Religion und Friede (Wolfgang Palaver)

Ob Krieg in der Ukraine, Pandemie, Klimawandel: Die Krisen scheinen kein Ende zu nehmen. Deshalb haben wir vom Institut für Praktische Theologie beschlossen, unseren theocare-Blog wieder zu aktivieren – mit einem veränderten Profil, das hier nachgelesen werden werden kann. Bis zum Sommer werden wir monatlich 2 Blogs veröffentlichen.

Zur Eröffnung konnten wir Wolfgang Palaver, den Präsidenten von Pax Christi Österreich und Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, gewinnen. Der Krieg in Europa lässt ihn nach dem Verhältnis zwischen Religion und Gewalt fragen – denn dieser Krieg ist auch von Spannungen innerhalb der christlichen Orthodoxie motiviert.

Nach den Terroranschlägen von 9/11 vor mehr als zwanzig Jahren konzentrierte sich die Diskussion über Religion und Frieden vor allem auf die Frage, ob auch der Islam wie das Christentum eine Religion des Friedens sei. Jetzt, im März 2022 sind wir plötzlich mit einem Krieg in Europa konfrontiert, der mit dem Islam nichts zu tun hat, sondern auch von Spannungen innerhalb der Orthodoxie motiviert ist. Die in den letzten Jahrzehnten oft behauptete christliche Überlegenheit im Bezug auf Frieden liegt in Trümmern.

Gewalttätige Religionen oder bloß Instrumentalisierung von Religion?

Wird diese Schockerfahrung wieder die neuen Atheisten stärken, die eine grundsätzliche Gewaltaffinität der Religionen behaupten? Diese These übersieht, die vielen Beispiele religiöser Friedensstiftung und bedarf keiner weiteren Diskussion. Ernsthafter ist die These von einer grundsätzlichen Ambivalenz der Religionen, die damit sowohl Beispiele religiöser Gewalt als auch religiöse Friedensinitiativen erklärt.1 Aber auch sie überzeugt nicht wirklich, weil sie einerseits nur die Ambivalenzen menschlichen Lebens widerspiegelt und eine genauere Analyse der tatsächlichen Gewaltursachen verhindert. Bleibt damit nur die Instrumentalisierungsthese übrig, die von einer grundsätzlich guten Religion ausgeht, die nur dann Gewalt oder Krieg antreibt, wenn sie von politischen Kräften missbraucht wird? Auch diese These greift zu kurz, weil sie Beispiele religiös motivierter Gewalt ausblendet.

Der „Blick Gottes“ ermöglicht Frieden

Eine brauchbare Antwort lässt sich nur dann finden, wenn innerhalb der Religionen selbst nach den Potentialen für Frieden und den Versuchungen zur Gewalt gesucht wird. Fratelli tutti, die jüngste Sozialenzyklika von Papst Franziskus hilft hier weiter. Religionen tragen dann zum Frieden bei, wenn sie den „Blick Gottes“ zum Ausgangspunkt nehmen.2 Weil die Liebe Gottes keinen Unterschied zwischen den Menschen macht, ermöglicht sie Frieden: „Die Wahrheit ist, dass Gewalt keinerlei Grundlage in den fundamentalen religiösen Überzeugungen findet, sondern nur in deren Verformungen.“ (Nr. 282) Nicht nur äußerliche Instrumentalisierungen verleiten also zu religiös motivierter Gewalt, sondern es gibt auch Versuchungen zur Gewalt in den religiösen Traditionen. Anthropologisch kann diese Einsicht beispielsweise durch René Girards Unterscheidung zwischen dem Sakralen früher Religionen und dem Heiligen der biblischen Offenbarung plausibel gemacht werden.3 In seinem frühen Werk unterschied er zwischen einer „vom Menschen kommenden Religion“ und einer „von Gott kommenden Religion“.4 In seinem letzten Buch wurde daraus die systematische Unterscheidung zwischen „sakral“ und „heilig“.5 Das Sakrale steht für die gewaltbewehrte Gewalteindämmung früher Religionen, während das Heilige für die vom gewaltfreien Gott geschenkte Fähigkeit zum Frieden steht, wie sie im Zentrum der heutigen Weltreligionen zu entdecken ist. Mit dieser These gehe ich etwas über Girard hinaus, der noch zu sehr einer christlichen Überlegenheitsthese anhing. Der Übergang vom Sakralen zum Heiligen beginnt mit der Revolution der Achsenzeit und prägt alle gegenwärtigen Hochreligionen. Das Sakrale entspricht der kollektiven Stammesreligion, während das Heilige in einer aktiven Mystik besonders begnadeter Individuen wurzelt. Auch in der modernen Welt finden wir Nachkommen dieser beiden Formen vor, wenn wir an den religiös motivierten Nationalismus einerseits oder die Heiligkeit der Gründerväter der Europäischen Union denken.

Heiligkeit bedingt eine Distanz zu irdischer Macht

Im Blick auf den gegenwärtigen Krieg möchte ich mit der Distanz zu weltlicher Macht ein besonders wichtiges Merkmal heiliger Religion hervorheben. Beispiele von religiös motivierter Gewalt zeigen immer wieder, dass in ihnen eine gefährliche Vermischung von Religion und irdischen Interessen vorliegt. Für die sogenannten europäischen Religionskriege lässt sich zeigen, dass erst das Zusammenspiel von Politik, wirtschaftlichen Interessen und religiösen Positionen zu den Gewaltexzessen führte. Nicht Religion als solche schürt Konflikte, sondern deren Vermischung mit irdischer Macht. Ein besonders negatives Beispiel in dieser Hinsicht ist die katholische Kirche ab der päpstlichen Revolution von 1075, als sie immer mehr weltliche Macht für sich zu beanspruchen begann und eine Theologie der Gewalt entwickelte, die sowohl den Weg zu den Kreuzzügen als auch zu den späteren Religionskriegen bahnte.6 Im Laufe der Geschichte der katholischen Kirche zeigt sich, dass sie immer wieder dann Gewalt legitimierte, wenn sie aufs engste mit politischer Macht verbunden war. Das zweite Vatikanische Konzil trennte sich in seiner Erklärung über die Religionsfreiheit von dieser Verschränkung mit politischer Macht. Dabei bedeutet dieser Schritt keine Privatisierung von Religion, sondern deren Verzicht auf staatliche Zwangsmittel. Die Zivilgesellschaft, nicht der Staat sind zum vorrangigen öffentlichen Ort der katholischen Kirche geworden. Auf staatliche Privilegien verzichtet die Kirche, wo „durch deren Inanspruchnahme die Lauterkeit ihres Zeugnisses in Frage gestellt ist“ (Gaudium et spes 76).

Eine solche Distanz zur staatlichen Macht als Dimension des Heiligen lässt sich auch in anderen religiösen Traditionen finden. Für den Islam kann auf den mittelalterlichen Mystiker Al-Ghazali verwiesen werden, der vom Sufismus beeinflusst ein individuelles Verhältnis zu Gott bevorzugte und die Distanz zur Welt suchte: „Wisse, dass du dich gegenüber Prinzen, Herrschern und Tyrannen auf drei Weisen verhalten kannst. Die erste und schlechteste ist, dass du sie besuchst, die zweite und bessere ist, dass du dich von ihnen besuchen lässt, und die dritte und sicherste ist, dich von ihnen so fern zu halten, dass weder du sie siehst noch sie dich.“7 Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber unterschied für sein Verständnis von Zionismus im Anschluss an die jüdischen Propheten ein „Gottesbewusstsein“ von einem „Staatsbewusstsein“, um zu zeigen, dass die Religion eine „übernationale ethische“ Verantwortung hat und nicht bloß den „Gruppenegoismus“ stärken darf.8 Ähnlich erkennt Gandhi trotz seines Kampfes für die Befreiung Indiens, dass die Religion über die Nation hinausgeht: „Meine Religion kennt keine Landesgrenzen. Wenn der Glaube in mir lebendig ist, wird er selbst meine Liebe zum Vaterland übertreffen.“9 Im religiös pluralen Indien war es für ihn selbstverständlich, dass es der wahren Religion schaden würde, von staatlicher Unterstützung abhängig zu sein.

Der Krieg in der Ukraine

Das Verhältnis zur staatlichen Macht spielt auch im gegenwärtigen Krieg in der Ukraine eine wichtige Rolle. In der Ukraine hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine plurale, von Religionsfreiheit geprägte religiöse Zivilgesellschaft herausgebildet, die eher dem US-amerikanischen Denominationalismus als dem in Europa lange Zeit dominierenden Staatskirchenmodell entspricht.10 Das ist einer der Gründe für die gemeinsame Erklärung des „Ukrainischen Konzils der Kirchen und Religiösen Organisationen“ gegen den von Putin ausgelösten Angriffskrieg. Neben den verschiedenen protestantischen Kirchen, Katholiken, Juden und Muslimen haben sich alle in der Ukraine existierenden Vertreter der Orthodoxie – auch die, die mit dem Moskauer Patriarchat verbunden ist – diesem Appell angeschlossen. Als negatives Beispiel ist hingegen das Moskauer Patriarchat zu nennen, das diesen Krieg nicht verurteilt und Putins Patriotismus lobt. Die große finanzielle Abhängigkeit des Moskauer Patriarchats ist ein Hauptgrund für dieses friedensethische Versagen.11 Der „Blick Gottes“ wird durch das Klammern an irdische Macht verstellt.


1 R. Scott Appleby, The Ambivalence of the Sacred: Religion, Violence, and Reconciliation, Lanham, Md. 2000.

2 Franziskus, Fratelli tutti. Über die Geschwisterlichkeit und die Soziale Freundschaft, Bonn 2020, Nr. 281.

3 Wolfgang Palaver, Heilig, nicht sakral. Über das religiöse Potenzial zum Frieden, in: Amosinternational 14 (2020) 18-24; Wolfgang Palaver, Transforming the Sacred into Saintliness: Reflecting on Violence and Religion with René Girard, Cambridge 2020.

4 René Girard, Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses. Erkundungen zu Mimesis und Gewalt mit Jean-Michel Oughourlian und Guy Lefort, Freiburg 2009, 111f.

5 René Girard, Im Angesicht der Apokalypse. Clausewitz zu Ende denken: Gespräche mit Benoît Chantre, Berlin 2014.

6 Gerd Althoff, „Selig sind, die Verfolgung ausüben“. Päpste und Gewalt im Hochmittelalter, Stuttgart 2013.

7 Zit. nach José Casanova, Private und öffentliche Religionen, in: H.-P. Müller/S. Sigmund (Hrsg.), Zeitgenössische amerikanische Soziologie, Opladen 2000, 249-280, 273.

8 Martin Buber, Politische Schriften, Frankfurt am Main 2010, 516.

9 Mohandas Karamchand Gandhi, Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten. Gedanken einer großen Seele, Wiesbaden 2019.

10 Siehe ein aktuelles Interview mit José Casanova: https://www.youtube.com/watch?v=8Z84JJOZtWs

11 Giles Fraser, Putin’s spiritual destiny, in: https://unherd.com/2022/02/putins-spiritual-destiny/

Bild: Pixabay

Veröffentlicht von Praktische Theologie

Institut für Praktische Theologie Katholisch-Theologische Fakultät Universität Wien Schenkenstrasse 8-10 1010 Wien c/o Assoc.-Prof. Dr. Regina Polak, MAS (Admin)

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