Die behinderte Trauer (Johann Pock)

Unter Coronabedingungen sind die üblichen Formen des Abschiednehmens beim Sterben und nach dem Tod von Menschen oft nicht möglich. Dies beeinflusst die Formen des Trauerns. Johann Pock analysiert Trauererfahrungen und Ansätze des Umgangs mit dieser Situation.

Ich hatte Ende Oktober 2020 meine Tante zu begraben – unter Coronabedingungen. Nur eine kleine Trauergesellschaft. Der Gottesdienst ohne Gesang. Alle mit Masken. Keine Umarmungen der Verwandten. Keine Möglichkeit, danach gemütlich zusammenzusitzen, zu lachen und zu weinen, Geschichten auszutauschen und sich der Verstorbenen gemeinsam zu erinnern. Sie wurde 88 Jahre alt und war am Schluss altersdement. Sie starb nicht an oder mit Corona – und trotzdem war das Sterben und Abschiednehmen von Corona geprägt und verändert.

Ja, wir haben getrauert – und zugleich ist das Trauern massiv behindert worden: Keine Besuche der einzelnen Familienteile; nur kurze Gespräche mit Maske und auf Distanz am Friedhof; kein inniges Kondolieren; kein gemeinsames Essen nach der Verabschiedung – und damit auch kein Schwelgen in Erinnerungen, das zumeist verbunden ist mit Lachen und Weinen. Das Trauern wurde zurückgeworfen auf das jeweilige Individuum. Die erprobten und bewährten, haltgebenden Rituale griffen nur mehr bedingt – und zugleich waren es gerade diese kirchlichen Rituale, die noch einen Hauch von Normalität und Tradition vermitteln konnten.

Das Internet ist mittlerweile voll von Erzählungen von Menschen, die in den letzten Monaten in ähnlicher Weise geliebte Personen verloren haben – und deren Trauer durch die Pandemie und die Begegnungseinschränkungen anders verläuft als davor. Einige solcher Erfahrungen möchte ich kurz benennen und daraus einige Anfragen formulieren.

Erfahrungen

Bernadette Spitzer erzählte in der ORF-Sendung Orientierung vom 31.1.2021 über den Tod ihres Vaters Leopold Spitzer, der Anfang Dezember 2020 78jährig im Krankenhaus verstarb: „Für uns ist es noch schwieriger, seinen Tod anzuerkennen, weil wir uns von ihm nicht verabschieden konnten.“ Ein Musiker, der noch viele Jahre vor sich gehabt hätte; der Gesang in der Gruppe gewohnt war – einsam gestorben und einsam betrauert.

In Kärnten starb ein Familienvater mit 37 Jahren an Herzinfarkt. Die Familie konnte sich nur im kleinsten Kreis verabschieden. Die Aussage der Verwandten lautet: „Derzeit wartet aber ein gesamtes Dorf darauf, ‚Pfiati‘ zu sagen.“

Beispielhaft sei hier auch der Beitrag von Janis Dietz / Ann-Kristin Tlusty, „Das Schlimmste war, dass sie ganz allein gestorben ist“, genannt. Darin sind mehrere solcher Erfahrungsberichte gesammelt. Der Grundtenor dabei ist: Die Unmöglichkeit, sich richtig verabschieden zu können, erzeugt Hilflosigkeit und Wut, teilweise aber auch Schuldgefühle: Hätte man etwas anders machen können? Hätte man nicht doch früher noch einen Besuch abstatten können? Und die Sehnsucht nach Berührung, nach dem „In-den-Arm-Nehmen“, nach gewohnten Formen des Tröstens ist unendlich groß.

Die Bedeutung eines guten Übergangs

Trauern gehört wesentlich zum Menschsein dazu – und es haben sich in allen Gesellschaften, Kulturen und Religionen unterschiedliche Formen und Rituale des Trauerns entwickelt. Jemanden nicht gut bestatten zu können, kann als traumatisches Erlebnis eingeordnet werden. Im christlichen Verständnis gehört das Bestatten von Toten zu den sieben Werken der Barmherzigkeit. Jede Kultur und Religion hat hier ihre eigenen Formen entwickelt – und alle waren und sind durch die Beschränkungen der Pandemie herausgefordert, ihre alten Traditionen unter veränderten Bedingungen anzupassen.

In einem Erfahrungsbericht schildert z.B. eine Muslima, wie schrecklich für sie war, dass sie den Tod und das Begräbnis ihres Vaters in der Türkei von Deutschland aus nur über einige Bilder verfolgen konnte, da in der muslimischen Tradition die Bestattung innerhalb eines Tages zu erfolgen hat – und unter den aktuellen Reisebeschränkungen keine Möglichkeit bestand, zum Begräbnis zu reisen.

Die Bilder von aufgestapelten Särgen in Bergamo, die dann von Militärfahrzeugen zu verschiedenen Krematorien transportiert wurden, gehörten im Frühjahr zu den traumatisierenden Erfahrungen. Zeitweise sollen nach Aussage des zuständigen Kapuzinermönchs bis zu 130 Särge auf den Abtransport gewartet haben. Abschiednehmen wird hier nämlich gewissermaßen entmenschlicht und anonymisiert – und der Trauer damit ein wesentliches Moment genommen, nämlich der persönliche Abschied und die persönliche Wertschätzung für die Verstorbenen.

Trauer braucht Gemeinschaft

Eine weitere zentrale Erfahrung ist die Notwendigkeit, die Trauer zu teilen. In der Trauer alleingelassen zu sein, wird von vielen als eine der schlimmsten Erfahrungen in diesem Prozess gesehen. Die üblichen Sozialkontakte sind nicht möglich; die gewohnten und erprobten gemeinschaftlichen Rituale, die Halt geben, sehr reduziert.

„Ich war mit meiner Trauer vollkommen allein“ – so schildert es eine Hinterbliebene, die nicht mehr zu ihrem Vater durfte. Es ist somit eine doppelte Einsamkeit – jene der Sterbenden, und jene der Hinterbliebenen. „Trauer in Isolation ist das Härteste, was man einem Menschen antun kann“, so ihre Erfahrung.

Und auch wenn das Trauern und die Gefühle dabei etwas zutiefst Persönliches sind und die Trauerprozesse auch individuell unterschiedlich ausgeprägt sind, so gehört gerade die sichtbare und spürbare Beziehung zu anderen wesentlich zum Trauern dazu. Trauern ist ja auch das Loslassen von Beziehungen aus einer physischen in eine gewissermaßen virtuelle, geistige Form: Die Verstorbenen sind uns noch in den Gedanken nahe; aber wir können nicht mehr physisch mit ihnen kommunizieren. Umso wichtiger ist der Ersatz der verlorengegangenen Beziehungsfäden durch jene von FreundInnen und Verwandten.

Trauer braucht Kontakt, Berührung und Begegnung

So formuliert es auch die Trauerexpertin und Psychotherapeutin Verena Kast: „Wir haben das Bedürfnis, uns zu verabschieden, Ungeklärtes zu besprechen, einander zu halten und zu trösten.“  Kast betont auch, dass diese letzte Begegnung, das Anschauen eines Verstorbenen, gerade für nahe Angehörige wichtig ist, um den Tod anzuerkennen. Und in den letzten Jahren haben viele Bestatter auch in den Städten es wieder ermöglicht, eine solche Verabschiedung zu halten. Wenn das nicht möglich ist, kann es auch nicht mehr nachgeholt werden durch eine spätere Gedenkfeier. Die digitalen Übertragungen sind hier schon eine kleine Hilfestellung, aber kein wirklicher Ersatz für die persönliche Begegnung.

„Die Trauer ist eine gute Freundin“, so formuliert es die Familien-Trauerbegleiterin und Autorin Mechthild Schroeter-Rupieper. Wer Trauer unterdrücke, stehe umso mehr unter Druck und werde hart. Sie sieht ebenfalls in offiziellen Trauerfeiern einen Raum von Zuwendung und Wertschätzung gegeben.

(Neue) Möglichkeiten der Trauerbegleitung

Nach Kast kann das Trauern nicht professionalisiert oder geübt werden. „Der Tod ist eine große emotionale Erschütterung, er braucht einen Prozess, bis wir uns an den Verlust gewöhnt haben.“ Zugleich gibt es jedoch viele Möglichkeiten, dass Trauern „gelingen“ kann.

Heute spricht man dabei weniger von Trauerphasen als vielmehr von den Aufgaben, die sich den Trauernden stellen. So formuliert es William Worden. Und gerade die erste Aufgabe, „den Verlust als Realität zu akzeptieren“, wird durch eine behinderte Verabschiedung vom Verstorbenen erschwert.

Um nicht in pathologische Formen des Trauerns zu verfallen, haben sich im Laufe der Zeit viele Rituale entwickelt; in den letzten Jahrzehnten jedoch auch viele professionelle Beratungs- und Begleitungsstellen.

Die Kontaktstelle Trauer der Caritas der Erzdiözese Wien bietet beispielsweise Offene Online-Trauergruppen für Menschen an, deren Angehörige an Corona verstorben sind.

In einem Grazer Krankenhaus wurde ein neuer, zusätzlicher Verabschiedungsraum eingerichtet – da die Erfahrung in den ersten Monaten der Pandemie war, dass manche Angehörige ihre Verstorbenen aufgrund der Coronabestimmungen ansonsten nicht mehr sehen konnten. Mit diesem Raum ermöglicht man nun eine solche unmittelbare Begegnung mit den Verstorbenen.

Auch so manche Bestattung hat ihr Angebot inzwischen umgestellt. Immer mehr Verabschiedungsfeiern werden gestreamt, um so einer größeren Zahl von Menschen zumindest via Internet die Möglichkeit zu geben, mitfeiern zu können. Bestatter sind dabei häufig jene Personen, die zumindest ein wenig unmittelbaren Kontakt zu den engsten trauernden Angehörigen haben. Viele ermöglichen diesen, wenigstens am Sarg noch direkt und persönlich Abschied nehmen zu können, wie es das Beispiel des Bestatters Martin Volkery aus Ochtrup eindrucksvoll zeigt.

Aber auch die vielen Hospizeinrichtungen haben in diesem letzten Jahr sehr hilfreich gewirkt und eigene Formen unter Coronabedingungen entwickelt, wie von Menschen gut Abschied genommen werden kann, beispielsweise im Hospiz Tirol.

In Österreich gibt es z.B. die „Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerbegleitung“ BAT, die auf die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Trauerbegleitung aufmerksam macht. Dazu gehört z.B. die bewährte Telefonseelsorge, die gerade in der Coronapandemie eine wichtige seelsorgliche und therapeutische Rolle eingenommen hat.

Lernerfahrungen

Wir stehen noch mitten in der Pandemie. Gleichzeitig haben wir mittlerweile die Erfahrungen eines ganzen Jahres im Umgang mit behinderter Trauer. Klar ist, dass ein versäumter Abschied nicht nachgeholt werden kann. Daher haben sich nach den sehr restriktiven Abschottungen von sterbenden Covid-PatientInnen in der ersten Pandemiephase auch andere Vorgehensweisen entwickelt, die es Angehörigen ermöglichen, zumindest digital in Kontakt zu kommen. Eigene Verabschiedungsräume, die Erlaubnis für KrankenhausseelsorgerInnen, in die Stationen zu gehen, die Entwicklung von Beratungsangeboten haben die schwierige Situation mittlerweile etwas entschärft.

Eine Lernerfahrung ist, dass zwar digitale Medien eine Hilfestellung bieten können. Den unmittelbaren, physischen Kontakt können sie jedoch nicht ersetzen. Und auch wenn ein Begräbnis kein Sakrament ist, so gilt meines Erachtens hier dasselbe: Es braucht das äußere physische Zeichen, das die tiefere Wirklichkeit sichtbar macht. Beim Begräbnis ist die Notwendigkeit weniger aus theologischen, vielmehr aus anthropologischen Überlegungen heraus gegeben: Die Endgültigkeit des Abschieds innerlich spürbar zu machen, indem der/die Verstorbene noch einmal gesehen oder berührt werden kann.

Eine weitere Lernerfahrung liegt in der Erkenntnis, wie wichtig doch die Gemeinschaft im Trauerprozess ist. Seit Jahren diskutieren wir über die Anonymisierung des Todes; über den Trend zu Anonymbestattungen; über die Individualisierung des Sterbens. Solange dies in der persönlichen Wahl gestanden hat, war dies eine bewusste Entscheidung dafür oder dagegen. In der Pandemie wurde jedoch die persönliche freie Wahl entzogen – und damit auch jenen, die Wert auf gemeinschaftliche Formen des Trauerns legen, diese verunmöglicht.

Die behinderte Trauer wird in unserer Gesellschaft sicherlich noch nachwirken – sowohl in den individuellen Biographien wie auch in gesellschaftlichen Vollzügen. Zugleich ist eine neue Aufmerksamkeit gegeben auf die Bedeutung von Begleitung im Sterben und dem Abschiednehmen – und dies hat unmittelbare Auswirkungen darauf, wie wir das Leben gestalten. Denn wie wir mit unseren Toten umgehen ist ein Spiegelbild dafür, was wir vom Leben halten.

Literatur: Johann Pock, Ulrich Feeser-Lichterfeld (Hg.), Trauerrede in postmoderner Trauerkultur (Werkstatt Theologie 18), Berlin-Wien 2011.

Beitragsbild: Pixabay

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