Eine politische Theologie der Liebe (Regina Polak)

Humanitäre Korridore für die am stärksten gefährdeten Flüchtlinge; eine Reform sowohl der Organisation der Vereinten Nationen als auch der internationalen Wirtschafts- und Finanzgestaltung; die Erinnerung daran, dass das Recht auf Privatbesitz niemals absolut oder unveräußerlich ist; der Vorwurf der kulturellen Kolonisierung: Die Enzyklika Fratelli Tutti von Papst Franziskus ist politisch sehr konkret. Für Europa stellt sie eine unangenehme und schmerzhafte Herausforderung dar. Sie ist dennoch kein politisches Manifest, sondern entwickelt ihre politischen Optionen auf der Basis einer politischen Theologie der Liebe. Ein Long-Read zur jüngsten Enzyklika von Regina Polak.

„So viel Politik war selten“, schreibt der Jesuitenpater und Journalist Bernd Hagenkord. Tatsächlich formuliert Papst Franziskus in seiner jüngsten Enzyklika Fratelli tutti zahlreiche und sehr konkrete politische Forderungen. In der österreichischen Kirche und Gesellschaft lösen diese erwartungsgemäß geteilte Reaktionen aus. So streicht z.B. Kardinal Christoph Schönborn die Erneuerung der „revolutionären Lehre von der einen Menschheitsfamilie“ durch die Enzyklika heraus. Caritas-Präsident Michael Landau spricht von einem „starken, beeindruckenden Text“, der „seine Finger tief in die Wunden unserer Gesellschaft“ lege und aufzeige, „wie ein soziales, politisches und wirtschaftliches Umdenken nach der Coronavirus-Krise gelingen kann.“

Demgegenüber stoßen sich andere an der „extrem globalisierungskritischen und antimarktwirtschaftlichen Haltung“ des Papstes oder bezeichnen die Enzyklika als  „Plädoyer für ein universales Gutmenschentum“, das einem „mäandrierenden, immer wieder auf dieselben Motive kommenden lateinamerikanischen Roman“ gleiche. Man könnte nun über die Ursachen des abgeklärt-polemischen Tonfalls solcher Kommentare räsonieren: Warum kostet sie der Traum des aktuellen Papstes, dass die Nächstenliebe auch die Politik verändern kann, nicht einmal ein müdes Lächeln?

Allemal spannender ist aber die Frage, ob solche Kritiken dem Text und dem Anliegen der Enzyklika gerecht werden. Tatsächlich basieren die politischen Forderungen von Papst Franziskus auf der Universalität der Nächstenliebe und seinem Verständnis von universaler Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft. Und tatsächlich kann man aus einer individualethischen Forderung nach Nächstenliebe nicht unmittelbar sozialethische oder politische Forderungen ableiten. Aber tut Papst Franziskus das? Wie begründet er diesen Zusammenhang?      

Fratelli tutti – ein politisches Manifest?

Die Enzyklika Fratelli tutti kann auf den ersten Blick tatsächlich als sozialethisch begründetes politisches Manifest erscheinen. Eine hervorragende Analyse des sozialethischen Charakters der Enzyklika hat Wolfgang Palaver vorgelegt, indem er deren differenziertes Verständnis universaler Geschwisterlichkeit darstellt, das auf der Verbindung von Globalität und Lokalität basiert (FT 142).

Doch die Enzyklika geht noch weitaus tiefer. Sie reflektiert den Zusammenhang zwischen Liebe und Politik auf der Basis einer Spiritualität göttlicher und menschlicher Liebe, die notwendigerweise im politischen Engagement münden muss.

Dieser Zusammenhang zwischen Liebe und Politik ist auch dem evangelischen Theologen Ulrich Körtner aufgefallen. Allerdings kann er dem Anliegen des Papstes, dass sich „alle Menschen guten Willens, gleich welcher Religion oder Weltanschauung“ der „universalen Liebe und Friedfertigkeit öffnen sollen“, nur sehr wenig abgewinnen. Der päpstliche Satz „Auch in der Politik gibt es Raum, um mit Zärtlichkeit zu lieben“ (FT 194) gilt ihm als „religiöser Kitsch“. So ironisiert er die Überzeugung des Papstes, dass „politische Liebe“ oder „politische Nächstenliebe“ keine Utopie, sondern das „Herzstück der Politik“ bilden, mit Assoziationen zu den Beatles und John Lennon („All you need ist love!“). Liebe und Zärtlichkeit – jene Form der Liebe, „die nahe und konkret wird“ (FT 194) – sind für ihn keine Basis für Politik.

Welches Ausmaß an Ernüchterung und Resignation angesichts realer Erfahrungen mit der Politik werden hier erkennbar? Wieweit hat sich solche Kritik schon an ein säkulares Verständnis von Politik angepasst oder dieses akzeptiert – ein Verständnis, das in der Politik nur mehr den Kampf um Macht und Ressourcen sowie die Durchsetzung von Partikularinteressen erkennen kann?

Auch Papst Franziskus kritisiert das aktuell herrschende Verständnis von Politik: „Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen.“ (FT 177). Zugleich aber entwirft er auf der Basis einer christlichen Anthropologie und Spiritualität der Liebe eine Alternative – eine Art „politischer Theologie der Liebe“.

Ein solches Vorhaben kann einem angesichts des realen Zustandes globaler und nationaler Politik tatsächlich naiv und weltfremd erscheinen. Aber es gehört zum Kern der biblischen Offenbarung und der christlichen Theologie. Zu erinnern wäre hier u.a. an die Arbeiten der evangelischen Theologin Dorothee Sölle („Mystik und Widerstand“) oder des katholischen Sozialethikers Clemens Sedmak („Die politische Kraft der Liebe“). Freilich, der Glaube, dass die Liebe und Barmherzigkeit Gottes die gesamte Schöpfung – und damit auch den Lebensraum des Politischen – verwandeln und verändern können (z.B. Röm 8), sind in der europäischen Christenheit weitgehend dem Vergessen anheimgefallen.

Kritik

Vieles an der Kritik an Fratelli Tutti ist begründet. So wird die von mir wahrgenommene politische Theologie der Liebe nicht in dem Ausmaß systematisch-theologisch dargestellt, wie es sich deutschsprachige Theologinnen und Theologen wünschen würden. Die Analysen könnten soziologisch fundierter und sozialethisch komplexer sein. Der Zusammenhang zwischen Individualethik und Sozialethik ist nicht ausreichend explizit reflektiert. Auch leidet die Enzyklika an einer Dominanz der Darstellung bedrohlicher Szenarien und lässt die Fülle der durchaus hoffnungsvollen Dynamiken weitgehend unerwähnt. So bleibt die Hoffnung, zu der Papst Franziskus aufruft, ziemlich unkonkret. Schließlich schwächt der kompilatorische Charakter der Enzyklika – die Zusammenstellung von Textpassagen und Zitaten seiner Vorgänger, aus Bischofssynoden und eigenen Stellungnahmen sowie Theologen und Philosophen wie z.B. Karl Rahner, Paul Ricoeur, Gabriel Marcel uva. – die analytische Stringenz des Textes.

Doch dieser Text ist eben auch keine wissenschaftliche Abhandlung. Vielmehr atmet sie den dialogischen Charakter des aktuellen Pontifikats, indem sie das innere und äußere Gespräch der Kirche widerspiegelt. Sie will zum Nach- und Weiterdenken (FT 6) über das Verhältnis von Liebe und Politik anregen.

So kann man sich bei der Textinterpretation also entscheiden, ob man bei den Schwächen oder den Stärken dieses Textes ansetzt, und versuchen, dessen Anliegen freizulegen, um diese dann differenziert-kritisch weiterzudenken.

Eine theologische Anthropologie

Eines dieser Anliegen ist die Frage, wie die makropolitische Ebene mit der Ebene des Zusammenlebens von Menschen in Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft zusammenhängt. Letztere sind für Papst Franziskus erst in zweiter Linie moralische Gebote. In erster Linie machen sie das Wesen des Menschen aus. Der Mensch ist nicht nur ein Individuum, das Beziehungen „hat“, sondern ist und lebt konstitutiv aus zwischenmenschlichen Beziehungen und Gemeinschaften. Er „ist“ Beziehung und Gemeinschaft. Diese sieht Papst Franziskus fundamental bedroht: durch einen radikalen Individualismus, durch einen global weit verbreiteten Materialismus, und nicht zuletzt durch die aktuellen Fehlformen einer grenzenlosen Marktwirtschaft und den Verlust des Primats der Politik.

Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft sind demnach deshalb moralische Ansprüche, weil sie in der Natur des Menschen gründen. Zwischenmenschliche Beziehungen und Gemeinschaft kommen daher nicht allein durch individuelle Willensentscheidungen oder moralische Entscheidungen gleichsam „hinzu“, sondern bestimmen sein Dasein. Der Mensch ist ein Beziehungswesen, auf Beziehung und Gemeinschaft hin angelegt und von diesen abhängig. Menschen sind miteinander verbunden, ob es ihnen gefällt oder nicht. Nimmt die Gemeinschaft Schaden, leidet auch der, die Einzelne. Nicht zuletzt die Beziehungen zum, zur „Anderen“ oder „Fremden“ gehören dabei für den Papst unverzichtbar zum Menschsein.

Um die Virulenz dieser Aussagen zu verstehen, muss mitbedacht werden, dass der Papst aus Lateinamerika stammt. Dort zerreißen und zerstören die aktuellen Folgen einer einseitig globalisierten, an der Vorherrschaft von Konkurrenz und Profit orientierten Wirtschaft seit Jahrzehnten menschliche Familien, Gemeinschaften und gewachsene Kulturen. Fratelli tutti muss daher auch aus der Perspektive der Menschen des globalen Südens gelesen werden – und nicht nur auf der Basis europäischer Eigeninteressen. Auch die Theologien dieser Regionen zeigen eindrücklich, wie sehr der kulturelle und ökonomische Postkolonialismus der westlichen zivilisierten Welt das Leben von Menschen und soziale Beziehungen beschädigen.

Doch nicht nur im globalen Süden lässt sich die Erosion des Humanum erkennen. Die Bedrohung der sozialen Kohäsion und eines demokratischen Zusammenlebens durch Nationalismen, Populismen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie wachsenden ökonomischen Konkurrenz- und Leistungsdruck erschweren auch das Zusammenleben in Europa. Die Zunahme psychischer Erkrankungen wie Burnout und Depressionen, das Ausmaß an Einsamkeit und Sinnkrisen sowie die wachsende Zahl an Armen und Armutsgefährdeten legen davon Zeugnis ab – forciert nicht zuletzt durch die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Leibhaftige und affektive Nächstenliebe

Papst Franziskus setzt seine Hoffnung nun auf die Nächstenliebe. Doch diese ist „mehr als eine Reihe wohltätiger Handlungen“ (FT 94):

„Liebe bedeutet also mehr als eine Reihe wohltätiger Handlungen. Die Handlungen entspringen einer Einheit, die immer mehr auf den anderen ausgerichtet ist und die ihn jenseits seiner physischen oder moralischen Erscheinung als wertvoll, würdig, angenehm und schön erachtet. Die Liebe zum anderen, drängt uns aufgrund ihrer Natur, das Beste für sein Leben zu wollen. Nur wenn wir diese Art gegenseitiger Bezogenheit entwickeln, wird ein gesellschaftlicher Zusammenhalt möglich sein, der niemanden ausschließt, und eine Geschwisterlichkeit, die für alle offen ist.“ (FT 94)

Der Papst betont dabei zum einen die leibhaftige Dimension dieser Liebe:

„Es bedarf der körperlichen Gesten, des Mienenspiels, der Momente des Schweigens, der Körpersprache und sogar des Geruchs, der zitternden Hände, des Errötens und des Schwitzens, denn all dies redet und gehört zur menschlichen Kommunikation.“ (FT 43)

Zum anderen verweist er auf den affektiven Erfahrungscharakter dieser Liebe:

„Der heilige Thomas von Aquin versuchte zu verdeutlichen, worin die Erfahrung der Liebe besteht, die Gott mit seiner Gnade ermöglicht. Er erklärte sie als eine Bewegung der Aufmerksamkeit für den anderen, insofern der Liebende das Geliebte in etwa ՚als ein Wesen mit sich selbst betrachtet՚. Die affektive Aufmerksamkeit, die dem anderen entgegengebracht wird, führt zu einer inneren Ausrichtung, die bedingungslos sein Wohl sucht. All dies nimmt seinen Ausgang bei einem Wohlwollen, bei einer Wertschätzung, also letztlich dem, was sich hinter dem Wort ՚Nächstenliebe՚ verbirgt: das Geliebte ist mir ՚teuer՚, das heißt, ich halte es für sehr wertvoll. Und aus der Liebe, aufgrund derer man eine bestimmte Person schätzt, kommt all das Gute, das man ihr entgegenbringt.“ (FT 93).

Vielleicht spiegelt sich in der Betonung dieser konkreten Dimensionen ebenfalls die südliche, „wärmere“ Kultur des Umgangs miteinander wider, die vielen in Europa durchaus fremd und ungewohnt sein mag. Sie ist jedenfalls zentral für das Liebesverständnis des Papstes und kann auch erklären, warum gerade das Gleichnis vom barmherzigen Samariter der zentrale biblische Referenzpunkt ist. Denn in diesem Gleichnis wird deutlich, dass der Ausgangspunkt jeglichen, auch des politischen Handelns eine zutiefst persönliche Entscheidung ist: „Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, barmherzige Samariter zu sein oder gleichgültige Passanten, die distanziert vorbeigehen.“ (FT 69) Deshalb geht es auch in diesem Gleichnis nicht darum, den Nächsten objektiv zu definieren, sondern sich selbst dazu zu entscheiden, zum Nächsten zu werden: „Der Jude Jesus (…)  ruft uns nicht auf, danach zu fragen, wer die sind, die uns nahe sind, sondern uns selbst zu nähern, selbst zum Nächsten zu werden.“ (FT 80) Diese Interpretation entspricht auch dem griechischen Urtext und legt die Antwort auf die Frage, wer der Nächste ist, in die Verantwortung des, der Einzelnen. Dass dann die hebräische wie auch griechische Wortwurzel für den Begriff des Erbarmens (rhm: Gebärmutter, Mutterleib bzw. splanchnizo: Eingeweide) ziemlich leibliche Konnotationen des Liebens hervorrufen, sind nur weitere Belege für den biblischen Ursprung des päpstlichen Liebesverständnisses. Die Liebe äußert sich leibhaftig.   

Der göttliche Ursprung der Liebe

Liebe ist also zuerst eine leibhaftige, emotionale Erfahrung. Für Papst Franziskus ist sie in gut biblischer Tradition göttlichen Ursprungs und die Quelle der menschlichen Berufung und Fähigkeit zur Nächstenliebe.

„Menschen können bestimmte Haltungen entwickeln, die moralische Werte darstellen: Tapferkeit, Nüchternheit, Fleiß und andere Tugenden. Aber um die praktischen Ausdrucksformen der verschiedenen moralischen Tugenden richtig zu lenken, ist auch zu bedenken, inwieweit sie eine Dynamik der Offenheit und der Einheit mit anderen Menschen bewirken. Eine solche Dynamik ist die Nächstenliebe, die Gott den Menschen eingießt.“ (FT 91).

Damit sind wir im Zentrum der theologischen Phänomenologie der Liebe von Papst Franziskus. Die spirituelle, nahezu mystische Dimension der Liebe kommt in den Blick. Diese Art der Liebe drängt nach außen und zielt auf Vereinigung. Sie ist die Quelle der Nächstenliebe, die sodann auch zur konkreten Nächstenliebe wird und auf Universalisierung hin angelegt ist. Es ist die göttliche Liebe, die die begrenzte Liebesfähigkeit des Menschen durchtränken, weiten und dazu berufen und ermächtigen kann, auch die „Fernsten“ und „Fremden“ zu lieben. Die Liebe Gottes ist es, die dazu befähigt, in jedem anderen Menschen einen Bruder, eine Schwester zu erkennen. Sie befreit zu Mitgefühl mit jedem Geschöpf und sensibilisiert so für das Leiden des, der Einzelnen und der Menschheit.

Papst Franziskus denkt die Nächstenliebe also von der Einheit der Gottes- und Nächstenliebe her, wie sie Karl Rahner eindrücklich beschrieben hat. Denn dem christlichen Glaube zufolge gründet die Berufung und Fähigkeit des Menschen zur Nächstenliebe in seiner Teilhabe an der Liebe Gottes, die dieser den Menschen schenken möchte. Nur eine solche Liebe kann die begrenzte Liebesfähigkeit des Menschen weiten und das moralische Gebot zu einer universalen Nächstenliebe nicht zu einer moralischen Überforderung werden lassen. Und sie steht allen Menschen zur Verfügung, unabhängig von ihrem expliziten Glauben oder Bekenntnis. Vielleicht können deshalb auch „diejenigen, die sich für ungläubig halten, den Willen Gottes manchmal besser erfüllen als die Glaubenden.“ (FT 74).

Wurzeln des politischen Handelns

Mit der Fundierung politischen Handelns in der von Gott her ermöglichten Gabe und Fähigkeit zur Nächstenliebe legt Papst Franziskus nun tatsächlich ein anderes als das vorherrschende pragmatische und agonale Verständnis von Politik vor. Es wurzelt in (mindestens) vier Voraussetzungen:

a) in einer christlichen Anthropologie, die alle Menschen als transzendente Wesen versteht, die aufgrund der Liebe Gottes zur sozialen Freundschaft und Geschwisterlichkeit berufen, fähig und daher auch verpflichtet sind

b) in der damit verbundenen Sensibilität, dass die soziale Freundschaft und die Geschwisterlichkeit durch zahlreiche Übel der gegenwärtigen Welt bedroht und beschädigt sind, nicht zuletzt durch eine aus den Fugen geratene Ökonomie und technokratische Politik

c) in der Wahrnehmung des Leidens besonders jener Menschen, die an diesen politischen und ökonomischen Verhältnissen am meisten leiden: die Armen, die Ausgeschlossenen, die neuen Sklaven, die Opfer von Krieg und Gewalt, die Migranten – der „Ausschuss der Welt“ (FT 18-21), wie dies Papst Franziskus mit harten Worten nennt

d) im Glauben an die Liebe Gottes, der die gesamte Schöpfung heilen möchte und alle Menschen dazu befähigt, sich an diesem Prozess zu beteiligen.

Aus der Sicht des Papstes führt das Verständnis göttlicher und menschlicher Liebe notwendig in den Raum des Politischen und Ökonomischen. Das politische Engagement der Kirche ist aus dieser Sicht kein Selbstzweck und dient auch nicht dem Machterwerb. Der Papst respektiert daher auch die Autonomie der Politik (FT 276). Aber die Dynamik der Liebe führt dazu, dass der politische Raum für Gläubige einen vom Glauben zwar unterschiedenen, aber keinesfalls vom sonstigen Glaubensleben isolierten Sonderbereich darstellt. Die Politik erlöst nicht, aber sie wird mit Blick auf das Leiden von Menschen notwendig.

Der biblische Traum

Jene Christinnen und Christen also, die dem Traum des Papstes nur mit Abwehr, Ironie oder Verächtlichmachung begegnen, müssen sich fragen lassen, wie sie es mit dem Glauben an die Liebe Gottes halten, die laut biblischem Zeugnis schon hier und heute etwas verändern kann – ungeachtet der im analytischen Detail durchaus berechtigten Kritiken. Der Traum von einer Welt in Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft ist ein urbiblischer Traum: eine biblische Verheißung, die nicht nur dem Einzelnen und seiner Familie und den Freunden, sondern der ganzen Schöpfung gilt.

Selbstverständlich enthebt dieser Traum nicht der Frage, wie man ihn realpolitisch verwirklichen kann. Hier stehen noch viel Denkarbeit, Diskurs und Konflikt an. Auch in der Pastoral wird man sich hinkünftig der spirituellen Vertiefung der christlichen Ethik verstärkt widmen müssen, ist doch die Fähigkeit zu einer universalen Liebe offenkundig nicht angeboren. Sie bedarf auch der Bildung und Erziehung, wie auch die politische Ethikerin Martha Nussbaum in ihrem Buch „Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist“, zeigt. Auch Erga migrantes Christi, die Migrations-Instruktion der Katholischen Kirche, hat daher die „Notwendigkeit eines wirksameren Einsatzes zur Realisierung von Bildungs- und Pastoralsystemen im Hinblick auf eine Erziehung zu einer ՚mondialen Sicht՚“ eingefordert, „das heißt zu einer Sicht der Weltgemeinschaft, die als eine Familie von Völkern angesehen wird, der schließlich im Blick auf das universale Gemeinwohl die Güter der Erde zustehen.“ (EM 8).

Um die Realisation dieses Traums zu ringen scheint mir deshalb für die Zukunft unserer Menschheit unabdingbar. Nicht zuletzt den kommenden Generationen sind wird dies schuldig. Sie müssen die Folgen unserer politischen und ökonomischen Entscheidungen tragen. Abgeklärter Pragmatismus, realpolitischer Zynismus oder Resignation sind keine Option.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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