Religiöse Identität und ihre (Begegnungs-)Räume (Barbara Niedermann)

Angehende Religionslehrer:innen sind heute mitunter wenig oder nicht (mehr) religiös sozialisiert und möchten Schüler:innen doch bei der Suche nach deren religiöser Identität begleiten. Wie man mit den damit verbundenen Spannungen in der Lehrer:innenausbildung umgehen kann, beschreibt unsere Gastautorin Barbara Niedermann (Dissertantin an der Universität Bonn) anhand des Projektes SpiRiTex.

Dazwischen

Dieser Begriff, dieser Gefühlszustand, füllt einen Raum, der – in der Zeit der Corona-Pandemie wie mit dem Vergrößerungsglas projiziert – eine Generation zu beherrschen scheint. Schüler:innen und Studierende sitzen über die Länder verstreut allein in ihren Räumen, virtuell miteinander verbunden. Eine wirkliche Verbindung kommt da vielfach nicht zustande, ein Dazwischen bestenfalls.
Dieser kollektiven Erfahrung wohnt das Grundbedürfnis nach zwischenmenschlicher Verständigung inne. Die darin enthaltene Sehnsucht nach Verbindung war in anderer Form und Ausprägung auch vor der Pandemie an unterschiedlichen Stellen schon spürbar.

Mir ist sie unter anderem im Studium als eine innere Suche nach Zugehörigkeit wiederkehrend begegnet: Als Lehramtsstudentin ist man eben nie ganz Theologin, aber auch nie ganz Germanistin.
Geworfen auf die Perspektive des Berufs öffnet sich auch gerade in der Disziplin der religiösen Bildung ein Horizont der Unsicherheit. Schließlich werden wir als Lehrer:innen einmal Rede und Antwort in Glaubensfragen stehen müssen. Vermitteln, begleiten, Zeugnis abgeben — (an)greifbar werden. Das alles erfordert ein klares eigenes Profil, geschärft entlang der kirchlich-strukturellen Vorgaben und Leitlinien, geprüft und abgesichert, sowie vor dem eigenen Menschenbild verantwortet.

Doch ist der Raum religiöser Erfahrung und Reifung längst kein klar umrissener mehr. Traditionell gewachsene Glaubensprägungen verlieren sich in der Postmoderne mit ihren säkularisierenden Umständen und Ausprägungen. Spätestens mit dem Umzug in die „große Stadt“ um zu studieren, sehen sich viele Studierende in einem neuen Umfeld, das selbstständiger Verortung bedarf.

Im Austausch mit Studienkolleg:innen nehme ich in unterschiedlichen Kontexten eine deutliche innere Zerrissenheit wahr, wenn es um das Verhältnis von Theologie und dem Stellenwert eines persönlichen Glaubens oder der Vertiefung von Spiritualität geht. Das ist existenziell. Nicht zuletzt die Verantwortlichkeit gegenüber einer diözesanen Anstellung und der „Missio canonica“ beherrscht die Perspektiven und Gespräche Religionsstudierender. In diesen Überlegungen wird deutlich: Beim Unterrichtsfach Religion handelt es sich um mehr als reine Wissensvermittlung. Was jedoch genau ist dieses „Mehr“? Und wie kann das innerhalb eines theologisch-wissenschaftlichen Forschungsraumes gedacht werden?

Studierende bewegen sich in diesem Punkt mitunter in einem Vakuum — der angemessene Ort, um diesen Mehr-Anspruch ganz persönlich, aber auch in Bezug auf die zugrundeliegende Wissenschaft zu reflektieren, theologisch zu debattieren, sowie reale Begegnung mit den eigenen existenziellen (Glaubens-/Lebens-)Fragen, fehlt an vielen Stellen.

Dass die Brücke zwischen wissenschaftlichem Diskurs und religiös-spiritueller Erfahrung geschlagen werden kann, erlebte ich auf der Pilotreise des Projektes „SpiRiTex“ nach Flandern.[1]

SpiRiTex — Sacred Spaces, Rituals and Texts in European Teacher Education

Das Forschungsprojekt möchte angehende Religionslehrer:innen in ihrer religiös-spirituellen Identitätsbildung begleiten und in ihren unterschiedlichen religiösen Sozialisationen Anstöße geben. Es versucht einen Zugang zum oben angedeuteten „Dazwischen“ zu eröffnen.

In der performativen Auseinandersetzung mit den religiösen Quellen — Orte, Rituale und Texte — werden powerful learning environments“[2] ermöglicht. Es entstehen Gelegenheiten des Eintauchens in religiöse Quellen. Diese werden durch die Form des Pilgerns, als Prozess der Verlangsamung, begangen, erlebt und durchdrungen. In der theologischen Reflexion und im Dialog innerhalb der Gruppe soll die weiterführende Ausprägung einer religiös-spirituellen Identität unterstützt und begünstigt werden. In den Teilnehmenden oder weiter gedacht, im Horizont der (religiösen) Lehrer:innenbildung, soll eine Transformation der Source zur Re-source stattfinden: Die eigene Erfahrung in Begegnung und Auseinandersetzung mit sakralen Orten, Ritualen und Texten wird als Ressource für das professionelle, wie auch persönliche Leben übersetzt.[3] Religiöse Identität, mit SpiRiTex gedacht, ist stetig im Werden. Sie entwickelt ihr Profil in der Auseinandersetzung, Begegnung, Abgrenzung, Übereinstimmung, kurz gesagt, dem Diskurs mit anderen Identitäten und im Zuge des Projektes, angestoßen durch die Erfahrung des Pilgerns in Verbindung mit einem sich Einlassen auf religiösen Raum in einer (internationalen) Gruppe von Studierenden.

Der Ausgangspunkt: Angehende Lehrer:innen für das Fach Religion leben in der Spannung, selbst nicht (mehr) oder nur wenig religiös sozialisiert (worden) zu sein und dennoch haben sie den Weg zum:r Lehrer:in eingeschlagen, um Schüler:innen bei religiös-existenziellen Fragen zu begleiten. Um als Ansprechpartner:in diese anspruchsvolle Rolle der Begleitung wahrnehmen zu können, ist es wichtig, dass Lehrer:innen nicht nur die eigene religiös-spirituelle Identität, sondern auch den Weg dorthin und dessen Umstände reflektiert haben.

Raum der (religiösen) Erfahrung — eine persönliche Perspektive auf SpiRiTex

In einer internationalen Gruppe aus Studierenden der Theologie und des Unterrichtsfaches Religion öffnete sich für mich ein Erfahrungs- und Reflexionsraum. Grundanliegen der Studienreise war es, die Elemente des Pilgerns mit der Begegnung von außergewöhnlichen sakralen Räumen und Orten zu verbinden, um Studierende in ihrer religiös-spirituellen Identitätsentwicklung zu unterstützen, zu begleiten oder, ganz grundlegend gedacht, überhaupt einen Entwicklungsprozess anzustoßen.

Durch die körperliche Erfahrung des Pilgerns zu einem bestimmten religiösen Ort wurde der geistige Fokus ausgerichtet und ich erlebte die Teilnehmenden in einer Disposition der Offenheit — füreinander und für jegliche Form religiöser Erfahrung. Dabei blieb für mich in meiner persönlichen Wahrnehmung das Gruppengefüge bedeutend, die Einzelreflexion im Prozess des Pilgerns war stets eng an den Austausch innerhalb der Gruppe gebunden.

In der Begegnung mit dem Sacred Space in seiner unterschiedlichsten Gestaltung, seiner jeweils sehr diversen inhaltlichen Prägung[4] und in der Begegnung mit anderen Studierenden „at home on the road“ (Roebben) entbrannte für mich eine persönliche und tiefgreifende Auseinandersetzung mit mir selbst in Bezug auf meine eigene Glaubensidentität und theologische Ausrichtung.

Die Tiefe der Pilgerreise lebte für mich von der Begegnung und dem Austausch mit den anderen Teilnehmer:innen, die dieselben Stationen wie ich durchschritten, sie jedoch aus ihrer individuellen Erfahrungswelt heraus mit anderen Augen wahrgenommen haben. Der gemeinsame reflektierende Diskurs spiegelte eine Vielzahl an religiösen Identitäten und Persönlichkeiten in ihrem Ringen mit Fragen und möglichen Antworten wider, die wiederum neuerliche Fragen nach sich ziehen.
Als beispielsweise die Magdalenakerk[5] in Brügge besucht wurde, die im Mittelschiff der Kirche eine meterhohe Schaukel installiert hat, beschrieben einige Teilnehmer:innen, eine große Freiheit verspürt zu haben. Andere jedoch störten sich an dieser Art der Kirchenraumgestaltung. Hier kann ein gemeinsamer Diskurs beginnen.

Grundlegend neu und erfrischend empfand ich die Offenheit und Aufgeschlossenheit aller Teilnehmenden, den Bereich der Religiosität oder Ausrichtungen von Spiritualität ideologisch und kirchenpolitisch zu entkoppeln, sie also völlig frei zu machen von einer allzu schnellen Zuweisung in Kategorien wie progressiv, traditionell oder konservativ. Gerade diese Bereitschaft legte für mich die Bandbreite religiöser Identitäten offen und ermöglichte den dialogischen Austausch und das Lernen an- und voneinander.

SpiRiTex in Zeiten von (Post-)Corona

Wie geht es nun weiter? Wie kann ein Zugang, der grundlegend auf die dialogische Begegnung angewiesen ist, in einer Zeit der überwiegenden Isolation weitergeführt werden? Die Antwort auf die Frage der Kontinuität des skizzierten Projektes in der derzeitigen Situation ist, wie bei so vielen anderen Bereichen: online.

Auch wenn sich in diesem Bereich eine nachvollziehbare (Medien-)Müdigkeit verzeichnen lässt, ist die Sehnsucht nach Begleitung und Austausch, religiöser Praxis oder schlicht nach Abwechslung und neuen Kontakten größer denn je.

So wird die nächste SpiRiTex-Projektreise in der je eigenen Stadt der Teilnehmer:innen erfolgen, in Form des impulsgeleiteten Pilgerns in Auseinandersetzung mit der Source Sacred Texts gerahmt von abendlicher Reflexion, Dialog und Begegnung im online-Medium.

Ein schwacher Trost oder aber kleiner Hoffnungsschimmer? Ein Versuch jedenfalls, die sich mitunter breit machende (innere Leere) zu adressieren und gemeinsam zu tragen.

Bildquelle: fauke auf Pixabay (Doorkijkkerk — Reading between the Lines, Borgloon/Belgien)

Autorin: Barbara Niedermann hat Lehramt Deutsch und Katholische Religion studiert (Wien und Duisburg-Essen) und promoviert am Seminar für Religionspädagogik, religiöse Erwachsenenbildung und Homiletik an der Universität Bonn[6] über das vorgestellte Forschungsprojekt.


[1] vgl. https://www.theo-web.de/archiv/archiv-ab-juni-2017/news/schritte-in-richtung-einer-pilgerdidaktik-vorstellung-der-forschungsergebnisse-des-spiritex-projekt/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=c0dce545b6398ea428232539c8b4b7fc

Auf die Vorstellung des Projektes sollen anschließend einige persönliche Erfahrungen im nächsten Abschnitt folgen.

[2] Roebben, Bert (2018): Sacred Spaces, Rituals and Texts in European Teacher                                   Education. The Rationale behind the SpiRiTex-Project. In: Greek Journal of Religious Education (1). S.10.

[3] vgl. ebd.

[4] Beispielsweise die Chapel of Disclosure: https://vimeo.com/297505367

[5] https://www.yot.be;

[6] https://www.relpaed.uni-bonn.de

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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