Karwoche und Ostern – Ein praktisch-theologischer Blick 2022 (Johann Pock)

Die Feier der Karwoche in einer kleinen österreichischen Pfarre führt Johann Pock zu grundsätzlichen Überlegungen zu Volksfrömmigkeit und Liturgie, Gewaltaspekten der Ostertexte und dem Versöhnungspotential der biblischen Texte.

Ich feiere die Karwoche wie seit vielen Jahren in meiner Heimatpfarre. Es gibt dabei viele lieb gewonnene (Volks-)Traditionen, die Halt geben und die ein Ausdruck einer tief verankerten Volksfrömmigkeit sind: So z.B. das „Weihfeuertragen“.

Weihfeuertragen und Osterspeisensegnung

Am Karsamstag wird um 7.00 vor der Kirche Feuer geweiht. Kinder kommen und nehmen mit Zangen etwas Kohle aus dem Feuer und geben es in ihre mitgebrachten Blechbüchsen, an die als Haltegriffe lange Drähte gebunden sind. Auf diese Kohle werden dann gesammelte, getrocknete und zerkleinerte Baumschwämme (z.B. Birkenschwämme) gelegt und ergeben damit einen Rauch mit einem markanten Duft. Damit gehen die Kinder dann von Haus zu Haus, wünschen ein frohes Osterfest – und bekommen dafür ein wenig Taschengeld. Für die Menschen im Ort gehört dieser Ostergruß der Kinder seit langer Zeit zu Ostern dazu.

Ähnliches gilt für den Brauch der Osterspeisensegnung, vulgo „Fleischweihe“:[1] Bei dieser im Südalpenraum verbreiteten Tradition werden Körbe, zumeist mit kunstvollen Decken zugedeckt, zu Kapellen oder zur Pfarrkirche gebracht. Darin befinden sich Fleisch, Würste, Ostereier, Kren – und noch so manch anderes, das vom Tuch verdeckt wird … Die Anzahl der Menschen, die an diesen kleinen Osterfeiern verteilt über die ganze Pfarre teilnehmen, übersteigt die TeilnehmerInnen der Osternacht um ein Vielfaches.

Kluft zwischen Osterliturgie und Volkstraditionen?

Aus praktisch-theologischer Sicht möchte ich in diesem Jahr einige Anmerkungen dazu machen. Die erste betrifft die Kluft zwischen der hohen Osterliturgie und den Volkstraditionen. Man könnte hier einmahnen, dass ein zweimaliges Entzünden des Osterfeuers am Morgen und am Abend des Karsamstags nicht sinnvoll ist und die Einheit der Osternachtsfeier stört. Und dass es ja der Tag der Grabesruhe Jesu ist – und hier solche Traditionen dem Charakter des Karsamstags nicht gerecht werden. Und schließlich ist der Brauch des Weihfeuertragens ein Relikt aus jener Zeit, als die Osternacht am Vormittag des Karsamstags (großteils unter Ausschluss der meisten Gläubigen) gefeiert worden ist – und das Austragen des Feuers tatsächlich eine Verbindung zur Liturgie in der Kirche hergestellt hat.

Ich erlebe aber gleichzeitig, dass hier die Menschen mit ganzem Herzen dabei sind. Dass sie eine (zumeist recht kurze, aber intensive) Liturgie erleben, die in ihrem Nahbereich (bei Dorfkapellen) gefeiert wird. Sie erleben, dass die Botschaft von Tod und Auferstehung, die dabei verkündet wird, nicht in der Pfarrkirche bleibt, sondern etwas mit ihrem Lebensbereich zu tun hat. Es sind Traditionen, bei denen nicht primär der Kopf, sondern alle Sinne angesprochen werden; wo es etwas zu riechen und zu fühlen gibt.

Wo nun solche Feiern aufgegeben werden, tritt selten etwas an ihre Stelle, das die Menschen in gleicher Weise anspricht. Die Erfahrung nach zwei Jahren Pandemie (wo 2020 keine Feiern stattfinden konnten, und 2021 immer noch vieles pandemiebedingt eingeschränkt war) war heuer, wie viele Menschen sehnsüchtig auf die Formen von öffentlicher, gemeinsamer Feier gewartet haben. Es sind Erfahrungen, von denen viele noch nach Jahrzehnten dann ihren Kindern oder Enkeln erzählen.

Erfahrungen 2022 – Pandemie und Krieg

Und gleichzeitig habe ich in dieser Karwoche auch noch andere Erfahrungen gemacht. In der Kirche fehlen viele Menschen, die wohl nicht mehr zu den gemeinsamen Feiern zurückkehren werden: Manche sind in den vergangenen beiden Jahren verstorben; bei manchen ist durch die Pandemie die Tradition abgebrochen. Hier wird es vieler pastoraler Anstrengungen bedürfen in den kommenden Jahren, dass neue Verbindungen geknüpft werden.

Eine weitere Erfahrung war in diesem Jahr für mich das Thema des Krieges und der Gewalt. Ganz konkret in der Begegnung mit einzelnen Personen aus der Ukraine, die z.B. beim Gebet oder bei den Fürbitten für die Menschen im Kriegsgebiet zu weinen beginnen. Und gleichzeitig wird mir heuer verstärkt bewusst, wie sehr unsere Karwochenliturgie und die Schrifttexte von Gewalt geprägt sind:

Denn die biblischen Texte und die Liturgie von Palmsonntag bis Ostersonntag nehmen Christinnen und Christen zwar hinein in eine Dramaturgie, deren Ausgang mit dem geöffneten Grab und der Auferstehung Jesu alljährlich ein Happy-End garantiert.

Und doch ist es für mich irritierend, wie sehr das christliche Hauptfest und gewissermaßen die Gründungsurkunde des Christentums mit Gewalt verbunden ist: Ohne den Tod Jesu keine Auferstehung – und ohne Tod und Auferstehung kein Christentum. Erst von Ostern her wird auch das restliche Leben Jesu und seine Botschaft für einen größeren Kreis von Menschen interessant.

Das starke Motiv des „Opfers“

Das Hauptmotiv, das von da an die christliche Verkündigung und vor allem auch die christliche Liturgie prägte, war das „Opfer“. Das Opfermotiv ist ein zutiefst biblisches: Ein Durchgang durch die biblischen Bücher zeigt die unterschiedlichsten Formen und Entwicklungen von Opfern:[2] Es finden sich Speiseopfer, Brandopfer, Schlachtopfer, Heils- und Sühneopfer.

Und im Neuen Testament wird das Sterben Jesu mit dem Opfermotiv verbunden. So heißt es etwa in Hebr 9,12: (Jesus) „ist ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt“ und in Hebr 9,28: „Christus (wurde) ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen“.

In der christlichen Tradition wird dann vom Messopfer gesprochen, und der Altar wurde lange Zeit weniger als der Tisch des Mahles angesehen, als vielmehr in Verbindung mit dem (Opfer-)Altar gebracht. Ich möchte an dieser Stelle nicht die ganze Opfertheologie aufrollen. Vielmehr möchte ich die Ambivalenz benennen, die ich beim Feiern unserer Karwochen- und Osterliturgie erlebe: Wie leicht wir beim Halleluja landen – und wie sehr wir dabei übersehen, was Passion, Leidensweg, Ermordung am Kreuz konkret bedeutet haben muss.

„Das ist mein Fleisch“ und „Das ist mein Blut“ in jeder Messfeier ist nichts Harmloses: Es meint, dass sich da jemand vollständig hingibt, für andere geopfert hat.

Anfragen an Gewaltmotive

Die getöteten Ägypter am Ufer des Schilfmeeres kann ich natürlich symbolisch wegerklären als die bösen Mächte, die besiegt sind. Aber die gewaltsame Sprache bleibt. Und gerade angesichts des nahegerückten Krieges in der Ukraine stellt sich wieder deutlicher die Frage: Wie geht die christliche Liebes- und Friedensbotschaft zusammen mit einem Krieg? Wie können christliche Vertreter (wie aktuell der russisch-orthodoxe Patriarch in Moskau; und wie im Verlauf der Geschichte viele katholische und evangelische Kirchenführer) das Töten anderer Menschen gutheißen – und dann gleichzeitig das Liebesmahl, die Eucharistie feiern?

Ich habe an dieser Stelle mehr Fragen als Antworten zu bieten – aber ich merke, dass solche Erfahrungen von Leid etwas machen mit meinem Zugang zum gemeinsamen Feier der Eucharistie und vor allem des Osterfestes. Denn im Kern des Osterfestes steckt die Ablehnung der Gewalt: Wenn Jesus keinen Widerstand leistet; wenn er dem Petrus verwehrt, mit dem Schwert dreinzuschlagen; wenn er davon spricht, dass sein Königreich nicht von dieser Welt ist. Und wenn Jesus sich selbst zum Opfer machen lässt, um ein für allemal solche Opfer zu beenden.

Osterbotschaft – individualethisch und sozialethisch

Ich kann nun diese Osterbotschaft individualethisch auslegen als Auftrag an einen jeden Christen: Geht hin und handelt genauso. Das sagt Jesus aber nicht im Blick auf sein eigenes Opfer, sondern er sagt es bei der Fußwaschung. Und wer sich nicht zum Herrn über andere macht, sondern zum Diener, der transformiert Macht- und Gewaltverhältnisse.

Oder ich kann diese Botschaft sozialethisch auslegen als Auftrag an eine Gemeinschaft: Und hier wäre die Anfrage, wie mit Macht und Gewalt umgegangen wird; welche Strukturen Freiheit ermöglichen und welche andere unterdrücken. Die Liturgie der Karwoche und die regelmäßige Auferstehungsfeier ist nicht etwas, was nur für die einzelnen ChristInnen wichtig ist, sondern für die Kirche insgesamt. Diese Woche führt vor Augen, wie schnell der Weg vom Jubel am Palmsonntag zum „Kreuzige“ am Karfreitag führen kann; welche Rolle Machtgelüste und die Ängste vor Machtverlust spielen (wie es auch im aktuellen russischen Krieg gegen die Ukraine augenscheinlich wird); und wie sehr doch auch einzelne Menschen Hoffnung bringen können.

Die Botschaften der Osternacht von Befreiung, von Neuschöpfung, vom Herz aus Fleisch statt einem Herz aus Stein in der Brust (Ezechiel) sind für mich jedenfalls aktueller denn je. Diese biblischen Botschaften bergen ebenso wie ihre liturgischen und volkstümlichen Einbettungen oder Transformationen die Möglichkeit, aktuelle Gewalterfahrungen und Sehnsüchte nach Frieden aufzugreifen – ganz individuell, aber auch als Kirche, als Gemeinschaft oder Gesellschaft.


[1] Vgl. dazu: Johann Pock, Osterpredigt im Grünen. Die Osterspeisensegnung („Fleischweihe“) ‐ ein zentraler Ort der Verkündigung für die Osterbotschaft, in: Aigner / Pock / Wustmans, Wo heute predigen, Würzburg 2018, 109-122.

[2] Vgl. Näheres in: Rösel, Martin, Bibelkunde des Alten Testaments. Die kanonischen und apokryphen Schriften. Göttingen, 10., veränd. Aufl. 2018; G.U. Dahm, Art. Opfer, in: WiBiLex 2006, www.wibilex.de.

Autor: Johann Pock ist Professor für Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Mehr Beiträge zeigen.

Alle Bilder: Johann Pock

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