„Generation Corona“? – Wie junge Menschen die gegenwärtige Situation erleben (Bettina Brandstetter, Patrick Rohs)

In der vergangenen Woche debattierte der Nationalrat im Rahmen einer Aktuellen Stunde die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche. Dabei war auch die Rede von einer „Generation Corona“. Doch wie sehen Jugendliche die Situation selbst? Bettina Brandstetter und Patrick Rohs lassen in ihrem Beitrag die Perspektive der Jugendlichen zu Wort kommen.

Zukunft im Modus der Hoffnung

Junge Menschen spüren die Folgen der Corona-Pandemie in besonderer Weise. Nicht nur, weil vieles, was das Jungsein ausmacht, wie beispielsweise Feiern oder Reisen, kaum möglich ist, sondern weil sie sich im „Warteraum der Zukunft“ erfahren, wie dies Selina Thaler im Frühjahr in einem Standard-Beitrag formulierte. Ähnliches zeigte sich auch in unserer Befragung: Zukunft ist für Jugendliche zurzeit nur im Modus der Hoffnung präsent – als Hoffnung auf Normalität, als Hoffnung, die schon errungene Freiheit und Selbständigkeit wiederzuerlangen, als Hoffnung auf lichtvolle Momente nach einer dunklen Zeit.

Neun Maturantinnen aus einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik im Bundesland Salzburg haben uns in einem formlosen Dokument über ihre Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Freuden im zweiten Lockdown erzählt. Sie haben den Eindruck, dass oft „an die Sicht der Jugendlichen nicht gedacht [wird], weil wir die Situation nicht ernst nehmen“ würden. Das Gegenteil sei der Fall, so eine Maturantin: „Wir haben Fragen, werden misstrauisch und wollen mehr wissen, um verstehen zu können.“ Die befragten Jugendlichen fühlen sich im medialen Diskurs unterrepräsentiert und möchten sich zu Wort melden: „Diese geschriebenen Zeilen stärken mich! Es gibt mir das Gefühl, gehört zu werden und auch unserer Stimme einen Sinn zu geben – auch unser/mein Wort ist wichtig und wir haben viel zu sagen.“ Werfen wir zunächst einen Blick auf die Erfahrungen des Verlustes in der Zeit des Lockdowns.

„Als einschränkend empfinden wir die Ausgangssperre, weil man seine Freunde nicht persönlich sehen kann und die Art der Interaktion eingeschränkt ist.“

Erfahrungen des Verlustes

Wenig überraschend sticht bei allen Befragten der Verlust des unmittelbaren Kontaktes mit Freundinnen und Freunden hervor. Zwar pflegen viele den virtuellen oder telefonischen Austausch, vermissen aber die gemeinsamen Aktivitäten in diversen Vereinen, das Ausgehen oder den Alltag in der Klassengemeinschaft. Eine Schülerin äußert die Sorge, ihre Jugend nicht leben zu können und dadurch viel zu verpassen. Ja ich bin jung, aber genau das möchte ich auch erleben. Es geht mir gar nicht so sehr darum, auf Partys zu gehen, aber mein letztes Schuljahr hätte ich sehr gerne mit meinen Schulkolleginnen und mittlerweile guten Freundinnen gemeinsam verbracht.“

Die Nähe und regelmäßige Treffen mit Freundinnen und Freunden werden als existenziell für die psychische Gesundheit erfahren. Ich brauche die Nähe und den regelmäßigen Kontakt zu meinen Freunden. Ich merke, dass ich ohne diesen Kontakt viel gereizter und unausgeglichener werde. Ich kann meine Anliegen nicht ablassen, die mich belasten, denn ich sage meinen Eltern auch nicht alles.“ Hier sei es mitunter notwendig, zwischen vernünftigen, gesundheitlichen und psychischen Anliegen abzuwägen und sich hin und wieder eine Auszeit mit einer Freundin zu gönnen, damit einem nicht alles über den Kopf hinausschieße. Mit Blick auf die psychologische Selbstbestimmungstheorie (self-determination theory) zeigt sich hier, dass die Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenzerleben und insbesondere nach sozialer Eingebundenheit durch den reduzierten Sozialkontakt massiv beeinträchtigt sind, wie auch eine von der Universität Wien durchgeführte Studie zu Lernen unter Covid im schulischen und universitären Kontext nachweisen konnte. Dies stellt für Jugendliche eine große Herausforderung dar, mit der sie je nach verfügbaren Ressourcen – sowohl psychisch als auch sozial und materiell – unterschiedlich gut umgehen können. Unter entwicklungspsychologischer Perspektive stellt der fehlende Kontakt in einer solchen sensiblen Lebensphase des Übergangs von Schule zu Studium oder Beruf zudem einen bedeutsamen Risikofaktor dar, da sich vieles, was sonst im Austausch mit Peers abspielen würde, nicht oder nur in deutlichem geringerem Umfang klären kann.

Zukunftsängste und Unsicherheiten

Beinahe allen jungen Frauen machen Zukunftsängste und Unsicherheiten zu schaffen. Das Ende der Pandemie ist noch nicht absehbar, es herrscht Unmut über Menschen, die sich unsolidarisch und unverantwortlich verhalten. Erschwerend wird der Beginn des Winters mit seiner Dunkelheit erfahren. Die ohnehin anstrengende und deprimierende Jahreszeit erhält mit Corona zusätzlich an Schwere. Ohne Sozialleben könne man zudem für Freunde und Familie nicht da sein, wie man es gerne wolle. „Derzeit lebe ich für die Schule und meine Ausbildung, um in der Zukunft eventuell Veränderung/Verbesserung zu erwarten.“

Obwohl fast alle die Familie als wichtige und wertvolle Ressource in dieser Zeit nennen, kann die Zeit zu Hause auch als belastend erfahren werden. Nicht selten treten Konflikte auf, weil man sich in den begrenzten Räumen nicht ausweichen kann. Die Schülerinnen fühlen sich teilweise in ihren vier Wänden eingesperrt und sich um ihre schon errungene Selbständigkeit beraubt. Sie können ihren Jobs neben der Schule nicht nachgehen und erfahren dadurch einen Verlust an Unabhängigkeit, aber auch an Lebenssinn. Den Jugendlichen wird die Zeit genommen, etwas zu erleben, zu verändern, sich gesellschaftsgestaltend einzubringen. Das Warten auf eine unbestimmte Zukunft, gerade im Maturajahr, verunsichert.

Die Konfrontation mit dem Vorurteil, dass die „Corona-Matura“ geschenkt wäre, verärgert. Es steht nicht nur dem persönlichen Erleben angesichts der ungewohnten Situation und der Umstellung von Präsenz- auf Onlineunterricht entgegen, sondern auch Prognosen, die auf verschiedenen Ebenen (studienvorbereitendes Wissen, berufliche Startschwierigkeiten, ökonomische Aussichten) Einbußen erwarten lassen. 

Auf das Distance-Learning haben sich die Schülerinnen weitgehend eingestellt. Es fehlt aber der spontane Austausch mit Peers, also mit der „Klassengemeinschaft als Lernunterstützung“ (vgl. Schober et al., 2020) sowie die auf das Lernen bezogene Strukturierung des Alltags: „Es [gibt] so keine klare Grenze zwischen Schule und Freizeit, was die individuelle Stressbewältigung erschwert.“ Dazu kommen umfangreiche Arbeitsaufträge seitens der Schule, die mitunter aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten schwer zu bewältigen sind. Das lange Sitzen vor dem Computer ist anstrengend. Andererseits sind es gerade diese schulischen Aufgaben, die das Gefühl vermitteln, selbstwirksam zu sein. „Ich stärke mich selbst, indem ich jeden Tag meine Aufgaben für die Schule erledige und ohne schlechten Gewissen ins Bett gehe.“

Chance zur Selbstfindung

Einige Schülerinnen achten in dieser Zeit besonders auf ihre körperliche und psychische Gesundheit. Sie bewegen sich viel in der Natur, genießen den Luxus, frisches Essen zu haben, ausreichend zu schlafen und sich Zeit für sich selbst nehmen zu können. Viele entdecken alte Hobbys, sie beschäftigen sich kreativ (Nähen, Zeichnen, Malen), musikalisch (Singen, Gitarre spielen), sportlich (Workouts, Laufen oder Berg gehen) oder probieren neue Aktivitäten (Meditation und Yoga) aus. Durch die Zeit Zuhause hat man, glaube ich, auch die Chance, sich selbst besser kennenzulernen.“

Never lose hope

Groß ist die Vorfreude „auf alles, was davor als ‚normal‘ erschien“, auf „eine Zeit, wo Corona nicht mehr das Thema Nr. 1 in Medien oder Gesprächen mit anderen sein wird, sondern sich endlich wieder andere positivere Themen etablieren.“  Viele Maturantinnen freuen sich auf Reisen, auf Freiheit, auf ein Auslandsjahr oder die Arbeit mit Kindern. Eine Jugendliche hofft, dass sie ihren „18. Geburtstag irgendwann nachfeiern kann und wieder Feste, Ausrückungen, Festivals und Partys stattfinden.“ Das Motto lautet:‚Never lose hope‘ – ‚Verliere nie die Hoffnung‘“ und es sind die kleinen Hoffnungen, welche die dunkle Zeit erträglich machen: die Hoffnung auf einen unbeschwerten Umgang miteinander, darauf, seine Liebsten ohne schlechtes Gewissen umarmen zu können, sich „mal wieder ohne Bedenken was gönnen“ zu können und auf „Weihnachten mit der Familie“.

Wir bedanken uns bei den Schülerinnen für die persönlichen Schilderungen ihrer Situation.


Autor*innen:
Dr.in Bettina Brandstetter ist Universitätsassistentin (post doc) am Institut für Praktische Theologie im Fachbereich Religionspädagogik und Katechetik.

Mag. Patrick Rohs BSc ist Universitätsassistent (prae doc) am Institut für Praktische Theologie im Fachbereich Pastoraltheologie.


Bild: by Michael Bußmann from Pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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