Heilung von Corona (Yuval Katz)

Heute feiern Juden und Jüdinnen weltweit Jom Kippur, den Tag der Versöhnung mit Gott und den Mitmenschen. Yuval Katz, Geschäftsführer des Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, gibt Einblicke in die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das jüdische Leben in Israel und in der Diaspora.

Die Zeit zwischen März und Mai 2020 fiel nach jüdischer Zeitrechnung in die Zeit zwischen der Mitte des Monats Adar und der Mitte des Monats Sivan im Jahr 5780. Die Monatsmitte von Adar ist geprägt vom Fest Purim, zur Monatsmitte von Nissan findet das Pessachfest statt. Im Monat Iyyar liegen die Tage des Gedenkens an die Opfer der Schoa und an die Kriege in Israel, sowie der Unabhängigkeitstag Israels. Im Monat Sivan wird Shavuot gefeiert.

Im Jahr 2020 standen diese Feiertage, diese Zeiten mit der Familie und die gemeinschaftlichen Treffen im Schatten der Pandemie. Jüdische Gemeinden weltweit wurden dazu gezwungen, die Feiern anders zu begehen. Große Familienzusammenkünfte und öffentliche Veranstaltungen waren nicht mehr möglich.

Ideologische und praktische Differenzen werden sichtbar

Die Herausforderungen des Lebens mit Corona ließen die ideologischen Differenzen und jene im praktischen Leben der unterschiedlichen jüdischen Gruppierungen noch stärker sichtbar werden. Besonders in Zeiten, in denen normalerweise so viele öffentliche und familiäre Treffen stattfinden.

Die großen Unterschiede zwischen den Werten der Säkularen und der Ultraorthodoxen könnten im Staat Israel, dem die Ultraorthodoxen aufgrund seiner Säkularität misstrauisch gegenüber stehen, nicht größer sein. Als der Staat große Versammlungen untersagte und Schulen schloss, äußerte der einflussreichste ultraorthodoxe Rabbi, Kanievsky, dass das Tora-Studium in religiösen Schulen nicht unterbrochen werden dürfte. Als die Regierung die Bewegungsfreiheit der Menschen zur Eindämmung der Virusverbreitung einschränken wollte, dabei jedoch erlaubte, dass man mit Hunden für deren Notdurft das Haus verlassen dürfe, merkte der älteste ultraorthodoxe Politiker und Gesundheitsminister an, dass er es nicht einsehe, dass Hunde das Haus verlassen dürften, während er davon abgehalten werde, zum täglichen morgendlichen rituellen Bad zu gehen.

Pessach

In den Frühlingstagen von Pessach gab es Debatten über den Einsatz von Videokonferenzen im Zusammenhang mit dem gemeinsamen rituellen Familienmahl von Pessach, dem Seder-Mahl. Während einige marokkanische Rabbiner ihrer eigenen Tradition folgten, die Nutzung der technologischen Hilfsmittel aber erlaubten, und progressive Rabbiner diese Technik gerne annahmen, stellten sich Ashkenazi und andere orthodoxe Rabbiner dagegen.

In diesem Diskurs handelt es sich um die praktische Frage, wie man den Geist des familiären Feiertags bewahren könne, bei dem die wichtigste Liturgie im Rahmen der Großfamilie stattfindet. Ein Feiertag, bei dem Enkel von ihren Großeltern über das gemeinsame Erbe lernen. Es geht um einen feinen Balanceakt: in welchem Maß die Technologie die familiäre Interaktion im eigenen Zuhause zerstört – und in welchem Maß dadurch Interaktion mit Familienmitgliedern, die aufgrund der Regelungen nicht anwesend sein können, ermöglicht werden kann. Am Ende des Tages, als sich der Sonnenuntergang näherte und der Feiertag begann, entschied jeder Haushalt für sich selbst.

Die Herausforderungen der Gemeinden in der Peripherie bei der Essensbeschaffung für Pessach wurden verschärft, während die Vorteile der zentralen Gemeinden sichtbar wurden. Während sich Menschen in Israel einfach auf ihrer Veranda zum Gebet versammeln konnten, wo sie einen Veranda-Minjan schufen, konnten Juden in der Diaspora nur alleine beten oder an Video-Minjanim teilnehmen. Mit dem Aufbrechen der geographischen Grenzen war Online-Unterricht in einer noch nie dagewesenen Fülle verfügbar. Traditionelles jüdisches Studium wurde mit modernen technischen Kommunikationsmitteln kombiniert: besonders in der Zeit von Shavuot kam diese Praxis zum Tragen. Alte Konzepte von Raum wurden von der Situation in Frage gestellt, da sich Lerngruppen weltweit online zusammenfinden konnten, während die physische Begegnung für ein Gebetskolloquium auf die eigenen vier Wände beschränkt wurde.

Die Ausübung der feierlichen Zuneigung, die Juden ihrer Tradition gegenüber zeigen, indem sie heilige Gegenstände wie die Tora-Rolle und die Mezuzah küssen, und die Handschläge, mit denen sie sich gegenseitig zu den während der Liturgie eingenommenen Rollen beglückwünschen, sind durch das Social Distancing ebenfalls bedroht. Es besteht die Gefahr, dass Juden durch die Krise diesen Ritualen gegenüber kühler werden und in Zukunft weniger Zuneigung zeigen. Corona hat das grundlegendste Prinzip des Beit HaKnesset (Haus der Versammlung), der tatsächlichen Versammlung, in Frage gestellt. Diese erschwerten Bedingungen haben einige Prozesse beschleunigt, während andere zum Stillstand gekommen sind

Beschleunigung des Wandels und neue Fragen

Im religiösen jüdischen Leben werden Veränderungen für gewöhnlich nur langsam angenommen. Die Krise hat das Tempo des Wandels jedoch beschleunigt und die verschiedenen technologischen Kommunikationsmittel, mit denen wir in unserem Informationszeitalter täglich konfrontiert sind, haben auch im religiösen Leben ihren Platz gefunden. Autoritätspersonen (des religiösen Lebens) fanden sich unvorbereitet im Umgang mit der Krise und so oft auch an und über den Grenzen ihrer Komfortzone hinaus.

Corona hat viele der theologischen und lebens-/glaubenspraktischen Unterschiede innerhalb der jüdischen Welt verdeutlicht. Es scheint, dass säkulare Juden und Reformjuden danach streben, die neuesten technologischen Hilfsmittel für sich zu nutzen, um sich im alltäglichen Leben damit zu helfen. Religiösere und orthodoxe Juden stehen diesen Techniken hingegen misstrauisch gegenüber, wenn es um ihre rituelle Praxis geht. Manche weisen sie mit Begründungen der Halacha gänzlich zurück, verherrlichen sogar die Sehnsucht nach der wahren Form des Gebets, so wie sie es aus der Zeit vor der Pandemie kennen, und manche versuchen, die neuen Techniken vorsichtig in die religiöse Praxis zu integrieren. Einige Rabbiner sind der Meinung, dass die einzigartigen halachischen Maßnahmen (wie Distanz-Minyanim), die trotz der langen Tradition gegenwärtig ergriffen wurden, mit dem Virus wieder verschwinden werden und keine Langzeiteffekte haben, während andere behaupten, dass man bereits sehe, wie diese außergewöhnlichen Maßnahmen zur neuen Norm werden. Es ist schwer einzuschätzen, welche Effekte dies auf lange Sicht haben wird.

Wir wissen aus der Geschichte, dass temporäre Änderungen manchmal dauerhaft bestehen bleiben, als Brauch sogar geheiligt werden und eine theologische Bedeutung bekommen. Deswegen kann man beide Seiten der Debatte nachvollziehen: auf der einen Seite wird versucht, sich der gegenwärtigen religiösen Erfahrung bestmöglich zu stellen, während man auf der anderen Seite die religiösen Erfahrungen der Vergangenheit bewahren und an zukünftige Generationen weitergeben will. Es scheint, dass manche Veränderungen unvermeidlich sind, wenn wir die Gemeinschaft in Zeiten von Social Distancing aufrechterhalten wollen. Wir müssen aber vorsichtig sein, zu denken, dass diese Umstellungen wieder leicht rückgängig gemacht werden können. Deshalb müssen die Veränderungen mit weiser Hand vollzogen werden, um die Bewahrung der Tradition zu sichern.

Eine neue Balance finden

Wie für alle Menschen und Gemeinschaften, scheint es, dass die Pandemie die jüdische Welt aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Wir alle fühlen uns wie in einer Zeit außerhalb der Zeit, darauf wartend, dass die Normalität zurückkehrt und auch die Zeit wieder im ursprünglichen Rhythmus fließen kann. Aber wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die jetzige Realität andauern wird. Und anstatt der alten sollten wir mit der neuen Normalität umgehen lernen. Eine, in der Social Distancing, Masken und nicht-physische Treffen die Norm sind. Wir müssen eine neue Balance finden. Für das jüdische Gesetz und die traditionelle jüdische Praxis, mit ihrem Schwerpunkt auf den physischen Begegnungen beim Beten und der körperlich ausgedrückten Liebe zur Tora, ist dies eine sehr schwierige Aufgabe. Eine, die, da bin ich mir sicher, bewältigt werden wird. Ich glaube, dass die jüdische Lebensweise belastbarer und flexibler ist, als die meisten ihr zugestehen.

Mitte September 2020, am Vorabend von Rosch haShana, dem neuen Jahr 5781, wurde der Lockdown wieder aufgenommen. Ein Text in den sozialen Medien verlautbarte: „Vergesst um Mitternacht nicht, eure Uhr ein halbes Jahr zurückzustellen.“ Dies hat vielen gezeigt, dass die Seuche resilienter ist, als zunächst angenommen, und dass wir bereit sein müssen, langfristig mit ihr zu leben.

Die Heilung von der Corona-bedingten religiösen Krise kann aus jüdischer Perspektive wie die Heilung von einem Knochenbruch verstanden werden. Man bekommt seinen alten Knochen nicht zurück, stattdessen wächst einem ein neuer Teil. Juden werden vermutlich ein neues Judentum vorfinden, hoffentlich ein gestärktes. 

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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