Christlich-sozial: nur eine Frage der Interpretation?

Der Umgang mit den Menschen in Moria und anderen Orten an den Außengrenzen Europas nagt an der Glaubwürdigkeit unserer Grundwerte. Die Reaktionen nach dem Brand in Moria haben erneut gezeigt, dass die Menschenwürde und die Wahrung der Menschenrechte der geflüchteten Menschen nicht ernst genommen werden. Der Diskurs und die abwehrende Haltung, geflüchtete Menschen aufzunehmen, zeigen Züge der „rohen Bürgerlichkeit“, wie Wilhelm Heitmeyer sie skizziert hat. Dieses Phänomen ist nicht erst jetzt entstanden, sondern hat sich in den letzten Jahrzehnten im Umgang mit unterschiedlichen Formen sozialer Ungleichheit angebahnt. Mit Blick auf die nächsten Generationen sollte es uns mit Sorge erfüllen, was ihnen als Normalität übermittelt wird, und was sich ihnen in Folge habituell einschreiben könnte. Sie erleben derzeit, dass Menschen, die von Krieg und Verfolgung geflohen sind, als Bedrohung wahrgenommen und selbst Kinder davon nicht ausgenommen werden. Sie wachsen mit der Vorstellung heran, dass Wohlstand und Reichtum durch sozial Schwächere bedroht ist und weniger mit der Vorstellung, dass soziale Ungerechtigkeiten zu bekämpfen sind. Vielmehr erleben sie, dass benachteiligte Menschen für ihr Elend geächtet werden.

Naiv und realitätsfremd?

Stimmen, die Gerechtigkeit, soziale Gleichheit, Nächstenliebe, Empathie, Solidarität etc. einfordern, werden als realitätsfremd und naiv bezeichnet. Was lernen zukünftige Generationen, wenn sie erleben, dass religiös und weltanschaulich aufgeladene Begriffe, die ein menschenwürdiges Leben aller zum Ziel haben, nicht mehr als relevant angesehen werden? Oder so umdefiniert werden, dass sie nur mehr das eigene Verhalten rechtfertigen? Welche Folgen hat die Rede von einer „flexiblen Solidarität“ (Kurz; Edtstadler)? Heißt dies, dass nicht jeder Mensch Solidarität erwarten kann? Dass es welche gibt, die mehr Anspruch haben und andere, die weniger oder gar keinen haben? Und heißt dies, dass jene, die flexible Solidarität fordern, diese für sich uneingeschränkt beanspruchen, anderen aber nicht gewähren möchten? Der Subtext, der mit dem Adjektiv dem starken Begriff der Solidarität relativierend unterlegt wird, darf nicht übersehen werden.

Rohe Bürgerlichkeit

Nach Heitmeyer entgeht der rohen Bürgerlichkeit „vielfach das Gefühl für verschiedene Formen von Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness, die nicht an Effizienz, Nützlichkeit und Verwertbarkeit gekoppelt ist. Rohe Bürgerlichkeit setzt auf Konkurrenz und Eigenverantwortung in jeder Hinsicht. Wer dem nicht gewachsen ist, dem ist nicht zu helfen und dem soll auch nicht geholfen werden.“

Wenn soziale Ungleichheit auf nationaler wie internationaler Ebene in abwertende Ungleichwertigkeit transformiert wird, kann sie relativ einfach zur Rechtfertigung menschenverachtenden Redens und Handelns dienen. Dies führt letztendlich zu einer Spaltung der Gesellschaft. Die (jungen) Menschen haben dann Glück oder Pech – je nachdem, auf welcher Seite sie landen.

Wollen wir unsere nächsten Generationen auf diese Haltung roher Bürgerlichkeit einschwören? Dürfen wir ihnen die (Um)Interpretationen von „christlich-sozial“, die ihnen angeboten werden, unwidersprochen lassen?

Kinder und Jugendliche befähigen, die Konsequenzen einseitiger Interpretationen von christlichen Werten und Haltungen zu durchschauen, den Wert der Bewahrung der Menschenwürde und der Menschenrechte zu erkennen, das Einfühlungsvermögen in andere zu schulen, wird nicht einfach werden. Aber es wird notwendig sein, wenn wir nicht sowohl die Glaubwürdigkeit religiöser Überzeugungen als auch die Demokratie aufs Spiel setzen wollen.

Autorin: Andrea Lehner-Hartmann

Fotocredit: Moria Corona Awareness Team

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