Das Lob der Vorbereitung. Oder: Warum Weihnachten den Advent braucht (Johann Pock)

Das ganze Leben besteht aus viel mehr Vorbereitungen denn aus Highlights. Und doch bedingen sie sich gegenseitig. Doch während die Höhepunkte große (mediale) Aufmerksamkeit bekommen, werden die Vorbereitungen selten wahrgenommen und wertgeschätzt. Johann Pock bringt vor diesem Hintergrund ein Lob der Vorbereitung – im Blick auf Advent und Weihnachten und darüber hinaus.

Das Jahr 2020 hat fast alle bisherigen Traditionen über den Haufen geworfen. In vielen Bereichen war das Leben durchgeplant und getaktet. Manche Ereignisse hatten mehrjährige Vorlaufzeiten (wie die Fußball-WM oder Olympia) mit genauen Zeitabläufen. Und dann kommt ein kleines Virus – und plötzlich ist alles anders. Die meisten Planungen wurden (oft mehrfach) durchkreuzt.

So unerwartet Ereignisse auch sein mögen – der Umgang mit ihnen hängt ebenfalls davon ab, wie wir grundsätzlich darauf vorbereitet sind.

Ein Lerneffekt ist die Erkenntnis, dass wir uns offensichtlich doch nicht auf alles so genau vorbereiten können, wie wir möchten. Es gibt das Unerwartbare, das so manche Planung durchkreuzt. Das können im Leben schöne und schlimme Erfahrungen sein: eine Liebe, die das bisherige Leben plötzlich über den Haufen wirft – und neue Bahnen lenkt; ein Kind, das ins Leben einer Familie tritt; aber auch eine plötzliche Krankheit, ein Unfall oder Todesfälle, die von heute auf morgen eine neue Zeitrechnung aufmachen: „Danach wurde alles anders!“ – Wir kennen das vielleicht im Rückblick, indem sich einzelnen Daten unauslöschlich ins private, familiäre oder auch kollektive Gedächtnis eingebrannt haben: die Mondlandung am 20.7.1969; 9/11 in New York, der 11. September 2001; der Tsunami am Stefanitag, 26.12.2004 – oder auch das Coronajahr 2020, das ich persönlich mit dem 10. März mein Leben lang verbinden werde, der Ankündigung des ersten Lockdowns in Österreich und der Hinfälligkeit unzähliger Vorbereitungen.

So unerwartet solche Ereignisse auch sein mögen – der Umgang mit ihnen hängt ebenfalls davon ab, wie wir grundsätzlich darauf vorbereitet sind. Denn letztlich besteht das ganze Leben hauptsächlich aus einem ständigen Sich-Vorbereiten. Und das ist gut so. In den medialen Blick kommen jedoch meist nur die großen Momente. Der traditionelle Jahresrückblick zeigt die „Highlights“ des Jahres. In der Familie oder im persönlichen Leben sind dies vielleicht Feste oder „einmalige Ereignisse“. Doch dass es überhaupt solche Ereignisse werden können liegt nicht primär in der Leistung in diesem Moment – sondern in der Vorbereitung derselben. Daher soll im Folgenden gewissermaßen ein „Lob der Vorbereitung“ entfaltet werden.

Dazu möchte ich zunächst an drei exemplarischen Erfahrungen ansetzen – die biographisch ausgewählt sind, um in einem zweiten Schritt einige Aspekte der Vorbereitung auszufalten.

Der Jakobsweg

Ein inzwischen verstorbener, etwas schrulliger, aber zutiefst liebenswürdiger Priester und Religionslehrer in Graz, Gottfried Heinzel, hatte zeitlebens die Passion, Berge zu besteigen und zu wandern. Fast 300 Mal war er (häufig mit seinen Schulklassen in der Osterzeit) in Mariazell (4 Tage Fußmarsch von Graz). Das erste Jahr in seiner Pension widmete er einer peniblen Vorbereitung seines großen Traums: Allein von Graz nach Santiago de Compostella zu Fuß zu wandern. Und er hat es geschafft – in drei Monaten ging er 3000 km zu Fuß. Die Leistung lag dabei nicht nur in diesen drei Monaten – sondern in der lebenslangen und zuletzt sehr genauen und intensiven Vorbereitung. Diese Vorbereitung ermöglichte es ihm, auch unerwartete Situationen am Weg zu meistern.

Eine Prüfung

Eine Prüfung an der Universität – zum Beispiel meine Homiletikvorlesung (Predigtlehre) in diesem Semester. Es gibt dazu unterschiedlichste Unterlagen und Materialien. Es gibt Kontakteinheiten, Besprechungsmöglichkeiten, Diskussionen zu einzelnen Themen über ein ganzes Semester. Und dann gibt es eine mündliche Prüfung, die 15 Minuten dauert – und mit einer (zumeist positiven) Note abgeschlossen wird. Hier gibt es nun Studierende, die sich punktgenau auf diese Prüfung vorbereiten, nur mit dem Skript; die manches schnell und auswendig lernen – und die Prüfung häufig auch ganz gut schaffen. Dann gibt es jene, die sich mit der Materie schwer tun. Die um Begriffe ringen; die alles genau machen möchten und die auch die Prüfung mit Bauchweh machen. Und schließlich jene Gruppe von Studierenden, die Freude haben am Thema. Die auch zusätzlich zum Pflichtstoff noch etwas dazu lesen. Die sich mit den Fragen und nicht nur mit den Antworten beschäftigen – und die dabei auch selber Fragen entwickeln. Mit diesen Studierenden lernt auch der Prüfende noch bei der Prüfung etwas dazu – das sind die Highlights im Leben von Lehrenden. Das Ergebnis, nämlich eine gute Prüfungsnote, mag bei allen gleich sein – ich vermute aber, dass die unterschiedliche Vorbereitung auch eine ganz andere Wirkung auf die Studierenden hatte – und auch die Nachhaltigkeit sehr unterschiedlich sein wird.

Weihnachten

Weihnachten ist kirchlich ein Fest, das mit dem Vorabend, dem Heiligen Abend, beginnt. Das Fest der Geburt Christi dauert dann eigentlich nur einen Tag – die Weihnachtszeit als Festzeit doch ein wenig länger (bis Taufe des Herrn; oder in alter Tradition bis 2. Februar, Darstellung des Herrn bzw. „Mariä Lichtmess“). Damit es zu einem Fest wird, gibt es unterschiedliche Vorbereitungen: Kirchlich ist es die Adventszeit mit den vier Adventsonntagen, mit dem Zeichen des zunehmenden Lichts am Adventkranz, mit speziellen Adventsgottesdiensten (Rorate). In den Familien sieht die Vorbereitungszeit sehr unterschiedlich aus – mit dem Suchen und Besorgen von Geschenken; mit dem Planen der Familienfeste (die sehr häufig auf langen Traditionen aufbauen); mit dem Schmücken und Dekorieren; mit Weihnachtsfeiern und dem Backen von Keksen, mit dem Besuch von Freunden und Verwandten. Das Weihnachtsfest selbst ist dann im Verhältnis recht kurz, emotional hoch aufgeladen – und hat es schwer, alle Erwartungen aller Beteiligten zu erfüllen.

Die Emotionen in Vorbereitungen sind oft intensiv und mehr als nur vorläufig.

Was allen diesen Erfahrungen gemeinsam ist: Feste und große Ereignisse leben zu einem guten Teil von der Vorbereitung – und oft ist die lange Vorbereitungszeit mit intensiven Emotionen verbunden, die mehr sind, als nur vor-läufig.

Die Tugend der Vor-Freude

Feste leben von der Vorfreude. Die Vorfreude ist oft eine so intensive Freude, dass sie von der Realität schwer zu erfüllen ist. Im „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry wird diese Vorfreude benannt:

„Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen“, sagte der Fuchs. „Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, umso glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll … Es muss feste Bräuche geben.“

Vorfreude ist ein wesentlicher Aspekt der Vorbereitung. Sie braucht einen Zielpunkt, auf den hin sie sich entfaltet. Sie lebt von der Planung, den kleinen Schritten auf ein Ziel hin. Das Besorgen von Geschenken und die Vorstellung, damit jemandem Freude zu bereiten, ist selbst ein Quell von großer Freude. Und umgekehrt merken wohl auch die Beschenkten, wie viel an Freude des Schenkenden im Präsent steckt. Der Moment lebt somit von der Vorbereitung – wie auch die Vorbereitung selbst vom kommenden Ereignis geprägt ist.

Vorbereiten als christliche Haltung

Zentrale biblische Texte für die Haltung des Vorbereitens werden zumeist zwischen Allerheiligen und Weihnachten gelesen. Dabei kommen zwei Ereignisse in den Blick: das weihnachtliche Geburtsfest Jesu – und der Tod in Form des endzeitlichen, eschatologischen Zugehens auf das Sterben bzw. die Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. In Mt 24f ist die Vorbereitung auf das Kommen des Menschensohns thematisiert: „Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (Mt 24,44) Oder auch das Gleichnis von den sogenannten „klugen und törichten Jungfrauen“ in Mt 25, wo jene, die bereit waren (und sich mit Ersatzöl versorgt hatten), mit dem Bräutigam gehen konnten.

Vorbereitung gibt es auch auf Seiten Gottes

In Joh 14,3 ist es Jesus, der Vorbereitungen trifft: „Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ Die Zeit zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft, die sogenannte „Parusie“, also die Erwartung, dass der Herr „einst wiederkommt“, wird hier zur Zeit, in der Jesus selbst einer ist, der für uns den Platz bereitet.

Die vielen Aufforderung, wachsam zu sein; aber auch die ganze Tradition von Gemeindeversammlung, Lektüre der Schriften und Auslegung derselben ist nichts anderes als eine ständige Vorbereitung auf das Leben, aber auch auf das Sterben.

Allzeit bereit

Und schließlich gibt es noch die Haltung, dass man sich so vorbereiten soll, dass man „allzeit bereit“ ist. Dies ist die Haltung von 1 Petr 3,15: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Sich vorzubereiten also, um auskunftsfähig zu sein.

Eine Version des Pfadfindergrußes hat dieses „Allzeit bereit“ aufgegriffen: bereit, für andere da zu sein; bereit, sich in Dienst nehmen zu lassen.

Bereit sein kann nur jemand, der vorbereitet ist für das Unwägbare und Unplanbare.

Die Zustimmungsformel bei der Priesterweihe, das lateinische „Adsum“, wird entweder mit „Hier bin ich“ oder mit „Ich bin bereit“ übersetzt. Bereit sein kann aber nur jemand, der vorbereitet ist – und zwar nicht nur für diesen Moment, sondern für das, was an Unwägbarkeiten und Unplanbarem damit verbunden sein wird.

Dasselbe gilt wohl auch für das „Ja-Wort“: Der Moment der Trauung, der viel Vorbereitung braucht – und zugleich die Bereitschaft signalisiert, miteinander am gemeinsamen Leben weiterzuarbeiten.

Vorbereitung auf Leben und Sterben: ars moriendi – ars vivendi

Die Wertschätzung der Vorbereitung hat eine lange Tradition. Im Mittelalter wurde sehr viel Wert gelegt auf die Kunst der Vorbereitung auf das Sterben und den guten Tod. Angesichts der vielen Bedrohungen des Lebens durch unheilbare Krankheiten, durch Widrigkeiten der Natur oder der Menschen lebte man viel unmittelbarer mit der Möglichkeit, jederzeit sterben zu können. Man fürchtete, dass man ohne eine rechte Vorbereitung der Seele nicht in den Himmel kommen könnte. Das Seelenheil (salus animarum), das als „höchstes Gesetz“ sogar den Kodex des kirchlichen Rechts abschließt, ist somit einerseits etwas, das Geschenk ist (da das Heil ja nicht „machbar“ ist). Andererseits verlangt es gleichzeitig ein ständiges Bereiten von Leib und Seele – da es auch keinen Automatismus des Heils gibt.

Die christlichen Kirchen haben einen großen Erfahrungs- und Ritualschatz anzubieten für Vorbereitungen auf Leben und Sterben.

Die neue ars vivendi liegt zumeist nicht in den Händen der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Wie in den letzten Jahren diverse Fitnesszentren und Angebote für das leibliche Wohl entstanden sind, entwickelten sich auch spirituelle Zentren mit Angeboten für ein ganzheitliches Heilsein. Sie sind ein Zeichen für die Bedeutung der Vorbereitung auf allen Ebenen des Lebens – und für die Wechselwirkung zwischen den vielen Stunden im Verborgenen und den wenigen Momenten im Lampenlicht. Die christlichen Kirchen haben hier einen großen Erfahrungs- und Ritualschatz anzubieten, nicht nur im Advent.

Das Lob der Vorbereitung

Daher möchte ich hier das „Lob der Vorbereitung“ singen: Ich denke dabei an die Vorbereitung von Kindern auf das Leben – und die unzähligen, öffentlich nicht wahrgenommenen und häufig nicht geschätzten Mühen von Eltern und Erziehungsberechtigten. Ich denke an alle, die in Lehrberufen stehen – und die ihr Leben in den Dienst der Vorbereitung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen stellen. Ich denke an alle, die ehrenamtlich in Pfarren und Vereinen mitwirken: Das eine große Fest, die eine große Aktion, lebt von den ungezählten Stunden von Vorbereitungen und Proben im Hintergrund. Ich denke an Menschen in begleitenden Berufen – die ihren Dienst in die Vorbereitung anderer auf den Wiedereinstieg in die Gesellschaft stellen, oder (wie beim Hospiz) in die Vorbereitung auf ein gutes Abschiednehmen.

Das Wort „Vorbereitung“ weist auf die Vorläufigkeit des Tuns hin. Zugleich besteht unser Leben zu einem guten Teil aus diesem Vorläufigen. Ohne Advent kein Weihnachten, ohne Fastenzeit kein Ostern – und ohne Vorbereitung keine Höhepunkte. Daher hätte sich das Feld der Vorbereitung eine größere Wertschätzung verdient.

————

Autor: Johann Pock ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Wien

Beitragsbild: Johann Pock, privat

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: