Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Eine Relektüre der Lessing-Preisrede Hannah Arendts (1959) (David Novakovits)

In Verschiedenheit zusammenleben: Diese Aufgabe freier und demokratischer Gesellschaften ist gerade in Krisenzeiten eine große Herausforderung. Auch während der Corona-Pandemie und zuletzt nach dem Terroranschlag am 2. November 2020 in Wien zeigt sich in der Polarisierung öffentlicher Diskurse, wie fragil und bedroht dieses Zusammenleben ist. David Novakovits denkt, ausgehend von Gedanken der Philosophin Hannah Arendt, in seinem Essay über die alles andere als banale Bedeutung des miteinander Sprechens nach.

Ein öffentlicher Nachruf als Antwortschreiben auf terroristische Gewalt

Die Schwester einer getöteten Frau veröffentlichte wenige Tage nach dem terroristischen Attentat in Wien einen Nachruf. In dem Nachruf werden biografische Splitter über die Verstorbene eingefügt: Sie wird als Mensch beschrieben, der mitunter „sehr engagiert im Schutz von Frauen vor Gewalt“ war und – etwa als Betriebsrätin oder Mediatorin – sich dafür eingesetzt hat, dass Menschen nicht „verletzt, gekränkt oder herabgewürdigt“ werden.

Die Veröffentlichung dieses Nachrufes verändert den Charakter dieses Schreibens in entscheidender Weise: Der Nachruf auf die verstorbene Schwester ist nicht einfach mehr eine private Nachricht, die etwa an einige wenige Bekannte der Verstorbenen ergeht. Stattdessen versteht die Verfasserin ihre Worte als Beitrag zum öffentlichen Gespräch über den terroristischen Anschlag.

Die Verfasserin des Schreibens denkt darüber nach, wie ihre verstorbene Schwester die Ereignisse vom 2. November wohl auffassen würde, wenn sie noch lebte: „Wäre sie nicht dort gewesen, würden wir nun möglicherweise zu zweit zusammensitzen und uns darüber austauschen, was da passiert ist, im ersten Bezirk, gleich neben ihrem Büro. Ich denke darüber nach, was wohl ihre Meinung gewesen wäre.“

Aus dem weiteren Text hebt sich eine Passage markant in den Vordergrund:

„Hätte meine Schwester die Macht gehabt, sich auszusuchen, wie sie in dieser Situation handeln könnte, hätte sie sich gewünscht, diesem jungen Menschen sicher vor Kugeln gegenübertreten zu können. Sie hätte ihn sicher ziemlich forsch angesprochen und gesagt: ‚Hör sofort auf mit dem Scheiß, das ist doch Blödsinn. Leg die Waffen weg und setz dich her zu mir. Erzähl mir, was dich so wütend macht.‘ Und ich weiß, sie hätte so lange mit ihm geredet, diskutiert und gestritten, bis er gesehen hätte, es gibt viele Wege für ihn und nicht nur diesen einen. Aber niemals hätte sie gesagt ‚Schleich di, Oaschloch‘.“

Diese Passage hinterlässt einen Eindruck bei mir – sie ist von der menschlichen Hoffnung getragen, dass der Ausspruch, dass „reden hilft“, mehr sein kann als eine Banalität; sie ist von der Hoffnung getragen, dass in einem gemeinsamen (gesellschaftlichen) Gespräch nach Wegen des Zusammenlebens jenseits von Gewalt gesucht werden kann. Das ist nicht pathetisch gemeint, sondern als eine nüchterne Feststellung gedacht.

Die genannte Passage, in welcher in unserer Gegenwart eine Erzählaufforderung einer Verstorbenen („Erzähl mir…“) an einen weiteren Toten ergeht, beeindruckt mich; und ich möchte nachfolgend versuchen, die dabei entstandene Resonanz selbst, so gut es geht, zu Wort zu bringen.

„Die Welt bleibt unmenschlich, wenn sie nicht von Menschen besprochen wird“ (H. Arendt)

In einem Seminar lesen wir gerade eine Rede der jüdischen Philosophin Hannah Arendt. Sie spricht in dieser Rede, die sie 1959 zur Verleihung des renommierten Lessing-Preises gehalten hat, von der „Menschlichkeit in finsteren Zeiten“.

In diesem Text denkt sie über die Frage nach, welche Bedeutung freies Denken und Sprechen für eine demokratische Gesellschaft haben – nur wenige Jahre nach dem Ende einer Naziherrschaft, welche gerade diese Freiheit des Denkens und Sprechens so sehr eingeschränkt hat.

Arendt spricht diesem gemeinsamen Denken und Sprechen einen enormen Wert zu; die Welt ist in der Perspektive der jüdischen Philosophin nicht einfach vorhanden, sondern – sie wird in den fragilen Banden, welche das Gespräch zwischen den Bürger*innen einer Demokratie knüpft, erst konstituiert.

Welt liegt daher also „zwischen den Menschen“, und wo öffentlich weniger miteinander gesprochen wird, tritt für Arendt „ein beinahe nachweisbarer Weltverlust ein; was verlorengeht, ist der spezifische und meist unersetzliche Zwischenraum, der sich gerade zwischen diesem Menschen und seinen Mitmenschen gebildet hätte.“ (42)

Deswegen spricht Arendt auch von der Bühne der Welt, wo unser „Wer“-Sein sich nur und erst in Austausch mit den anderen ereignet. Es verwundert daher nicht, dass Arendt ihre Rede mit einem Nachdenken über die Freundschaft abschließt.

Für sie ist Freundschaft dabei nicht nur ein „Phänomen der Intimität“ (76), sondern kann auch politische Bedeutung erlangen; denn unsere Innerlichkeit verwirklicht sich bei Arendt als ein Draußen-Sein, ein Sein-mit-den-Anderen.

Dieser Hinweis mag zunächst etwas irritieren, assoziieren wir vermutlich mit Freundschaft das Gespräch unter vier Augen, das auch abseits des Öffentlichen stattfindet. Die Freundschaft hat für Arendt jedoch deswegen eine fundamental politische Dimension, weil sie ganz unterschiedliche Menschen verbinden kann. Freundschaften ermöglichen, dass das, was Einzelne bewegt, zum Gegenstand des Gespräches werden zu lassen – und damit Welt zwischen den Menschen entstehen zu lassen.

„Wie sehr wir von den Dingen der Welt betroffen sein mögen, wie tief sie uns anregen und erregen mögen, menschlich werden sie für uns erst, wenn wir sie mit unseresgleichen besprechen können.“ (77)

Die Welt bleibt für Arendt „in einem ganz präzisen Sinne unmenschlich […], wenn sie nicht dauernd von Menschen besprochen wird.“ (76) Die Freundschaft ist von der Notwendigkeit begleitet, sich für den anderen, für die gemeinsame Welt, verständlich zu machen. Die Menschlichkeit der Welt hängt für Arendt von dieser Praxis ab.

Religiöse Wahrheiten und die Frage nach ihrer Menschlichkeit

Gerade auch Religionen sind zu dieser Notwendigkeit des Gespräches aufgefordert. Arendt paraphrasierend können wir sagen, dass Religion erst dann menschlich wird, wenn sie zum Gegenstand des gemeinsamen Gespräches wird; wenn versucht wird, dass, was einen ‚unbedingt angeht‘, auch für den anderen zu über-setzen und nachvollziehbar zu machen.

„Was nicht Gegenstand des Gesprächs werden kann, mag erhaben oder furchtbar oder unheimlich sein, es mag auch eine Menschenstimme finden, durch die es in die Welt hineintönt; menschlich gerade ist es nicht. Erst indem wir darüber sprechen, vermenschlichen wir das, was in der Welt, wie das, was in unserem eigenen Innern vorgeht, und in diesem Sprechen lernen wir, menschlich zu sein.“ (77)

Gerade auch für eine Religiöse Bildung scheinen hier zwei Aufgaben bzw. Anknüpfungspunkte enthalten zu sein:

1) Zum einen kann Religion niemals nur eine private Sache sein – sie kann zwar individuell sein, muss aber (gerade um ihrer Menschlichkeit willen) besprochen werden. In einer pluralen und mitunter unsicher gewordenen Welt ist es zu wenig, wenn Religionen als spirituelle Inseln angesehen werden, auf die man sich zurückziehen kann (konstituiert wäre hier ein Rückzugsraum anstelle des Welt-eröffnenden Zwischenraumes).

2) Zum anderen verweist diese Passage darauf, dass (religiöse) Überzeugungen und Wahrheiten gefährlich werden können, wo sie nicht besprochen werden.

Deshalb hat der Begriff der Toleranz für den von vielen Religionen und Kulturen bevölkerten Boden der Postmoderne stets einen bitteren Beigeschmack; Arendt würde es vermutlich nicht zuerst um die Toleranz des Anderen gegenüber gehen, wenn damit zunächst bloß das ungestörte Nebeneinander-leben gemeint ist. Eine gemeinsame und geteilte Welt kann nur entstehen, wo Menschen dazu fähig werden, dass sie ihre Wahrheiten – das, woran sie glauben –in ein „freundschaftliches“ Gespräch mit den vielen Anderen einzubringen.

Jede Wahrheit lässt sich nämlich darauf hin befragen, ob sie menschlich ist oder nicht; und jede noch so überzeugende Wahrheit, die bloß in sich feststeht, wird sich fragen müssen, ob sie in ihrer Un-Mitteilbarkeit eine Gefährdung für das Zusammenleben darstellt, d.h. ob sie es „überhaupt wert gewesen ist, ihr auch nur eine einzige Freundschaft zwischen zwei Menschen zu opfern“. (85)

Freundschaft ermöglicht ‚unendliche Möglichkeiten‘ des Denkens und Sprechens

Wir dürfen nicht vergessen, dass Arendts Rede gleichsam einen antwortenden Nachhall auf die totalitären Gesellschaften darstellt, in welcher gerade das Sprechen und Denken darüber, was einem ‚Wahrheit dünkt‘ (Lessing), zutiefst problematisch geworden ist.

Lessing – auf den sich Arendt in ihrer Rede bezieht – hat in der Ringparabel eine Vision des (religiösen) Zusammenlebens entworfen, in welcher die eigene Wahrheit stets auf dem Spiel steht und auf dieses Gespräch mit den Anderen angewiesen ist. Das Zusammenleben ist auf diese Gespräche angewiesen, in welchem auch zusammen nach Bedeutungen gesucht werden kann:

„Er [Lessing, Anm.] war froh, daß – in seinem Gleichnis gesprochen – der echte Ring, wenn es ihn je gegeben haben sollte, verlorengegangen ist, und zwar um der unendlichen Möglichkeiten der Meinungen willen, in denen die Welt zwischen den Menschen besprochen werden kann. Gäbe es den echten Ring, so wäre es um das Gespräch und damit um die Freundschaft und damit um die Menschlichkeit schon getan.“ (79)

Das Zusammenleben in Verschiedenheit muss die Frage der Wahrheit daher immer mit der Frage der Menschlichkeit bzw. des Sprechens und des Handelns verbinden. Die Freundschaft stellt für Arendt eine derjenigen Brücken dar, die dies zu schaffen vermögen; sie ermöglicht es, dass Verschiedene miteinander leben können, ohne dass diese Verschiedenheit unmenschlich wird. Wo stattdessen nur von und mit „Brüdern“ und „Schwestern“ gesprochen wird, geht es nur um Beziehungen zu den Ähnlichen und Gleichen; Freundschaft ist das Wagnis, diese Beziehungen mit denen einzugehen, die anders denken und sprechen als man selbst.

Ich möchte diesen Beitrag mit dem letzten Absatz aus Arendts Rede abschließen, der so verfasst ist, ‚als zöge sie aus allen ihren Ausführungen der Weisheit letzter Schluss‘:

„Jede Wahrheit außerhalb dieses Raumes, ob sie nun den Menschen ein Heil oder ein Unheil bringen mag, ist unmenschlich im wörtlichsten Sinne, aber nicht, weil sie die Menschen gegeneinander aufbringen würde und voneinander entfernen, sondern eher umgekehrt, weil sie zur Folge haben könnte, daß alle Menschen sich plötzlich auf eine einzige Meinung einigten, so daß aus vielen einer würde, womit die Welt, die sich immer nur zwischen den Menschen in ihrer Vielfalt bilden kann, von der Erde verschwände. Darum ist, was das Verhältnis von Wahrheit und Menschlichkeit angeht, das Tiefste in einem Satz von Lessing gesagt, in dem es auch ist, als zöge er aus allen seinen eigenen Werken der Weisheit letzter Schluß. Der Satz lautet: ‚Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!‘“ (87-88)

Eine religionspädagogische Notiz: Der Text Hannah Arendts kann eine spannende und herausfordernde Lektüre für Schüler*innen im Religionsunterricht der Oberstufe darstellen.

Für allgemeine An- und Rückfragen bzw. didaktische Hilfestellungen zur Textlektüre stehe ich gerne zur Verfügung.

Sämtliche Zitate entstammen den nachfolgend genannten Texten:

  • Hannah Arendt, Gedanken zu Lessing. Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten, in: Hannah Arendt, Freundschaft in finsteren Zeiten, Berlin 2018, 39-88.

Mag. David Novakovits, BA MA, ist Prae-doc Assistent am Institut für Praktische Theologie (Fachbereich Religionspädagogik) und promoviert zum Thema: „Das Wagnis des Scheiterns in jugendlichen Lebenswelten. Theoretische und praktische religionspädagogische Untersuchungen eines modernen Phänomens“.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

Ein Kommentar zu “Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. Eine Relektüre der Lessing-Preisrede Hannah Arendts (1959) (David Novakovits)

  1. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag, der die Aktualität Arendts Denken in unserer heutigen Unmenschlichkeit hervorhebt, und es in die Theologie erblühen läßt.

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