Die Angst, nicht mehr zu können. Überlegungen zum Phänomen des Scheiterns im Kontext der Pandemie (David Novakovits)

Viele Menschen sind während der Pandemie mit der Erfahrung konfrontiert, dass das Leben brüchig und fragil ist. Nicht selten verbindet sich damit die Angst vor dem Scheitern. Aber was ist mit diesem Begriff gemeint? Und wie stellt es sich in unseren modernen Gesellschaften dar? Der Religionspädagoge David Novakovits geht diesen Fragen, die er im Rahmen seiner Dissertation erforscht hat, auf den Grund.

Scheitern – eine allgemeine Erfahrung im Kontext der Pandemie?

Über den schillernden Begriff des Scheiterns nachzudenken, hat immer eine gewisse Faszination, insofern aus dem Erfahrungsfeld des Scheiterns heraus ein ganz bestimmter Blickwinkel auf menschliches Dasein und gesellschaftliches Leben in seiner Gesamtheit möglich wird.

Im Zuge der Pandemie und der damit verbundenen Prozessen bekommt dieses Nachdenken eine neue Aktualität: Die Erfahrung, dass die Welt tiefe Risse bekommen kann, brüchig wird und damit ihre Fragilität auch mehr und mehr ins Bewusstsein rückt, ist eine Erfahrung, die viele Zeitgenoss*innen gerade erleben. Jean Baudrillard hat einen Begriff gefunden, der diese Erfahrung des Scheiterns verdichtet zum Ausdruck bringt: Er spricht von der Implosion des Sozialen, die sich immer wieder ereignen kann. Die Welt des Subjektes stürzt dabei auf eine*n selbst herein und lässt bisherige Selbst- und Weltdeutungen in Trümmern zurück. Das es sich hier um eine dramatische und hochgradig emotionale Erfahrung handelt, steht außer Frage. Der Bildungswissenschaftler Markus Rieger-Ladich drückt dies so aus: „Hier werden keine Petitessen verhandelt (…) im Scheitern wird nicht nur ein Ziel verfehlt, der Scheiternde selbst (…) nimmt dabei Schaden.“[1]

Scheitern muss nicht selbstverschuldet sein, aber immer ist die ganze Person in ihrem vollen Dasein davon betroffen. Die Metapher der Implosion verdeutlicht, dass im Scheitern mit anderen geteilte Welt verloren wird – der soziale Raum ist für das Subjekt bedeutungsleer geworden, da die bisherigen Selbst- und Weltdeutungen keinen Sinn mehr ergeben. Im Scheitern wird ein „Nichts“ mächtig, welches die Existenz des Menschen in seinen Grundfesten beunruhigt. Der Soziologe Matthias Junge hebt in seiner Annäherung an dieses soziale Phänomen die entstrukturierende Wucht von Erfahrungen des Scheiterns hervor: Wo das Ich nicht mehr weiterweiß, wie es sich handelnd in der Welt verorten kann, bricht für dieses Ich die Welt zusammen. Dazu passt auch die etymologische Herkunft des Begriffes, auf den Hans Blumenberg hinweist[2]: Scheitern bezeichnet ursprünglich den Prozess, wenn ein Schiff an Felsen oder anderen Hindernissen in seine einzelnen Holz-Scheite birst. Dieses „Scheitern“ kann auch zur Metapher menschlichen Lebens werden, wenn die „Schiffahrt des Daseins“ immer wieder von der Gefahr bedroht wird, durch die unruhigen „Wellen des Lebens“ ein jähes Ende zu finden.

Die Angst, nicht mehr zu können: Der gegenwärtige kulturelle Referenzpunkt für Deutungen des Scheiterns

Wenn in der zeitgenössischen Ratgeber-Literatur das Phänomen des Scheiterns besprochen wird, so wird dies meist unter diesem Vorzeichen getan, das wir es hier mit einer scheinbar zeitlosen menschlichen Erfahrung zu tun haben. Scheitern wird dabei als Herausforderung gesehen, die es individuell zu bewältigen gilt und an der gewachsen werden kann.

Gerade in der gegenwärtigen Pandemie zeigt sich jedoch, dass Deutungen des Scheiterns nicht einfach individuell, gleichsam im luftleeren Raum vollzogen werden. Scheitern stellt immer schon auch ein soziales Phänomen dar, da das individuelle Dasein immer schon in einen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Referenzrahmen eingespannt und diesen Wirkmächten ausgesetzt ist.

Erschreckend deutlich wird gegenwärtig, dass die Angst vor dem Nicht-Mithalten-Können den brutalen und paradigmatischen Strukturrahmen des Scheiterns darstellt. Dieser wird in der Pandemie eindrücklich erfahren. Hartmut Rosa verdeutlicht dies in einem eindrücklichen Bild: In der kulturellen Atmosphäre der Gegenwart stehen wir alle wie auf einer „Rolltreppe nach unten“, wo wir uns – ständig steigernd und optimierend – nach oben bewegen müssen, um unsere „Ausgangspositionen“ zur Weltgestaltung zu sichern. Scheitern zeigt sich in dieser Perspektive erneut als Angst vor einem Weltverlust, genauer: Sie zeigt sich als „Drohung des (schrankenlosen) Verlusts des bereits Erreichten“[3]. Vor dieser Angst sind nicht nur einzelne Individuen betroffen. Vielmehr stellt sie ein breites gesellschaftliches Phänomen dar. Gerade wer– auch unverschuldet – nicht mehr mithalten kann in diesem „Steigerungsspiel der Moderne“, steht vor der Bedrohung, dass er seine Fragilität und das Eingeständnis, am Ende der Kräfte zu sein, als Scheitern interpretiert. In diesem Sinne eignet Scheitern jedoch kein humanisierendes Potential, sondern fungiert als letzte Besiegelung des zerstörten Schicksals des Individuums.

Wenn ungerechte und ungleiche Behandlungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen und Milieus in der Zeit der Pandemie als breitflächig geteiltes Schicksal erfahren werden, so kann dies jedoch zu einem neuen Nachdenken animieren: Welchen Menschen(gruppen) wird eigentlich in „Normalzeiten“ erlaubt, an unserer Gesellschaft demokratisch zu partizipieren? Und welche Stimmen werden eigentlich (strukturell und systematisch) an den Rand gedrängt? Welche „Gescheiterten“ werden gesellschaftlich hervorgebracht – und wo wird aus welchen Gründen Menschen nicht dabei geholfen, Strukturen für die Entfaltung von Leben zu schaffen und zu etablieren?

Wenn in der Pandemie Kinder und Jugendliche, pflegende Angehörige, Kunstschaffende, (alleinerziehende) Eltern und so viele andere Gruppen die Erfahrung gemacht haben, dass ihre sozialen Welten zu kollabieren drohen und hier Ängste unter teils unglaublichem Druck aufbrechen und zu Tage treten, dann wird der schwankende Boden des eigenen Daseins bis unter die eigene Haut hinein erfahrbar. Es zeigt sich dabei jedoch: Es sind immer auch politische Entscheidungen darüber, wer im „ständigen Steigerungsspiel der Moderne“ mitmachen darf und wer nicht; wer vielleicht sogar gefördert wird – oder andererseits behindert, eingeschränkt oder zurückgestuft wird. Erfahrungen des Scheiterns erfordern daher eine Solidarität – damit eine Gesellschaft sich weiterhin an der Frage der Humanität messen lassen kann.

Die Pandemie verdeutlicht den Leistungsstress unserer Zeit: Man muss immer schneller laufen, um den Platz in der Welt zu behalten. Das „erschöpfte Subjekt“, das Alain Ehrenberg diagnostiziert, wird vom Philosophen Byung-Chul Han auf eine einfache Formel gebracht: Wer nicht mehr kann, ist gescheitert. Das Narrativ, dass Leistung ein gelingendes Leben garantiert, zerbröselt jedoch in der Maschinerie des pandemischen Krisenmanagements – und hier liegt, bei aller Dramatik, auch die Möglichkeit, dass die Erfahrungen des Scheiterns ein neues Nachdenken und eine gesellschaftliche Debatte darüber ermöglichen, was wir eigentlich unter gelingendem Leben verstehen wollen – bei aller postmoderner Unmöglichkeit, hier eine normative Setzung vorzunehmen.

Das humanisierende Potential eines Nachdenkens über das Scheitern

Der Theologe Christian Kern zielt in seiner Analyse des Scheiterns gerade auf diese erneuernde und auch humanisierende Kraft des Scheiterns, insofern dort, wo es zur Sprache kommen kann, Erkenntnisse über bisherige (individuelle, aber vor allem auch gesellschaftliche!) Deutungen von Mensch und Welt ermöglicht:

„Im Scheitern wird etwas sichtbar, das vorher hinter den Kulissen der Routinen und Abläufe verborgen war. (…) Es befördert damit auch Aufklärung über die Bedingungen und Normen, welchen das Handeln unterworfen war, an denen man gescheitert ist oder die zu den Gründen des Scheiterns zählen. Scheitern ermöglicht in diesem Sinne eine kritische Erkenntnis der eigenen Lage. Das ist freilich kein kalter, analytischer Prozess, er ist emotional hoch aufgeladen und dramatisch.“[4]

Scheitern kann daher auch „widerborstig“ machen „gegenüber manchen Erscheinungsformen des Weltenlaufs. So mag [der Mensch] sich zum Beispiel mit Ungerechtigkeit nicht abfinden, mit Unfreiheit und mit Machtmissbrauch.“[5]

Indem Erzählungen des Scheiterns solche Ungerechtigkeiten und dehumanisierenden Wirkkräfte aufdecken können, enthalten sie auch subversives und emanzipatorisch-politisches Potential. Solche „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ (Theodor Adorno, Minima Moralia) können dort, wo sie mit anderen geteilt werden, auch ermutigen und den Gescheiterten eine neue Würde eröffnen. Entgegen einer ständigen Suche nach perfekter Selbstinszenierung und Vorstellen der eigenen erfolgreichen Identität offenbart das Erfahrungsfeld des Scheiterns die Verletzlichkeit und Angewiesenheit des Menschen auf andere; auf jene anderen, die dem Subjekt helfen können, erneut in der Welt Fuß zu fassen. Damit verdeutlicht das zur-Sprache-kommen von Scheitern eine neue Würde des Menschen; „von dieser Würde (…) wüssten wir gar nichts, wenn nicht das Scheitern ihre Verletzlichkeit offenbarte“[6].

An diesen fragilen und offenen Umschlagspunkten, die Erfahrungen des Scheiterns aufdecken, kann jedoch auch gelernt werden: „Auf der einen Seite stehen die zerplatzten Hoffnungen, die zerbrochenen Träume und der verschwundene Spiel- und Handlungsraum: der verlorene Raum. Auf der anderen Seite zeigen sich mögliche Perspektiven einer kreativen Umstellung und Inversion der Lebensbedingungen: der mögliche Raum.[7]

Für die (praktische) Theologie zeigt sich hier eine fundamentale Aufgabe, inwiefern sie diese Erfahrungen der Menschen aufzunehmen vermag, um hier gemeinsame Lern- und Nachdenkräume zu öffnen, in welchen individuelle, gesellschaftliche, kulturelle und politische Fragen nach dem Menschsein in der Gegenwart neu aufs Spiel gesetzt werden können.

Für Religionslehrer*innen gibt es im Wintersemester 21/22 die Möglichkeit, sich mit dem Phänomen des Scheiterns und seiner Bedeutung für jugendliche Lebenskontexte vertieft religionspädagogisch und -didaktisch auseinanderzusetzen. Nähere Informationen dazu finden Sie unter: https://bildung.kphvie.ac.at/zu-scheitern-wagen-impulse-fur-die-religionspadagogische-arbeit-mit-jugendlichen-im-ru-245812-0-202122.html


[1] Rieger-Ladich, Markus, „Biografien“ und „Lebensläufe“: Das Scheitern aus der Perspektive der Pädagogischen Anthropologie, in: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 88/2012, 606-623, 610.

[2] Blumenberg, Hans, Schiffbruch mit Zuschauer, Frankfurt a.M. 1979.

[3] Rosa, Hartmut, Unverfügbarkeit, Wien-Salzburg 32019, 15.

[4] Kern, Christian, Verschämtes Scheitern. Theologie an Grenzen des Menschlichen, in: Hoff, Gregor Maria (Hrsg.), Prekäre Humanität. Salzburger Hochschulwochen 2015, Innsbruck – Wien 2016, 161-179, 171-172.

[5] Wimmer, Kurt, Mythisches Scheitern: Sisyphos & Co., in: Steiner Michael (Hrsg.), Schöner scheitern, Graz 2013, 74-84, 75.

[6] Opis, Matthias, Scheitern. Nichts sonst. Ein Annäherungsversuch in 7 Thesen, in: Steiner, Michael (Hrsg.), Schöner scheitern, Graz 2013, 88-94d, 92.

[7] Kern 2016, 172.

Mag. David Novakovits ist Religionspädagoge und Universitätstassistent (prae-doc) am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Seine Dissertation widmet sich der Thematik des Scheiterns.

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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