Sozialer Zusammenhalt in Corona-Zeiten: Erkenntnisse auf Basis der Europäischen Wertestudie 2017/18 (Patrick Rohs)

Während der Corona-Pandemie wurde immer wieder an den gesellschaftlichen Zusammenhalt appelliert, da dieser ein entscheidender Faktor für die Bewältigung der Krise sei. Innerhalb Europas gestaltet sich das Ausmaß des sozialen Zusammenhalts allerdings recht unterschiedlich, wie die Daten der jüngsten Welle der Europäischen Wertestudie aus dem Jahr 2017/18 zeigen. Patrick Rohs stellt hier einige Ergebnisse vor.

Häufige Aufforderungen zum Zusammenhalt

Das Jahr 2020 ist wesentlich durch die Ausbreitung des Coronavirus und den Kampf gegen ebendiese bestimmt. Dabei fielen sowohl das Ausmaß der Betroffenheit durch die Infektion mit dem Virus als auch die staatlich gesetzten Maßnahmen europaweit ziemlich unterschiedlich aus. Während einige Länder wie z.B. Spanien oder Italien mit hohen Sterberaten zu kämpfen hatten, kamen andere Länder zumindest bisher glimpflicher davon. Hinsichtlich der getroffenen Maßnahmen erregte insbesondere der schwedische „Sonderweg“, der weitgehend von staatlich verordneten Freiheitseinschränkungen absah, große Aufmerksamkeit.

Auffällig ist darüber hinaus der häufige Rekurs auf den sozialen Zusammenhalt. So gab es diverse Kampagnen, sowohl von Wirtschaftsunternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen als auch von behördlicher Seite, die appellierten zusammenzustehen – beispielhaft sei hier nur auf die Verwendung der Team-Metapher seitens der österreichischen Regierung verwiesen. Was aus dem Kontext des Sports bekannt ist, gilt in ähnlicher Weise auch für Gesellschaften als Ganze: Wenn alle an einem Strang ziehen, gelingt vieles, was sonst nicht möglich wäre, und es geht letztlich allen besser. Ist nun aber dieser Appell zusammenzuhalten Ausdruck eines zuvor bereits real bedrohten und geschwundenen Zusammenhalts? Oder entspringt er eher der Befürchtung, dass dies in Folge der aktuellen Krise geschehen könnte?

Zusammenhalt als komplexes Gebilde

Wissenschaftlich wird das Thema des gesellschaftlichen Zusammenhalts als soziale Kohäsion bezeichnet. So zeigt sich beispielsweise ein positiver Zusammenhang zwischen sozial kohäsiven Gesellschaften auf der einen und dem subjektiven Wohlergehen bzw. der Lebensqualität der Mitglieder dieser Gesellschaften auf der anderen Seite (vgl. Eurofound, 2018). Insofern kann also ein hohes Maß an sozialer Kohäsion eine wichtige Ressource sein, um Krisen gut bewältigen zu können. Allerdings weisen nicht alle europäischen Staaten den gleichen Stand bezüglich der sozialen Kohäsion auf – im Gegenteil: Sie unterscheiden sich teilweise recht deutlich, wie auch die Daten der Europäischen Wertestudie (EVS) 2017/2018 nahelegen.

Soziale Kohäsion ist in den vergangenen Jahren angesichts heterogener Transformationsprozesse (z.B. Globalisierung, Individualisierung, Digitalisierung und jeweils damit einhergehende ökonomische, ökologische und politische Veränderungen) ein wichtiges politisches und gesellschaftliches Thema geworden. Es lassen sich dabei wissenschaftliche und politische Zugänge unterscheiden. Im wissenschaftlichen Kontext wird soziale Kohäsion als ein vielschichtiges Konstrukt mit mehreren unterschiedlichen Dimensionen aufgefasst. Empirisch differenziert sie sich in die drei Hauptdimensionen soziale Beziehungen, Verbundenheit und Fokus auf das gemeinsame Gut (vgl. Schiefer et al., 2012).

Im Folgenden wähle ich exemplarisch für jede der drei Hauptdimensionen eine Facette aus den Daten der EVS aus und stelle entsprechende Ergebnisse im internationalen Vergleich vor. Detaillierter geschieht dies im Rahmen des Projekts „Werte – Zoom“, das von Seiten des Forschungsverbunds Interdisziplinäre Werteforschung betrieben wird. Hier finden sich auch entsprechende Grafiken und Tabellen.

Interpersonales Vertrauen vor allem im Norden hoch

Maßgeblich für den Bereich der sozialen Beziehungen ist u.a. das interpersonale Vertrauen, das europaweit sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Allgemeinen wird darunter die Erwartung verstanden, dass andere Menschen verantwortlich handeln, aufrichtig und wohlwollend sind. Als solches ist es zumindest in einem gewissen Ausmaß eine wichtige Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Gemeinwesen. In Befragungen wird häufig die Frage: „Würden Sie ganz allgemein sagen, dass man den meisten Menschen vertrauen kann, oder kann man da nicht vorsichtig genug sein?“ herangezogen, um interpersonales Vertrauen zu erheben.

Absoluter Spitzenreiter in Sachen interpersonales Vertrauen ist Dänemark, wo 74% der Befragten äußerten, man könne „den meisten Menschen vertrauen“. Ein ähnlich hohes Vertrauen bekundeten auch Befragte aus anderen nordischen Ländern, so z.B. aus Norwegen (73%), Finnland (70%), Schweden (64%), aber auch Island (63%). In Österreich befand immerhin eine knappe Mehrheit von 51%, dass man anderen Menschen eher vertrauen könne. Damit liegt Österreich hinter den Niederlanden und der Schweiz, jedoch vor Deutschland im oberen Mittelfeld bezüglich des interpersonalen Vertrauens. Es folgen dahinter die Staaten des Baltikums, Großbritannien sowie südeuropäische und mittelosteuropäische Länder. Ein auffällig niedriges Vertrauen äußerten Personen aus südosteuropäischen Ländern wie Bulgarien (18%), Serbien (17%), Kroatien (14%) oder Rumänien (13%). Das geringste Ausmaß des Vertrauens gibt es den EVS-Daten zufolge in Bosnien (10%), Georgien (9%) und Albanien (3%), d.h. hier waren mindestens 90% der Meinung, dass man „nicht vorsichtig genug“ sein könne.

Vertrauensradius: Zieh den Kreis nicht zu klein

Dies ist jedoch nur eine Seite der Medaille. In der Europäischen Wertestudie wurde nämlich zusätzlich auch abgefragt, wie hoch das Vertrauen in bestimmte Gruppen ist, angefangen von der eigenen Familie über Menschen in der Nachbarschaft bis hin zu Menschen, die einer anderen Religionsgemeinschaft angehören oder eine andere Staatsbürgerschaft besitzen. Hierbei konnte auf einer vierstufigen Skala das Ausmaß des Vertrauens (völlig, eher, kaum, gar nicht) angegeben werden. Die Analysen legen dabei nahe, dass es eine Art Vertrauensradius gibt, der in den einzelnen Ländern unterschiedlich weit reicht.

Das Vertrauen in das eigene familiäre Umfeld ist wenig überraschend nahezu überall sehr hoch – Albanien, Dänemark, Ungarn und Aserbaidschan weisen hier die höchsten, Litauen, Polen und Frankreich die niedrigsten Werte auf. Auch im übrigen Nahbereich (Nachbarn, persönliche Bekannte) werden nur geringe Unterschiede zwischen den Staaten sichtbar. Vor allem beim Vertrauen gegenüber Menschen, denen man zum ersten Mal begegnet, sowie Personen, die einer anderen Religionsgemeinschaft angehören oder eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, existieren allerdings gravierende Differenzen. Während nämlich Befragte aus nordeuropäischen Ländern sowie den Niederlanden eine deutliche Tendenz aufweisen, auch diesen Personen(gruppen) eher mit Vertrauen zu begegnen, zeigen sich die Befragten in vielen Staaten Ost- und Südosteuropas wesentlich skeptischer, insbesondere in Rumänien, Armenien, Aserbaidschan und Albanien. Die Reserviertheit gegenüber Menschen, denen man erstmals begegnet, ist über alle Länder hinweg am höchsten. Die Differenz zwischen dem Vertrauen gegenüber Personen anderer Religionszugehörigkeit und Personen anderer Staatsangehörigkeit ist mit wenigen Ausnahmen in den meisten Staaten vernachlässigbar gering. Dies deutet darauf hin, dass beides in ähnlicher Weise als Identitätsmarker für potenzielle Abgrenzungsbestrebungen (wir vs. andere) fungieren kann. Österreich nimmt auch hier jeweils eine Position im Mittelfeld ein: Einzig gegenüber Menschen, denen man das erste Mal begegnet, überwiegt die Skepsis.

Vertrauen als Ressource für soziale Kohäsion

Besonders auffällig sind hingegen die schwedischen Ergebnisse: Dort bestehen nur marginale Unterschiede im Vertrauen bezüglich Nachbarn und Personen mit anderer Religionszugehörigkeit oder Staatsangehörigkeit. Der Vertrauensradius ist im Grunde sehr weitreichend, was mit Blick auf die soziale Kohäsion als wichtige Ressource gelten kann. Möglicherweise trug dies auch dazu bei, dass der Weg, den Schweden in der Corona-Krise eingeschlagen hat und der stark auf vertrauens- und verantwortungsvollem Handeln der einzelnen Gesellschaftsglieder beruht, dort gangbar war und nur von moderaten Widerständen begleitet wurde.

Inwiefern freilich kulturelle Dimensionen sowie historische Entwicklungen, aber auch die wirtschaftliche Stärke der einzelnen Länder, das Ausmaß der Korruption, soziale Ungleichheiten oder das Ausmaß der ethnisch-kulturellen Diversität das Ausmaß des Vertrauens (mit)prägen, kann ich an dieser Stelle nicht ausführen.

Zugehörigkeit und Identifikation mit unterschiedlicher Reichweite

Eine wichtige Rolle hinsichtlich sozialer Kohäsion spielt auch die Frage nach der Verbundenheit, die das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen und geografischen Einheit und die Identifikation damit umfasst. Hierunter fällt beispielsweise das Empfinden, Mitglied einer bestimmten Gruppe zu sein und somit eine Art Wir-Gefühl zu entwickeln. Das kann sich tendenziell auch günstig auf die Zusammengehörigkeit und eine gegenseitige wohlwollende Interaktion innerhalb dieses sozialen Raumes auswirken. Teilweise können geteilte Werte, Lebensweisen und Sozialisierungskontexte damit einhergehen. Allerdings können freilich auch Abgrenzungstendenzen zu anderen sozialen und geografischen Einheiten auftreten. Das hätte zur Folge, dass es zwar eine größere Binnenkohäsion innerhalb der Gruppe gäbe, die jedoch zulasten der Kohäsion auf anderer (in der Regel übergeordneter) Ebene ginge.

Spannend mit Blick auf Verbundenheit ist vor allem die Frage, mit welcher geografischen Einheit sich die Befragten in den einzelnen Ländern besonders stark verbunden fühlen, d.h. ob sie einen eher lokalen und regionalen oder einen primär nationalen oder gar einen vorwiegend europäischen oder internationalen Fokus besitzen. Auf einer vierstufigen Skala (sehr stark; stark; nicht sehr stark; überhaupt nicht stark) konnte hier die Verbundenheit zum Wohnort, zur Wohnregion, zum eigenen Land, zu Europa sowie zur ganzen Welt angegeben werden.

Nationaler, aber auch regionaler Fokus in Österreich

Österreich zeichnet sich durch ein relativ hohes Maß an Zugehörigkeit und Identifikation sowohl mit der lokalen und regionalen als auch mit der nationalen Ebene aus. Die höchsten Werte erreicht hierbei die Verbundenheit mit dem Land Österreich, knapp vor dem Wohnort und der Region – letzterer Wert bedeutet eine Position im erweiterten Spitzenfeld. Damit fügt sich Österreich gleichzeitig in eine Reihe mit allen nordeuropäischen und den meisten west- und mitteleuropäischen Staaten ein, die allesamt das höchste Ausmaß an Verbundenheit mit der nationalen Ebene aufweisen. Demgegenüber tendieren insbesondere die meisten ost- und südosteuropäischen Länder dazu, sich am stärksten mit dem jeweiligen Wohnort verbunden zu fühlen.

Der Blick auf die jeweiligen Mittelwerte verrät, dass die Slowakei, Norwegen und Spanien ein besonders hohes Maß an lokaler und regionaler Verbundenheit aufweisen. Allerdings erreichen sie auch bei der Verbundenheit mit Europa und der ganzen Welt überdurchschnittliche Werte. Deutlich geringer fällt die lokale und regionale Zugehörigkeit hingegen in Ländern wie Frankreich, Island, den Niederlanden und Albanien sowie insbesondere auch Großbritannien aus. Das geringste Ausmaß an Verbundenheit mit Europa zeigen Weißrussland, Georgien, Albanien, Aserbaidschan und Russland. Allerdings weisen genau jene Länder zugleich auch die niedrigsten Werte bezüglich der Verbundenheit mit der ganzen Welt auf. Dass ein hohes Maß an Europa-Verbundenheit nicht unbedingt mit einer EU-Mitgliedschaft einhergeht, beweist Norwegen, das jedoch zugleich auch von allen Ländern die höchste Verbundenheit mit der ganzen Welt äußerte. Österreich befindet sich bei der Verbundenheit mit Europa im Mittelfeld, mit Blick auf die Verbundenheit mit der Welt sogar nur im unteren Mittelfeld.

Generell zeigen die Daten ein heterogenes und uneinheitliches Bild in Bezug auf die Zugehörigkeit und den Zusammenhang mit Kohäsionsindizes, die versuchen, das Ausmaß sozialer Kohäsion abzubilden (vgl. Dragolov et al., 2013). Einzig die Verbundenheit mit dem eigenen Land scheint in Staaten, die ein höheres Ausmaß an sozialer Kohäsion besitzen, höher zu sein als in weniger sozial kohäsiven Staaten. Dies bedeutet gleichzeitig auch, dass eine hohe Verbundenheit mit dem eigenen Land – verstanden als Zugehörigkeit und Identifikation hiermit – ähnlich wie schon das interpersonale Vertrauen eine wichtige Ressource des sozialen Zusammenhalts sein dürfte. Zugleich zeigen die EVS-Daten auch, dass dies nicht notwendigerweise zulasten der kleineren (Wohnort, Region), aber auch der größeren sozialen Einheiten (Europa, Welt) gehen muss.

Solidarität: Etwas für alle oder ein gestuftes Phänomen?

In Zusammenhang mit Fragen der Verbundenheit steht auch die Solidarität und ihre Reichweite. Grundsätzlich wird darunter verstanden, dass sich Personen für ihre Mitmenschen verantwortlich fühlen und sich gegenseitig unterstützen. In der EVS wurde dies mit Hilfe der Frage, wie viel jemandem an den Lebensbedingungen bestimmter Gruppen liegt, ermittelt. Zunächst wurde der Solidaritätsradius erhoben, indem die Solidarität mit verschiedenen Personengruppen, nämlich Menschen in der Nachbarschaft, Menschen in der Region, Landsleuten, Europäern sowie allen Menschen auf der Welt erfasst wurde. In einem zweiten Schritt wurde die Solidarität mit spezifischen Personengruppen im Inland (ältere Menschen, Arbeitslose, Zuwanderer, Kranke und Behinderte) abgefragt. Geantwortet werden konnte jeweils mit Hilfe einer fünfstufigen Skala von „sehr viel“ bis „überhaupt nichts“.

Die österreichischen Ergebnisse zeichnen folgendes Bild: Mit Ausnahme der Solidarität mit allen Menschen auf der Welt, wo Österreich einen Platz im oberen Mittelfeld belegt, scheint die Solidarität der Befragten in Österreich zumindest nach deren Selbstauskunft im europaweiten Vergleich stark ausgeprägt zu sein: Österreich liegt jeweils unter den Top 3 und weist zugleich bei der Solidarität mit Europäern gemeinsam mit Deutschland sogar den Höchstwert auf. Spannend ist jedoch auch die Beobachtung, dass die Befragten in Österreich angaben, dass ihnen mehr an den Lebensbedingungen von Europäern liege als an denen von Menschen auf der ganzen Welt. Dies war sonst nur in vier weiteren Ländern der Fall (Ungarn, Tschechien, Bulgarien und Aserbaidschan). Insgesamt zeigen sich bezüglich des Solidaritätsradius erneut recht unterschiedliche Muster: So weisen beispielsweise Staaten wie Armenien, Georgien und Montenegro lediglich eine hohe Solidarität im lokalen, regionalen und nationalen Bereich auf. Sie besitzen also einen engeren Radius der Solidarität. In anderen Ländern wie Serbien, Russland, Ungarn, Polen, Slowenien, Kroatien, Estland und Weißrussland, aber auch in den Niederlanden, in Frankreich sowie in Rumänien ist der Umfang der Solidarität hingegen generell nicht besonders stark ausgeprägt.

Differenzierungen der Solidarität oft auch im Inland

Für einzelne der letztgenannten Länder trifft der Befund niedrig ausgeprägter Solidarität auch bezüglich vulnerabler Gruppen im Inland zu: Dies gilt insbesondere für Ungarn, Estland und die Niederlande. Anders ist hingegen die Situation in Georgien, Albanien, Armenien und Deutschland, wo die Befragten ein besonders hohes Maß an Solidarität mit älteren Menschen, Arbeitslosen, Zuwanderern sowie Kranken und Behinderte bekundeten. In Österreich ist es etwas differenzierter: Ein recht hohes Maß an Solidarität gilt älteren sowie kranken und behinderten Menschen – hier belegt Österreich einen Platz im Spitzenfeld. Anders hingegen ist es bezüglich Arbeitslosen und Zuwanderern: Dort befindet sich Österreich im Mittelfeld und der Umfang der Solidarität reduziert sich bereits merklich. Gleichwohl befindet sich Österreich damit bei der Solidarität mit Zuwanderern noch weit entfernt von besonders zuwanderungskritischen Ländern wie Ungarn, Russland, Tschechien, Aserbaidschan und Estland.

Fazit: Unterschiedliche Voraussetzungen und Ressourcen

Anhand der exemplarisch ausgewählten Teilaspekte von sozialer Kohäsion zeigt sich, wie unterschiedlich die jeweiligen Voraussetzungen in den einzelnen europäischen Ländern sind, zum einen mit Blick auf die örtlichen Gegebenheiten, zum anderen aber auch hinsichtlich der vorhandenen Ressourcen des sozialen Zusammenhalts. Gerade in Krisenzeiten wie momentan, in denen sich zuvor gewohnte Dinge rapide verändern und Gesellschaften als ganze herausgefordert sind, zeigt sich, wie sehr einzelne Gesellschaften in der Lage sind zusammenzuhalten und vorhandene Ressourcen anzuzapfen. Es wird auch sichtbar, ob und wie es gelingt, verschiedenen zentrifugalen Tendenzen mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu widerstehen, um die Bewährungsprobe im Umfeld der Pandemie zu bestehen. Hilfreich sind dabei u.a. ein hohes Ausmaß an interpersonalem Vertrauen, eine starke Verbundenheit untereinander sowie eine überdurchschnittlich ausgeprägte Solidarität, wie sie sich u.a. in spontanen Aktionen der Nachbarschaftshilfe in der Corona-Zeit zeigte.

Daneben können die Daten der EVS auch zu identifizieren helfen, welche Aspekte des sozialen Zusammenhalts in den einzelnen Ländern wie ausgeprägt sind. Sie können Aufschluss geben, wo Verbesserungspotenziale liegen und was wo in Zukunft zur Stärkung der sozialen Kohäsion getan werden muss. Dass dies freilich auch von anderen Faktoren wie beispielsweise sozioökonomischen Rahmenbedingungen beeinflusst wird, soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Konkret für Österreich bedeutet dies, dass die vorhandenen Ressourcen zwar insgesamt gut sind, dass sich aber dennoch das Ausmaß sozialer Kohäsion mit einzelnen Maßnahmen vergrößern ließe und sich so umfangreichere Ressourcen zur Krisenbewältigung bilden könnten. Beispielhaft lässt sich hier die Steigerung sozialer Beziehungen, u.a. mit Blick auf das interpersonale Vertrauen, nennen, aber auch die Förderung der Solidarität mit bestimmten Gruppen wie z.B. Arbeitslosen und Zuwanderern sowie eine generelle Weitung des eigenen Fokus. Welcher Art solche Maßnahmen im Einzelnen sein können und von wem diese getragen werden, ob von politischer, kirchlicher, zivilgesellschaftlicher Seite oder auch durch die Initiative von Einzelpersonen, ist dabei eine weitere wichtige Frage. Diese verweist wiederum auf den politischen Zugang zu sozialer Kohäsion, ist jene doch explizites Ziel der EU und vieler einzelner Staaten.

Neueste Untersuchungen der Bertelsmann-Stiftung zum sozialen Zusammenhalt in Deutschland legen nahe, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit Blick auf die soziale Kohäsion nicht so sehr auf nationaler Ebene, beim Gesamtergebnis aller untersuchten Personen(gruppen), deutlich werden: Hier verändert sich die Wahrnehmung der Kohäsion geringfügig zum Positiven. Vielmehr zeigt erst die Detailanalyse einzelner gesellschaftlicher Teilgruppen, die deutlich stärker durch die Folgen von Corona betroffen sind und mehr Sorgen bezüglich der Zukunft äußern (u.a. jüngere Personen mit geringem Einkommen, aber auch Alleinerziehende oder Personen mit Migrationshintergrund), dass die Sorge um den Zusammenhalt nicht unbegründet ist. Gerade hier liegt die zentrale Herausforderung für die europäischen Gesellschaften, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken und eine gerechte Teilhabe aller zu ermöglichen.

Der vorliegende Text stellt eine gekürzte und leicht überarbeitete Variante zweier Beiträge im Rahmen des Projekts „Werte – Zoom“ dar, das in regelmäßigen Abständen einzelne themenbezogene Ergebnisse der Europäischen Wertestudie herausgreift und international vergleicht: https://www.werteforschung.at/projekte/werte-zoom/.

Patrick Rohs ist Dissertant am Institut für Praktische Theologie zum Thema „Wertebildung und soziale Kohäsion – Chance und Herausforderung für Theologie und Kirche“.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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