„Your stories matter.“ Trans* – über Diskriminierung, Solidarität und Perspektivenwechsel (Stephanie Bayer)

Trans* Personen steht ein Platz in der Mitte unserer Gesellschaft zu. Aber auch heute noch sehen das nicht alle so. Trans* Personen sind nach wie vor von massiver Diskriminierung betroffen. In ihrer Dissertation setzt sich Stephanie Bayer mit dem Thema Trans* auseinander und fragt nach der Positionierung der römisch-katholischen Kirche und Theologie in diesem Kontext.

Zum 25. Mal wird am 19. Juni 2021 die Regenbogenparade im Rahmen der Vienna Pride 2021 über die Wiener Ringstraße ziehen. Nach der pandemiebedingten Absage im letzten Jahr, werden heuer wieder Lesben, Schwule, Bisexuelle, Heterosexuelle, Trans-, Cis-, Inter- und queere Personen gemeinsam für Akzeptanz, gleiche Rechte und Sichtbarkeit und gegen Unterdrückung und Diskriminierung in Österreich und weltweit demonstrieren.             
Dass es diesbezüglich auch weiterhin Anstrengungen braucht, zeigt eine Studie der OECD[1]. Demnach haben zwar alle 27 in der Studie berücksichtigten Staaten in den letzten 20 Jahren Fortschritte hinsichtlich der gesellschaftlichen Gleichstellung von LGBTI Personen[2] gemacht, doch gehen diese sehr schleppend voran. Großen Aufholbedarf sieht die Studie u.a. hinsichtlich des Schutzes der Rechte von trans* Personen. Grund genug sich dem Thema Trans* zu widmen.

„Es ist ein Mädchen/Junge, herzlichen Glückwunsch!“

In der Biografie eines Menschen ist die Zuschreibung seines Geschlechts nach der Geburt je nach Erscheinungsbild seines äußeren Genitales ein folgenreicher Vorgang. Stimmt diese Zuschreibung nicht mit dem Geschlechtserleben einer Person überein, so wird diese Inkongruenz als Trans* (oder auch Transidentität/Transgender) bezeichnet.           
Lange Zeit galt Trans* als eine schwere psychische Störung und war ein gesamtgesellschaftliches Tabuthema. Doch aufgrund der Forschungen der Neuro- und Sozialwissenschaften können in den vergangenen zwanzig Jahren Veränderungen in Bezug auf die Einordnung des Phänomens beobachtet werden. Hinzu kommen grundlegende Diskussionen innerhalb unserer Gesellschaft, die die strikte Kategorisierung in rein männlich und weiblich im körperlichen, psychischen und auch sozialen Bereich in Frage stellen. Medizinische Behandlungsmaßnahmen und gesellschaftliche Auffassungen wurden reflektiert und festgestellt, dass die Vielfalt menschlicher Körper mehr Berücksichtigung finden müsste. So wird Trans* heute nicht mehr als psychische Erkrankung definiert, sondern als eine individuelle Variante menschlicher Geschlechtlichkeit.[3]    

Die Pandemie als Brennglas

Gesellschaftlich und politisch zeichnet sich in westlichen oder westlich orientierten Staaten ein unterschiedliches und komplexes Bild: Trans* scheint im gesellschaftlichen Mainstream längst angekommen. Noch nie waren Queerness und Trans* so sichtbar und wahrnehmbar wie heute. Seit mehr als zehn Jahren tauchen vor allem in der Populärkultur – in Filmen, TV-Serien, der Mode- und Popwelt sowie in der Literatur- und Kunstszene – Charaktere und Personen auf, deren empfundenes Geschlecht nicht ihrem biologischen entspricht.

Im Kontrast dazu steht, dass Diskriminierung und Gewalt wie beispielsweise herabwürdigende und polemische Aussagen und neue Gesetze seitens rechtsnationaler Parteien und Regierungen nach wie vor Alltag sind. Während der Corona-Pandemie hat sich laut UN Human Rights[4] die Situation für trans* Personen besonders zugespitzt. Sie können aus verschiedenen Gründen besonders gefährdet sein (z.B.: durch die De-Priorisierung von notwenigen Gesundheitsleistungen oder den Missbrauch des Ausnahmezustands für Diskriminierung).
Die Pandemie wirkt hier – wie bei so vielen anderen Themen auch – wie ein Brennglas und bestehende Ungleichheiten und Menschenrechtsverletzungen werden noch sichtbarer.

Diese Befunde fordern auf, sich grundlegend mit dem Thema Trans* auseinanderzusetzen, aber auch auf die individuellen Lebensgeschichten von trans* Personen einzugehen. Denn in deren Biografien lassen sich zwar verbindende Elemente wahrnehmen, doch findet sich auch die ganze Vielfalt unterschiedlichster Lebenswege von trans* Menschen.

Ihre Lebenswege können von gravierendem Leidensdruck geprägt sein. Sie berichten von diskriminierenden Erfahrungen im Berufsleben, finanziellen Belastungen, hoher Arbeitslosigkeit und Suizidalität. Diese Faktoren sowie der gesamte Prozess der Transition können erhebliche Auswirkungen auf die Partnerschaft, die Familie und das soziale Umfeld einer trans* Person haben und begünstigen soziale Abgeschiedenheit, Diskriminierung und das Gefühl von Einsamkeit und Alleingelassen-Sein.

Zeichen der Zeit

Gesellschaftspolitisch bemühen sich verschiedene Gruppen und Organisationen diesen Faktoren entgegenzuwirken. Staatliche und private Einrichtungen versuchen unterschiedliche Angebote zu setzen, um trans* Personen während ihrer Transition zu begleiten und Populärkulturen reflektieren das Phänomen auf einer breitenwirksamen Ebene und bringen das Thema in den öffentlichen Diskurs ein.

Als Theologin frage ich nach der Positionierung von Kirche und Theologie in diesen Zusammenhängen.[5] Denn zum einen betrifft das Thema die Theologie als Wissenschaft und als Reflexion auf gesellschaftliches und kirchliches Geschehen. Zum anderen betrifft es auch die Kirche als eine Institution, die nach der Ekklesiologie des II. Vatikanums ein Interesse an allen Wirklichkeiten haben muss, und der „nichts wahrhaft Menschliches“ fremd ist (GS 1).

Wird der Auftrag, allzeit „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4), ernstgenommen, so kann das wachsende Bewusstsein für die Würde und Rechte von trans* Menschen und ihre Lebenssituationen als Zeichen der Zeit wahrgenommen werden.

Denn Zeichen der Zeit sind nicht irgendwelche Größen oder beliebige Phänomene, geschweige denn Trends, vielmehr markieren sie immer auch Orte, an denen Humanität gefährdet und bedroht ist und die Würde und das Leben von Menschen auf dem Spiel stehen.[6] Nur eine Kirche, die diese Zeichen zu erkennen und zu verstehen versucht, wird auch eine Kirche in der Welt von heute sein. Denn ihre Aufgabe ist es, die befreiende Botschaft des Reiches Gottes in der Welt von heute zur Sprache zu bringen, in der Sprache der jeweiligen Zeit und Gesellschaft. Diese Sprachfähigkeit kann nur erlangt werden, wenn sie sich den Lebensfragen der Menschen in der jeweiligen Zeit und Gesellschaft widmet. So haben die Fragen und Orte der Menschen von heute grundlegende Bedeutung für die Kirche von heute.

Vor diesem Hintergrund muss GS 1 auch reale Folgen haben: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Das bedeutet, die eigenen Aufgaben von jenen her zu verstehen, die bedroht und ungehört sind – und dies schließt auch trans* Menschen ein.

Im Spannungsfeld von Norm und Praxis

Eine umfassende theologische Reflexion steht zu dieser Thematik definitiv noch aus. Bislang wurden keine offiziellen römischen Dokumente veröffentlicht, die sich mit dem Thema Trans* beschäftigen. Allerdings finden sich Aussagen in Dokumenten zu angrenzenden Themengebieten.[7] Dabei verweigert man sich aber einem interdisziplinären Diskurs und ignoriert aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Eine Ursache dafür lässt sich vermutlich innerhalb der katholischen „Gender-Kritik“, in der vor einer „Gender-Ideologie“ gewarnt wird, finden.[8]

Demgegenüber zeigen Kritiker*innen seit Jahren immer wieder auf, dass naturrechtliche Argumentationslinien und das Negieren von wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Pathologisierung, Diskriminierung und Stigmatisierung geschlechtlicher Minderheiten zur Folge haben können. Die damit verbundenen Ausschlüsse bestimmter Gruppen beziehen sich dabei nicht nur auf die innerkirchliche Ebene, sondern haben auch negative Auswirkungen auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und unterstützen unterdrückende Systeme.

Gerade aus pastoraltheologischer Sicht muss an dieser Stelle nochmals mit Rekurs auf GS 1 kritisch festgehalten werden, dass die lehramtlichen Positionierungen die pastorale Praxis wie auch die seelsorgliche Begleitung erschweren und Ressentiments schüren können. Überdies entspricht sie nicht der pastoralen Praxis, wie sie in den vielen Pfarren und Gemeinden gelebt wird.

Ausblick

Eine interdisziplinäre, zeit- und menschengerechte Auseinandersetzung mit dem Thema Trans* innerhalb der Theologie ist deshalb unerlässlich.
Aus einer pastoraltheologischen Sicht sind die Perspektiven der betroffenen Personen und deren Biografien ein zentraler Ausgangspunkt aller Überlegungen. Denn auch die Nöte und Hoffnungen von trans* Personen haben eine theologische Bedeutung. Deshalb ist es erforderlich, ihre Erfahrungen wie auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die diese Erfahrungen bedingen, sichtbar zu machen. Es geht um die Solidarität mit dem*der Nächsten und das gemeinsame Bemühen um eine lebensförderliche Gestaltung christlicher Praxis.

Wie sich Kirche, Pastoral und Theologie notwendigerweise verändern und verändern müssen, wenn sie sich von den Lebensgeschichten von trans* Menschen her verstehen, versuche ich in meiner Dissertation zu ergründen.

“Your lives matter. Your voices matter. Your stories matter.” Dieses Zitat stammt von Laverne Cox, US-Schauspielerin und Aktivistin für Trans*Rechte, während einer Preisverleihung 2016.

Bild: Stephanie Bayer. Im Rahmen des internationalen „Transgender day of Visibility“ bekam ein Zebrastreifen im neunten Wiener Bezirk einen neuen Anstrich und sorgt seitdem für mehr Sichtbarkeit der trans*Community.

Autorin: Mag.a Stephanie Bayer ist Universitätsassistentin (Praedoc) am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.


[1] Vgl. OECD, Over the Rainbow? The Road to LGBTI Inclusion (OECD Publishing), Paris 2020, in: https://doi.org/10.1787/8d2fd1a8-en [07.06.2021].

[2] Die Bezeichnung wurde aufgrund der Nennung in der Studie übernommen, „LGBTI, d. h. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle“.

[3] Vgl. https://www.euro.who.int/en/health-topics/health-determinants/gender/gender-definitions/whoeurope-brief-transgender-health-in-the-context-of-icd-11 [07.06.2021].

[4] Vgl. https://www.ohchr.org/Documents/Issues/LGBT/LGBTIpeople.pdf [07.06.2021].

[5] In den folgenden Ausführungen beziehe ich mich, wenn von Kirche und Theologie gesprochen wird, auf die römisch-katholische Kirche und römisch-katholische Theologie.

[6] Vgl. Sander, Hans-Joachim, Theologischer Kommentar zur Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, in: Hünermann, Peter/Hilberath, Bernd Jochen (Hg.), Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil (Bd. 4), Freiburg im Breisgau 2005, 581-886, 868.

[7] Vgl. z.B. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Als Mann und Frau schuf er sie. Für einen Weg des Dialogs zur Gender-Frage im Bildungswesen, Vatikanstadt 2019, Nr. 11 und 25.

[8] Einen guten Überblick zu dem Thema bietet Marschütz, Gerhard, Jenseits des biologischen Geschlechts? Anmerkungen zur katholischen „Gender-Kritik“ (Broschüre), Bregenz 2021. (https://plan-g.at/images/ueber-uns/news/2021/Marschtz-web-kl.pdf)

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

Ein Kommentar zu “„Your stories matter.“ Trans* – über Diskriminierung, Solidarität und Perspektivenwechsel (Stephanie Bayer)

  1. Danke für diese wichtige Arbeit. Die Negierung oder Diskriminierung von Trans* Menschen scheint mit zunehmend ein Lackmustest für die Glaubwürdigkeit von Kirche und den erwähnten Gaudium et Spes Zitaten zu sein.
    Alles Gute! Georg Plank

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