Das Lachen – ein Rühmen Gottes (Regina Polak)

Zum Lachen ist in der gegenwärtigen Corona-Krise wohl nur wenigen zumute. Die gesellschaftliche Atmosphäre ist geprägt von Angst, Verzweiflung und unzähligen, nicht zuletzt gesellschaftlichen und politischen Konflikten. Eine besorgniserregende Situation. In einer solchen Stimmung daran zu denken, dass in wenigen Tagen Faschingssamstag ist, scheint mehr als unpassend. Darf man mitten in einer Krise, wenn es so vielen Menschen schlecht geht, lachen? Regina Polak ist überzeugt, dass man zumindest die Sehnsucht nach dem Lachen nicht vergessen sollte, denn das Lachen ist ein „Rühmen Gottes“. So sah es zumindest Karl Rahner in seinen Überlegungen „Vom Lachen und Weinen des Christen: Betrachtung für Fastnacht und Aschermittwoch“. Dieser meditative und spirituell anspruchsvolle Text wird hier vorgestellt.

PS: Wer nach dem Lesen dieses Beitrags mehr über Humor und Lachen in den Religionen hören möchte, beachte den multimedialen Programmschwerpunkt der ORF-Abteilung Religion und Ethik im Fasching.

Welches Lachen?

Menschen können auf viele verschiedene Weise lachen – und nicht jedes Lachen ist in den Augen des katholischen Theologen Karl Rahner ein Rühmen Gottes. Wenn man also diese kühn anmutende Aussage Rahners angemessen verstehen will, ist zuerst zu fragen: Welches Lachen denn? Rahner beschreibt es eindeutig: Er meint das „schallende Lachen“, das „wirkliche“ Lachen, „bei dem der Mensch zweifellos ein wenig kindlich und kindisch ist“, „das Lachen, das nicht sehr tiefsinnig ist“. Rahner bezieht sich auf jenes Lachen, das „gravitätische und auf ihre Würde erpichte Leute sich und andern indigniert übel nehmen“. Klar grenzt er es auch ab von der gnadenhaften himmlischen Freude, die vom Heiligen Geist geschenkt ist, sowie von jener Freude, von der die „՚Geistesmänner‘ mild und sanft zu reden pflegen und die leicht ein wenig fad und säuerlich wirkt wie die Euphorie eines harmlosen, ausgeglichenen, aber vital kümmerlichen Menschen.“

Abgrenzen muss man das schallende Lachen, das Rahner meint, wohl auch von anderen Formen des Lachens, zu denen der Mensch fähig ist: das spöttische, hämische oder gar höhnische Lachen über andere Menschen; das zynische Lachen, das sich über menschliche emotionale Regungen, über jegliche Moral und Wahrheit erhaben wähnt. Auch das abwehrende Lachen, das sich Schwachheit und Schmerz vom Leibe hält, um nicht in Tränen auszubrechen, oder das abgehärtete und abhärtende Lachen, das die Verletzbarkeit, Zartheit und Sanftheit des Menschen negiert – all dies ist nicht gemeint.

Das schallende Lachen hat eine andere, nahezu spirituelle Qualität. Denn es kommt aus dem Herzen. Es ist geschenkt und entspringt der Teilhabe des Menschen an der Liebe Gottes. Es ist ein Rühmen Gottes.

Wie begründet Karl Rahner dies?

…. Weil das Lachen den Menschen Mensch sein lässt     

Wer lacht, bekennt, dass er ein Mensch ist – und kein Gott. Wer lacht, zeigt ganz ohne Worte, dass er ein Geschöpf ist, das „seine Zeiten hat, von denen die eine nicht die andere ist“. Menschen wandeln sich, verändern sich, sie kennen Zeiten des Trauerns und Zeiten des Lachens. Dies anzuerkennen, bedeutet für Rahner, die eigene Kreatürlichkeit zu bejahen und zuzustimmen, dass der Mensch auf dieser Erde keine bleibende Stätte hat, auch nicht „im inneren Leben seines Herzens und Geistes“. Die menschliche Seele unterliegt Stimmungen und kennt ihre Hoch- und Tiefphasen. Wie sehr das Lachen daher ein Ausdruck dafür ist, dass man diese Endlichkeit und Veränderbarkeit des eigenen Lachens annimmt, versteht man vielleicht besser, wenn man sich das Gegenbild des lachenden Menschen ansieht, das Rahner skizziert: den Stoiker, der die Ataraxie (Unerschütterlichkeit) und Apathie (Abwesenheit von Emotionen) anstrebt und versucht, allen Höhen und Tiefen des Lebens in über den Dingen stehender Gleichmut zu begegnen. Mag eine solche Haltung ab und zu durchaus sinnvoll erscheinen – für Rahner ist ein solcher Stoizismus als Lebensprogramm unmenschlich. Denn ein Mensch würde solcherart versuchen, sich der Lebendigkeit des Lebens zu entziehen und Kontrolle über das Leben anstreben. Geistiger Stolz ist der Begleiter einer solchen Haltung, die sich nicht eingestehen will, ein bloßer Mensch zu sein. Das schallende Lachen, das man nicht kontrollieren kann, weil es einen überkommt, gesteht demgegenüber ein, dass man nicht immer alles im Griff hat, auch sich selbst nicht, und zeigt so allein durch seine Existenz, dass der Mensch ein Mensch ist. So gesehen, ist das Lachen ein Geschenk Gottes, da es den Menschen an seine Geschöpflichkeit erinnert.

…. Weil das Lachen den Menschen einen Liebenden sein lässt

Das Lachen, das Rahner meint, ist ein „lösendes“ Lachen, das aus einem „kindlichen und heiteren Herzen“ kommt. Damit ist nun weder das einfältige Lachen der „Toren“ gemeint noch das verzweifelte Lachen, das sich über die Tragik der menschlichen Geschichte hinwegzutrösten versucht, indem es diese als „Narrenposse“ belacht. Gemeint ist jenes Lachen, das aus einer tiefen Sym-pathie, einem tiefen Mitgefühl zu und Mitleiden mit allem was ist und lebt, erwächst – und zwar so, wie es ist und lebt. Wer alles, was ist, im Grund annehmen und bejahen kann – bei Rahner das Große und das Kleine, das Ernste und das Lächerliche – und es als solches zu Wort kommen lassen kann, kann auf solche Weise lachen. Nach Rahner aber kann dies nur ein Mensch, der liebt. Das Lachen ist deshalb ein Zeichen der Liebe. Dazu aber muss man in der Lage sein, sich selbst nicht als das Maß aller Dinge zu betrachten. Deshalb, so Rahner, können „unsympathische“ Menschen nicht lachen: weil sie diese Sympathie für alles, was ist und lebt, nicht haben; weil sie Angst um ihre Würde haben und nur mit Wichtigem befasst sein wollen, kann sich die Liebe nicht in ihnen entfalten. Wer aber lachen kann, hat Anteil an der Liebe Gottes. Das Lachen lässt ihn einen Menschen sein, der liebt und das auch zeigt.

…. Weil es ein Widerhall des Lachens Gottes ist, das das Urteil über alle Geschichte spricht

Mit dieser Überlegung werden die Gedanken Rahners sehr ernst. Denn wenn in der Heiligen Schrift erzählt wird, dass Gott lacht – über die Frevler und Stolzen, über die Qualen der Weltgeschichte  – kann einem das Lachen im Hals stecken bleiben. Welcher Art ist dieses Lachen? Leicht kann man hier auch den Eindruck bekommen, Gottes Lachen sei bitter, hart und verächtlich. Man benötigt das riesige Gottvertrauen Rahners, um in diesem Lachen etwas anders zu sehen und die negativen Vermutungen eines nahezu zynischen Gottes wohl eher als menschliche Projektionen zu erkennen. Für Rahner wird in diesem Lachen deutlich, dass Gott auch angesichts der Gewalt und Tragödien der Weltgeschichte weiß, dass am Ende er der Herr der Geschichte ist und dem Bösen nicht das letzte Wort lassen wird. Rahner erkennt darin „das Lachen des Sorglosen, des Sicheren, des Unbedrohten, das Lachen der göttlichen Überlegenheit über all die grausame Wirrnis einer blutig qualvollen und irrsinnig gemeinen Weltgeschichte“. Wer an diesem Lachen teilhaben kann, in dessen Lachen glänzt nach Rahner ein Bild und Abglanz Gottes auf. Hier wird eine anspruchsvolle Tiefendimension des Lachens erkennbar, die wohl eine intensive spirituelle Vertiefung als Grundlage hat. Zugleich kann ein solches Lachen nur von Gott selbst geschenkt sein. Es gründet in einer tiefen Gottesbeziehung, die das Übel und Böse in der Welt wohl sehr ernst nimmt, sich aber nicht von diesem beherrschen lässt.

… Weil es den Weinenden verheißen ist

Hier bezieht sich Rahner auf die lukanischen Seligpreisungen (Lk 6,21). Jesus selbst verheißt nicht nur das Trocknen der Tränen und eine jubelnde Freude, sondern ein Lachen. Nicht mehr und nicht weniger ist für Rahner damit gesagt, als dass am Ende des Dramas der Weltgeschichte das Lachen jener, die weinen, die verhasst und verfolgt sind um Christi willen, das Letzte sein wird. Selbst für Rahner ist dies ein „schauervolles Geheimnis“. Denn in jedem alltäglichen, schallenden Lachen wohnt dann bereits hier und heute schon die Ahnung der Ewigkeit inne. Wer auf diese Weise lacht, zeigt, dass er mit der Wirklichkeit so, wie sie ist, einverstanden ist, weil er glaubt, dass sie einst von Gott gerettet sein wird.

Karl Rahner ist sich in seiner Betrachtung bewusst, dass das Lachen, das er hier theologisch reflektiert, in der Realität schwer zu unterscheiden ist von anderen Formen des Lachens. In Erinnerung an das Lachen Sarahs und Abrahams (als ihnen ein Sohn und Nachkommen verheißen werden) weiß er, dass das „Lachen der glaubenden Seligkeit“  und das Lachen des Unglaubens, der Verzweiflung und des Hohnes beim Menschen „unheimlich“ nahe beieinander liegen, sodass man vor der Erfüllung nicht weiß, ob sich in einem Lachen der Glaube oder der Unglaube zeigen. Sarah wird ihren Sohn Isaak nennen: „Ein Lachen hat mir Gott geschenkt“.

In dieser Spannung ist das Lachen des Menschen bis heute geblieben.

Lachen: Anlass zur Meditation und Selbstreflexion

Die Gedanken Rahners sind ohne Zweifel anspruchsvoll. Sie werfen Fragen und Zweifel auf: Solch tiefe Dimensionen sollen dem Lachen innewohnen? Wird das Lachen hier nicht theologisch überhöht?

Ich denke, man darf diesen Text nicht als normative Vorgabe lesen, wie wir nun zu lachen hätten. Diese Überlegungen dienen auch nicht zum Entwurf einer theologischen Systematik und schon gar nicht dazu, das Lachen anderer zu beurteilen. Ich persönlich lese diesen Text als Anleitung zu einer spirituellen Übung und Selbstreflexion. Ich lache gerne, viel und auf unterschiedlichste Arten – zumindest wenn nicht gerade Corona-Krise ist. Aber gerade im letzten Jahr hat mir besonders das Lachen sehr gefehlt oder ist mir allzu oft vergangen. Die Lektüre Rahners erschließt mir einen neuen Blick auf das, was ich gerne tue und mir fehlt. Ich beginne darüber nachzudenken, was ich mit meinem Lachen zum Ausdruck bringe, unbewusst vielleicht, ich lerne  mich selbst besser im Glauben kennen. Ich erkenne, was mir geschenkt wird, wenn ich lachen darf und kann. So lange ich lachen kann, habe ich offenbar den Glauben an ein gutes Ende mit der Hilfe Gottes nicht verloren. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, wenn man auch in Krisenzeiten auf das Lachen nicht vergisst.

Für mich ist dieser Text eine Zusage und eine Bestärkung, wie kostbar eine bestimmte Art des Lachens sein kann. Vor allem aber tröstet mich dieser Text: denn wenn es so einfach ist, Gott zu rühmen, wird auch meine Sorge um die Zukunft ein Stückweit geringer, für einzelne Momente. Dann erlebe ich im Lachen anderer ein Geschenk der Liebe Gottes. Dann erkenne ich, dass mein Glaube auch in meinem Körper verankert ist, ganz ohne Zutun, einfach, indem ich schallend lache – und das stärkt und hilft auch in schwierigen Zeiten.

In diesem Sinn: Ein paar schöne Faschingstage!

Karl Rahner: Vom Lachen und Weinen des Christen. Betrachtung zu Fastnacht und Aschermittwoch, in: Geist und Leben 24 (1951), S. 11-17.

Bildquelle: Pexels bei Pixabay        

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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