch die Heilige Schrift. „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern“ (Hos 6, 6) liest man im Buch des Propheten Hosea. Jesus von Nazareth wird dieses Wort aufgreifen: „Wenn Ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet Ihr nicht Unschuldige verurteilt.“ (Mt 12, 7)

Moria heute

13.000 Menschen, darunter Familien und Kinder, sind derzeit im Lager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos infolge eines Aktes der Brandstiftung obdachlos. Trotz rascher internationaler Soforthilfe sind viele verzweifelt, manche haben nicht genug zu essen und zu trinken. Sie sollen von der griechischen Regierung nicht nach Westeuropa weitergeschickt werden und deren mögliche Aufnahme ist in Ländern der Europäischen Union zum politischen Konfliktherd geworden. Diese Menschen sind in mehrfacher Hinsicht Opfer.

Sie sind Opfer von Krieg und Armut. Manche sind Opfer von Schleppern. Sie sind Opfer einer Flüchtlings- und Asylpolitik, die seit Jahren stagniert, und ihnen Zukunftsperspektiven verweigert. Sie vegetieren vor Ort dahin. Sie sind Opfer von Brandstiftern, die ihrer Ohnmacht, ihrem Zorn und Hass durch einen gewalttätigen Ausbruch Ausdruck verliehen haben. Der Akt der Brandstiftung ist zu verurteilen. Aber jede und jeder, der sozialpsychologische Prozesse kennt, kann sich vielleicht vorstellen, welchen Druck Not, Leid und Hoffnungslosigkeit erzeugen können. Die Katastrophe war absehbar. Nicht zuletzt sind die Menschen Opfer politischer Interessen.

Der biblisch Glaube bezeugt, dass es keine Opfer geben soll. Wie Abraham sind daher auch Christinnen und Christen angehalten zu lernen, was es bedeutet, statt Opfer Liebe zu üben.

Freilich, die konkrete Übersetzung von „Liebe“ in praktische Migrationspolitik ist schwierig. Man kann aus der Bibel nicht unmittelbar migrationspolitische Maßnahmen ableiten. Aber Christinnen und Christen sind verpflichtet, sich trotz der Größe der Herausforderung auf diesen Lernprozess in einer Haltung einzubringen, die darauf abzielt, Opfer zu reduzieren und zukünftig zu vermeiden. Denn es ist absehbar, dass dies nicht die letzte Katastrophe gewesen sein wird. Europa kann sich nicht von „Feuerwehreinsatz zu Feuerwehreinsatz“ hanteln.

Der Chef der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, Daniel Caspary, sagt: „Wir müssen endlich wegkommen von den Feuerwehreinsätzen, sondern wir müssen a) hin zu der Frage Lebensperspektive und vor allem Stabilität in den Ländern Nahost und in Nordafrika. Zum Zweiten brauchen wir endlich das gemeinsame europäische Asylsystem mit einem gemeinsamen europäischen Asylverfahren nach gemeinsamen Regeln, mit gemeinsamen Entscheidungen. Ich wünsche mir, dass wir endlich durch dieses leider nicht erste neue katastrophale Warnsignal endlich wachgerüttelt werden und die Blockade in einigen Mitgliedsstaaten überwunden wird.“

Österreich

In Österreich können wir in den vergangenen Tagen ein beschämendes Schauspiel erleben. Der türkise Part der österreichischen Bundesregierung legt in seiner Rhetorik nahe, bei allen Flüchtlingen in Moria handle es sich um gewaltbereite Migranten, denen man kein Asyl gewähren dürfe (z.B. Innenminister Karl Nehammer)

Überdies würde eine Aufnahme von Kindern oder gar Familien infolge des sog. „Pull-Faktors“ eine Situation ähnlich wie die von 2015 nach sich bringen. Abgesehen davon, dass dieser Pull-Faktor wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist: In dieser Aussage erhält die Ideologie Vorrang vor konkreten Menschen. Politische Ideen dominieren und verschleiern die Wirklichkeit konkreten Elends.

Im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium warnt Papst Franziskus eindrücklich vor einem solchen Verständnis des Verhältnisses zwischen Idee und Wirklichkeit (EvGaud 231-233). Der Papst spricht von der Notwendigkeit, die bipolare Spannung zwischen der Wirklichkeit, die einfach existiert, und der Idee, die immer erarbeitet werden muss, in einem beständigen Dialog zu halten. Andernfalls löse sich die Idee von der Wirklichkeit, die sodann verschleiert zu werden droht. Es drohen u.a. „engelhafte Purismen“, „Totalitarismen des Relativen“, „mehr formale als reale Projekte“, „Ethizismen ohne Güte“ und „Intellektualismen ohne Wahrheit“.

Daher steht die Wirklichkeit über der Idee. Und die Idee – die begriffliche Ausarbeitung – dient dazu, die Wirklichkeit zu erfassen, zu verstehen und zu lenken.

Diese Logik begründet der Papst mit der Inkarnation: Weil das Wort Fleisch geworden ist, drängt das Wort zur Evangelisierung und zur konkreten Tat.

Vorrang hat demzufolge aus christlicher Sicht zum jetzigen Zeitpunkt die Wirklichkeit der Menschen in Moria. Die damit mittel- und langfristig verbundenen Debatten zu migrationspolitischen Fragen, Ideen und Interessen müssen davon deutlich unterschieden und geprüft werden.

Prüfung der Ideen und Interessen

Die Situation in Moria hat eine jahrelange Vorgeschichte. Auf meinen Urlauben auf der Insel Lesbos beobachte ich seit 2015 die Folgen der Untätigkeit der Europäischen Union, die bisher außer Hilfeleistungen keine nachhaltig sinnvolle, strukturell-politische Lösung für das Flüchtlingsproblem entwickelt hat. Dies führt dazu, dass nun ein Problem bekämpft wird, das selbst miterzeugt wurde. Im politischen Diskurs der türkisen ÖVP geschieht dies durch die Förderung der Vorstellung, dass Geflüchtete pauschal gewaltbereite Migranten sind. Dies ist ein sprachliches Mittel, mit dem Sündenböcke erzeugt werden. Durch Diskriminierung, Exklusion und permanente Wiederholung von Stereotypen erzeugt man das Problem, das man sodann zu bekämpfen vorgibt. Flüchtlinge werden isoliert, sie erhalten keine Perspektive und verzweifeln. Einzelne halten diesem Druck dann nicht stand und verhalten sich im Weiteren so, dass man sie „guten Grundes“ weiter ausschließen kann. Ist dies die Idee dahinter? Ich sehe einen Teufelskreis, aus dem wir im politischen Diskurs herauskommen müssen, um nachhaltige Lösungen zu finden. Denn die dominante Idee des gewaltbereiten Flüchtlings erschwert differenzierte migrationspolitische Lösungen.  

Flucht und Migration in der Corona-Pandemie

Fünf Jahre nach der sogenannten „Flüchtlingskrise“ hat die Corona-Pandemie die Problematik von Flucht und Migration verschärft. Flüchtlinge und Migranten gehören laut dem jüngsten Berichts der OSCE-Organisation ODIHR “Human Dimension Commitments and State Responses to the Covid-19 Pandemic“ zu jenen vulnerablen Gruppen, die von der Pandemie in besonderer Weise betroffen sind. Sie erfahren wachsende Diskriminierung beim Zugang zu adäquaten Unterkünften, verbunden mit einer hohen Dichte von Unterkünften und Niederlassungen, mitunter ohne Zugang zu sauberem Wasser. Dies setzt sie dem Virus stark aus und erhöht die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden. In vielen OSCE-Staaten wurden sie auch beschuldigt, den Covid-19 Virus zu verbreiten. Organisierte Gruppen schüren durch das Verbreiten von intoleranten und flüchtlingsfeindlichen Diskursen und Verschwörungstheorien Aggression und Hass gegen Flüchtlinge. Auch Flüchtlingsbegleiter berichten von solchen Übergriffen im realen wie im virtuellen Raum.

Flucht und Migration werden also weiterhin Thema der politischen Agenda bleiben. Die Hilfe vor Ort ist sachgemäß, wird aber nicht ausreichen, die Herausforderung von Flucht und Migration nachhaltig, menschen- und sachgerecht zu lösen. Ohne Ringen um eine solidarische Lösung im Verbund der EU-Staaten verschieben wir das Problem in die nächste Generation. Eine primär restriktive Ab- und Ausgrenzungspolitik ohne positive Zukunftsvision wird mittel- und langfristig die Probleme verschärfen.

Und die Kirche?

Die Österreichische Bischofskonferenz hat zur Situation in Moria klar Stellung bezogen. Österreich soll sich an der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem niedergebrannten griechischen Lager Moria beteiligen und die Katholische Kirche will diese Maßnahme im eigenen Bereich aktiv unterstützen. Auch Papst Franziskus hat dazu aufgefordert, Flüchtlinge aufzunehmen. Ähnliches haben zahlreiche Repräsentanten der Katholischen Kirche im In- und Ausland gefordert. Sie alle stehen in der Tradition des biblisch bezeugten Glaubens auf der Seite der Opfer und geben deren Not Vorrang.

Mit Blick auf mittel- und langfristigen Lösungen für migrationspolitische Fragen gibt es von Seiten der Katholischen Kirche seit Jahren Ideen und Stellungnahmen. Zu erwähnen seien hier v.a. die Instruktion „Die Liebe Christi zu den Migranten“ (2004), die pastoralen Richtlinien „In Flüchtlingen und Vertriebenen Christus aufnehmen“ (2013), die „20 Handlungsschwerpunkte für die Global Compacts“ (2018) sowie 106 Botschaften zum Welttag des Migranten und Flüchtlings.

Diese Unterlagen bergen keine fertigen Lösungen, sollen und können aber in Gruppen, Gemeinschaften und Gemeinden diskutiert und für den Österreich-Kontext konkretisiert werden.

Als Kirche sollten wir weder die Interpretation noch die Suche nach Lösungen für die Jahrhundertherausforderung Migration ausschließlich Politikerinnen und Politikern bzw. Expertinnen und Experten überlassen. Auch wenn das Thema berechtigterweise Ohnmachtsgefühle und Angst auslösen kann und mit politisch-medialem Gegenwind zu rechnen ist: Christinnen und Christen können sich mit ihren Ideen mutig und offensiv in die Debatte einbringen. Die Gesellschaft benötigt dringend die Stimmen und Ideen der differenzierten und ausgewogenen Mitte.

Am 27. September ist 106. Welttag des Migranten und Flüchtlings. Papst Franziskus fordert in seiner Botschaft erneut dazu auf, Migranten aufzunehmen, zu schützen, zu fördern und zu integrieren und ergänzt dies um 3 Wortpaare: „kennen, um zu verstehen“ – „jemandem zum Nächsten werden, um zu dienen“ – „zuhören und versöhnen“.

Wird diese Botschaft in der Katholischen Kirche in Österreich gehört werden?

Abraham hat in Moria auf den Engel des Herren zu hören gelernt und Isaak nicht geopfert. Ich wünsche mir, dass Europa aus der Situation in Moria lernt und daraus auch migrationspolitische Konsequenzen zieht.

Regina Polak ist Institutsleiterin und Assoziierte Professorin am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und derzeit Personal Representative of the OSCE Chairperson-in-Office on Combating Racism, Xenophobia and Discrimination, also focusing on Intolerance and Discrimination against Christians and Members of Other Religions.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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