Religionsunterricht auf einer digitalen Reise (Florian Mayrhofer)

Seit vergangenem Freitag sind nun in ganz Österreich Sommerferien. Zeit durchzuatmen nach einem sehr anstrengenden Schuljahr, auch wenn zum Schluss wieder etwas ‚Alltag‘ in die Schulen zurückgekehrt ist. Bereits jetzt wird über die Zukunft von Schule nachgedacht. Digitalisierung darf da nicht fehlen – so auch die geplante Digitalisierungsoffensive an Österreichs Schulen ab Herbst. Digitalisierung ‚der‘ Schule(n) greift jedoch zu kurz. Florian Mayrhofer liefert Anstöße, digitale (religiöse) Bildung weiter zu denken.

Der Sommer steht vor der Tür. Zum einen, Zeit durchzuatmen nach den schwierigen Monaten. Zum anderen, Zeit sich über die Zukunft von Schule und Unterricht Gedanken zu machen. Ab Herbst werden nach und nach die 5. und 6. Schulstufe mit Laptops und Tablets ausgestattet, so Bildungsminister Faßmann. Die Devise: „Gelernt wird so viel wie möglich online“. Da ist vom ‚größten Digitalisierungsschub‘ aller Zeiten die Rede, meist ist damit aber nur die Ausstattung mit den digitalen Endgeräten und einer stabilen Glasfaserleitung gemeint. Bloß von einer Digitalisierung ‚der‘ Schule – also der Infrastruktur – zu sprechen, ist aber zu kurz gegriffen. Vielmehr müssen wir uns die Frage stellen: Wie wollen wir zukünftig Schule und Lernen angesichts von Digitalisierung denken? Welche Lasten aus dem erzwungenen ‚Digitalisierungsschub‘ in der Pandemie werfen wir liebend gern über Bord und welche Aspekte lohnen auch weiterhin in den Rucksack der Bildungsreise einzupacken? Dabei ist die Frage gar nicht so leicht zu beantworten, denn: Wo geht die Reise eigentlich hin?

Ein technisches Plus?

Häufig war im vergangenen Jahr von digitalem Lernen und (Religions)Unterricht die Rede. Gezwungenermaßen mussten alle Beteiligten mit digitalen Medien kommunizieren, lehren und lernen. Ohne Handy und Laptop schien Unterricht plötzlich nicht mehr möglich. Auch im Religionsunterricht. Es wundert insofern nicht, dass sich das Label ‚digital‘ sehr schnell bei dieser Form von Unterricht durchgesetzt hat. Diese Bezeichnung führt jedoch leicht auf eine falsche Fährte, wie Axel Krommer u. a. ausführen. Denn ‚digital‘ ist unser Unterricht schon länger, meist ohne dass es uns wirklich bewusst war. Unsere Gesellschaft ist ohne Digitalisierung (also die technische Übersetzung unserer Wirklichkeit in 0 und 1) längst nicht mehr denkbar und mittlerweile in großen Teilen unseres Alltags selbstverständliche Begleiterin. Sie prägt uns und unsere Alltagspraktiken. Theologisch gesprochen heißt dies: ‚Zeichen der Zeit‘.1 Diese Zeichen sind jedoch viel mehr als bloßer ‚Zeitgeist‘. Theologie versteht die ‚Zeichen der Zeit‘ als einen Ort theologischer Erkenntnis, nicht nur, weil sie unsere Epoche prägen, sondern weil sie durch ihr Heraustreten aus dem Zeitstrom den Blick auf den Menschen und auf die solidarische Gemeinschaft der Menschen untereinander lenken und wir darin auch den Anruf Gottes erkennen können.2 Digitalisierung ist daher weit mehr als ein bloßer Trend. Das Adjektiv ‚digital‘ in ‚digitaler Bildung‘ reduziert hier jedoch auf einen bloßen Zusatz: Das ‚Digitale‘ wird verstanden als etwas, das noch zur Bildung hinzutritt, aber eigentlich doch von ihr abgekoppelt ist. Ein technisches Plus. Digitaler Unterricht ist allerdings mehr als die Frage bloßer technischer Ausstattung oder die Verwendung digitaler Medien und Tools. Denn die technische Seite ist geknüpft an eine ‚Kultur der Digitalität‘.3 Felix Stalder versteht unter ‚Kultur‘ „all jene Prozesse […], in denen soziale Bedeutung […] durch singuläre und kollektive Handlungen explizit oder implizit verhandelt und realisiert [werden]“.4 Digitalisierung prägt unsere Praktiken und schafft neue Bedeutungen, eine neue Sicht auf die Welt und den Menschen. Und damit sind wir mitten im Religionsunterricht.

‚Zeit-gemäß‘, ‚zeit-gerecht‘ und ‚recht-zeitig‘

Wir sind also längst unterwegs auf einer ‚digitale Reise‘. Als Religionslehrer*innen müssen wir uns damit auch der Frage stellen: Welche Konsequenzen hat dies für religiöse Bildung, für den Religionsunterricht? Oder um eine Formulierung des Religionspädagogen Rudolf Englert aufzugreifen: Wie ist der Sinn religiöser Bildung angesichts dieses ‚Zeichens der Zeit‘ in einem ‚zeit-gemäßen‘ RU „zeit-gerecht“ zu formulieren, dass religiöse Bildungsprozesse „recht-zeitig (‚pünktlich‘)“5 angestoßen werden können? Die Beantwortung dieser Frage steckt noch in den Kinderschuhen. Zeitgemäßer RU, der sich dem Faktum der Digitalisierung und einer Kultur der Digitalität als ‚Zeichen der Zeit‘ nicht verschließt und der Bildung als „doppelseitige Erschließung von Person und Inhalt“6 versteht, mündet u. a. in die Frage: Was können meine Schüler*innen darin und daran lernen? Welche existenziellen Fragen werden durch sie angestoßen? Wie verändert dies religiöse Inhalte und fragt diese kritisch an?

Zeitgemäß statt digital

In der Diskussion rund um Digitalisierung und Bildung werden Aspekte wie Analogizität, Digitalität oder Virtualität recht schnell als Gegensätze positioniert. Dabei wäre es wichtig, diese nicht als einander ausschließend, sondern als komplementär im Sinne eines ganzheitlichen (religiösen) Bildungskonzepts zu denken. Ein Verständnis, das sich auf bloße technische Neuerungen zurückzieht, führt schnell zu Überlegungen über den bloßen ‚Mehrwert‘ digitaler Tools und der (meist zeitlichen) ‚Optimierung von Lernprozessen‘. Die Frage nach dem Mehrwert oder der zeitlichen Optimierung ist zwar berechtigt, aber sie ist relativ. Denn das gewählte (digitale) Medium birgt je eigene Begegnungen, Eindrücke und Erfahrungen in sich, welche durch ein anderes Medium nicht gemacht werden könnte. Lange Rede kurzer Sinn: Die Frage nach dem ‚Mehrwert‘ ist mehr ein Bleifuß, als dass sie uns auf der Reise behilflich ist und die Fixierung auf die bloße technische Seite der Digitalisierung übersieht, dass sich Lernkultur und Bildung nicht allein in digitalen Tools erschöpfen. Sie ist allzu leicht blind für die Erfahrungen, die erst durch Digitalisierung möglich werden. Bildung angesichts einer digitalisierten Welt erzeugt daher nicht bloß neuen technischen Schnickschnack, sondern schafft vielmehr neue Bedeutungen, Praktiken und Erfahrungsmöglichkeiten. Die alternative Bezeichnung ‚zeitgemäße (religiöse) Bildung‘, wie sie häufig von Pionier*innen (z. B. im Twitter #relichat) verwendet wird, möchte daher auch dem oben beschriebenen Kurzschluss vorbauen und mehr aktive Gestalterin denn Beifahrerin auf dieser Reise sein. Dadurch steht nicht allein die Technik im Vordergrund, sondern die Frage, was den Subjekten dabei hilft, morgen in der Gesellschaft mehr und besser Verantwortung übernehmen zu können, indem Autonomie, Freiheit des eigenen Denkens und Urteilskraft in moralischen Entscheidungsprozessen gefördert werden.7

Mehr als eine Frage nach digitalen Werkzeugen

Doch irgendwo muss auch ein erster Schritt gewagt werden, wenn auch vor einem bloßen ‚Probieren wir mal, dann sehen wir schon‘ zu warnen ist. Ein erster Schritt könnte sein, unter Digitalisierung mehr als eine Frage nach bloßen digitalen Medien zu verstehen, als Raum von (neuen) Möglichkeiten der Welt- und Selbstwahrnehmungen und -deutungen. Zugleich ist es sinnvoll auch jene Wege im Blick zu haben, die sie versperrt. Der Vorschlag von Lisa Rosa, den Begriff des Mediums weiter zu denken – einerseits weiter im Sinne von breiter, vielfältiger und andererseits über das derzeitige Verständnis als bloßes Werkzeug hinaus – bietet hier einen hilfreichen Aufschlag. Sie versteht unter Medium nicht bloße Werkzeuge, sondern das Gesamt von Subjekt, vermittelndes ‚Medium‘ und Objekt. Dabei erweitert sie dieses Konzept und fasst unter Medium einen „gesamte[n] ‚Kulturraum‘“ mit verschiedenen Ebenen (Formen, in denen sich Gesellschaft vollzieht, Codes und Diskurse, Programme und Medienformen und Hardware), die sich einander bedingen. Insofern kann ‚Digitalität‘ auch als Medium, als Kulturraum – auch mit Blick auf Felix Stalders – gedeutet werden, der umfassender als der im (schulischen) Alltag häufig kursierende Begriff des Mediums als Werkzeug der Unterrichtsgestaltung gehandelt wird. Dieses komplexe Gefüge soll anhand zweier Beispiels näher in seiner Komplexität dargestellt werden.

Lernapps und digitale Kirchenraumerkundung

Seit geraumer Zeit kursieren auch für den Religionsunterricht diverse Lernapps. Sie versprechen den Unterricht aufzulockern, einen alternativen Zugang zum Stoff zu geben, die Schüler*innen zu motivieren. Und in der Tat können sie die Schüler*innen motivieren, indem zum Beispiel der Wettbewerbsgedanke in den Unterricht eingebracht wird, die Schüler*innen versuchen durch richtige Antworten mehr Punkte zu erhaschen und dadurch am Ende eine*n Klassensieger*in küren zu können. Dies mag hier und da wohl seine Berechtigung haben. Aber: Dahinter verbirgt sich ein klassischer behavioristischer Ansatz, ein Reiz-Reaktion-Belohnungs-Schema, das zudem auf einer sehr oberflächlichen Ebene der Reproduktion von Inhalten stehen bleibt. Gerade religiöse Bildung zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie mehr ist, als die bloße Wiedergabe von bestimmten Stoffinhalten. Theologisieren und philosophieren, über den Sinn des Lebens, des Menschseins, des Universums nachzudenken geht darüber hinaus. Die oben beschriebenen Lernapps sind hier wohl nur bedingt ein geeignetes Medium.

Als weiteres Beispiel sei auf eine digitale Kirchenraumerkundungen via Virtual Reality hingewiesen. Diese hat organisationspraktisch nicht nur den Vorteil, das Schulgebäude nicht verlassen zu müssen, sondern bietet auch die Möglichkeit verschiedene Details aus der Nähe orts- und zeitunabhängig durch Zoomen betrachten zu können. Die Schüler*innen können sich so selbständig virtuell durch den Raum bewegen. In Wien bietet z. B. die Jesuiten-Kirche diese Möglichkeit. Zugleich können Bereiche in den Kirchen, die vielleicht sonst öffentlich nicht zugänglich sind, virtuell betreten werden. Außerdem können die Schüler*innen bei Interesse diese digitalen Räume auch in ihrer Freizeit erkunden. Diese virtuelle Kirchenraumerkundung ist jedoch nicht in Gegensatz zu einer analogen zu sehen. Vielmehr können sich beide ergänzen und bieten so eine erweiterte Möglichkeit der Wahrnehmung religiöser Orte. Denn eine analoge Kirchenraumerkundung bietet ganz andere Erfahrungsmöglichkeiten: die Wahrnehmung des Raumgefühls, Gerüche, die Lichtverhältnisse, das besondere Gefühl beim Betreten eines sakralen Ortes. Die digitale Erkundung könnte dabei die analoge vorbereiten oder die analoge Erkundung kann durch die digitale nachbereitet werden.

Reise ins Ungewisse?

Noch immer ist vieles, was sich durch Digitalisierung und einer ‚Kultur der Digitalität‘ zeigt, nicht oder nur schwer greifbar. Das Beispiel und die Vorüberlegungen zeigen, dass es ein sehr komplexes System ist. Zugleich würde eine allzu schnelle Vereinfachung dem Phänomen nicht gerecht werden. Es braucht also ein beständiges Durchdringen dieser Komplexität. Manche erschrecken vor dieser Reise ins Ungewisse, aber einige Grundlinien lassen sich trotzdem erkennen: Digitalisierung hält zum einen das Potenzial zu einem neuen Welt- und Selbstzugang bereit. Zu fragen wäre, welche Zugänge dies sind und wie sie aus religionspädagogischer und -didaktischer Sicht zu bewerten sind. Digitalisierung beinhaltet jedoch auch Ambivalenzen, nämlich das Potenzial für positive und negative Entwicklungen, für Hoffnung und Gefährdungen. Diese gilt es kritisch in den Blick zu nehmen. Und schließlich beinhaltet Digitalisierung auch das Potenzial des Verlusts: Was droht in unserer Welt durch sie verloren zu gehen? Was wollen wir in das ‚digitale Zeitalter‘ hinüberretten? Und: Wovon sind wir auch froh erlöst zu werden? Ganz im Sinne der ‚Kultur der Digitalität‘ lässt sich dies nicht mehr alleine bewerkstelligen, sondern ist auf den Austausch angewiesen.


1 Vgl. Pirker, Viera, Das Geheimnis im Digitalen. Anthropologie und Ekklesiologie im Zeitalter von Big Data und Künstlicher Intelligenz, in: Stimmen der Zeit 144 (2019), 133–141; Pirker, Viera, Digitalität als ‚Zeichen der Zeit‘? In: Theologisch-praktische Quartalsschrift 168 (2020) 2, 147–155.

2 Vgl. Obermeier, Pascal, „Wie erkennt die Kirche die Zeichen der Zeit?“ Das 2. Vatikanum als Erkenntnisweg, in: Theologie und Glaube 100 (2010), 272–287.

3 Vgl. Stalder, Felix, Kultur der Digitalität, Berlin 2016.

4 Ebd., 16.

5 Englert, Rudolf, Religionspädagogische Grundfragen: Anstöße zur Urteilsbildung (Praktische Theologie heute 82), Stuttgart 2007, 31.

6 Woppowa, Jan, Religionsdidaktik, Paderborn 2018, 83.

7 Vgl. Klafki, Wolfgang: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik, Weinheim-Basel, 2007, 19.


Beitragsbild: Clemens van Lay on Unsplash

Veröffentlicht von Florian Mayrhofer

ist Universitätsassistent (prae doc) am Institut für Praktische Theologie und promoviert im Fachbereich Religionspädagogik und Katechetik über den Zusammenhang von Digitalisierung und religiöser Bildung

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