Die Versuchung der ‚einen Rede‘ (Florian Mayrhofer)

Zu Pfingsten wird neben der Erzählung des Pfingstereignisses vielfach auch Bezug auf die Turmbauerzählung im Buch Genesis hergestellt. Florian Mayrhofer nimmt die biblischen Texte als Anlass und fragt mit Jürgen Ebach: Ist die Vielfalt ein Fluch?

Alle Jahre wieder…

Jedes Jahr zu Pfingsten wird die Lesung aus der Apostelgeschichte vom Pfingstereignis (Apg 2,1-11) und dem Sprachenwunder gelesen. Es bildete – so der Evangelist Lukas – die Initialzündung für die Jünger*innen sich nicht mehr zu verstecken, sondern hinaus in die Welt zu gehen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Pfingsten oft als ‚Geburtstag‘ der Kirche bezeichnet wird.

Babylonische Sprachverwirrung und Pfingstwunder

Zugleich ist für den Vorabend des Pfingstfests die Textstelle vom sogenannten „Turmbau zu Babel“ (Gen 11,1-9) vorgesehen. Beide Texte werden durch die Liturgie in einen engen inhaltlichen Zusammenhang gesetzt. Nicht in wenigen Pfingstpredigten ist daher immer von der Sprachverwirrung und dem Unverständnis im Ersten Testament und dem Sprachwunder und der Geist-Eingießung im Zweiten Testament die Rede, welche den Verlust des gegenseitigen Verständnisses endlich aufhebt –

„denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden“ (Apg 2,6).

Dahinter verbirgt sich nicht nur das Potenzial einer problematischen Substitutionstheologie – die Kirche löst das Volk Israel in seinem Erbe ab–, sondern diese Auslegungstradition legt den Fokus vor allem auf den Verlust: Verlust der einen Sprache, der einen Menschheit, Verlust des gegenseitigen Verständnisses usw. Die Motive der Auslegungstradition sind hier vielfältig.1

Mehr als Verlust

Gegen diese einseitige Auslegung wendet sich u. a. Jürgen Ebach in einem Aufsatz zur Turmbauerzählung, den er 2001 veröffentlichte.2 Darin problematisiert er die vielfache Feststellung, die Turmbauerzählung sei eine Strafe Gottes für die Hybris der Menschen und deswegen auch eine Verlustgeschichte der Einheit. Er verweist dabei auf zwei wichtige Details, die oft übersehen werden: Zunächst beginnt der biblische Text mit dem Wort וַֽיְהִ֥י (waj’hi), das Ebach mit „es war einmal so gekommen“3 übersetzt. Der Text der Einheitsübersetzung gibt hier nur das Wort „hatte“ wieder, das eher einen Zustand beschreibt. Ebachs wörtliche Übersetzung verweist hingegen auf einen Zustand, der erst geworden ist.

Die „eine Rede“ und „übereinstimmende Wörter“4 waren nicht immer schon da, sondern haben sich erst entwickelt.

Doch wie sah dann der Zustand davor aus? Hier gibt Ebach einen zweiten wichtigen Hinweis auf den Kontext der Bibelstelle. In Kapitel 10 des Buches Genesis ist nämlich von den Völkertafeln die Rede. Die Vielfalt, die dann laut Kapitel 11 erst durch die Zerstreuung der Bewohner*innen Babels über die ganze Welt entsteht, war eigentlich schon zuvor da. Genesis 11 sei – so Ebach weiter – daher der Versuch, die Verschiedenheit rückgängig zu machen.

Eine Rede ist keine Rede

Um die Pläne des Bauwerks umsetzen zu können, benötigen die Menschen eine Sprache, die sich durch Einheitlichkeit und einen einlinigen Sinn auszeichnet, um ein so großes Projekt wie das in Babel, auch organisatorisch umsetzen zu können. Deshalb sagen die Bewohner Babels auch „Wir wollen Ziegel ziegeln und im Brand brennen!“ (V. 3). Die in Babel stattfindende Kommunikation sei aber ein „kollektiver Monolog“5 und kein Diskurs, so Ebach. Die „eine Rede“ ist dann aber im Grunde keine Rede mehr. Sie bleibt bei einem bloßen Austausch von Befehlen und Anweisungen stehen. Widerspruch nicht erwünscht.

Die Welt zwischen den Menschen

Hier legt sich ein Gedanke Hannah Arendts nahe. In Ihrer Rede zur Verleihung des Lessingpreises hebt sie die Notwendigkeit des Gesprächs als Grundvoraussetzung für Menschlichkeit hervor.6 Denn „[…] die Welt und die Menschen, welche sie bewohnen, sind nicht dasselbe. Die Welt liegt zwischen den Menschen, […]“7 Zwischen den Menschen kann die Welt jedoch nur entstehen, wenn Menschen u. a. fähig sind sich darüber auszutauschen, die Welt ins Gespräch zu bringen. Ebachs Auslegung der Turmbauerzählung und Arendts Gedanke des Gesprächs als Grundlage einer menschlichen Welt weisen hier in eine ähnliche Richtung.

Die eine, einheitliche, einlinige Rede lässt keinen Diskurs, lässt kein Gespräch zu.

Uniformität – wie sie von den Menschen Babels angestrebt wurde –, die keine Vieldeutigkeit und keinen Widerspruch duldet, führt die Menschen am Ende daher von dem weg, die sie sein sollen: Menschen. Geht Vielfalt verloren, geht das Gespräch verloren, geht die Welt, ja geht der Mensch verloren. Das Gespräch ist eben nur möglich, wenn Pluralität als Grundbedingung anerkannt wird. 8 Denn erst sie initiiert, den anderen ‚näher‘ zu betrachten, sich mit ihm oder ihr zu unterhalten, in ein Gespräch einzusteigen, eben weil nicht von vornherein alles klar und eindeutig ist, weil hier Verschiedenheit am Werk ist, die irritiert und Gewohntes in Frage stellt. Das bedeutet nicht, dass dieses Gespräch ohne Konflikte verlaufen wird. Verschiedenheit impliziert natürlich, dass hier Konflikte vorprogrammiert sind. Doch kommt es auf den Umgang mit diesen Konflikten an, ob sie schließlich auch zu mehr Verständnis füreinander und Anerkennung für den und die jeweils andere in der Andersheit eröffnen, oder letztlich wiederum zu einer Art Uniformierung führen.

Versuchung der Uniformität

Mit den Tendenzen zur Vereinheitlichung sind vielfach auch Tendenzen des Machtmissbrauchs verbunden. Wo keine Vielfalt und kein Widerspruch mehr möglich, gar geduldet wird, sind Strukturen am Werk, die nur noch Ausgewählten oder besondere Gruppen dienen und letztlich Menschen unterdrücken. Vor der Versuchung der Uniformität sind weder Christ*innen im Einzelnen, noch Gemeinden, weder die Kirche noch der „Synodale Prozess“, ja auch nicht Prozesse religiöser Bildung gefeit. Der Wunsch nach eindeutigen Lebensentwürfen, Strukturen und Antworten ist zwar nachvollziehbar, denn Vielfalt kann auch überfordern. Und Vereinheitlichung kann hier eben als Orientierung fungieren.

Allerdings wird im umfassenden Sinne nur dort gelernt, wo dem „Widerständigen Raum“9 gegeben wird.

Das gilt für das Individuum, für Institutionen genauso wie für die Kirche. Nicht der eindeutige Sinn, die eine Rede, sondern das Fremde, das Unverständliche, das Vielfältige, was eben Widerstand in meinem Verhältnis zu mir selbst und zur Welt erzeugt, ermöglicht erst Lernen, weil Gewohntes hinterfragt und geprüft wird.

Der Versuchung widerstehen

Insofern warnen uns die Turmbauerzählung, aber auch die Erzählung vom Pfingstwunder davor, nicht der Versuchung der Uniformität zu erliegen. Schließlich wurde auch zu Pfingsten nicht die Vielfalt der Sprachen aufgehoben, sondern im Gegenteil: Nicht die eine Rede, sondern die Vielfalt der Reden eröffnete den Zugang zur Botschaft von „Gottes großen Taten“ (Apg 2,9).

Die eine Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes wurde von den Menschen in ihrer je eigenen Sprache verstanden.

Diese ‚Übersetzung‘ der einen Botschaft in die vielen Sprachen birgt notgedrungen immer auch eine Einschränkung mit sich, da jede Sprache auch begrenzt in ihren Bedeutungen ist. Wer schon einmal versucht hat einen Text in eine Fremdsprache zu übersetzten weiß, wie schwierig diese Übertragung ist. Doch genau darin verbirgt sich auch ein Schatz, weil im Suchen nach adäquaten Bedeutungen für die jeweils verschiedenen Kontexte immer auch ein Stück mehr dieser Botschaft zum Vorschein kommt.


1 Baumgart, Norbert Clemens (2006): Art. Turmbauerzählung, in: WiBiLex – Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/36310/ .

2 Ebach, Jürgen (2001): „Wir sind ein Volk“. Die Erzählung vom „Turmbau zu Babel“. Eine Biblische Geschichte in aktuellem Kontext. In G. Collet (Hrsg.), Weltdorf Babel: Globalisierung als theologische Herausforderung, Münster: LIT, 20–43.

3 Ebach 2001: 23.

4 Ebach 2001: 23

5 Ebach 2001: 29

6 Arendt, Hannah (2018). Gedanken zu Lessing. Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten. In M. Bormuth (Hrsg.), Hannah Arendt. Freundschaft in finsteren Zeiten: Gedanken zu Lessing. Mit Erinnerungen von Mary McCarthy, Alfred Kazin, Jerome Kohn und Richard Bernstein, Berlin: Matthes & Seitz, 39–88.

7 Arendt 2018: 41.

8 Aus diesem Grund betont Arendt auch die Pluralität als Grundbedingung für Handeln überhaupt. Erst sie ermöglicht Handeln. Pluralität versteht sie dort so, „daß nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern.“ Und an derselben Stelle etwas weiter: „Das Handeln bedarf einer Pluralität, in der zwar alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf die merkwürdige Art und Weise, daß keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird.“ (Arendt, Hannah (2016): Vita activa oder Vom tätigen Leben, München/Berlin/Zürich: Piper, 17)

9 Lehner-Hartmann, Andrea (2013). Dem Widerständigen Raum geben. (Religiöses) Lernen jenseits gesellschaftlicher Einpassung. In T. Krobath, A. Lehner-Hartmann, & R. Polak (Hrsg.), Anerkennung in religiösen Bildungsprozessen: Interdisziplinäre Perspektiven. Göttingen: V&R Unipress, 165–176, https://doi.org/10.14220/9783737002028


Beitragsbild: Anh Tuan To auf Unsplash

Veröffentlicht von Florian Mayrhofer

ist Universitätsassistent (prae doc) am Institut für Praktische Theologie und promoviert im Fachbereich Religionspädagogik und Katechetik über den Zusammenhang von Digitalisierung und religiöser Bildung

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