Rechtfertigt Euch! Überlegungen zu Stil, Habitus und Form im Ruf nach der Auseinandersetzung mit dem „Politischen Islam“ (Regina Polak)

Nach dem Terroranschlag in Wien am 2. November 2020 wird in Österreich und Deutschland die Auseinandersetzung mit dem „Politischen Islam“ gefordert. Damit steht auch der interreligiöse Dialog im Zentrum der Aufmerksamkeit. Regina Polak reflektiert aus theologischer Perspektive den Stil, den Habitus und die Form, in der diese Auseinandersetzung geschieht.

Ausgangslage

Nach einer Serie brutaler Terroranschläge in Paris, Nizza, Lyon und zuletzt auch Wien mehren sich in Österreich und Deutschland in der Öffentlichkeit, in Politik und in den Medien die Stimmen, die nach einem Diskurs über den „Politischen Islam“ rufen. Darunter finden sich auch kirchliche und theologische Stimmen. Diese verlangen nicht zuletzt vom christlich-islamischen Dialog, sich prioritär mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Damit steht auch der interreligiöse Dialog im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Endlich, könnte man sagen. Denn der christlich-islamische Dialog wird die christlichen Kirchen und die Theologie in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen (müssen). Auch für Kardinal Schönborn ist nach dem Terroranschlag in Wien am 2. November 2020 der Dialog mit Muslimen „der einzige Weg, ich sehe keinen anderen“.

Der Aufbau christlich-islamischer Beziehungen und die Förderung des interreligiösen Dialogs in Österreich wurde freilich bisher vor allem von Personen, Gemeinden und Gemeinschaften, Religionspädagoginnen und -pädagogen in der Schule getragen.  Gemeinsam mit der Kirchenleitung sind vor allem sie es, die sich im Alltag um jene wechselseitigen Vertrauensbeziehungen bemühen, derer das eingeforderte Gespräch um konfliktive Themen bedarf, um fruchtbar zu sein. Zumeist von Frauen gepflegt, wurde die Fülle der dialogischen Initiativen von jenen politischen und theologischen Eliten weitgehend ignoriert, die jetzt nach einer härteren Gangart im Dialog rufen.

Auch die internationalen interreligiösen Aktivitäten auf der Ebene kirchlicher und islamischer Führungspersonen wurden im öffentlichen Diskurs und pastoral hierzulande bisher wenig rezipiert, jüngst die 2019 veröffentlichte „Gemeinsame Erklärung zur Geschwisterlichkeit aller Menschen“ von Papst Franziskus und dem Kairoer Großimam Ahmad Al-Tayyeb in Abu Dhabi. Desgleichen wird medial und politisch kaum thematisiert, dass internationale Organisationen wie die UNO oder die OSCE (Porto 2002, Maastricht 2003, Sofia 2004, Ljubljana 2005, Helsinki 2008, Kyiv 2013, Basel 2014) den sogenannten „interfaith dialogue“ schon die längste Zeit und auch in anderen europäischen Ländern als wesentliches Instrument der Stärkung sozialen und (welt)politischen Friedens sowie im Kampf gegen Terrorismus fördern.

Aber jetzt melden sich in Österreich und Deutschland Politiker, Sozialwissenschaftler und Theologen zu Wort: Die islamistische Ideologie dürfe nicht unterschätzt werden (z.B. Nina Scholz);  „die Gefahr von politischer Religion im Allgemeinen und von politischem Islam im Besonderen müsse klar benannt werden“ (so Ulrich Körtner und Jan-Heiner Tück).

Wünsche, Forderungen und – vereinzelt – Fragen

Dem soll hier nicht widersprochen werden. Tatsächlich stellt z.B. der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück eine wichtige Frage: „Die wichtigste ist, wie der Islam selbst vom Koran und von anderen normativen Quellen her solche Terrorakte im Namen Allahs theologisch unzweideutig verurteilen kann.“

Zum überwiegenden Teil folgen dann allerdings in seiner und ähnlichen Stellungnahmen Wünsche, Forderungen und Vorwürfe, nicht zuletzt an den bisherigen christlich-islamischen Dialog. Islamische Autoritäten sollen – so Tück – noch einmal klarstellen, dass die Tötung Unschuldiger ein Verbrechen, Suizid im Koran her verboten und Mord im Namen Gottes kein Gottesdienst, sondern Blasphemie ist. Den Kirchen und der Zivilgesellschaft werden „Schweigen“ und „Stammeln“ sowie „Realitätsverweigerung“ vorgeworfen. Wortmeldungen von christlicher Seite werden kritisiert, „die schon den Begriff des politischen Islams für denunziatorisch halten“. Sie werden beschuldigt, sich dadurch mit den reaktionären und fundamentalistischen Kräften innerhalb des Islams zu solidarisieren. Dem interreligiösen Dialog wird „Hilflosigkeit“ attestiert. Eingefordert wird „Diskurs“, als wäre dies ein Gegensatz zum Dialog.

Auch wenn manche Autoren, wie z.B. Jan-Heiner Tück und Ulrich Körtner, ihre Stellungnahmen im Verlauf der Debatte dann deutlich erkennbar differenziert haben und nun einen „redlichen Diskurs, der von wechselseitigem Vertrauen wie von wechselseitiger Bereitschaft zur Selbstkritik getragen ist“ verlangen, sind Botschaft und Stil eindeutig. Den Muslimen und jenen, die im interreligiösen Dialog engagiert sind, wird via Medien ausgerichtet: Es muss endlich Tacheles geredet werden! Gesucht wird nicht der Dialog mit den aktuellen Akteuren, sondern gefordert werden ein neues Themensetting, ein schärferes Vorgehen sowie Rechtfertigung von muslimischer Seite. Ob gewollt oder nicht: Unterstützt wird so eine deutlich um sich greifende „Politik der Härte“, die durchgreifen soll.

Nun sind die Fragen, Anliegen und Forderungen berechtigt und notwendig. Angesichts eines „politischen Extremismus, der unter Berufung auf den Islam auf die teilweise oder vollständige Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ abzielt, besteht unbezweifelbar Handlungsbedarf.

(So definiert der deutsche Verfassungsschutz den „Islamismus“ bzw. den „Politischen Islam“; in Österreich hat man sich nach anfänglichem in der Schwebe Halten der Definition des „Politischen Islam“ zur Beschreibung als „religiös motiviertem politischen Extremismus“ durchgerungen. Über die Problematik des Begriffes haben sich Rüdiger Lohlker, Paul Zulehner, Franz Winter, Gudrun Harrer und andere geäußert, sie steht hier nicht im Fokus der Aufmerksamkeit. Ich übernehme für hier die eben beschriebenen Definitionen.)

Die Forderung nach religionsinterner Selbstkritik im Islam ist ebenso nachvollziehbar. Die damit verbundenen Fragen nach der inneren Disposition und Affinität theologischer Überzeugungen zu Gewalt sind ja z.B. auch der katholischen Kirche und Theologie nicht fremd. Fragen, denen zu stellen sich auch diese erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bereit war – im Angesicht der Shoa, zweier Weltkriege und einer selbstkritischen Reflexion der eigenen Geschichte, nicht zuletzt des christlichen Antijudaismus. Noch der „Syllabus Errorum“ von Papst Pius IX. (1864) verdammt die Religionsfreiheit. Mühsam und mit vielen Widerständen bekennen sich kirchliche Stellungnahmen und der Mainstream der Theologie heute zur Anerkennung religiös Anderer, der Religionsfreiheit und der Ächtung von Gewalt.

Die Sicht der im interreligiösen Dialog Engagierten

Gleichwohl muss zu der aktuellen Debatte in Österreich und Deutschland auch die Sicht jener Theologinnen und Theologen, Praktikerinnen und Praktiker, die im interreligiösen Dialog engagiert sind, zur Sprache kommen. Eine solche praktisch-theologische Perspektive möchte ich im Folgenden einbringen.

Zum einen wäre da der bemerkenswerte Umstand zu erwähnen, dass es jene Stellungnahmen, die eingefordert werden, nicht nur schon seit längerem, sondern auch in der aktuellen Situation selbstverständlich gibt.

Zu erwähnen ist z.B. die ausgezeichnete Dokumentation kirchlicher und außerkirchlicher Stellungsnahmen zu den Attentaten und zu ihren Auswirkungen auf den islamisch-christlichen Dialog auf der Internet-Seite der Christlich-Islamischen Dokumentationsstelle e.V. der Deutschen Bischofskonferenz. Deutsche und österreichische Bischöfe haben sich unmissverständlich geäußert. Stellungnahmen gibt es auch von der IGGÖ und islamischen Theologinnen und Theologen. In Österreich erhielten am 5. November 2020 alle islamischen Religionslehrerinnen und -lehrer einen Leitfaden „Islamischer Religionsunterricht nach dem Terroranschlag in Wien“. In den Kompetenzbeschreibungen des offiziellen Lehrplans für den Islamischen Religionsunterricht in Österreich ist bereits seit Jahren festgehalten: „SchülerInnen verinnerlichen den höchsten Stellenwert menschlichen Lebens als schützenswertes Ziel der Religion (maqased asch-scharia). Niemand darf sich willkürlich zum Herrn über Leben und Tod erheben. SchülerInnen begreifen und können in eigene Worte fassen, dass es ein Verbrechen und zudem gotteslästerlich ist, einen Menschen zu ermorden und dabei auch noch „Allahu akbar“ zu rufen.“

Auch der Forderung nach einer theologischen Distanzierung wurde auf höchster Ebene bereits entsprochen. Papst Franziskus und der Kairoer Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb schreiben:

„Deshalb bitten wir alle aufzuhören, die Religionen zu instrumentalisieren, um Hass, Gewalt, Extremismus und blinden Fanatismus zu entfachen. Wir bitten, es zu unterlassen, den Namen Gottes zu benutzen, um Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung zu rechtfertigen. Wir bitten darum aufgrund unseres gemeinsamen Glaubens an Gott, der die Menschen nicht erschaffen hat, damit sie getötet werden oder sich gegenseitig bekämpfen, und auch nicht, damit sie in ihrem Leben und in ihrer Existenz gequält und gedemütigt zu werden. Denn Gott, der Allmächtige, hat es nicht nötig, von jemandem verteidigt zu werden; und er will auch nicht, dass sein Name benutzt wird, um die Menschen zu terrorisieren.“

Zu fragen wäre, wieso diese Sachverhalte und Stellungnahmen im medialen und politischen Diskurs vergleichsweise weniger Aufmerksamkeit erfahren als jene Rufe, die nach einer Politik der Härte und einem neuen Kurs im christlich-islamischen Dialog verlangen. Ein Grund mag am erkennbar sanfteren Stil, am weniger fordernden Habitus und an dialogischeren Formen liegen. All dies dürfte den Kritikern zu weich und zu freundlich sein.

Erstaunlich ist zum anderen, wie wenig informiert auch hochrangige Theologen über den aktuellen interdisziplinären Forschungsstand zum interreligiösen Dialog (insbes. im anglophonen Raum) sein dürften. Wenig informiert sind sie offenbar auch über die alltäglich gelebte Praxis des christlich-islamischen Dialogs und der darin verhandelten Themen. Die Texte lassen dies zumindest nicht erkennen.

Dass in den aktuellen Debatten überdies keinerlei positive Worte über den Islam oder Muslime zu hören und zu lesen sind, sei als weitere Beobachtung verwundert festgestellt.

Stil, Habitus und Form als theologische Dimensionen

Aus einer praktisch-theologischen Perspektive sind Stil, Habitus und Form keine Nebensache. Sie sind nicht nur eine Frage moralischen Anstands oder der Höflichkeit. Auch ist die irritierte Reaktion auf Forderungen und Imperative nicht auf psychologische Befindlichkeiten zu reduzieren, oder damit zu begründen, dass sich Muslime damit zu „Opfern“ stilisieren. Abgesehen von im Alltag realen Diskriminierungserfahrungen und verbalen wie tätlichen Übergriffen, die Muslime im Anschluss an Terrorattacke regelmäßig erleben, sind es in einem Rechtsstaat die Opfer, die das erste Wort haben müssen – was nicht bedeutet, dass sie das einzige oder letzte haben müssen. 

Stil, Habitus und Form haben eine philosophische und theologische Relevanz.

Philosophisch können die hier diskutierten Stellungnahmen als „Sprechakte“ in spezifischen Sprechsituationen betrachtet werden. Diese haben eine performative Dimension, d.h. sie sind auch Handlungen, die auf die gesellschaftliche Debatte wie auch auf die Praxis des interreligiösen Dialogs Auswirkungen haben und bereits existierende soziale, gesellschaftliche, politische Kontexte beeinflussen, verstärken oder schwächen können. Die Debatte um den „Politischen Islam“ im interreligiösen und gesellschaftlichen Dialog findet nicht in einem luftleeren, inhaltlich-abstrakten Raum statt, die – von keiner Praxis beschmutzt – akademisch abgehandelt werden. Die Debatte ist untrennbar eingewoben in Praxiskontexte, politische wie interreligiöse.    

Aus christlicher Sicht geht es dabei um die theologische Würdigung des bereits im Alltag seit Jahren geübten und gelebten Dialogs. Dabei machen Christinnen und Muslime in Gemeinden, in der Schule, im Alltag seit längerem die Erfahrung, dass sie sich für ihren Dialog rechtfertigen müssen. Sie sehen sich mit Vorwürfen des „Kuscheldialogs“ konfrontiert. Man wirft ihnen Naivität und Blauäugigkeit vor und kritisiert, dass wesentlichen Fragen ausgewichen werde. Gesellschaftlich findet dies in Österreich in einer Atmosphäre statt, die empirisch belegt von einer seit spätestens 2015 in der Bevölkerung wachsenden und durch den politischen Diskurs befeuerten pauschalen Ablehnung des Islam geprägt ist. Wenn bereits 2019 79% der Österreicherinnen und Österreicher der Ansicht waren, dass islamische Gemeinschaften beobachtet werden sollen, 70% der Ansicht sind, der Islam passe nicht in die westliche Welt und 45% verlangen, dass Muslime nicht die gleichen Rechte haben sollen wie alle in Österreich, kann man sich ausmalen, welche Wirkungen sowohl der Terroranschlag als auch ein Diskurs harter Forderungen im Alltag der Muslime haben.

Diese Fakten in Nebensätzen als „Opfermentalität“ zu desavouieren, ist mit Blick auf die Wirkungen verantwortungsethisch fahrlässig und unverantwortlich. Die Sorge um eine Verschärfung des antiislamischen Rassismus angesichts des Terrors ist nicht „vorschnell“, sondern hat reale Gründe. Wer in der Nacht vom 2. zum 3. November in den sozialen Medien die hasserfüllten Postings gelesen hat, die z.B. die Deportation aller Muslime aus Österreich fordern, weiß, wovon die Rede ist. Und auch jetzt sind Muslime in Österreich im Alltag unentwegt mit der Forderung nach Distanzierung konfrontiert. Der Modus des „Rechtfertigt Euch“ verschärft Spaltungen, befördert pauschale Stigmatisierungen, und holt latenten Rassismus an die Oberfläche. Im interreligiösen Dialog jahrelang aufgebaute Vertrauensverhältnisse sind bedroht.

Wenn dann politisch gemahnt wird, in diesen Ereignissen keinen Konflikt zwischen Christen und Muslimen zu sehen, ist dies  ehrenwert. Nachhaltig und wirksam wird eine solche Mahnung aber nur dann sein, wenn sich die Auseinandersetzung mit dem „Politischen Islam“ entsprechend differenzierter Sprache und Maßnahmen bedient. (Zu diesem Begriff: Paul Zulehner).

Dass man jene politischen und theologischen Akteure, die im Modus von Forderungen und ähnlichem das „Gespräch“ suchen, in der Regel bei gewachsenen und mühsam aufgebauten Dialogveranstaltungen selten bis nie sieht, sei hier nur als Beobachtung vermerkt. Warum sucht man nicht selbst das Gespräch? Warum stellt man keine Fragen, was die Debatte dieser Thematik so schwierig macht? Warum interessiert man sich nicht für den konkret gelebten Alltag christlich-muslimischen Zusammenlebens? Warum liest man und hört man dazu kaum etwas in den öffentlichen Debatten?

Dialog aus katholischer Sicht

Für die katholische Kirche und die Theologie ist der interreligiöse Dialog ein Wesensausdruck der Kirche selbst. Sie „macht“ nicht Dialog oder greift auf eine Methode zurück. Vielmehr versteht sie sich seit Paul VI. (Ecclesia suam 1964) und nach dem Verständnis des Zweiten Vatikanums selbst als Dialog. Sie existiert überhaupt nur im Vollzug solchen Dialogs. Dialog ist dabei nicht einfach nur eine nette Plauderstunde, sondern ein gemeinsames Ringen darum, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen (vgl. z.B. „Dialog und Verkündigung“ 1991). Diskurs und auch Konflikte sind unverzichtbare Teile solchen Dialogs.

Überdies unterscheidet das kirchliche Lehramt in seinem Dokument „Dialog und Verkündigung“ zwischen vier Formen des Dialogs: Neben dem „Dialog des theologischen Austausches“, „in dem Spezialisten ihr Verständnis ihres jeweiligen religiösen Erbes vertiefen und die gegenseitigen Werte zu schätzen lernen“, kennt das Dokument auch den „Dialog des Handelns“, „in dem Christen und Nichtchristen für eine umfassende Entwicklung und Befreiung der Menschen zusammenarbeiten“. Weiters spricht es von einem „Dialog der religiösen Erfahrung, in dem Menschen, die in ihrer eigenen religiösen Tradition verwurzelt sind, ihren spirituellen Reichtum teilen, z. B. was Gebet und Betrachtung, Glaube und Suche nach Gott oder dem Absoluten angeht“ und von einem „Dialog des Lebens, in dem Menschen in einer offenen und nachbarschaftlichen Atmosphäre zusammenleben wollen, indem sie Freud und Leid, ihre menschlichen Probleme und Beschwernisse miteinander teilen.“ (DuV 42)

Diese vier Formen stehen nicht in einem hierarchischen Verhältnis zueinander, sondern gehören untrennbar zusammen. Sie bilden ein komplexes Netz von wechselseitigen Abhängigkeiten und befruchten einander. Alle diese vier Formen erfahren in DuV eine theologische Würdigung. Sie haben theologischen Wert und gelten als Orte theologischer Erkenntnis. Gemeinsam bilden diese vier Ebenen einen in der Lebenswelt zu realisierenden Vollzug des Glaubens.

Der Dialog des Lebens hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Er ist der Ort, an dem Glaube und Religion konkret werden und ihren Sinn erweisen. Dies alles benötigt Zeit und Geduld. In diesem Dialog wird theologisches Wissen „geerdet“ und hier bewähren und bewahrheiten sich die Überzeugungen des Glaubens – oder eben nicht. Der explizit theologische Dialog steht daher im Dienst des Dialogs des Lebens. Er erschließt und vertieft dessen Sinn, bereichert ihn mit Tradition und korrigiert ihn gegebenenfalls. Das alles kann er nur, wenn er wesentlich im Dialog des Lebens verankert ist und bereit ist, daraus auch theologische Anregungen zu beziehen und zu lernen. Eine kontrollierende Bewertung und Beurteilung, gleichsam als „höchste Stufe“ des Dialogs, steht nicht in seinem Aufgabenprofil. 

Freilich wird hier ein Idealbild beschrieben. Denn in der Realität des interreligiösen Dialogs im deutschsprachigen Raum sieht das anders aus – im Unterschied zu anderen Kontinenten, wo man sich der Zusammengehörigkeit dieser Ebenen durchaus bewusst ist. Während das kirchliche Dokument keine Wertung der vier Ebenen vornimmt, neigen systematische Theologen im deutschen Raum dazu, den Dialog der Experten als höchsten einzustufen und die anderen Ebenen auszublenden.

In den aktuellen Forderungen kommt diese Schieflage klar zum Ausdruck. Wem genau gelten die Vorwürfe? An wen richten sich die Fragen und Wünsche? Worin genau besteht der spezifische Beitrag eines theologischen Diskurses zum „Politischen Islam“? Warum soll man nur mit reformorientierten islamischen Kräften Dialog führen und nicht gerade ganz bewusst den Dialog mit Konservativen führen, was ja zweifellos die größere Herausforderung ist? Sollen diese ausgegrenzt werden – interessanterweise von jenen, die sich auf christlicher Seite selbst als konservativ verstehen? 

Signale einer grundsätzlichen Anerkennung des im Dialog bisher Erreichten sucht man in diesen Stellungnahmen vergebens. Was die Praxis längst erreicht hat, zählt theologisch und politisch nicht. Was Religionspädagoginnen und Religionspädagogen, Pfarrer und Pastoralassistentinnen gemeinsam erarbeitet haben, wird theologisch nicht wahr- oder ernstgenommen. Es kommt nicht von den richtigen Leuten.

Geschlechter- und Alterskonflikte?

Kann dieses Phänomen mit einem empirischen Sachverhalt zusammenhängen, den die Europäische Wertestudie 2017/2018 für Österreich dokumentiert? Die Studie zeigt zwei zentrale soziodemographisch begründete Konfliktlinien im Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft bzw.  zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen: Geschlecht und Alter.

Das bedeutet: Frauen sind in Österreich hinsichtlich im Alltag gelebter religiöser Praxis aktiver. Sie sind diesbez. auch sehr different. Junge Frauen distanzieren sich zum einen zunehmend stärker von Religionsgemeinschaften. Jene die selbst religiös sind, sind eher städtisch und religiös plural. Sie leben ihren Glauben entschiedener und ambitionierter als die vergleichbaren jüngeren Männer, die zunehmend häufiger religionsdistanziert bis atheistisch sind. Ältere Männer finden sich hingegen in der Gruppe jener Österreicher, die wir als hochreligiös und kulturreligiös bezeichnet haben. Diesen Personen legen viel Wert auf eine individuelle wie auch kollektive christliche Identität als kulturellem Marker. Auf der Ebene der Religionsführer und Theologen stehen diesem religiösen „Volk“ mehrheitlich Männer gegenüber, die die theologischen Expertendiskurse führen.

Im gelebten interreligiösen Dialog spiegelt sich dies wider: In der Praxis zahlreicher Dialog-Projekte zwischen Christen und Muslimen dominieren in der Regel Frauen, nicht zuletzt von islamischer Seite jüngere Frauen. Und auch hier wird der explizit theologische Dialog auf beiden Seiten von älteren Männern dominiert. Dieser wird sodann auch medial und politisch vornehmlich rezipiert. Die zahlreichen positiven Ergebnisse des Dialogs auf der Ebene des Alltags bleiben unsichtbar, wohl auch deshalb, weil man in den Niederungen des Alltags weiß, dass Dialog Zeit und Aufwand benötigt, die dann für Eigenwerbung fehlen.

Ein Schelm, wer hier an einen Geschlechter- oder gar Machtkonflikt denkt zwischen jenen, die einen gemeinsamen Alltag aufbauen, und jenen, die diesen dann nicht wahrnehmen, aber im Konfliktfall losstarten, um ihn zu beurteilen und zu bewerten. Ist es verwunderlich, wenn der christlich-muslimische Dialog dann als „hilflos“ bezeichnet wird, und offensichtlich starke Männer heran müssen, um die Dinge in Ordnung zu bringen?

Konsequenzen

Welche Wirkungen kann also – trotz sinnvoller Anliegen – ein Tonfall der frag-losen Forderungen und ähnlicher Äußerungen haben? Wie werden diese wohl ankommen und aufgenommen? Welche Folgen hat es überdies, wenn die an sich theologisch korrekten und notwendigen Fragen mit Freude vor allem von jenen rezipiert werden, die den Islam für sämtliche Integrationsprobleme verantwortlich machen, mit denen wir in Österreich konfrontiert sind? Welche Folgen hat es, wenn solche Theologie, erfreut über ihre mediale Rezeption, die theologischen Hintergründe des „Politischen Islam“ hochspielt und die sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren, die ebenso zu Radikalisierung und Extremismus im Namen des Islam führen, kleinredet – wie auch der dominante öffentliche Diskurs? Cui bono, möchte man fragen?   

Natürlich spielen der Islam und seine fundamentalistische Auslegung im islamistischen Extremismus eine eigenständige Rolle. Der Islamismus ist nicht nur Widerspiegelung sozial ungerechter Verhältnisse oder der europäischen Kolonialgeschichte. Auch die Kriegspolitik der USA im Anschluss an 9/11 und die diktatorische Politik islamisch dominierter Staaten ist in die Pflicht zu nehmen.

Aber sozioökonomische Verhältnisse, die Verweigerung gesellschaftlicher und politischer Partizipation, kulturelle Verachtung und eben auch die Kolonialgeschichte spielen eine Rolle. Diese Faktoren sind aber einer Mehrheit der v.a. bürgerlichen Mitte kaum bekannt und wollen von vielen „Besorgten“ auch gar nicht so genau mitbedacht werden.

Auch islamische Theologinnen und Theologen müssen Religionskritik nach innen praktizieren. Allein: Auch dies geschieht längst, wenngleich – wie auch in der christlichen Tradition – auf der Basis der eigenen Tradition. So können sich Christinnen und Christen in ihrer Religionskritik dann mit ihrer Kritik vor allem auf „die Kirche“ konzentrieren und sich im individuellen Glaubensleben weitgehend unschuldig fühlen. Muslimen steht aufgrund einer anderen Organisationsstruktur eine solche Institution, von der sie sich distanzieren können, nicht zur Verfügung: Die Kritik am Islam ist stets Kritik an der Umma und an jedem selbst. Wer sich mit Kritik distanziert, ist schnell exkludiert.

Wer möchte, dass die wichtige Frage des „Politischen Islam“ diskutiert wird und Lösungen zu seiner Bekämpfung gefunden werden, wird also um einen Dialog, der sich auf die Niederungen des Alltags einlässt, nicht umhinkommen. Wer Dialog ernst nimmt, kommt auch nicht umhin, die jeweils andere Seite von dieser selbst her kennen- und verstehen lernen zu wollen.  Theologinnen und Theologen sollten die Ebene des interreligiösen Alltags überdies in ihrer theologischen Dignität würdigen.

Ansonsten reduziert sich der Dialog auf beiden Seiten auf einen Kampf im Modus des Autoritarismus. Dieser setzt auf – zweifellos schnelleres und effizienteres – Durchgreifen und Durchsetzen, beschädigt aber Vertrauen, Beziehungen und die soziale Kohäsion. Neben dem „Kampf gegen“ bedarf es also auch des Kampfes „um“ und „für“. Dazu muss – öffentlich wahrnehmbar – auch all das sichtbar gemacht und gefördert werden, was das Zusammenleben mit Muslimen stärkt und fördert.

Die permanente Forderung „Rechtfertigt Euch!“ ist ein Klima, in dem man mit Muslimen zwar diskutieren, aber nicht leben und auch wenig erreichen kann. Mit Verhärtungen auf allen Seiten, mit der Zuspitzung von Konflikten und weiterer Gewalt ist zu rechnen. Christlich-islamische Dialogprojekte werden nachhaltig irritiert und beschädigt. Auch deshalb müssen wir als Theologinnen und Theologen über unsere Rolle im gesellschaftlichen und politischen Raum nachdenken und sorgfältig überprüfen, in welchem Stil, in welchem Habitus und in welcher Form wir uns einbringen. Praxis und Theorie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. All dies sind theologisch relevante Fragen.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

2 Kommentare zu „Rechtfertigt Euch! Überlegungen zu Stil, Habitus und Form im Ruf nach der Auseinandersetzung mit dem „Politischen Islam“ (Regina Polak)

  1. Leider weiss ich nicht mehr genau wo, aber mir ist der Begriff „Politischer Islam“ in einem Artikel von Mouhanad Khorchide unlängst zum ersten Mal vor Augen gekommen. Er meinte- wenn ich das richtig verstanden habe- dass er selbst und andere kritische islamische Wissenschaftler Polizeischutz benötigten, (da von radikalen Djhaidsten angegriffen), auch, weil die westlichen Wissenschaftler und Politiker oder auch Kirchen, lieber sich mit den offiziellen Gruppierungen des Islam unterhielten und vereinbarten und gegenüber kritischen Islamwissenschaftlern sich reserviert zeigten um nicht den guten Kontakt zu den sog. „gemässigten“ Muslimen zu riskieren. Er vermisst Solidarität sowohl von uns als auch von muslimischen communities. In diesem Zusammenhang warnte er vor einem „politischen Islam“ – einem unreflektierten GLaubensgemeinschafts- beschränkten Islam, der aber über die div. Dialogschienen politischen Einfluss gewinnt! (ob ich das richtig verstanden habe weiss ich halt nicht genau.) Daher meine Bitte: Es wäre wichtig, Mouhanad Khorchide selbst zu bitten, noch mal für alle jetzt Debattierenden den Begriff „politischer Islam “ und seine Warnung davor klarzustellen! Mir scheint, der ursprünliche Sinn des Begriffs ist inzwischen in den Debatten verloren gegangen! Auch hier ist Besonnenheit gefragt! Danke!

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  2. Wie sehr der Rechtfertigungsdruck, der ständig Muslimen gegenüber erhoben wird, und der Stil und Habitus der Auseinandersetzung um den sogenannten „Politischen Islam“ islamische Religionslehrer*innen, die seit Jahren intensiv für den gesellschaftlichen Frieden arbeiten, konnte ich bei zwei Fortbildungen für muslimische Religionslehrer*innen in der Woche nach dem Terroranschlag in Wien hautnah erleben. Obwohl die Untauglichkeit des Begriffs „Politischer Islam“ von einschlägigen Expert*innen, die Regina Polak in ihrem Bericht erwähnt, wiederholt aufgezeigt wurde, halten speziell der österreichische Bundeskanzler und der Innenminister an diesem Begriff, auch im Hinblick auf eine gesetzliche Regelung, fest. Mir ist klar, dass „Politische Theologie“ oder das politische Engagement der Befreiungstheologie im Christentum nicht unmittelbar mit dem vergleichbar sind, was manche unter „Politischem Islam“ verstehen. Dennoch muss klar sein, dass politisches Engagement vom Selbstverständnis keiner Religion, zumindest von keiner der drei abrahamitischen Geschwisterreligionen, zu trennen ist. Dass das Konkret-Werden des politischen Engagements sich nicht im philosophisch-theologischen Diskurs erschöpfen kann, sondern, wie man im Marxismusvorwurf gegenüber der Befreiungstheologie sehen kann, sich die Hände für die Menschenwürde und die Befreiung von Menschen „schmutzig machen muss“, kann man am Marxismusverdacht gegenüber der Befreiungstheologie sehen. Ich danke Regina Polak sehr herzlich für die klare Stellungnahme, der ich mich anschließe.

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