Trotzdem Ostern (Johann Pock)

Ostern ist das große Fest der Liebe, die stärker ist als der Tod. Ostern feiern wir das Trotzdem dieser Liebe. Im Gegensatz zum rechthaberischen Trotz ist das widerständige Trotzdem eine prophetische und hoffnungsvolle Haltung. Ich möchte zeigen, wie stark die Bibel geprägt ist von Trotzdem-Haltungen und Trotzdem-Personen; und dass dies gerade in der Karwoche und zu Ostern Hoffnung und Mut geben kann.

Es reicht. Und es reicht schon lange. Nicht erst seit der Pandemie mit ihren Einschränkungen. Es reicht bei der Missachtung der Menschenrechte im Umgang mit Geflüchteten und Migranten. Es reicht im Umgang meiner Kirche mit Frauen. Es reicht mit verbohrten Haltungen gegenüber unterschiedlichen geschlechtlichen Ausrichtungen. Und trotzdem gebe ich nicht auf. Trotzdem halte ich zu meiner Kirche.

Die Erfahrung von vielfältigem Trotz

In all diesen Diskussionen stelle ich so manchen „Trotz“ fest: den rechthaberischen Trotz von Personen, die sich auf „Tradition“ berufen, oder auf „Recht muss Recht bleiben“ – und die dabei übersehen, wie sehr sich auch Traditionen und Recht immer wieder verändern. Den kindischen Trotz, der austestet, wie weit man gehen kann bei den Eltern oder bei Autoritäten. Den politischen Trotz, wo wider besseres Wissen um der eigenen Klientelpolitik willen Haltungen eingenommen werden, die einem Realitätscheck nicht standhalten. Den Trotz gegenüber sogenannten Liberalen oder Konservativen. Den Trotz einer Glaubenskongregation, die meint, mit alten Formen von römischen Verwaltungsdekreten die Seelsorge in der pluralen Weltkirche von oben herab normieren zu können.

Nach einer Definition ist Trotz „ein Verhalten des Widerstands (entweder im allgemeinen Sinne, im Sinne der Psychologie in der Psychotherapie oder im politischen Sinne), das sich in hartnäckigem, oft auch von heftigen Gefühlsausbrüchen begleitetem Beharren auf einer Meinung oder einem (ggf. auch nur vermeintlichen) Recht äußert.“

Trotz ist nicht automatisch positiv oder negativ – gleichzeitig verstellt er jedoch leicht den Blick auf die Inhalte und verhindert Veränderungen. Der umgangssprachliche Ausdruck dafür ist das „Es war schon immer so …“.

Trotzdem als Leitwort der österlichen Dramaturgie

Nicht Trotz, aber „Trotzdem“ möchte ich als Überschrift über das Geschehen der Karwoche schreiben. Denn gerade die Passionserzählungen zeigen, wie sich die Jünger immer wieder gegen den Weg Jesu wehren – und wie sehr Jesus trotzdem an seinem Weg festhält. Immer wieder redet er davon, dass der Weg in den Tod seine Bestimmung ist – verschlüsselt, aber für die Jünger doch verständlich. Das Johannesevangelium hat es in theologischer Sprache dann mit der „Stunde“ bezeichnet: Eine Zeitbestimmung für ein Geschehen, das einen absoluten Einschnitt bedeutet. Und jener Moment, wo sich das Trotzdem Jesu entscheidet.

Der Weg zwischen Palmsonntag und Ostersonntag ist eine Kurzzusammenfassung des Heilsgeschehens. Es geht um Jubel und Verrat, um Vertrauen und Macht, um Sünde und Erlösung, um Tod und Auferstehung. Und im Hintergrund des christlichen Heilsgeschehens steht die Frage nach der Schuld: Die Menschheit hat sich so sehr in Schuld und Sünde verstrickt, dass sie nicht mehr aus eigener Kraft aus diesem Sumpf kommt.

Der Weg führt vom Jubel (Palmsonntag) über den Verrat (Gründonnerstag), das Ende (Karfreitag), das Schweigen (Karsamstag) zum langsamen Begreifen, dass es weitergeht (Ostersonntag). Somit findet sich hier ein mehrfaches Trotzdem in der Dramaturgie, aber auch bei den handelnden Personen wieder.

1.) Trotzdem – angesichts der Warnungen vor Leiden

Jesus weiß um den Verrat; er weiß, was ihn in Jerusalem erwartet. Die Jünger raten ihm, wegzugehen. Trotzdem geht er seinen Weg. Widerstand hindert ihn nicht. Denn er ist sich seiner Sendung sicher.

Es ist jene Haltung, die die Apostel später selbst haben werden. Mit der Erfahrung der Auferstehung und mit der pfingstlichen Geistsendung können sie selber selbstbewusst auftreten: „Wir können nicht schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben!“ (Apg 4,20) Es ist die Haltung vieler Märtyrer bis heute, die lieber Folter oder Tod auf sich nehmen, als ihren Glauben, ihre Überzeugungen zu verraten.

2.) Das Trotzdem der Gewaltlosigkeit

Jesus wird geschlagen, gefoltert und verhöhnt. Trotzdem verkündet er die Feindesliebe – und betet um Vergebung für die Schuld seiner Peiniger. Trotzdem sagt er zu Petrus: „Steck das Schwert in die Scheide!“ Oder: Wenn euch einer auf die eine Wange schlägt, haltet ihm auch die andere Wange hin. (Mt 5,39) Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten, sondern mit Liebe. Das mag als Schwäche ausgelegt werden – aber es gehört eine ungeheure innerliche Stärke dazu.

3.) Das Trotzdem des Scheiterns

Das größte Trotzdem ist dann das Sterben, der Gang in den Tod. Die Evangelisten zeigen den Weg Jesu von Galiläa hin zur Kreuzigung nach Jerusalem nach als bewussten Weg und bewusste Entscheidung Jesu. Doch obwohl Jesus sich seiner Sendung bewusst ist; obwohl er von dieser Stunde geredet hat und immer auf seinen Vater vertraut hat. Trotzdem erfährt er die unendliche Einsamkeit des Sterbens. „Vater, warum hast du mich verlassen!“ (Mt 27,46) Da ist keine Heilsgewissheit, sondern höchste Not und Verzweiflung. War alles umsonst? War es doch der falsche Weg? Die Bibel berichtet hier nichts vom Sieger am Kreuz, sondern vom offensichtlichen Scheitern.

4.) Das Trotzdem des Lebens

Obwohl mit dem Tod am Kreuz und seiner Grablegung alles aus scheint, ist das nicht das Ende. Jesus trotzt dem Tod – nicht, indem er vor ihm flieht, sondern indem er sich ihm überlässt. Wie es der Hl. Franziskus von Assisi mit seiner Rede von der „Schwester Tod“ formuliert: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. … Denn der Schrecken des Todes ist die damit verbundene Vorstellung der unendlichen Sinnlosigkeit, des Nichts – doch dieser Stachel ist dem Tod gezogen.“ Der Tod wird zur Verwandlung, zum Durchgang zu neuem Leben – als Glaubenswahrheit verkündet und von den Auferstehungszeuginnen belegt.

5.) Trotzdem Zeuginnen

Als zentrale Trotzdem-Gestalten müssen an dieser Stelle die Frauen im Gefolge Jesu genannt werden: Maria, seine Mutter; die Frauen in der Nähe der Kreuzigungsstelle (nach Mt 27,56: Maria aus Magdala; Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef; die Mutter der Zebedäus-Söhne). Sie sind es, die trotz des offensichtlichen Scheiterns nicht verzweifeln. Während die Jünger geflohen sind (Mt 26,56), und Petrus Jesus verleugnet (Mt 26,69-75), sind die Frauen mutig und folgen Jesus auf dem Leidensweg. Und es sind auch die beiden Marias (aus Magdala und „die andere“ Maria), die das leere Grab entdecken und denen Jesus als erstes als Auferstandener begegnet (Mt 28,9f). Dass die junge Kirche auf das Zeugnis der Frauen setzt und dieses nicht einem patriarchalen Paradigma opfert (was an anderen Stellen sehr wohl geschieht), zeigt die große Bedeutung dieser Frauen an. Obwohl in der Öffentlichkeit die Männer das sagen haben, sind sie die wichtigsten Zeuginnen und Botinnen der Auferstehung!

6.) Trotzdem Petrus – ein Zweifler als Fels

Eine solche Trotzdem-Gestalt ist aber auch Petrus. Wie oft tritt er ins Fettnäpfchen. Er muss sich von Jesus als „Satan“ bezeichnen lassen (Mt 16,23), weil er den Weg Jesu in den Tod nicht verstehen will („Das darf nicht sein, Herr!“). Er will am Ölberg das Schwert ziehen – doch Jesus verbietet den Widerstand. Er wird nach seiner Beziehung zu Jesus gefragt – und verleugnet dreimal. Und in Ewigkeit wird der dreimalige Hahnenschrei und sein Verrat mit ihm verbunden bleiben. Und trotzdem macht Jesus ihn zum Felsen. Er baut seine Kirche nicht auf den Makellosen oder Fehlerlosen auf, sondern auf einem, der suchend und lernend ist. Und er vertraut darauf, dass Petrus die innere Stärke hat, die Botschaft und den Weg Jesu weiterzutragen. Nicht die von ihm so kritisierte Rubrizistik und Kleinkariertheit von so manchem damaligem Gelehrten will Jesus – sondern Menschen, die ein Gespür für Zerbrechen und Aufbruch haben, für Schuldigwerden und Sich-versöhnen-Müssen, für Niederfallen und Aufstehen – letztlich für Tod und Auferstehung.

Das Trotzdem der Liebe Gottes im Zeugnis der Bibel

Damit aber ist der Weg gegeben vom uneinsichtigen Trotz hin zum liebenden Trotzdem. Denn Liebe ist verbunden mit diesem Trotzdem: Wenn sie eine andere Person liebt, obwohl diese nicht fehlerfrei ist. Wenn die Liebe bereit ist, immer wieder zu verzeihen und neu anzufangen. Wenn sie im anderen das Gute zuerst sieht.

Wenn Gott die Liebe ist – und so verkünden es uns Schrift und Tradition, dann gehört das Trotzdem zu seinem Wesen. Und es findet sich überall in der Heiligen Schrift. Wenn Gott nach der Sintflut seinen Bund mit Noah schließt und den Bogen in die Wolken als Zeichen setzt: Nie wieder werde ich euch vernichten wollten; ich halte zu euch, auch wenn ihr mich vergesst. Jos 1,5: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Bis hin zum Hebräerbrief, wenn Gott sagt: „Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn.“ (Hebr. 1,1) Gott gibt in seiner Liebe nicht auf – das ist die zentrale Trotzdem-Botschaft von Ostern.

Das österliche „Trotzdem“

Wenn alles zerbricht
und das Licht am Ende des Tunnels nicht kommt.
Wenn Hoffnungen zerstört sind
und kein Trostwort mehr das Herz erreicht.

Wenn die Luft ausgeht,
kein langer Atem mehr das Durchhalten ermöglicht.
Und wenn der Karsamstag unendlich lang
und die schreiende Grabesruhe
nicht Entspannung, sondern Enttäuschung bietet.

Dann wird das Trotzdem der Auferstehung
zu einem Kraftakt Gottes,
immer neu, in jedem Menschen.

Dann wird die Liebe Gottes
gegen die Abkehr und die Sünde des Menschen
zum lebensspendenden Atem.

Auferstehung ist Gottes Trotzdem
gegenüber Tod, Dunkelheit und Verzweiflung.
Denn unsere Kraft reicht oft
nicht einmal für diesen Trotz.

Johann Pock, Ostern 2021, inmitten der Coronapandemie

Beitragsbild: Johann Pock

 

Ein Kommentar zu “Trotzdem Ostern (Johann Pock)

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